Das Hamburger Start-up Releaf hat sich zum Ziel gesetzt, für jedes verkaufte Kondom einen Baum zu pflanzen. Wie genau das funktioniert, welche Tests ein Kondom vor der Markteinführung bestehen muss, was die lustigsten Kundenvorschläge waren, was Nachhaltigkeit bei der Produktion wirklich heißt und wie viele Bäume bereits gepflanzt wurden, erzählt uns Gründer Bennet Müllem im Interview.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Releaf zu gründen?

Bennet Müllem: Nach einigen Jahren im IT-Consulting habe ich mir die Sinnfrage gestellt. Mache ich was mir wichtig ist oder arbeite ich hier nur des Geldes wegen? Meine Antwort dürfte klar sein. In einer kurzen Auszeit habe ich mir dann Gedanken gemacht, was mir eigentlich wirklich wichtig ist und bin beim Klimaschutz gelandet. Nach ein wenig Recherche wusste ich, dass Bäume nach wie vor eines der effizientesten Werkzeuge im Kampf gegen den Klimawandel sind. Somit stand schon mal das Ziel fest: Möglichst viele Bäume zu pflanzen.

Der Gedanke, das Pflanzen von Bäumen über ein Produkt zu finanzieren, kam mir dann beim Kauf einer Flasche Viva-con-Agua-Wasser. Durch bewussten Konsum Gutes bewirken zu können, fand ich einfach super. Es fehlte somit nur noch das richtige Produkt. Und die Idee dazu kam – natürlich rein zufällig – kurz darauf in meinen Flitterwochen in Montenegro: Kondome, die Bäume pflanzen! Nach einem sehr witzigen Grillabend mit Freunden stand dann das Konzept und der Entschluss, es einfach zu versuchen.

Bennet Müllem / Gründer von Releaf
Bennet Müllem / Gründer von Releaf

Für welche Werte steht Releaf?

Bennet Müllem: Wir wollen das Schöne mit dem Guten verbinden. Indem wir Klima- und Umweltschutz positiv besetzen, glauben wir mehr erreichen zu können, als mit dem erhobenen Zeigefinger. Eine positive Herangehensweise ist in unseren Augen im Leben insgesamt von Vorteil. Das gilt für die innere Einstellung, aber auch für die Auswirkungen des eigenen Handelns. Was bringen Kondome, die Bäume pflanzen, wenn der Kautschuk dafür von einer brandgerodeten Regenwald-Fläche stammt?  Wir „glauben“ an Karma. Alles was Du tust, kommt irgendwann zurück. Also nimm Rücksicht. Sei dankbar für das, was Du hast. Gib mehr zurück, als Du nimmst.

Große Verlosung von Releaf-Kondomen auf unserer Facebook Instagram-Seite

Viel Glück!

Wie stellt ihr sicher, dass wirklich alles fair läuft?

Bennet Müllem: Ganz offen gesagt: Wir sind noch nicht an dem Punkt, dass „wirklich alles“ fair läuft. Die eigentliche Produktion der Kondome erfüllt bereits unsere Vorstellungen. Die Mitarbeiter unseres Zulieferers arbeiten unter guten Bedingungen und werden überdurchschnittlich bezahlt. In der Mehrzahl sind sie seit über 5 Jahren angestellt, was immer ein gutes Zeichen ist. Das Unternehmen engagiert sich vor Ort und unterstützt unter anderem die örtlichen Schulen. Produziert wird weitestgehend mit Solarstrom.

Schwieriger wird es bei der Rohkautschukproduktion. Wir arbeiten zu einem guten Teil bereits mit fair und nachhaltig gewonnenem Rohkautschuk. Dieser wird jedoch im nachfolgenden Prozessschritt, der Latexaufbereitung, noch mit konventionell gewonnenem Latex vermischt. Wir haben aber gerade mit unserem Hersteller eine neue Vereinbarung getroffen: Ab August 2020 wird der Rohstoff für unsere Kondome zu 100% von einer nachhaltig und fair bewirtschafteten Kleinbauernkooperative kommen. Das bedeutet unter Erhalt und Förderung der Biodiversität, ohne Einsatz von Pestiziden und mit höheren Löhnen für die Bauern.

Davon – und von allen weiteren Schritten in der Wertschöpfungskette – werden wir uns 2021 vor Ort einen eigenen Eindruck machen. Aufgrund der aktuellen Reisebeschränkungen wird es vorher leider schwierig.

Wie sorgt ihr dafür, dass die Kondome sicher sind?

Bennet Müllem: Jedes produzierte Kondom wird zunächst einmal elektronisch auf Löcher geprüft. Stichprobenartig wird dann die Reiß- und Zugfestigkeit der Kondome getestet. Zum Beispiel befüllt man die Kondome mit 18 Litern Luft und schaut, ob sie platzen. Die versiegelten Kondombriefchen werden auf Dichtigkeit geprüft, um zu gewährleisten, dass das Kondom richtig geschützt ist. Das ist aber sehr verkürzt. Dem interessierten Leser kann ich hier zum Schmökern die EN ISO 4074 ans Herz legen. Diese legt die Kriterien fest, die ein jedes Kondom für den europäischen Markt erfüllen muss.

Sollten die geprüften Kondome die Stichproben-Tests nicht bestehen, darf das gesamte Produktionslos nicht verkauft werden. Es gibt wenige Produkte, die so umfangreich und genau getestet werden müssen wie Kondome. Und in Anbetracht ihrer Funktion ist das auch gut so.

Wie viele Bäume wurden denn schon gepflanzt?

Bennet Müllem: Wir stehen heute, nach zwei vollen Verkaufsmonaten, bei knapp 18.000 Bäumen. Die Zahl der verkauften Kondome und somit die der gepflanzten Bäume steigt von Woche zu Woche. Bis Ende des Jahres planen wir mit mindestens 100.000 gespendeten Bäumen. Bis Ende 2025 haben wir uns 50 Millionen als Ziel gesteckt. Das ist eine verdammt große Zahl, die wir realistischerweise nur schaffen können, wenn wir in den kommenden Jahren ins europäische Ausland expandieren.

"Bis Ende des Jahres planen wir mit mindestens 100.000 gespendeten Bäumen. Bis Ende 2025 haben wir uns 50 Millionen als Ziel gesteckt."

Welche Rückmeldungen bekommt ihr von euren Kunden?

Bennet Müllem: Das lustigste Feedback haben wir bisher im Rahmen eines kleinen Slogan-Wettbewerbs bekommen. Für neue Releaf-Slogan-Ideen haben wir einige Schachteln unserer baumpflanzenden Kondome ausgelobt und dafür zum Beispiel folgende Perlen aus unserer Community zurückbekommen:

  • Forst pflanzen statt fortpflanzen
  • Baumstamm statt Stammbaum
  • Safety Forst!

Überhaupt setzt das Projekt unglaublich viel positive Energie und tolle Rückmeldungen frei. Es scheint, dass wir bei vielen Kunden offene Türen einrennen.

Welche Projekte genau unterstützt ihr?

Bennet Müllem: Wir arbeiten mit Eden Reforestation Projects, einer gemeinnützigen Organisation, die bereits über 313 Millionen Bäume gepflanzt hat. Eden beschäftigt Menschen, deren Heimat stark von Abholzung betroffen ist. Die gepflanzten Bäume verbessern die Luftqualität, dienen Tieren als Habitate und stabilisieren den Grundwasserpegel. Die Aufforstung gibt den oft bettelarmen Menschen vor Ort somit wieder eine Perspektive für nachhaltige Landwirtschaft & Handel. Jeder gepflanzte Baum bietet also neben dem ökologischen auch einen sozialen Mehrwert.

Die Mehrzahl der von uns gespendeten Bäume werden in Madagaskar und Mosambik gepflanzt. Beide gehören zu den ärmsten Ländern der Welt. Durch Brandrodung, Holzkohleproduktion und illegalen Holzeinschlag wurde vor allem in den letzten Jahrzehnten ein Großteil des ursprünglichen Waldbestandes abgeholzt. Durch Einbindung und Bildung der Bewohner sowie Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden wird einer erneuten Abholzung vorgebeugt.

Für 2021 planen wir einen Besuch bei mindestens einem der Projekte, um uns einen persönlichen Eindruck der Arbeit und der Ergebnisse zu machen.

Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus?

Bennet Müllem:  Zunächst wollen wir uns als Marke am deutschen Kondommarkt etablieren und es auch in den Einzelhandel schaffen. Dazu sind wir bereits mit einigen potentiellen Partnern im Gespräch. Langfristig wollen wir in die französischen, spanischen, italienischen, insgesamt in die europäischen Schlafzimmer.

Bezüglich weiterer Produkte sind wir noch in der Findungsphase. Auf der einen Seite passt unsere Normgröße leider nicht jedem Mann, so dass wir in der Hinsicht expandieren wollen. Andererseits haben wir viele weitere Ideen, in die wir gerne investieren würden. Releaf möchte, wie oben gesagt, das Schöne mit dem Guten verbinden und es gibt nun mal sehr viele schöne Dinge im Leben.

"Jede Plastikflasche, die Du nicht kaufst, jedes Steak, das Du nicht isst, jeder Baum, den Du pflanzt, macht einen Unterschied. Also packen wir es an!"

Was möchtest du zum Schluss noch unbedingt loswerden?

Bennet Müllem: Wir haben nur diesen einen Planeten. Der Erhalt unserer Umwelt geht uns alle an. Das heißt aber nicht, dass Du von heute auf morgen perfekt sein musst. Wichtig ist, überhaupt erstmal anzufangen. Der Rest ergibt sich Schritt für Schritt. Jede Plastikflasche, die Du nicht kaufst, jedes Steak, das Du nicht isst, jeder Baum, den Du pflanzt, macht einen Unterschied. Also packen wir es an!

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