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Dr. Dilyana Filipova hat molekulare Biologie studiert und an der Uni Köln in Genetik promoviert. Während des Studiums kam ein Thema immer wieder auf: Tierversuche. Yannick Haldenwanger von This Is Vegan durfte mit ihr über dieses spannende und polarisierende Thema sprechen.

Während des Studiums wurde von Dilyana und ihren Mitstudierenden erwartet, bereit zu sein, an Tieren zu üben. Auch eine Promotionsstelle gab es praktisch nur in Kombination mit Tierversuchen. So entstand der Anschein, dass Tierversuche unumgänglich seien, wenn sie sich als Genetikerin weiterentwickeln und Karriere machen wollte, sodass Dilyana während ihrer Doktorarbeit selbst Tierversuche durchführte.

Erst später fand sie heraus, dass Tierversuche nicht nur grausam für die Tiere sind, sondern auch zu unzuverlässigen Ergebnissen führen können, die nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen werden können. 

Seit 2019 setzt sie sich aktiv für die Abschaffung von Tierversuchen ein und arbeitet als wissenschaftliche Referentin bei Ärzte gegen Tierversuche e.V. Sie spricht mit Wissenschaftler:innen und der Öffentlichkeit über die Problematik von Tierversuchen. 

In dieser Podcastfolge sprechen wir über ihre Zeit im Studium, die aktuelle Situation der Tiere und warum sie vor sieben Jahren die Entscheidung traf, sich vegan zu ernähren.

Außerdem verrät sie uns, für welche Zwecke Tierversuche durchgeführt werden und ob diese überhaupt sinnvoll sind

In diesem Interview liest du Auszüge aus dem Podcast, die wir sinngemäß transkribiert haben. Alles Wissenswerte gibt es in voller Länge hier im Plantbased Podcast.

Hallo Dilyana, vielen Dank, dass du dir Zeit für den Plantbased-Podcast nimmst. Herzlich Willkommen!

Dr. Dilyana Filipova: Dankeschön. Es ist sehr schön, hier zu sein und danke für die Einladung.

Bevor wir über das Thema Tierversuche und dein großes Engagement bei Ärzte gegen Tierversuche e.V. sprechen: Wer bist du und warum machst du das, was du machst?

Dr. Dilyana Filipova: Ich bin Diljana, komme ursprünglich aus Bulgarien und habe Molekularbiologie und Genetik studiert und später auch in Genetik promoviert. Während meines Studiums bzw. während meiner Doktorarbeit habe ich auch einige Tierversuche gemacht und ich muss sagen: Das war wirklich schlimm. Erst später habe ich erfahren, dass die Tierversuche nicht nur grausam für die Tiere sind, sondern auch wissenschaftlich unsinnig oder nicht übertragbar sind. Seit 2019 bin ich als Wissenschaftlerin bei Ärzte gegen Tierversuche aktiv und setze mich dafür ein, Tierversuche abzuschaffen und alternative Forschungsmethoden voranzubringen.

Was genau ist denn Ärzte gegen Tierversuche und wofür setzt ihr euch ein?

Dr. Dilyana Filipova: Wir sind ein eingetragener Verein, eine NGO, und unser Ziel ist die Abschaffung aller Tierversuche. Unser Verein wurde vor 44 Jahren von einer Gruppe von Ärzten gegründet, die schon damals erkannt haben, dass Tierversuche nicht nur qualvoll für die Tiere sind, sondern auch keine zuverlässigen Ergebnisse liefern. Wir versuchen, das Thema Tierversuche für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sprechen mit vielen Menschen aus Politik und Wissenschaft. Bei letzteren sowohl mit solchen, die Tierversuche machen, als auch mit solchen, die sich auf tierversuchsfreie Methoden konzentrieren. Wir wünschen uns einen konkreten Ausstiegsplan aus diesem System der Tierversuche, der schon seit sehr langer Zeit fällig ist.

Aus welchen Gründen wird denn überhaupt an Tieren geforscht?

Dr. Dilyana Filipova: Der Grundgedanke ist, dass Tiere und Menschen ähnliche Organe haben. Wenn man im Tierversuch dann zum Beispiel feststellt, dass eine Substanz giftig oder verträglich ist oder dass ein Prozess unter bestimmten Bedingungen abläuft, liegt die Vermutung nahe, dass es beim Menschen ähnlich ist. In der Realität ist das aber überhaupt nicht so. Ein Beispiel ist die Entwicklung von Medikamenten. Alle Substanzen für neue Medikamente müssen zuerst an Tieren getestet werden – das ist gesetzlich so festgelegt. Wenn die Tiere das Medikament gut vertragen und es wirkt, dann kann es danach in sogenannten klinischen Studien mit menschlichen Probanden oder Patienten getestet werden. Das Problem: Etwa 90 Prozent der Medikamente fallen durch, weil sie entweder nicht wirken oder starke Nebenwirkungen mit sich bringen. Bei einigen Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer ist die Wirksamkeit der getesteten Medikamente sogar noch geringer. Die Daten aus den Tierversuchen sind also sehr unzuverlässig.

2021 wurden über fünf Millionen Tiere in deutschen Versuchslaboren verbraucht. Bei den Zahlen bekomme ich echt Gänsehaut. Wie wird diese enorme Zahl gerechtfertigt?

Dr. Dilyana Filipova: Ja, die Zahlen sind sehr, sehr hoch und Deutschland belegt damit den ersten Platz in Europa. Ein Problem ist, dass so gut wie alle Tierversuche, die in Deutschland beantragt werden, auch genehmigt werden. Es gibt die §15-Kommission, die die Anträge sichtet und die Behörde berät, ob die Tierversuche durchgeführt werden sollen oder nicht. Oft werden die Einschätzungen oder ggf. Änderungsvorschläge der Kommission jedoch ignoriert und der Antrag trotzdem genehmigt.

Gut die Hälfte der Tierversuche macht die sogenannte Grundlagenforschung aus. Das Ziel der Grundlagenforschung ist die Generierung von Wissen, nicht unbedingt die Entwicklung einer bestimmten Therapie oder eines Medikaments. Bestimmtes Wissen kann man praktisch immer generieren, weshalb die meisten Anträge genehmigt werden. Dann gibt es noch regulatorische Tierversuche, die vom Gesetz vorgeschrieben sind, z. B. wenn neue Medikamente oder Chemikalien entwickelt werden. Die angewandte Forschung sucht gezielt nach neuen Therapien oder Medikamenten. Diese drei Bereiche machen etwa die Hälfte aller verbrauchten Tiere aus, also etwa 2,5 Millionen

Und dann gibt es noch die Überschusstiere. Diese Tiere werden gezüchtet, aber können dann für den Versuch nicht verwendet werden, weil sie z. B. nicht das richtige Geschlecht oder die gewünschte genetische Veränderung haben. Manche Tiere sind auch krank oder zu alt und werden dann einfach getötet ohne verwendet zu werden. 

Was sind denn die Argumente für Tierversuche, die ihr immer wieder zu hören bekommt?

Dr. Dilyana Filipova: Wir bei Ärzte gegen Tierversuche hören immer wieder von Ärzten und Wissenschaftlerinnen, dass Tierversuche vor allem bei der Erforschung sehr schwerer Erkrankungen unbedingt notwendig seien. Meiner Erfahrung nach sind viele einfach sehr schlecht über die Nachteile von Tierversuchen informiert. Wenn man selbst Tierversuche macht, dann tendiert man dazu, nicht daran zu denken, wie gut übertragbar die Ergebnisse sind, sondern man konzentriert sich einfach auf das, was man tagtäglich macht und herausfindet

Es ist eine schwere Entscheidung, sich gegen Tierversuche zu positionieren – das wird an der Uni oder an wissenschaftlichen Instituten oft nicht gut angesehen. Aber wenn man tatsächlich mit diesem Gedanken vorgeht, etwas Anwendbares zu machen, etwas, was den Patienten wirklich zugutekommt, dann muss man sich einfach alle Daten anschauen. 

Wie wurde denn auf dich reagiert? Warst du sozusagen "die Außerirdische", weil du gesagt hast, dass du mit Tierversuchen nichts mehr zu tun haben möchtest?

Dr. Dilyana Filipova: Nein, es ist eigentlich sehr verbreitet, vor allem unter den Studierenden und unter den jüngeren Wissenschaftlern, aber auch unter älteren, dass man ungerne Tierversuche macht. Es ist eigentlich auch etwas Unnatürliches, einem Tier Leid und Schmerz zuzufügen. Deswegen leiden viele, die mit Tierversuchen zu tun haben, psychisch darunter und wollen einfach damit fertig werden. Das war bei mir auch während meiner Promotion so. Immer, wenn ich wusste, dass wir am nächsten Tag eine Maus im Labor bekommen würden, hatte ich Albträume in der Nacht davor. Ich finde, dass man nicht die einzelnen Personen angreifen, sondern das ganze System verändern sollte.

„Ich hoffe, dass sich in Zukunft niemand mehr zwischen Karriere und moralischen und ethischen Werten entscheiden muss.“

Man sollte mehr über die Nachteile von Tierversuchen diskutieren und auch die modernen und hochentwickelten Techniken, die ohne Tierversuche zu neuen Erkenntnissen führen können, vorstellen. Ich hoffe, dass diese Methoden in Zukunft mehr umgesetzt werden und dass sich in Zukunft niemand mehr zwischen Karriere und moralischen und ethischen Werten entscheiden muss

Jetzt haben wir viel über die wissenschaftliche Forschung gesprochen. Aber auch für Kosmetika oder andere Alltagsprodukte werden Tierversuche durchgeführt. Kannst du uns dazu mehr erzählen?

Dr. Dilyana Filipova: Praktisch alle Inhaltsstoffe von Lebensmitteln oder Kosmetika wurden irgendwann mal an Tieren getestet. Auch Chemikalien, die in der EU verkauft oder z. B. in Reinigungsmitteln enthalten sind, müssen bezüglich ihrer Sicherheit geprüft werden. Oft geschieht das in Tierversuchen. Es gibt jedoch keine Verpflichtung für die Hersteller, diese Daten zu veröffentlichen, sodass man beim Kauf in vielen Fällen nicht prüfen kann, ob das Produkt an Tieren getestet wurde.

Auch wenn ein Produkt vegan ist, kann das bedeuten, dass Tierversuche durchgeführt wurden. Deswegen ist es wichtig, nach bekannten Siegeln zu schauen, die Tierversuche explizit ausschließen. Achtet z. B. auf die Veganblume oder das V-Label um sicherzugehen, dass kein Tierleid für die Herstellung erfolgt ist. 

Heute machst du zwar keine Tierversuche mehr, aber du beschäftigst dich dennoch Tag für Tag mit dem Thema. Wie machst du das psychisch?

Dr. Dilyana Filipova: Es ist schwierig und man kann sich nicht zu 100 Prozent abgrenzen. Aber in den letzten Jahren gab es wirklich viele positive Entwicklungen in diesem Bereich. Es wurden sehr viele neue Technologien entwickelt. Es gibt immer mehr Initiativen gegen Tierversuche oder für tierversuchsfreie Methoden. Und seit einiger Zeit haben sich auch große Pharmaunternehmen dazu geäußert, dass sie ihre Medikamente nicht mehr an Tieren testen möchten, sondern an anderen Systemen, weil die viel besser sind.

Im letzten Jahr gab es eine europäische Bürgerinitiative, die sich zunächst für ein Tierversuchsverbot bei Kosmetika und kosmetischen Inhaltsstoffen stark gemacht hat und langfristig einen allgemeinen Ausstiegsplan aus Tierversuchen vorsieht. Es wurden 1,2 Millionen Unterschriften gesammelt, sodass die Europäische Kommission Stellung beziehen musste und sich positiv gegenüber dem Ausstiegsplan ausgesprochen hat. Das Verbot von Tierversuchen für Kosmetika wurde leider nicht gestärkt. Aber das bedeutet, dass wir noch mehr Druck ausüben müssen. Und weil ich sehe, dass es dennoch Fortschritte gibt, schaffe ich es, damit umzugehen. 

Wenn du selbst Politikerin in Deutschland wärst, was würdest du verändern, wenn du alles ändern könntest?

Dr. Dilyana Filipova: Zum Thema Tierversuche würde ich auf jeden Fall einen zügigen Ausstiegsplan mit Universitäten, Unternehmen und natürlich auch mit den Vereinen ausmachen. Und ich würde sehr gerne die Forderungen von anderen Tierschutzvereinen und Naturschutzvereinen wirklich repräsentiert sehen. Es sind nämlich nicht nur die Tierversuche, sondern es gibt auch in anderen Bereichen sehr viel Tierleid. Es gibt auch Menschenleid und Ungerechtigkeit. Das würde ich natürlich auch sehr gerne verändern.

Könnt ihr Menschen, die noch Tierversuche durchführen, unterstützen, wenn sie damit aufhören möchten, aber vielleicht Angst haben, den Job zu verlieren oder das Studium nicht abschließen zu können?

Dr. Dilyana Filipova: Ja, solche Leute sind auf jeden Fall willkommen. Sie müssen nicht aufhören zu forschen, nur weil sie keine Tierversuche mehr machen möchten. Wir bekommen häufig Anfragen von Studierenden, die zum Beispiel nach Anlaufstellen für Masterarbeiten, Doktorandenstellen usw. suchen und keine Tierversuche mehr machen wollen. Dafür haben wir vor einigen Jahren eine Datenbank eingerichtet, die NAT-Database. NAT steht für Non-Aninal-Technologies, also nicht-tierische Technologien. In dieser Datenbank listen wir verschiedene tierversuchsfreie Studien aus der ganzen Welt. Es gibt auch sehr viele aus Deutschland. Und dann kann man nach bestimmten Kriterien filtern, nach passenden Studien suchen und auch Kontakt mit den Autoren von diesen Studien aufnehmen. So kann man z. B. nach einer Stelle für eine Masterarbeit oder ein Praktikum fragen. Wir können auch Kontakte vermitteln und die Personen auf jeden Fall unterstützen.

Jetzt haben wir viel über Tierversuche gesprochen und auch darüber, warum du dich dafür einsetzt. Was mich persönlich jetzt noch interessieren würde: Wie integrierst du denn Nachhaltigkeit und Tierethik in deinen Alltag, unabhängig von deiner Arbeit für Ärzte gegen Tierversuche?

Dr. Dilyana Filipova: Ich bin jetzt seit mehr als sieben Jahren vegan. Ich bin auch Mitglied von vielen anderen Tierrechts- und Naturschutzvereinen, also nicht nur von Ärzten gegen Tierversuche. Ich versuche, ihre Vorschläge in meinen Alltag zu integrieren, eher lokale Produkte zu kaufen, nicht verschwenderisch zu sein und natürlich absolut kein Tierleid oder Tierausbeutung zu unterstützen. Zusätzlich informiere ich mich regelmäßig über verschiedene Websites, über die Vereine, die ich verfolge und auch manchmal über Studien und Nachrichten, wie ich das am besten machen kann.

Wir kommen langsam zum Ende dieser Podcastfolge. Du darfst aber noch zwei Songs in unsere Plantbased-Playlist bei Spotify packen. Was sind denn deine zwei Lieblingssongs und warum?

Dr. Dilyana Filipova: Danke, ja, das finde ich sehr schön. Also ich habe viele Lieblingssongs, aber die beiden, die ich jetzt nennen würde, sind von zwei Konzerten, die besonders wichtig für mich waren. Mein allererstes Konzert war 2005 von Ronnie James Dio und der Song heißt Rainbow In The Dark

Das zweite Lied ist von meinem allerliebsten Sänger: Alice Cooper. Ich habe ihn leider nur einmal live gesehen, aber das erste Lied, das auf dem Konzert gespielt wurde, war It’s Hot Tonight

Danke für die Songs, die kommen auf jeden Fall in die Playlist. Und danke für deine Zeit, für deinen spannenden Input und deine inspirierende Arbeit. Gibt es noch etwas, das du zum Schluss gerne loswerden möchtest oder das dir extrem wichtig ist?

Dr. Dilyana Filipova: Tierversuche sind ein komplexes Thema und man fühlt sich manchmal überfordert. Aber ich möchte einfach den Leuten die Sicherheit geben, dass es auch ohne Tierversuche geht. Jeder kann etwas gegen Tierversuche machen, z. B. durch eine vegane Ernährung. Wenn man auf entsprechende Labels achtet, tut man damit nicht nur präventiv etwas für die Gesundheit, sondern geht auch Tierversuchen aus dem Weg. 

Und wenn jemand sich noch ein bisschen mehr engagieren möchte, kann man sich unsere Seite und die Seite von anderen Organisationen anschauen, vielleicht einige Petitionen unterschreiben und sich informieren.

Das ist eigentlich alles von mir. Es war sehr schön, mit dir zu sprechen Yannick. Danke für die Möglichkeit, über dieses wichtige Thema sprechen zu können. 

Mehr dazu im Plantbased Podcast:

Wenn du noch mehr über Dr. Dilyana Filipova erfahren möchtest und wissen willst, wer sie in ihrem Werdegang inspiriert hat, dann höre jetzt in den neuen Plantbased Podcast rein.

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