Tierheime stehen vor dem Kollaps: Warum der Tierschutzbund die Bundesregierung verklagt

Was du in diesem Artikel erfährst
- Warum der Tierschutzbund jetzt vor Gericht zieht
- Die wichtigsten Zahlen zur Lage in deutschen Tierheimen
- Wie der Sportmilliarden-Vergleich zur politischen Sprengkraft wird
- Was das Staatsziel Tierschutz wirklich bedeutet
- Konkrete Wege, wie du Tierheime jetzt unterstützen kannst
- FAQ: Die wichtigsten Fragen rund um die Klage

Warum der Deutsche Tierschutzbund die Bundesregierung verklagt
Die Geschichte beginnt im Frühjahr 2025, als CDU, CSU und SPD ihren Koalitionsvertrag vorlegten. Darin: ein klares Bekenntnis zur Stärkung des Tierschutzes. Ein paar Monate später, in den finalen Haushaltsberatungen für 2026, taucht von dieser Zusage allerdings nichts mehr auf. Keine zusätzlichen Mittel, kein eigener Posten, keine verlässliche Förderung. Während gleichzeitig die Sportmilliarde beschlossen wird, ein Programm mit einer Milliarde Euro über vier Jahre für die Sanierung von Turnhallen und Sportstätten, bleiben die Tierheime auf dem Trockenen sitzen. Genau hier setzt die Untätigkeitsklage an, die der Tierschutzbund gemeinsam mit dem Tierheim Crailsheim, dem Tierschutzverein Radolfzell und zwei weiteren Mitgliedsvereinen beim Verwaltungsgericht Köln eingereicht hat. Adressat ist das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. Der Vorwurf: Die Bundesregierung verstoße gegen das in Artikel 20a des Grundgesetzes verankerte Staatsziel Tierschutz. Ein juristisch ziemlich brisanter Vorwurf, denn der Tierschutz wurde 2002 mit gutem Grund ins Grundgesetz aufgenommen.„Wenn Kunstrasen wichtiger ist als das Leben von Hunden und Katzen und kein politischer Wille erkennbar ist, zu unterstützen, dann müssen die Gerichte das erzwingen.“ Thomas Schröder, Präsident des Deutschen TierschutzbundesWas Schröder hier so pointiert formuliert, ist im Kern eine verfassungsrechtliche Frage: Trägt der Bund eine direkte Verantwortung für den praktischen Tierschutz, oder darf er sich, wie bisher, auf Länder und Kommunen herausreden? Die Antwort darauf könnte das System der Tierheimfinanzierung in Deutschland fundamental verändern. Und genau deswegen ist diese Klage so wichtig.

Tierheime in Deutschland: Eine Branche im Dauerstress
Bevor wir uns die juristische Dimension genauer anschauen, ein Blick auf die Realität in den Heimen selbst. Die ist nämlich, gelinde gesagt, dramatisch. Laut Erhebungen des Deutschen Tierschutzbundes berichten 82 Prozent der befragten Tierheime davon, dass die Anzahl der zu betreuenden Tiere seit dem Abflachen der Corona-Pandemie deutlich gestiegen ist. Der berüchtigte Haustier-Boom der Lockdown-Jahre rollt heute als Welle der Abgaben durch die Heime.Die wichtigsten Zahlen auf einen Blick
| Kennzahl | Aktueller Stand |
|---|---|
| Investitionsstau in deutschen Tierheimen | rund 160 Millionen Euro |
| Tierheime im Deutschen Tierschutzbund | ca. 550 (in über 750 Mitgliedsvereinen) |
| Heime mit Aufnahmestopp | etwa zwei Drittel |
| Heime mit freien Kapazitäten | nur 18 Prozent |
| Tierheime mit gestiegenen Tierzahlen seit 2022 | 82 Prozent |
| Anteil kranker Abgabetiere | 74 Prozent berichten von Anstieg |
| Bundeshilfen für Betriebskosten 2021/2022 | einmalig 5 Millionen Euro |
| Bundeshilfen im Haushalt 2026 | 0 Euro |
| Sportmilliarde im selben Haushalt | 1 Milliarde Euro über vier Jahre |
Warum die Lage so verfahren ist
- Steigende Tierarztkosten seit der Novelle der Gebührenordnung für Tierärzte
- Höhere Anforderungen im Seuchen- und Arbeitsschutz
- Fehlende deutschlandweite Kastrationspflicht für freilebende Katzen
- Mehr verhaltensauffällige Hunde aus unbedachten Pandemie-Käufen
- Schrumpfende Spenden in Zeiten von Inflation und Energiekrise
- Längere Verweildauer kranker oder älterer Tiere im Heim

Sportmilliarde vs. Tierheime: Eine ungemütliche Rechnung
Politisch ist die Klage auch deshalb so brisant, weil sie einen direkten Vergleich aufmacht, der weh tut. Im September 2025 hat der Haushaltsausschuss des Bundestages die Sportmilliarde auf den Weg gebracht. Eine Milliarde Euro über vier Jahre, davon allein 333 Millionen Euro in der ersten Tranche, fließen in die Sanierung kommunaler Sportstätten. Schwimmbäder, Turnhallen, Sportplätze: alles wichtig, niemand bestreitet das. Aber wenn der Bund sich entscheidet, eine Milliarde für Kunstrasen lockerzumachen, sich gleichzeitig aber bei einer einstelligen Millionensumme für Tierheime sperrt, dann ist das eine politische Aussage. Eine, die der Tierschutzbund nicht mehr hinnehmen will. Spannend ist die Argumentation dahinter: „Spätestens mit der Sportmilliarde ist klar: Wenn die Bundesregierung handeln will, kann sie handeln“, sagt Thomas Schröder. Für die Tierheime müsse mindestens dasselbe drin sein. Eine Forderung, die rechnerisch absolut realistisch ist. Die fünf Millionen Euro, die 2021 und 2022 als einmaliger Zuschuss flossen, waren ein Tropfen auf den heißen Stein. Eine verlässliche Bundesförderung von zum Beispiel 50 bis 100 Millionen Euro pro Jahr würde die Lage entscheidend entspannen, ohne den Bundeshaushalt zu sprengen.
Staatsziel Tierschutz: Was Artikel 20a wirklich meint
Damit man die Klage in ihrer ganzen Tragweite versteht, lohnt ein kurzer Blick ins Grundgesetz. Seit 2002 steht dort der berühmte Artikel 20a:„Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“ Artikel 20a GrundgesetzDas Wörtchen „und die Tiere“ wurde damals nach langem politischem Ringen hineinverhandelt. Es macht den Tierschutz zum Staatsziel mit Verfassungsrang. Die spannende Frage, die nun in Köln verhandelt werden könnte: Ergibt sich aus diesem Staatsziel auch eine konkrete Finanzierungspflicht des Bundes? Bisher hat sich Berlin auf die Position zurückgezogen, der praktische Tierschutz sei Sache der Länder und Kommunen. Sollten die Richter dem widersprechen, hätten wir es mit einem rechtspolitischen Erdbeben zu tun. Eines, das Tierschutz in Deutschland nachhaltig auf neue Füße stellen würde.
Was hinter den Statistiken steht: Geschichten, die unter die Haut gehen
Statistiken sind das eine. Aber dahinter stehen echte Tiere mit echten Schicksalen. In Hamburg wurde im Sommer 2025 die Labradorhündin Nala mitten in der Nacht an einem Polizeikommissariat angebunden zurückgelassen. Trotz Registrierung konnte niemand vom alten Halterhaushalt erreicht werden. Kater Olaf wurde in einer Box mit einem Handtuch ausgesetzt, nicht gekennzeichnet, nicht gechippt. Das Tierheim in der Süderstraße zählte allein seit Anfang Juni 192 aufgenommene Fundtiere aus dem Stadtgebiet. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Genau für solche Tiere kämpft der praktische Tierschutz. Und genau für sie ist es so bitter, wenn die Politik beim Bundeshaushalt einfach wegschaut. Ariane Kari, die Bundes-Tierschutzbeauftragte, hatte schon Anfang 2024 deutlich gemacht, dass eine bundesweite Kastrationspflicht für Freigängerkatzen, ein Sachkundenachweis für alle Tierhalterinnen und Tierhalter sowie ein Verbot des Onlinehandels mit Tieren überfällig wären. Maßnahmen, die kaum Geld kosten würden, aber massive Entlastung bringen könnten. Passiert ist bisher: wenig.
Was du als Tierfreund jetzt konkret tun kannst
Ich finde ja, dass uns solche Nachrichten oft zwei Reaktionen gleichzeitig abverlangen: Empörung und Tatkraft. Empörung ohne Tatkraft frisst nur Energie. Hier sind sechs konkrete Hebel, die wirklich etwas bewegen:- Adoptieren statt Kaufen: Jedes vermittelte Tier macht Platz für das nächste. Wer ohnehin überlegt, einen Vierbeiner aufzunehmen, sollte das lokale Tierheim als erste Adresse setzen.
- Patenschaft übernehmen: Eine monatliche Patenschaft zwischen 10 und 30 Euro hilft Tieren, die im Heim niemand vermitteln will: alte Hunde, chronisch Kranke, gehandicapte Katzen.
- Sachspenden statt Geld: Futter, Decken, Spielzeug. Viele Heime führen Wunschlisten, die online einsehbar sind.
- Ehrenamt: Hunde Gassi führen, Katzen streicheln, Social Media betreuen. Tierheime brauchen Menschen mehr als Geld, weil Personal teuer ist.
- Politisch Stimme zeigen: Abgeordnete im eigenen Wahlkreis anschreiben, Petitionen unterzeichnen, Social Media nutzen. Die Klage wird vor allem dann politisch wirken, wenn sie öffentlich begleitet wird.
- Kastrieren und chippen: Wer selbst Tiere hat, schließt damit eines der größten Einfallstore in die Heim-Überfüllung.

FAQ: Die wichtigsten Fragen zur Klage des Tierschutzbundes
Warum verklagt der Deutsche Tierschutzbund die Bundesregierung?
Der Tierschutzbund wirft der Bundesregierung vor, ihre Verantwortung aus dem Staatsziel Tierschutz nach Artikel 20a Grundgesetz nicht zu erfüllen. Trotz Zusagen im Koalitionsvertrag sieht der Bundeshaushalt 2026 keine Hilfen für Tierheime vor. Mit der Klage soll gerichtlich geklärt werden, ob der Bund verpflichtet ist, den praktischen Tierschutz direkt zu unterstützen.Was ist eine Untätigkeitsklage?
Eine Untätigkeitsklage richtet sich gegen Behörden, die über einen Antrag innerhalb angemessener Frist nicht entscheiden. Im Fall des Tierschutzbundes geht es darum, die Bundesregierung zur Schaffung einer verlässlichen Förderstruktur für Tierheime zu bewegen. Das Verwaltungsgericht Köln setzt nun Stellungnahmefristen für die Beteiligten und fordert die zuständigen Verwaltungsvorgänge an.Wie viel Geld fehlt deutschen Tierheimen wirklich?
Der Investitionsstau allein in den Tierheimen des Deutschen Tierschutzbundes beläuft sich auf rund 160 Millionen Euro. Dazu kommen laufend steigende Betriebskosten durch höhere Tierarztgebühren, Energiepreise und Personalbedarf.Welche Rolle spielt die Sportmilliarde in der Klage?
Die Sportmilliarde, also eine Milliarde Euro über vier Jahre für die Sanierung kommunaler Sportstätten, dient dem Tierschutzbund als Beweis dafür, dass die Bundesregierung handeln kann, wenn sie will. Der Verband argumentiert, dass auch für Tierheime entsprechende Mittel verfügbar wären, wenn der politische Wille vorhanden wäre.Wie kann ich Tierheime in Deutschland unterstützen?
Es gibt mehrere Wege: ein Tier adoptieren statt kaufen, eine Patenschaft übernehmen, Sachspenden bringen, ehrenamtlich helfen, an Politik schreiben und das eigene Haustier kastrieren und chippen lassen. Jede dieser Maßnahmen entlastet das System direkt.Was bedeutet das Staatsziel Tierschutz nach Artikel 20a GG?
Seit 2002 verpflichtet das Grundgesetz den Staat dazu, Tiere zu schützen. Damit hat der Tierschutz Verfassungsrang. Die offene juristische Frage lautet, ob daraus auch eine konkrete Pflicht des Bundes zur Finanzierung des praktischen Tierschutzes folgt. Genau diese Frage könnte die aktuelle Klage erstmals höchstrichterlich klären lassen.Meine Meinung: Diese Klage ist überfällig, und sie betrifft uns alle
Ich will ehrlich sein: Wenn ich mir die Zahlen anschaue, bin ich erst einmal richtig sauer. Nicht auf irgendwelche Parteien, nicht auf die Politik im Allgemeinen, sondern auf eine Haltung, die seit Jahren das Tierwohl wie einen freundlichen Beitrag im Kulturteil behandelt. Schön, wichtig, aber irgendwie eben nicht systemrelevant. Dabei sind Tierheime in Deutschland längst eine kritische Infrastruktur, genauso wie Schulen, Krankenhäuser oder, ja, eben Sporthallen. Wenn 32 Millionen Haustiere in unserem Land leben und die Aufnahme- und Vermittlungsstelle für jene, die niemand mehr will, am Tropf von Spenden hängt, dann läuft etwas grundsätzlich schief. Gleichzeitig habe ich Respekt vor dem Schritt, den der Tierschutzbund jetzt gegangen ist. Eine Klage einzureichen ist nicht das gleiche wie eine Petition zu starten. Sie kostet Geld, Nerven und sie kann am Ende auch verloren werden. Trotzdem ist sie der richtige Weg. Denn solange das Staatsziel Tierschutz im Grundgesetz steht, ohne dass jemand die Bundesregierung an ihrer praktischen Verantwortung misst, bleibt es ein schöner Satz auf gutem Papier. Und genau das wollen wir nicht. Erst vor Kurzem habe ich in dem Interview für den Podcast mit Nathan Goldblat erfahren, wie viel unserer Steuergelder auf EU-Ebene in die Tötung von Hunden fließt und jetzt das? Was mich dabei optimistisch stimmt: Die Generation der 16- bis 40-Jährigen, also genau die Menschen, die dieses Magazin lesen, hat Tierwohl längst zu einem Lifestyle-Thema gemacht. Vegan einkaufen, Lederalternativen tragen, Cruelty-Free-Kosmetik, Tierheime auf Instagram folgen: All das ist keine Nische mehr, sondern Mainstream. Wenn diese Energie sich jetzt auch politisch übersetzt, dann hat die Klage in Köln eine echte Chance, etwas Großes anzustoßen. Es liegt nicht nur an Berliner Politikerinnen und Politikern, es liegt auch an uns. An jedem Repost, jedem Brief an die eigene Abgeordnete, jedem Besuch im Tierheim um die Ecke. Ich kümmere mich täglich um Straßenhunde und andere Tiere, die dringend Hilfe brauchen. Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt (auch außerhalb von Deutschland) – könnt ihr mir hier einen „Kaffee“ bzw. Hundefutter kaufen oder einen Teil der Tierarztkosten übernehmen. Wir leben in einer Zeit, in der wir mit einem Klick Pizza nach Hause bestellen, aber Stunden mit einem Vierbeiner verbringen, der niemandem mehr gehört, ein seltenes Geschenk sein kann. Vielleicht ist genau das die positive Nachricht hinter dieser an sich frustrierenden Geschichte: Wir alle haben Hebel. Und sie sind kleiner, als wir oft denken. Wie siehst du das? Hast du selbst schon einmal in einem Tierheim mitgeholfen oder ein Tier adoptiert? Schreib es uns gerne auf Instagram @thisisvegan.magazin. Wir sind gespannt auf eure Geschichten. Quellen: Spiegel / TagesspiegelSchon den Plantbased-Podcast gehört?
Veganismus, Tierschutz, Klima, Nachhaltigkeit, Artenschutz, alles, was uns gerade umtreibt, gibt es bei Plantbased, unserem Podcast. Wir reden mit Menschen, die etwas zu sagen haben und mit ihrem Leben zeigen, was geht. Auch als Videopodcast auf YouTube.
Schon zu Gast waren u. a. Sarah Connor, Hannes Jaenicke, Paul Watson, Patrik Baboumian, Bibi Heinicke, Atze Schröder, Kerstin Ott, Dr. Zoe Mayer, Maya Leinenbach und Femke Den Haas und viele weitere.
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