Johannes Nicolay - Veganer Hotelier

Johannes Nicolay leitet Deutschlands erstes rein veganes Hotel. Vom Putzmittel bis hin zum Schnitzel – hier ist alles vegan. Wie es dazu kam, dass aus dem ehemals passionierten Fleischesser ein Veganer wurde, wie die Reaktionen auf die Umstellung des Traditions-Hotels anno 1881 waren und was sein schönstes Erlebnis im Hotel war, verrät er uns im Interview.

Pünktlich zum Weltvegantag verlosen wir außerdem ein “Vegan Wochenende” im Hotel Nicolay für 2 Personen. Was ihr tun müsst, um zu gewinnen, erfahrt ihr am Ende des Interviews. Viel Glück und Happy World Vegan Day! 

Hallo Johannes, du leitest Deutschlands erstes rein veganes Hotel. Wie kam es dazu, dass du dich vegan ernährst?

Johannes Nicolay: Ich habe 1988-1991 eine klassische Ausbildung zum Koch in einem renommierten Sterne-Restaurant im Schwarzwald absolviert. Stationen in weitern Sterne-Restaurants folgten. Kochen wurde eine Passion. Allerdings auf „reguläre“ Weise mit Problemen behaftet. Ich wurde Pollenallergiker. Wie so viele fragte ich nicht nach dem Grund sondern ob es eine Mittel dagegen gebe. Cortison war die Antwort. 16 Jahre wurde also die Dosis immer mehr erhöht, mein Körper immer mehr in Mittleidenschaft gezogen. 1994 machte ich nach nochmals zwei Jahren Ausbildung einen weiteren Abschluss als staatlich geprüfter Hotelbetriebswirt. Anfang 2012, ich hatte die Führung des elterlichen Hotelbetriebs längst übernommen, gab es dann den ersten Schritt zur zukunftsweisendsten Entscheidung meines Lebens.

“Mit Milch? Nein, ich fasse keine Milch an. Ich bin Veganerin.“

Ehemalige Praktikantin, Hotel Nicolay

Jedes Quartal musste ich mittlerweile meine Dosis „Medizin“ injiziert bekommen. An einem Sommertag war es wieder einmal soweit und ich hatte meinen Termin. Zufällig fing an just diesem Tag auch eine Praktikantin neu bei uns zu arbeiten an.
„Kannst Du mir bitte einen Kaffee mit Milch machen?“, fragte ich hektisch aus der Küche raus. Ich erntete einen Blick, der irgendwo zwischen Erstaunen und Abscheu lag. “Mit Milch? Nein, Ich fasse keine Milch an.“ Meine Crew hielt die Luft an. Das stetige klappern und rege Treiben in der Küche wich atemloser Spannung. Jetzt war ich wohl derjenige der überrascht guckte. Ich presste ein ungläubiges: „Wie bitte?“ zwischen meinen Lippen hervor.

Ihre Antwort fiel knapp aus: „Ich bin Veganerin!“

Aber nicht jetzt. Ich hatte Zeitdruck, da ein weiterer Arzt-Termin anstand. Rückblickend muss ich schmunzeln wenn ich meine Reaktion von damals Revue passieren lasse.

Die Allergie äußerte sich in dieser Zeit bei mir in lebensbedrohlicher Atemnot. Das „Heilmittel“ Cortison bescherte mir einen kaputten Körper und über die Jahre ein Endgewicht von knapp 130 kg. Dies blieb bei einem 15 Stunden Tag auf den Beinen hatte Konsequenzen. Bandscheibenprobleme und ein leidendes Herz. Das sollte sich aber erst viel später noch zeigen. Jetzt kann ich nun wirklich nicht sagen, dass ich überhaupt ein Interesse an einem gesunden Lebenswandel hatte. Meine Ernährung, Alkohol, Zigaretten, akuter Schlafmangel und andere ungesunde Substanzen. Ich habe hart gearbeitet und WIRKLICH ungesund gelebt.

“Am Abend kündigte ich vollmundig an am nächsten Tag mal ein „Gespräch“ über vegan zu führen. Ich wollte die Frau in die Pfanne hauen.“

Johannes Nicolay

Zurück vom Arztbesuch im Hotel hatte ich die neue Mitarbeiterin verpasst. Sie hatte schon Feierabend und sollte erst am nächsten Tag wiederkommen. Am Abend kündigte ich in der Küche vollmundig an am nächsten Tag mal ein „Gespräch“ über vegan zu führen. Ich wollte die Frau in die Pfanne hauen. Unrühmlich, aber wahr.

Nun war ich zwar im Stolz gekränkt aber nicht dumm. Mir war klar dass ich mich, wenn ich denn eine Diskussion über Vegan führe, erst einmal umfassend darüber schlau machen muss. Nach dem Feierabend saß ich mich also voller Vorfreude an den Rechner und tippte zum ersten Mal in meinem Leben V-E-G-A-N in die Tastatur.

"Die Mauer stürzte in sich zusammen."

Johannes Nicolay

Von Skepsis und hämischer Wut getragen habe ich einen Wandel erlebt wie man ihn fast nicht beschreiben kann. Kurz gesagt wurde mir der Spiegel vorgehalten.

Ich war auf der Seite von ProVeg, sah YouTube Videos von Eric Gottwald, Gary Yourovsky und Earthlings, danach 101 Reasons und schließlich der Mann, der mich zum Veganer machte: Philip Wollen!  Ich bekam Gänsehaut bei seiner Rede. So nah das man nicht vorbeisehen kann. Philip traf mich mitten ins betäubte Herz reanimierte meine Empathie und es gibt bis heute wenig was nah an das Gefühl kommt heute von diesem Menschen als Freund bezeichnet zu werden. Alles kam damals hoch während ich seiner Rede auf dem St James Ethics and the Wheeler Centre ansah: Die harte Ausbildungszeit. Mein zerrissenes Herz als ich in meiner Ausbildung zum ersten Mal bei einer Schweine-Schlachtung dabei war. Die Mauer die ich um meine Seele gebaut habe, um kein Außenseiter zu sein. Um durchzuhalten. Stark zu sein. Ich wünschte ich wäre damals schon stark genug gewesen einfach NEIN zu sagen. Ich konnte nicht verstehen warum ich nicht einmal darüber nachgedacht hatte. Dann kamen Erkenntnisse zu Medizin, Allergien und das Thema Milch! Die Mauer stürzte in sich zusammen.

Um 4:30 Uhr fiel ich gerädert ins Bett uns und sah noch lang, leicht verwaschen, an die Decke. Eine seltsame Form von Aggression wuchs in mir.  Warum habe ich das nicht hinterfragt? Warum habe ich das nicht gesehen?  Warum habe ich nichts empfunden?  Es war noch nicht zu spät. Ich musste etwas ändern. Jetzt!

Am Morgen betrat ich die Küche und meine Crew wetzte wortwörtlich die Messer aus Vorfreude am Battle mit der „verrückten“ Veganerin. Ich sollte meine Leute böse enttäuschen. „Leute., ich habe Euch was zu sagen: Der Papa ist ab heute Veganer.! Betroffenes Schweigen. „Ich probiere es einfach aus. Drei Monate zieh ich´s auf jeden Fall durch. Keine Ausnahmen!“ Das war der Beginn meines veganen Lebens.
Freitag, der 3. August 2012.  Ich sollte nie wieder tierische Produkte essen.

„Leute, ich habe Euch was zu sagen: Der Papa ist ab heute Veganer!“

Hotel Nicolay zur Post anno 11881

Welche besondere Geschichte hat das Hotel seit Entstehung im Jahr 1881 hinter sich?

Anno 1881 übernachtete der erste Hotelgast „Ferdinand Brinkmann” aus Euskirchen im Hotel Nicolay zur Post. Der Gründer Johann Nicolay hat bereits seit 1866 (neben der königlichen und kaiserlichen Posthalterei, für deren Rösser und Kutschen er unterhaltspflichtig war) den ersten Gasthof “Zur Post” für die Reisenden der Linie Türkismühle- Bernkastel- Wengerohr geführt. Die Strecke betrug “nur” rund 70km, wofür damals jedoch fast 8 Stunden gebraucht wurden.

Anno 1902 bis 1904 baute er das neue Hotelgebäude, das nach seinem Tod im Jahre 1904 dessen Sohn Nikolaus übernommen und bis in das Jahr 1933 geführt hat. Dann folgte dessen Sohn, unterstützt von seinen beiden Schwestern, und rettete es unter schweren Opfern durch die schlechten wirtschaftlichen Zeiten der nächsten Jahre und später über die Wirren des 2. Weltkrieges und die Zweckentfremdung durch die Besatzungen.

1972 wurde die alte Brennerei mit der bis dato noch zu besichtigenden Pferdewechselstation und dem darüber liegenden alten Festsaal bis auf die “Postkutsche” abgerissen. Um 1972 hat sich das Hotel dann erweitert: Hotelhalle, Hallenbad, Sauna, Fitnessraum und die Erhöhung auf 70 Betten standen auf dem Programm. 1981 feierten wir das 100-jährige Hotelbestehen. Sogar die Urenkel des 1. Hotelgastes von 1881 durften wir aus diesem Anlass mit zahlreichen Ehrengästen begrüßen. 1982 übernahm Heribert Stefan Nicolay mit seiner Frau Inge das Hotel. Seither sind wesentliche Verbesserungen und Modernisierungen zum Wohl unserer Gäste durchgeführt worden. 1993 erlitt das Hotel durch das “Jahrhunderthochwasser” schweren Schaden. Die Renovierungsarbeiten dauerten fast ein Jahr. 1996 kehrte ich nach der Ausbildung zum Koch im „Romantik-Hotel Spielweg” und weiteren Stationen in namhaften Häusern, wie „Steinheuers Restaurant” zurück. Seitdem war ich Küchenchef für die zwei Restaurants hier im Hotel. 1996 haben wir das Beauty und Wellness-Studio „La Beauté” mit vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten eröffnet.

1999 wurde die dann die große 62qm Suite eröffnet und 2004 wurde der Beauty Wellness Bereich erweitert und 6 neue Komfortzimmer errichtet. Vier Jahre später übernahm ich das Geschäft.

"2012 eröffneten wir das wegweisende Restaurant “Die Weinstube – nachhaltig genießen” in dem ausschließlich vegane Speisen angeboten werden. Als erstes Hotel in Deutschland!"

2016 feierten wir das 135 jährige Jubiläum des Hotels, 4 Jahre des veganen Restaurants und mein 20-Jähriges Bestehen als Küchenchef. Anfang 2016 Jahres gab es zum letzten Mal als ein „gemischtes Frühstück“ das auch nicht vegane Produkte beinhaltete.
Danach stellten wir konsequent auf vegan um. The future is vegan!

Wie kamst du dazu das Hotel zu übernehmen und welche elementaren Veränderungen hast du vorgenommen?

Johannes Nicolay: Das stand für mich nie zur Debatte. Ich wurde hier herein geboren. Mit aller Leidenschaft die nun mal, wie das Wort schon sagt, auch Leiden schafft. Ich liebte meinen Job schon immer konnte aber erst nachdem ich Vegan für mich entdeckt habe voll und ganz darin aufgehen.

Wo genau liegt das Hotel und was kann man in der Region schönes unternehmen?

Johannes Nicolay: Es gibt einen Teil des Mosellaufs der einem Handschuh, besser einem Fäustling, gleicht. Das Hotel liegt am kleinen Finger dieses Handschuhs. Bernkastel-Kues und Traben-Trarbach an jeweils einer „Handwurzel“. Direkt vor dem Haus startet der mehrfach prämierte „Hochmosel-Wanderweg“. Ausflugziele zu fast allen Themengebieten. Wein liegt natürlich meist oben auf der Liste. Erwähnenswert sind aber sicher auch die zu besichtigenden Burgen sowie die tollen Fahrradwege wie den Mosel Maare Radweg. Es gibt mit dem Zylinderhaus ein einmaliges Automuseum, ein Buddah-Museum und vieles mehr.

Kommt einfach vorbei und erkundet selbst diese wunderschöne Region!

"Innerhalb des ersten Jahres nach der Eröffnung der Weinstube verloren wir fast 3.000 alte Stammkunden, die bloß wegen einem veganen Restaurant nicht mehr kommen wollten."

Wie waren die Reaktionen der Gäste und aus deinem Umfeld, als du auf ein komplett veganes Hotel umgestellt hast?

Johannes Nicolay: Innerhalb des ersten Jahres nach der Eröffnung der Weinstube verloren wir fast 3.000 alte Stammkunden, die bloß wegen einem veganen Restaurant nicht mehr kommen wollten. Für viele hatte ich einfach den Verstand verloren. Mittlerweile haben wir viele neue vegane Stammgäste gewonnen. Die größte Herausforderung bleibt aber die Auslastung unter der Woche. Unser Publikum scheint noch zu jung. Gut, es ist nicht ungewöhnlich das traditionsreiche Häuser wie unseres mit den Gästen alt werden. Ein Altersdurchschnitt von 63 Jahren ist keine Seltenheit. Wir haben den Schnitt aber innerhalb von zwei Jahren halbiert. Bis es ausreichend vegane Rentner gibt muss man sich als Hotelier also etwas einfallen lassen. Bei uns ist das, neben anderen attraktiven Arrangements, das „5 für 4 Angebot“ bei dem ein Tag inklusive Frühstück und drei Gang Menü einfach geschenkt wird.

"Vegan ist ja auch ein Gedanke, der uns alles eint. Egal aus welcher Schicht unsere Gäste sind."

Es blieb aber nicht die einzige Maßnahme in Bezug auf unsere neuen Gäste. Das „Sie“ wurde abgeschafft und wir haben einen fast schon freundschaftlichen Weg gefunden mit unseren Gästen zu kommunizieren. Vegan ist ja auch ein Gedanke, der uns alles eint. Egal aus welcher Schicht unsere Gäste sind. Wir haben ältere Zimmer, die wir preiswert anbieten können, parallel zu frisch renovierten die etwas mehr kosten. Wir wollen allen Veganern ein Zuhause an der Mosel unabhängig vom Alter, Kleidungsstil oder Brieftasche bieten. Ich habe in der Hotelbar Diskussionen zwischen Punks und Bankern erlebt. Alle nicht ausländerfeindlichen oder homophoben Gäste sind herzlich bei uns willkommen. Restaurantgäste nehmen Anfahrten von mehreren Stunden Kauf. Diese sind sonst vorwiegend aus dem Dreieck Frankfurt, Luxemburg, Bonn. Ein weit größeres Einflussgebiet als zu alten Zeiten.

Wie weit geht die vegane Lebensweise im Hotel Nicolay 1881?

Johannes Nicolay: 2016 stellten wir konsequent alle Speisen, Restaurants, Frühstücksartikel, Wellnessprodukte, Kuchen, Speiseeis, die Bar und sämtliche Getränke, Reinigungsmittel und sogar die Energieversorgung auf vegan um. Alle Neuanschaffungen egal in welchem Bereich sind vegan.

"Haben Sie zufällig vielleicht auch Sojamilch zum Kaffee da?"

Zwei Luxemburger Radfahrerinnen

Was war dein schönstes Erlebnis in der Zeit, in der du das Hotel leitest?

Johannes Nicolay: Oh da gab es schon sehr viele. Es gab an einem warmen Sommer-Nachmittag einmal zwei Luxemburger Radfahrerinnen, die überhaupt nicht wussten, dass wir ein veganes Hotel sind und auf der vollbesetzten Moselterrasse die letzten zwei Plätze wählten. Sie fragten dann, kaum hörbar mit vorgehaltener Hand, bei einer Servicemitarbeiterin nach ob wir vielleicht zufälligerweise Sojamilch hätten, da Sie vegan leben und so gerne einen Kaffee mit Milch trinken würden.

Die Servicemitarbeiterin lächelte, richtete sich auf, wand ihren Blick in Richtung der anderen 80 Gäste auf der Terrasse und fragte laut ob vielleicht alle Veganer kurz aufstehen könnten. Alle standen auf und unsere Servicefachkraft sah immer noch lächeln in die verdutzten Gesichter der zwei Damen, die den Tränen nah waren vor ungläubiger Begeisterung diesen Ort, unser Haus, gefunden zu haben.

Sind Gäste eines veganen Hotels nachhaltiger, was Verschwendung im Hotel angeht?

Johannes Nicolay: Eine Interessante Frage. Tatsächlich sind die Gäste umsichtiger in vielerlei Hinsicht. Ich würde rückblickend zustimmen, dass unsere veganen Gäste tatsächlich nachhaltiger und umfassender denken was Verbrauchsgüter aber auch Serviceangebote wie Wäschewechsel und ähnliches angeht.

Auf welche Highlights können wir uns in naher Zukunft noch freuen?

Johannes Nicolay: Die Jahreszeitenfeste sind fester Bestandteil unseres Ablaufplans und tatsächlich sehr beliebt. Silvester ist jedes Jahr DAS Highlight und wir buchen seit Jahren weitere Hotels und Pensionen zu um die Nachfrage zu erfüllen und mit den Einnahmen auch schlechter ausgelastete Zeiten finanziell aus zu gleichen. Das werden wir in Zukunft nicht mehr tun. 120 ist die maximale Personenzahl, die wir in Zukunft annehmen. Ohne Ausnahmen, ohne Promibonus. In Zukunft kommen Yoga-Treatments hinzu und wir arbeiten an Massage-Konzepten.

“If I can make it here YOU can make it anywhere - BE the change you want to see in the world!”

Was möchtest du zum Schluss noch unbedingt loswerden?

Johannes Nicolay: “If I can make it here YOU can make it anywhere” und “be the change you want to see in the world”. Das sind meine zwei Begleitsätze. Oft war der unumstößliche Glaube daran mit meinem veganen Weg das Richtige zu tun das einzige was ich noch hatte. Versucht das zu fühlen, wenn Ihr diesen Weg einschlagt. Egal was kommt. Egal wie schwer es ist.
Es bleibt richtig, vegan zu Leben. Immer!

Mehr Infos zum Hotel:

Photos by: Ralf Scholz | Stefan Nagott | Thomas Junk | Philip Knoll | Unsplash

*Nach Verfügbarkeit in Absprache mit dem Hotel.  Anreisetag: Freitag Abreisetag: Sonntag Aufenthalt: 3 Tage | außgenommen Jahrszeitenfesten/Weihnachten u. Silvester | Teilnahmebedingungen beachten.

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