Parallel zum Cannstatter Volksfest zeigt das Landwirtschaftliche Hauptfest ab Sonntag rund 600 Tiere in sechs Zelten. Kinder aus der Stadt sollen so erleben, wie Landwirtschaft funktioniert. PETA protestiert zum Auftakt mit einem Lkw, aus dem Schreie von Schweinen kommen. Im Programm des Veranstalters steht außerdem eine neue Sonderschau: Kälber ziehen für die Festtage aus ihrem Stall auf das Messegelände um.

Sechs Tierzelte, 600 Tiere, acht Tage.
Das Landwirtschaftliche Hauptfest, kurz LWH, findet nur alle vier Jahre statt, diesmal vom 27. September bis 4. Oktober 2026 auf dem Cannstatter Wasen. Veranstalter ist der Landesbauernverband in Baden-Württemberg, ausgerichtet wird das Fest von der städtischen in.Stuttgart, unterstützt vom Landwirtschaftsministerium. Auf acht Messehallen und sechs Tierzelte verteilen sich nach Angaben der Veranstalter über 600 Tiere: Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Pferde, Esel, Alpakas, Kaninchen, Geflügel, Tauben und Fische. 2022 kamen rund 150.000 Menschen.
Das erklärte Ziel ist, „moderne Landwirtschaft in all ihren Facetten hautnah zu erleben“. Vor allem Schulklassen sollen kommen, es gibt Führungen, eine Rallye und eine Schülerpressekonferenz. Das Fest hat eine lange Geschichte: König Wilhelm I. stiftete es 1818 nach der Hungersnot von 1816 und 1817, schon damals mit einer Prämierung von Pferden, Rindern, Schafen und Schweinen. Aus diesem Landwirtschaftsfest ist das heutige Cannstatter Volksfest entstanden.
Was PETA am Sonntag vorhat.
Zum Auftakt am Sonntag, 27. September, stellt PETA von 12:30 bis 14 Uhr an der Mercedesstraße 35 einen Lkw ab. Er heißt „Hell on Wheels“ und ist einem Schweinetransporter nachempfunden, aus Lautsprechern kommen nach Angaben der Organisation echte Tonaufnahmen von Schweinen auf dem Weg zum Schlachthof. Die Aufschrift lautet: „Stört dich das? Dann lebe vegan.“
In ihrer Pressemitteilung fordert PETA die Veranstalter auf, „keine Tiere auf der Messe auszustellen“. Die Begründung: „Der Transport, die Besuchermassen, der Lärm und die fremde Umgebung bergen ein hohes Stresspotenzial für die Tiere.“ Lisa Kainz, Agrarwissenschaftlerin und Fachreferentin bei PETA, nutzt den Anlass zugleich für die grundsätzliche Kritik an Fleischkonsum und Tiertransporten. Der Truck tourt derzeit durch mehrere Städte, im September stand er unter anderem vor der Agrarministerkonferenz in Würzburg.

Am selben Sonntag zieht auch der traditionelle Volksfestumzug durch Bad Cannstatt, laut Stuttgarter Zeitung wieder mit Schweinen, Ziegen, Eseln und Pferden. Auch dagegen gab es im Sommer Protest aus dem Gemeinderat.
Der Kälberstall auf dem Messegelände.
Zum ersten Mal gibt es beim LWH eine Sonderschau zur Kälberhaltung. Der Veranstalter beschreibt sie auf seiner Website so: „Für die Dauer des Landwirtschaftlichen Hauptfests ziehen Kälber aus ihrem gewohnten Stall in einen eigens aufgebauten Kälberstall auf dem Messegelände um.“ Kinder sollen dort lernen, „wie Landwirte täglich für das Wohl ihrer Tiere sorgen“. Mehrmals täglich fährt ein sogenanntes Milchtaxi vor, ein Tränkewagen, der zeigt, wie junge Kälber auf den Höfen gefüttert werden.
Dass Kälber aus dem Eimer oder vom Tränkewagen trinken, liegt daran, dass sie von ihren Müttern getrennt werden. Das Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, eine Einrichtung der Bundesregierung, schreibt dazu: „Kälber werden in der Regel wenige Stunden nach der Geburt von der Mutter getrennt.“ Sie bekommen danach Milch oder Milchaustauscher aus dem Eimer, weil die Milch der Mutter verkauft wird. Das Milchtaxi ersetzt also die Kuh.
Auch das Folgende steht beim Bundesinformationszentrum und kommt in keiner Messebeschreibung vor: Für die männlichen Kälber und einen Teil der weiblichen haben Milchviehbetriebe „in der Regel keine Verwendung“. Sie verlassen den Hof meist nach wenigen Wochen und werden an Mastbetriebe abgegeben, das gilt auch für Bio-Betriebe. Kälber aus Milchrassen lassen sich laut derselben Quelle kaum gewinnbringend mästen, weil es ein Überangebot gibt. Kinder, die am Kälberstall stehen, sehen gut versorgte Jungtiere. Dass die meisten davon geboren wurden, damit ihre Mütter Milch geben, erfahren sie dort nicht.
Was eine Messe für Tiere bedeutet.
Zu Stress bei Tierschauen gibt es Forschung. Die Verhaltensforscherin Temple Grandin, die seit Jahrzehnten zum Umgang mit Nutztieren forscht, beschreibt Neues als starken Stressfaktor, wenn ein Tier plötzlich damit konfrontiert wird. In einer späteren Arbeit berichtet sie von Tieren, die zu Hause ruhig waren und auf der Schau stark aufgeregt. Fairerweise gehört dazu, dass Grandin auch schreibt: Wie stark ein Tier reagiert, hängt von Gewöhnung und Temperament ab, und manche Tiere gewöhnen sich an Transport und Umgang.
Die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz hat sich 2025 zu Pferdeboxen auf Veranstaltungen geäußert. Mobile Boxen entsprächen „in der Regel nicht den Mindestvorgaben“, und wegen der erhöhten Reizbelastung auf Veranstaltungen komme dem Ruhebedürfnis der Tiere eine zentrale Rolle zu. Bei Milchkühen auf Schauen ist ein weiteres Problem dokumentiert: Tierärzte der Universität Bern beschrieben 2019 Kühe, deren Euter durch verlängerte Melkpausen übervoll gezeigt werden, um sie eindrucksvoller wirken zu lassen. Ob so etwas beim LWH vorkommt, wissen wir nicht. Es zeigt aber, dass Tierschauen eigene Anreize setzen, die nicht dem Tier dienen.
Keine Angaben zu Tierärzten, Ruhezeiten und Transport.
Wer wissen will, wie die 600 Tiere auf dem Wasen betreut werden, findet beim Veranstalter keine Antwort. Auf der Website des LWH, in den Programmunterlagen, im Flyer und in der Hausordnung stehen keine Angaben dazu, ob und wie oft Tierärztinnen und Tierärzte vor Ort sind, wann die Zelte für Besucher geschlossen werden, damit die Tiere Ruhe haben, woher die Tiere kommen und wie lange sie transportiert werden. Für eine Veranstaltung, die ausdrücklich zeigen will, wie gut Landwirte für ihre Tiere sorgen, ist das eine auffällige Lücke.
Was in.Stuttgart auf die Kritik antwortet.
Das Stuttgarter Stadtmagazin EchtStuttgart hat beim Ausrichter nachgefragt und schreibt, die Veranstalter reagierten „souverän“. Die Antwort von in.Stuttgart-Sprecherin Stefanie Hirrle lautet, das Volksfest und das Hauptfest seien für alle da, dazu gehöre auch das Demonstrationsrecht, unterschiedliche Sichtweisen gehörten zu einer offenen Gesellschaft.
Das ist eine korrekte Aussage zum Versammlungsrecht. Zu den Tieren sagt sie nichts. PETA fordert, dass Tiere nicht mehr acht Tage lang in Messezelten zwischen Tausenden Besuchern stehen. Dass demonstriert werden darf, hat niemand bestritten. Dass eine Redaktion eine Antwort als souverän bezeichnet, die auf diese Frage gar nicht eingeht, zeigt, wie selbstverständlich Tierschauen auf dem Wasen noch sind. Zur Einordnung gehört auch, dass PETA beim Frühlingsfest 2024 mit einer Bühnenaktion beim Fassanstich für Aufsehen gesorgt hatte. Diesmal hat die Organisation ihren Protest vorab angemeldet und hält Abstand zum Festgelände.
1818 gegen den Hunger, 2025 mit 44,9 Millionen Schweinen.
Das Fest entstand, weil Menschen hungerten und die Landwirtschaft sie ernähren sollte. Laut Statistischem Bundesamt wurden in Deutschland 2025 rund 44,9 Millionen Schweine geschlachtet, dazu 640,3 Millionen Masthühner. Die Produktion von Hähnchenfleisch ist im selben Jahr um 3,6 Prozent gestiegen.
Diese Tiere sehen Besucherinnen und Besucher auf einer Schau kaum. Gezeigt werden einzelne, gepflegte, oft prämierte Tiere, dazu Kaninchen, Alpakas und Esel, die zum Streicheln einladen. Die Hallen, in denen der Großteil der Schweine und Hühner lebt, der Schlachthof und die Tiertransporte gehören nicht zum Rundgang. Wer Kindern Landwirtschaft zeigen will, zeigt ihnen damit einen Ausschnitt, der sich gut anfühlt. Nebenan im Albdorf gibt es übrigens Wildspezialitäten und schwäbischen Fisch.
Wir halten Tierschauen auch dann für falsch, wenn sie der Bildung dienen sollen. Ein Kalb, das für eine Woche aus seinem Stall auf ein Festgelände zieht, lernt dort nichts. Die Kinder, die es anschauen, lernen vor allem, dass Tiere zur Verfügung stehen. Wie viele Tiere andernorts auf Volksfesten verbraucht werden, haben wir für die Münchner Wiesn in unserem Oktoberfest-Guide zusammengetragen. Was vor Gericht landet, wenn Tierhaltung eskaliert, steht in unserem Bericht über das erste Urteil zur Anbindehaltung.
Tiere kennenlernen, ohne sie auszustellen.
Kinder sollten Tieren begegnen können. Auf Lebenshöfen leben Rinder, Schweine und Hühner, die aus der Nutzung gerettet wurden, dauerhaft und ohne Zweck. Viele öffnen für Besuche und Schulklassen, und die Tiere dort bleiben, wenn die Gäste gehen. Höfe in Baden-Württemberg und im ganzen Land findest du in unserem Lebenshof-Atlas.
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So haben wir recherchiert ●
Anlass ist der Bericht von EchtStuttgart vom 23. September 2026. Die Angaben zum LWH stammen von der offiziellen Website lwh-stuttgart.de (Veranstalter, Tierzahl, Tierarten, Kälberstall, Geschichte). Die Forderungen und Zitate von PETA stammen aus der Pressemitteilung vom 23. September 2026; PETA ist in dieser Auseinandersetzung Partei. Die Angaben zur Kälberhaltung stammen vom Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (Stand Oktober 2025), die Schlachtzahlen vom Statistischen Bundesamt (Pressemitteilung Februar 2026). Zum Stress bei Tierschauen stützen wir uns auf Grandin (Journal of Animal Science 1997; Animals 2015), die Stellungnahme der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz zu Pferdeboxen auf Veranstaltungen (Februar 2025) und Balmer und Steiner (Schweizer Archiv für Tierheilkunde 2019). Angaben zum Volksfestumzug stammen aus der Stuttgarter Zeitung. Die Fotos stammen von PETA und werden im Rahmen der Berichterstattung mit Quellenangabe verwendet. Dieser Artikel enthält keine Affiliate-Links. Stand: 24. September 2026.
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Was PETA am Sonntag vorhat.?
Was eine Messe für Tiere bedeutet.?
Was in.Stuttgart auf die Kritik antwortet.?
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