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Ernährungsinitiative abgelehnt: Was von der Vegan-Zwang-Debatte bleibt

Die Schweiz sagt Nein zur Ernährungsinitiative. Die Zahlen, über die gestritten wurde, sind damit nicht weg. Was das Ergebnis zeigt und was offen bleibt.

Die Schweiz hat am 27. September 2026 über die Ernährungsinitiative abgestimmt, und das Ergebnis ist deutlich: 72,5 Prozent der Stimmenden haben die Vorlage abgelehnt, 27,5 Prozent waren dafür. Auch bei den Ständen gibt es keine Mehrheit, kein einziger Kanton hat zugestimmt. Die Stimmbeteiligung lag bei 47,0 Prozent.

Damit ist das Ziel vom Tisch, den Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz innerhalb von zehn Jahren von rund 42 auf mindestens 70 Prozent zu heben, mit mehr pflanzlichen Lebensmitteln und weniger Tierhaltung auf importiertem Futter. Die Fragen, die die Initiative gestellt hat, sind es nicht.

Wir haben vor der Abstimmung die Kampagne des Schweizer Bauernverbands auseinandergenommen, die aus der Initiative einen „Vegan-Zwang” gemacht hat. Hier geht es um das Ergebnis und darum, was davon übrig bleibt.

Inhalt7 Kapitel
  1. 01Das Ergebnis in Zahlen
  2. 02So schnell ist die Stimmung gekippt
  3. 03Warum das Nein keine Überraschung ist
  4. 04Was von der Debatte bleibt
  5. 05Und die Tiere?
  6. 06Was das für Deutschland heißt
  7. 07Transparenz und Quellen

Das Ergebnis in Zahlen

Nein 72,5 Prozent (1.908.368 Stimmen)
Ja 27,5 Prozent (723.142 Stimmen)
Stände 0 Ja, 23 Nein
Stimmbeteiligung 47,0 Prozent
Höchster Ja-Anteil Genf (37,4 Prozent)
Tiefster Ja-Anteil Schwyz (19,0 Prozent)

Stand: amtliches Endergebnis vom 27. September 2026, 16.12 Uhr, Quelle: Bundesamt für Statistik.

So schnell ist die Stimmung gekippt

Anfang August sah das noch ganz anders aus. In der ersten SRG-Trendumfrage von gfs.bern lagen Ja und Nein praktisch gleichauf, die Initiative startete mit 47 Prozent Zustimmung. Einen Monat später, in der zweiten Welle vom 2. bis 9. September mit knapp 13.000 Befragten, waren es noch 33 Prozent Ja und 64 Prozent Nein. Ein Minus von 14 Prozentpunkten in wenigen Wochen.

Spannend ist, woran das lag. Die Anliegen selbst kamen gut an: 78 Prozent der Befragten fanden das Argument Wasserschutz überzeugend, 71 Prozent das Argument Versorgungssicherheit. Gezogen hat auf der Gegenseite vor allem das Tempo. 74 Prozent hielten 70 Prozent Selbstversorgung in zehn Jahren für unrealistisch.

Heißt übersetzt: Viele Schweizer:innen teilen das Ziel und haben trotzdem Nein gesagt, weil ihnen der Weg zu schnell und zu starr war. Das ist ein Unterschied zu dem, was der Bauernverband plakatiert hat. Dort ging es um den Teller, um den „letzten Cervelat” und um einen Staat, der den Menüplan befiehlt.

Warum das Nein keine Überraschung ist

Die Initiative hatte von Anfang an kaum Verbündete. Im National- und im Ständerat bekam sie keine einzige Ja-Stimme. SVP, FDP, Mitte, GLP und SP empfahlen ein Nein, die Grünen gaben die Stimme frei. Ein Ja empfahlen nur PdA, Junge Grüne und Juso. Auch große Umweltverbände waren dagegen, mit demselben Argument wie der Bundesrat: zu viel in zu kurzer Zeit.

Getragen wurde die Vorlage im Kern vom Verein Sauberes Wasser für alle um Franziska Herren, die schon hinter der Trinkwasserinitiative stand. Gegen sie stand eine Nein-Allianz mit dem Bauernverband an der Spitze und deutlich mehr Geld für die Kampagne.

Unter diesen Bedingungen 72,5 zu 27,5 zu verlieren, ist eine klare Niederlage. Dass 27,5 Prozent für eine Vorlage stimmen, die keine einzige große Partei unterstützt hat und die als Angriff auf die Wurst verkauft wurde, ist trotzdem ein Signal. Zur Einordnung gehört aber auch: Die Trinkwasserinitiative, ebenfalls von Franziska Herren angestoßen, kam im Juni 2021 noch auf 39,3 Prozent Ja. Diesmal waren es knapp zwölf Prozentpunkte weniger.

Mähdrescher bei der Getreideernte auf einem Feld
Symbolbild. Foto: Wolfgang Weiser (Pexels)

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Was von der Debatte bleibt

Mit der Abstimmung ist keine einzige der Zahlen verschwunden, über die gestritten wurde.

Der Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz liegt bei rund 42 Prozent. Nach Angaben von Swissveg, das die Initiative unterstützt hat, lag er vor 20 Jahren noch bei 57 Prozent. Laut derselben Quelle wuchs auf 60 Prozent der Ackerflächen 2024 Futter für Tiere, und die Schweiz importierte 1,45 Millionen Tonnen Futtermittel, fast doppelt so viel wie zwei Jahrzehnte zuvor. Schweine und Hühner machen rund drei Viertel des Fleischkonsums aus, und die fressen kein Gras von der Alpweide.

Offen bleibt auch der Streit um die Agrarsubventionen. Die Initiantin spricht von 82 Prozent, die der Tierhaltung zugutekommen, Swissveg zitiert eine Stellungnahme des Bundesrates mit 78 Prozent, der Bauernverband sagt, rund 60 Prozent der Fördermaßnahmen ließen sich gar nicht zuordnen. Diese Differenz hat die Abstimmung nicht aufgelöst, und wir entscheiden sie auch hier nicht.

Was sich sagen lässt: Die Gegenseite hat die Initiative mit dem Argument bekämpft, sie sei zu schnell. Sie hat nicht bewiesen, dass die Richtung falsch ist. Im Gegenteil, der Bauernverband schrieb selbst, 70 Prozent Selbstversorgung seien nur mit einer weitgehend pflanzlichen Ernährung erreichbar. Wer das als Drohung formuliert, bestätigt nebenbei die Grundrechnung.

Und die Tiere?

Über sie wurde in diesem Abstimmungskampf am wenigsten gesprochen. Die Ja-Seite argumentierte mit Trinkwasser und Versorgungssicherheit, die Nein-Seite mit Freiheit auf dem Teller. Dass es bei der Frage, wie viel Futter importiert und wie viel Tierhaltung subventioniert wird, um Millionen empfindungsfähige Tiere geht, kam in beiden Kampagnen kaum vor.

Wir finden das bemerkenswert, gerade in einem Land, dessen Verfassung die Würde der Kreatur ausdrücklich schützt. Die Ernährungsinitiative hätte keine einzige Schlachtung verboten. Sie hätte Geld verschoben, und Geld entscheidet in der Landwirtschaft darüber, wie viele Tiere überhaupt erst gezüchtet werden. Dieses Nein lässt das System, das Jahr für Jahr Millionen Tiere auf importiertem Soja großzieht, so, wie es ist.

Was das für Deutschland heißt

Das Muster kennen wir von hier. Auch in Deutschland wird Ernährungssouveränität gerne gegen pflanzliche Produkte in Stellung gebracht, während der Großteil des importierten Sojas im Futtertrog landet. Wie viel Steuergeld hierzulande in welche Richtung fließt, haben wir in unserem Stück zu Agrarsubventionen und pflanzlicher Ernährung aufgeschlüsselt.

Eine Volksabstimmung über die Frage gibt es in Deutschland nicht. Die Debatte darüber, wofür Agrargeld ausgegeben wird, führen wir trotzdem, spätestens bei der nächsten Reform der EU-Agrarpolitik.

Transparenz und Quellen

Das Abstimmungsergebnis stammt vom Bundesamt für Statistik (amtliches Endergebnis, Stand 27. September 2026, 16.12 Uhr). Die Umfragewerte stammen aus der zweiten SRG-Trendumfrage von gfs.bern (Befragung 2. bis 9. September 2026, 12.916 Stimmberechtigte). Die Parolen der Parteien haben wir der Abstimmungsübersicht der Republik und der SRF-Berichterstattung entnommen.

Die Zahlen zu Selbstversorgung früher, Futtermittelimporten, Ackerflächen und Fleischkonsum stammen von Swissveg. Swissveg hat die Initiative unterstützt, die Angaben sind Position der Organisation und von uns nicht unabhängig geprüft. Die Belegkette dazu haben wir im Artikel zur Bauernverbands-Kampagne verlinkt. Bewertungen in diesem Text sind unsere eigenen.

Haeufige Fragen

FAQ - Das fragen andere

Warum das Nein keine Überraschung ist?
Die Initiative hatte von Anfang an kaum Verbündete. Im National- und im Ständerat bekam sie keine einzige Ja-Stimme. SVP, FDP, Mitte, GLP und SP empfahlen ein Nein, die Grünen gaben die Stimme frei. Ein Ja empfahlen nur PdA, Junge Grüne und Juso. Auch große Umweltverbände waren dagegen, mit demselben Argument wie der Bundesrat: zu viel in zu kurzer Zeit.
Was von der Debatte bleibt?
Mit der Abstimmung ist keine einzige der Zahlen verschwunden, über die gestritten wurde. Der Netto-Selbstversorgungsgrad der Schweiz liegt bei rund 42 Prozent. Nach Angaben von Swissveg, das die Initiative unterstützt hat, lag er vor 20 Jahren noch bei 57 Prozent.
Und die Tiere?
Über sie wurde in diesem Abstimmungskampf am wenigsten gesprochen. Die Ja-Seite argumentierte mit Trinkwasser und Versorgungssicherheit, die Nein-Seite mit Freiheit auf dem Teller. Dass es bei der Frage, wie viel Futter importiert und wie viel Tierhaltung subventioniert wird, um Millionen empfindungsfähige Tiere geht, kam in beiden Kampagnen kaum vor.
Was das für Deutschland heißt?
Das Muster kennen wir von hier. Auch in Deutschland wird Ernährungssouveränität gerne gegen pflanzliche Produkte in Stellung gebracht, während der Großteil des importierten Sojas im Futtertrog landet. Wie viel Steuergeld hierzulande in welche Richtung fließt, haben wir in unserem Stück zu Agrarsubventionen und pflanzlicher Ernährung aufgeschlüsselt.