Klimaschutz

Warum das Schnitzel künstlich billig ist und Gemüse teuer wirkt

Ein neuer UN-Bericht rechnet vor, warum sich 2,7 Milliarden Menschen keine gesunde Ernaehrung leisten koennen. Ein Grund steckt tief im System: wie Staaten Landwirtschaft foerdern.

Person beim Lebensmitteleinkauf im Supermarkt
Foto: Adobe Stock

Stell dir vor, du stehst im Supermarkt. Ein abgepacktes Schnitzel kostet ein paar Euro. Daneben liegt Brokkoli, und irgendwie hast du das Gefühl, dass die Handvoll Gemüse im Verhältnis fast teurer ist als das Stück Fleisch. Dieses Gefühl täuscht dich nicht.

Dahinter steckt keine Laune des Marktes, sondern eine politische Entscheidung, die die meisten von uns nie zu sehen bekommen. Regierungen weltweit geben jedes Jahr hunderte Milliarden aus, um Landwirtschaft zu fördern. Und das Geld fliesst nicht gleichmäßig. Es macht manche Lebensmittel künstlich günstig und lässt andere relativ teuer aussehen.

Genau darauf legt der neue Welternährungsbericht der Vereinten Nationen den Finger. Er ist im Juli erschienen, heisst offiziell “The State of Food Security and Nutrition in the World” (kurz SOFI) und wird von fünf UN-Organisationen zusammen erarbeitet: FAO, IFAD, UNICEF, WFP und WHO. Das Thema diesmal: warum eine gesunde Ernährung für so viele Menschen unbezahlbar bleibt.

Inhalt6 Kapitel
  1. 01Die kurze Antwort
  2. 02Was die Zahlen sagen
  3. 03Wie Subventionen die Preise verzerren
  4. 04So belastbar sind die Zahlen
  5. 05Was das für deinen Einkaufszettel heisst
  6. 06Häufige Fragen

Die kurze Antwort

Rund 2,69 Milliarden Menschen konnten sich 2025 keine gesunde Ernährung leisten, das sind etwa 32,7 Prozent der Weltbevölkerung. Der UN-Bericht SOFI 2026 nennt als einen strukturellen Grund die Ausgestaltung der Agrarförderung: Ein Grossteil der weltweit rund 540 Milliarden US-Dollar Agrar-Unterstützung pro Jahr verzerrt Preise und begünstigt kalorienreiche Grundnahrungsmittel sowie Fleisch und Milch, während Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte kaum gefördert werden.

Titelseite des UN-Berichts zur Lage der Ernaehrungssicherheit weltweit
Der Bericht SOFI 2026 wird von fünf UN-Organisationen gemeinsam herausgegeben. © FAO

Was die Zahlen sagen

Die gute Nachricht zürst: Der Hunger geht zurück. 2025 waren nach Schätzung des Berichts rund 645 Millionen Menschen von Hunger betroffen, also 7,8 Prozent der Weltbevölkerung. Das sind etwa 14 Millionen weniger als im Vorjahr und 43 Millionen weniger als auf dem Höhepunkt 2022. Drei Jahre in Folge geht die Kurve nach unten.

Die schlechte Nachricht steckt eine Ebene darunter. Satt werden ist das eine. Sich gut ernähren das andere. Und da hakt es gewaltig. Fast ein Drittel der Menschheit kann sich keine gesunde Ernährung leisten, definiert als eine Ernährung mit genug Vielfalt aus allen Lebensmittelgruppen. In Afrika betrifft das zwei Drittel der Bevölkerung, konkret 66,6 Prozent.

Warum ist gesundes Essen so teuer? Der Bericht liefert zwei Puzzleteile. Erstens: Die teuersten Bausteine einer gesunden Ernährung sind tierische Lebensmittel, Obst und Gemüse. Zusammen machen sie fast 70 Prozent der Kosten einer gesunden Ernährung aus. Zweitens: Ein grosser Teil des Preises entsteht erst nach dem Feld. Lagerung, Verarbeitung, Transport und Handel schlagen mit 70 bis 75 Prozent dessen zu Buche, was am Ende an der Kasse liegt. Fehlende Kühlketten und schlechte Strassen machen frisches, leicht verderbliches Gemüse teuer. Ein Sack Reis übersteht solche Wege problemlos.

Einmal pro Woche das Beste aus dem Magazin

Neue Tests, Rezepte und echte Recherchen, dazu die Rabattcodes unserer Partner. Kostenlos und jederzeit abbestellbar.

Wie Subventionen die Preise verzerren

Jetzt zum unsichtbaren Teil. Wenn ein Staat Landwirtschaft fördert, tut er das selten neutral. Er knüpft einen grossen Teil der Zahlungen an bestimmte Produkte. Wer eine bestimmte Menge Getreide, Zucker oder in reichen Ländern Fleisch und Milch produziert, bekommt Geld oder profitiert von Garantiepreisen und Zöllen, die ausländische Konkurrenz teurer machen. Fachleute nennen das preisstützende Massnahmen und gekoppelte Subventionen.

Der Effekt: Diese Produkte werden für den Erzeuger attraktiver, also wird mehr davon angebaut, also fällt der Ladenpreis. Ein Teil der Förderung landet indirekt in deinem billigen Schnitzel. Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte gehen bei dieser Logik meist leer aus. Sie bekommen deutlich weniger Unterstützung und wirken im Regal dadurch teurer, als sie es in einem neutralen System wären.

Wie gross ist dieser Topf? Eine gemeinsame Analyse von FAO, UNDP und UNEP hat die weltweite Unterstützung für Agrarproduzenten auf durchschnittlich rund 540 Milliarden US-Dollar pro Jahr beziffert (Zeitraum 2013 bis 2018), das entspricht etwa 15 Prozent des gesamten Produktionswerts der Landwirtschaft. Und der entscheidende Satz: Rund 87 Prozent davon, also etwa 470 Milliarden US-Dollar, wirken preisverzerrend oder sind schädlich für Umwelt und Gesundheit. Der Bericht nennt ausdrücklich die überdimensionierte Fleisch- und Milchindustrie in reichen Ländern, die allein für 14,5 Prozent der globalen Treibhausgase steht. Bis 2030 könnte die gesamte Agrar-Unterstützung auf 1,759 Billionen US-Dollar steigen.

Der SOFI-Bericht 2026 zieht daraus eine klare Empfehlung: öffentliche Förderung weg von der Monokultur weniger Grundnahrungsmittel, hin zu nährstoffreichen Lebensmitteln wie Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten. Dazu Investitionen in Kühlketten und Transport, damit frische Ware nicht auf dem Weg zur Kasse teuer oder schlecht wird. Die Empfehlung nimmt Bauern nichts weg, sie lenkt das vorhandene Geld anders.

So belastbar sind die Zahlen

Kurz zur Einordnung, denn Zahl ist nicht gleich Zahl. Der SOFI-Bericht ist der jährliche Standard-Report der Vereinten Nationen zur Welternährung, getragen von fünf Organisationen und rund 250 Seiten stark. Er stützt sich auf offizielle Statistiken der Mitgliedsländer. Die Angaben zu Hunger und zur Bezahlbarkeit gesunder Ernährung stammen aus dieser Ausgabe von 2026.

Die 540 Milliarden US-Dollar sind älter. Sie kommen aus dem Bericht “A Multi-Billion-Dollar Opportunity” von FAO, UNDP und UNEP aus dem Jahr 2021 und beziehen sich auf den Durchschnitt der Jahre 2013 bis 2018. Wir nennen die Quelle getrennt, damit du weisst: Das ist die belastbare Größenordnung der Agrarförderung, nicht eine tagesaktuelle Kassenzahl. Der SOFI-Bericht 2026 baut auf dieser Logik auf und empfiehlt genau das Umsteuern. Wichtig zur Ehrlichkeit: Nicht jeder dieser 540 Milliarden landet in einem Steak. Aber die Systematik begünstigt kalorienreiche Massenware und benachteiligt frisches, pflanzliches Essen.

Was das für deinen Einkaufszettel heisst

Erstmal eine Entlastung: Wenn dir Gemüse im Verhältnis teuer vorkommt, liegt das nicht an deinem Geldbeutel und nicht an deiner Vernunft. Der Preis ist politisch gemacht. Das nimmt ein bisschen den Druck raus, den viele beim Thema pflanzliche Ernährung spüren.

Praktisch heisst das: Die günstigsten pflanzlichen Grundnahrungsmittel sind erstaunlich oft die nährstoffreichen. Hülsenfrüchte wie Linsen, Kichererbsen und Bohnen liefern viel Eiweiß pro Euro und profitieren nicht von teuren Kühlketten. Wer den Eiweissbedarf pflanzlich decken will, findet hier die günstigste Ecke des Supermarkts. Wir haben die besten pflanzlichen Proteinquellen einmal durchsortiert, viele davon kosten pro Portion weniger als Fleisch.

Und die große Ebene? Da passiert etwas. Städte wie Amsterdam haben begonnen, Fleischwerbung im öffentlichen Raum einzuschränken. In Deutschland wird darüber diskutiert, öffentliche Kantinen stärker pflanzlich auszurichten, was Milliarden an Steuergeld anders lenken würde. Und wer wissen will, ob der eigene Einkauf überhaupt etwas fürs Klima bringt, findet bei uns eine ehrliche Rechnung dazu, ob Verzicht fürs Klima etwas bringt.

Weites Getreidefeld als Monokultur bei der Ernte
Ein Grossteil der weltweiten Agrarförderung fliesst in wenige Grundnahrungsmittel. (Symbolbild)

Häufige Fragen

Werden pflanzliche Lebensmittel gar nicht subventioniert?

Doch, teilweise. Aber im Vergleich zu Grundnahrungsmitteln und tierischen Produkten bekommen Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte deutlich weniger direkte Unterstützung. Die grossen preisstützenden Förderungen sind historisch an wenige Kalorienträger und in reichen Ländern an Fleisch und Milch gekoppelt. Deshalb wirkt frisches Gemüse im Regal relativ teuer.

Heisst das, mein Fleisch wäre ohne Subventionen unbezahlbar?

Nicht unbezahlbar, aber teurer, und ehrlicher bepreist. Ein Teil der günstigen Preise für tierische Produkte entsteht durch staatliche Stützung und durch Kosten, die nicht auf dem Kassenbon stehen, etwa Umwelt- und Klimafolgen. Der UN-Bericht argumentiert, dass ein faireres System diese Verzerrung abbauen würde.

Was fordert der SOFI-Bericht konkret?

Er empfiehlt, die vorhandene Agrarförderung umzuschichten: weg von der Monokultur weniger Grundnahrungsmittel, hin zu nährstoffreichen Lebensmitteln. Dazu Investitionen in Lagerung, Kühlketten und Transport, damit frische Ware bezahlbar bleibt. Ziel ist, gesunde Ernährung für mehr Menschen erschwinglich zu machen.

Sind das aktuelle Zahlen?

Die Angaben zu Hunger und Bezahlbarkeit stammen aus dem SOFI-Bericht 2026 und beziehen sich auf das Jahr 2025. Die 540 Milliarden US-Dollar Agrarförderung stammen aus einer FAO-Analyse und beziehen sich auf den Durchschnitt 2013 bis 2018. Beide Quellen sind unten verlinkt.

Quellen & Einordnung: Zahlen zu Hunger und Bezahlbarkeit aus dem UN-Bericht The State of Food Security and Nutrition in the World 2026 (SOFI, herausgegeben von FAO, IFAD, UNICEF, WFP und WHO) sowie der FAO-Meldung zum Bericht. Die Größenordnung der Agrarförderung (rund 540 Mrd. US-Dollar/Jahr, davon rund 87 Prozent preisverzerrend) stammt aus dem Bericht A Multi-Billion-Dollar Opportunity von FAO, UNDP und UNEP (2021), zusammengefasst auch bei UN News. Stand: Juli 2026.

Du willst unsere Meldungen in den Google-Top-Stories weiter oben sehen? Füge This Is Vegan bei Google als bevorzugte Quelle hinzu.