2,53 Milliarden Euro im Jahr: Was pflanzliche Kantinen Deutschland sparen könnten

Es klingt nach einer dieser Zahlen, die zu gut sind, um zu stimmen: Eine überwiegend pflanzliche Verpflegung in Schulen, Krankenhäusern, Universitäten, beim Militär und in anderen öffentlichen Einrichtungen würde Deutschland jedes Jahr 2,53 Milliarden Euro sparen. Kein Verzicht, kein Verbot, nur ein anderer Speiseplan in den Kantinen des Staates. Genau das hat eine neue Studie im Auftrag von ProVeg International durchgerechnet, und die Zahlen sind erstaunlich eindeutig.
Die kurze Antwort: Bei einer Umstellung auf 85 Prozent pflanzliche Verpflegung in öffentlichen Einrichtungen spart Deutschland pro Jahr rund 2,53 Milliarden Euro gegenüber heute. Diese Summe setzt sich aus günstigeren Lebensmitteln, vermiedenen Umweltfolgekosten und eingesparten Gesundheitskosten zusammen. In der gesamten EU wären es über elf Milliarden Euro.
Was die Studie gerechnet hat
Hinter den Zahlen steckt das Team von Bryant Research, das im Auftrag von ProVeg modelliert hat, was passiert, wenn öffentliche Einrichtungen ihr Beschaffungsbudget für Lebensmittel umstrukturieren. Untersucht wurden drei Szenarien mit einem pflanzenbasierten Anteil der Verpflegung von 65, 75 und 85 Prozent. Für jedes Szenario haben die Forschenden drei Arten von Kosten verglichen: die reinen Lebensmittelkosten, die Umweltfolgekosten und die gesellschaftlichen Gesundheitskosten durch ernährungsbedingte Krankheiten.
Das Ergebnis fällt in allen drei Szenarien positiv aus, und je pflanzlicher die Verpflegung, desto größer die Ersparnis. Öffentliche Kantinen sind dafür ein idealer Hebel, weil hier der Staat direkt entscheidet, was auf die Teller kommt, und weil täglich Millionen Menschen erreicht werden.
Woraus sich die 2,53 Milliarden zusammensetzen
Die Gesamtsumme für Deutschland im 85-Prozent-Szenario verteilt sich auf drei Blöcke, und der größte davon ist die Gesundheit. Rund 0,99 Milliarden Euro entfallen auf vermiedene Krankheitskosten, weil eine pflanzenbetonte Ernährung ernährungsbedingten Erkrankungen vorbeugt. Etwa 0,84 Milliarden Euro spart der Staat bei den reinen Lebensmittelkosten, weil pflanzliche Zutaten im Einkauf oft günstiger sind als Fleisch, Fisch und Käse. Und rund 0,70 Milliarden Euro entfallen auf vermiedene Umweltfolgekosten, also auf Schäden am Klima, an der Luft und am Wasser, die gar nicht erst entstehen.
Pflanzenbetonte öffentliche Verpflegung spart gleich dreifach: beim Einkauf, bei den Umweltfolgen und bei den Gesundheitskosten. In Deutschland summiert sich das auf 2,53 Milliarden Euro im Jahr, dazu rund 70.000 verhinderte Krankheitsfälle.
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Jetzt kostenlos anmeldenDer Blick auf die gesamte EU
So groß die deutsche Zahl schon ist, im europäischen Maßstab wird sie noch beeindruckender. Für die gesamte EU rechnet die Studie bei 85 Prozent pflanzlicher Verpflegung mit einer jährlichen Ersparnis von über 11,6 Milliarden Euro. Selbst die moderateren Szenarien wirken deutlich: Bei 75 Prozent pflanzlicher Kost wären es über 7,4 Milliarden Euro, bei 65 Prozent immer noch mehr als 3,2 Milliarden Euro pro Jahr.
Diese Summen entstehen Jahr für Jahr, nicht einmalig. Über ein Jahrzehnt gerechnet reden wir über einen dreistelligen Milliardenbetrag, den öffentliche Haushalte in Europa freispielen könnten, indem sie schlicht mehr Pflanzen auf die Teller bringen.
Warum Schulen der größte Hebel sind
Einen Bereich hebt die Studie besonders hervor: die Schulen. Auf sie entfallen 39 Prozent des institutionellen Konsums tierischer Produkte in der EU, mehr als auf jeden anderen Bereich. Pflegeheime und Militär folgen mit je rund 17 Prozent, Krankenhäuser mit 15 Prozent, dahinter Universitäten und Justizvollzug. Wer beim Schulessen ansetzt, bewegt also den größten Anteil auf einmal.
Der Schulhebel ist auch aus einem zweiten Grund wertvoll. Eine pflanzenbetonte Schulverpflegung könnte das Risiko für Übergewicht bei Hunderttausenden Jugendlichen in der EU senken. Allein in Deutschland verhindert das 85-Prozent-Szenario nach der Modellrechnung rund 70.000 ernährungsbedingte Krankheitsfälle pro Jahr, EU-weit sind es fast 400.000. Kinder, die früh gutes pflanzliches Essen kennenlernen, nehmen diese Gewohnheit außerdem oft ins Erwachsenenleben mit.
Was das für die Politik bedeutet
Die Botschaft der Studie ist unbequem für alle, die pflanzliche Ernährung als teures Nischenthema abtun. Hier geht es um öffentliche Gelder, um Steuergeld, das sich sparen ließe, während gleichzeitig Klima und Gesundheit profitieren. Deutschland hat mit der überarbeiteten Ernährungsstrategie und den Empfehlungen der Fachgesellschaften bereits Rückenwind in diese Richtung. Auch andere Länder bewegen sich, etwa mit Reformen beim Schulessen, wie wir sie im Beitrag zur britischen Schulessen-Reform beschrieben haben.
Öffentliche Kantinen sind dabei mehr als nur ein Kostenfaktor. Sie prägen, was als normales Essen gilt. Wenn der Staat in seinen eigenen Einrichtungen zeigt, dass pflanzliche Verpflegung günstig, gesund und alltagstauglich ist, verschiebt das die Normalität für Millionen Menschen. Wie sich der pflanzliche Markt in Deutschland ohnehin entwickelt, zeigt unser Überblick zum pflanzlichen Markt in Deutschland.
Vegetarier bin ich seit meinem sechsten Lebensjahr, vegan seit knapp zwanzig Jahren, und in dieser Zeit habe ich die Debatte immer im gleichen Muster erlebt: Pflanzlich sei ja schön und gut, aber teuer und unrealistisch. Diese Studie dreht genau dieses Argument um. Es geht nicht um Ideologie, sondern um eine Rechnung, die aufgeht: für den Haushalt, fürs Klima und für die Gesundheit. Wenn eine Umstellung Milliarden spart und obendrein Zehntausende Menschen gesünder hält, dann ist die eigentlich erklärungsbedürftige Position, warum wir es noch nicht längst tun.
Häufige Fragen
Wie viel spart Deutschland durch pflanzliche öffentliche Verpflegung?
Bei einer Umstellung auf 85 Prozent pflanzliche Kost in öffentlichen Einrichtungen rund 2,53 Milliarden Euro pro Jahr. Die Summe setzt sich aus Lebensmittelkosten, Umweltfolgekosten und Gesundheitskosten zusammen.
Wie viel würde die gesamte EU sparen?
Über 11,6 Milliarden Euro pro Jahr im 85-Prozent-Szenario. Bei 75 Prozent wären es über 7,4 Milliarden Euro, bei 65 Prozent mehr als 3,2 Milliarden Euro.
Warum sind Schulen der größte Hebel?
Auf Schulen entfallen 39 Prozent der tierischen Portionen in öffentlichen Einrichtungen der EU, mehr als auf jeden anderen Bereich. Eine Reform beim Schulessen bewegt deshalb den größten Anteil auf einmal und kann das Übergewichtsrisiko vieler Jugendlicher senken.
Bedeutet die Umstellung, dass es gar kein Fleisch mehr gibt?
Nein. Die Szenarien rechnen mit einem pflanzlichen Anteil von 65 bis 85 Prozent. Tierische Produkte bleiben also möglich, machen aber einen kleineren Teil der Verpflegung aus.
Stand: Juli 2026. Grundlage ist die im Auftrag von ProVeg International durchgeführte Studie von Bryant Research zur öffentlichen Lebensmittelbeschaffung in der EU. Alle genannten Zahlen stammen aus dem zugehörigen Datensatz und den technischen Anhängen der Studie, die wir für diesen Beitrag ausgewertet haben. Die Modellrechnung vergleicht drei Szenarien (65, 75 und 85 Prozent pflanzlich) mit dem Status quo und berücksichtigt Lebensmittel-, Umwelt- und Gesundheitskosten. Alle Beträge sind gerundete Jahreswerte. Die Originalveröffentlichung findet sich bei ProVeg International.
FAQ - Das fragen andere
Was die Studie gerechnet hat?
Warum Schulen der größte Hebel sind?
Was das für die Politik bedeutet?
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