Tierhaltung und Klima: Warum die Bundesregierung keine Reduktionsziele setzt

Es klingt erst mal nach trockener Aktenkunde: eine Kleine Anfrage im Bundestag, ein paar Wochen später die Antwort der Bundesregierung. Doch wer die beiden Drucksachen nebeneinanderlegt, liest darin eine ziemlich klare politische Ansage.
Die Linksfraktion hatte im Juni gefragt, wie sicher unsere Ernährung angesichts von Klimawandel, Extremwetter und explodierenden Energiepreisen eigentlich noch ist und ob eine pflanzlichere Ausrichtung die Versorgung krisenfester machen würde. Die Antwort des zuständigen Landwirtschaftsministeriums lässt sich in einem Satz zusammenfassen: alles im grünen Bereich, kein Handlungsbedarf, weiter wie bisher.
Kein einziges verbindliches Ziel, die Tierhaltung zu verkleinern. Kein Datum, keine Zahl, keine Quote. Wir haben die Original-Dokumente gelesen und ordnen ein, was da wirklich steht und was die Fakten zu Klima und Fläche dazu sagen.
Die kurze Antwort
Die Bundesregierung sieht laut ihrer Antwort vom Juli 2026 aktuell kein Risiko für die Ernährungssicherheit in Deutschland und nennt keine verbindlichen Reduktionsziele für die Tierhaltung. Statt einer Abkehr von der Tierindustrie setzt sie auf Krisenvorräte, Bodenschutz und Forschung. Eine pflanzlichere Ausrichtung fördert sie nur zaghaft über Eiweißpflanzen-Programme.
Wie sich einzelne Lebensmittel im Klimavergleich schlagen, kannst du im CO2-Rechner für Lebensmittel durchspielen.
Worum die Linksfraktion gefragt hat
Hinter der Anfrage stehen die Abgeordneten Dr. Fabian Fahl, Luigi Pantisano, Marcel Bauer, Lorenz Gösta Beutin und weitere aus der Fraktion Die Linke. Ihr Titel: “Klimawandel – Ernährungssicherheit und pflanzenbasierte Ernährungsweisen”. Datiert ist die Drucksache 21/6557 auf den 18. Juni 2026.
Die Argumentation der Fragesteller ist dicht mit Studien belegt. Extremwetter werde immer öfter zu Ernteausfällen führen, bei ungebremstem Klimawandel könne ein Drittel der heutigen Anbaugebiete verloren gehen. Die Tierhaltung sei dabei doppelt betroffen: Sie leidet unter Hitze, Futterknappheit und neuen Tierkrankheiten und braucht gleichzeitig im Schnitt deutlich mehr Land, Ressourcen und Energie als vergleichbare pflanzliche Lebensmittel. Ein zentraler Hebel für mehr Sicherheit liege deshalb in einer stärker pflanzenbasierten Erzeugung, weil sich auf derselben Fläche mehr Menschen ernähren lassen.
Der Kern der zwölf Fragen: Plant die Regierung, den Wandel zu pflanzlicheren Ernährungsweisen aktiv zu nutzen? Und mit welchen messbaren Zielen will sie die Tierhaltung reduzieren?
Was die Bundesregierung geantwortet hat
Die Antwort kam am 16. Juli 2026 aus dem Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (Drucksache 21/7191). Der Tonfall: beruhigend bis abwehrend.
Auf die Frage nach den Risiken heißt es wörtlich: “Aus Sicht der Bundesregierung besteht für die Ernährungssicherheit in Deutschland aktuell kein Risiko.” Als Beleg dient der Selbstversorgungsgrad. Der liegt im Zehnjahresschnitt bei rund 85 Prozent, bei Getreide bei 100 und bei Kartoffeln sogar bei 145 Prozent. Nur bei Obst und Gemüse deckt der heimische Anbau lediglich 20 bis 40 Prozent des Bedarfs, was die Regierung aber als “Normalität” globaler Handelsströme einordnet.
Beim eigentlichen Knackpunkt wird es dünn. Auf die direkte Frage, welche Maßnahmen sie zur Reduktion der Tierhaltung ergreife und welche messbaren Ziele sie dabei verfolge, nennt die Regierung kein einziges Ziel. Stattdessen setze sie sich für “eine zukunftsfähige landwirtschaftliche Tierhaltung sowie für verlässliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit ein”. Konkret genannt werden der “Abbau genehmigungsrechtlicher Hürden”, ein “Praxischeck Stallumbau” und die Ankündigung, die geplante Livestock Strategy der EU-Kommission “eng zu begleiten”.
Auch die Frage, ob eine pflanzlichere Ausrichtung für mehr Krisenresilienz genutzt werde, weicht die Regierung aus. Sie verweist darauf, dass die staatlichen Notfallreserven ohnehin schon fast komplett pflanzlich seien, aus Getreide, Linsen, Erbsen und Reis. Ein aktiver Umbau von Produktion und Konsum steht dort nicht.
Wo die Regierung pflanzlich denkt, tut sie es vorsichtig. Sie hält am Ziel fest, auf 10 Prozent der Ackerfläche Hülsenfrüchte anzubauen, und verweist auf ihre Eiweißpflanzenstrategie und Projekte wie das Netzwerk LeguNet. Das im Klimaschutzprogramm 2026 genannte Potenzial, bis 2040 jährlich über 8 Millionen Tonnen Treibhausgase durch pflanzliche Proteine einzusparen, soll allerdings erst “in den 2030er-Jahren” sein volles Potenzial entfalten. Konkrete Zwischenschritte bleiben offen.

Tierhaltung, Klima und Fläche: die Zahlen
Damit du die politische Antwort einordnen kannst, hilft ein Blick auf die belastbaren Daten. Denn dass Tierhaltung ein Klima- und Flächenthema ist, ist keine Meinung, sondern gut dokumentiert.
Das Umweltbundesamt beziffert die direkten Emissionen der Nutztierhaltung in Deutschland auf rund 35,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr. Das sind gut 68 Prozent aller Emissionen der Landwirtschaft und knapp 5,3 Prozent des gesamten deutschen Ausstoßes. Weltweit ist die Tierhaltung nach UBA-Angaben für knapp 15 Prozent der menschengemachten Treibhausgase verantwortlich.
Beim Land ist das Missverhältnis noch deutlicher. In Deutschland fließen knapp 40 Prozent der Ackerfläche und knapp 60 Prozent des Getreides in die Fütterung von Tieren. Global betrachtet belegt die Tierhaltung laut der viel zitierten Studie von Poore und Nemecek rund 77 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche, liefert aber nur 18 Prozent der Kalorien und 37 Prozent des Proteins.
| Kennzahl | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| Emissionen Nutztierhaltung Deutschland | ~35,5 Mio. t CO2-Äquivalente/Jahr | Umweltbundesamt |
| Anteil an den Emissionen der Landwirtschaft | gut 68 Prozent | Umweltbundesamt |
| Anteil an Deutschlands Gesamtemissionen | knapp 5,3 Prozent | Umweltbundesamt |
| Ackerfläche für Futtermittel (DE) | knapp 40 Prozent | Umweltbundesamt |
| Weltweite Agrarfläche für Tierhaltung | rund 77 Prozent | Poore & Nemecek 2018 |
| Kalorienanteil daraus | 18 Prozent | Poore & Nemecek 2018 |
Genau hier setzt das Argument der Fragesteller an: Wer weniger Tiere hält, braucht weniger Futterimporte, weniger Dünger und weniger Fläche und könnte auf demselben Acker mehr Menschen direkt ernähren. Die Fragesteller verweisen zudem auf Schätzungen, wonach die Tierwirtschaft in Deutschland Jahr für Jahr mit rund 13 Milliarden Euro öffentlicher Gelder gestützt wird. Diese Zahl stammt aus einer von den Abgeordneten zitierten Recherche und ist keine amtliche Angabe der Regierung, illustriert aber die Größenordnung, um die es geht.
Was das für dich als Verbraucher:in bedeutet
Kurz gesagt: Von oben kommt vorerst kein großer Schub. Wenn du deinen ökologischen Fußabdruck beim Essen verkleinern willst, bleibt die Ernährungsweise auf dem eigenen Teller der wirksamste Hebel, den du sofort in der Hand hast. Wie viel dein persönlicher Umstieg wirklich fürs Klima bringt, haben wir in einem eigenen Artikel durchgerechnet.
Gleichzeitig lohnt sich der nüchterne Blick auf oft gehörte Gegenargumente. Dass angeblich Soja, Avocado und Mandelmilch die eigentlichen Klimasünder seien, hält der Datenlage meist nicht stand, wie unser Umwelt-Faktencheck zeigt. Und Bewegung gibt es durchaus, nur eher in Kommunen und Städten als in Berlin: Von pflanzlicher Gemeinschaftsverpflegung bis zu Städten, die Fleischwerbung einschränken, passiert auf lokaler Ebene mehr als auf Bundesebene.
Wenn du magst, kannst du mit unseren kostenlosen Tools einzelne Produkte checken, etwa über den E-Nummern-Checker. Das ändert keine Gesetze, aber es macht deine eigenen Entscheidungen im Supermarkt ein Stück leichter.
Häufige Fragen
Setzt die Bundesregierung Reduktionsziele für die Tierhaltung?
Nein. In ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage nennt die Bundesregierung kein verbindliches und kein messbares Ziel, um den Tierbestand zu verringern. Sie spricht von einer “zukunftsfähigen” Tierhaltung, verlässlichen Rahmenbedingungen und dem Abbau genehmigungsrechtlicher Hürden für den Stallbau.
Sieht die Regierung ein Risiko für die Ernährungssicherheit?
Aktuell nicht. Sie verweist auf einen Selbstversorgungsgrad von rund 85 Prozent im Zehnjahresschnitt, 100 Prozent bei Getreide und 145 Prozent bei Kartoffeln. Die Fragesteller halten dagegen, dass dabei importierte Vorleistungen wie Energie, Dünger und Futtermittel nicht mitgerechnet werden.
Wie stark belastet Tierhaltung das Klima in Deutschland?
Laut Umweltbundesamt verursacht die Nutztierhaltung rund 35,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr. Das entspricht gut 68 Prozent der Emissionen der Landwirtschaft und knapp 5,3 Prozent des gesamten deutschen Treibhausgas-Ausstoßes.
Fördert die Regierung überhaupt pflanzliche Ernährung?
Ja, aber verhalten. Sie hält am Ziel fest, auf 10 Prozent der Ackerfläche Hülsenfrüchte anzubauen, und setzt auf ihre Eiweißpflanzenstrategie sowie einen EU Protein Plan. Feste Konsumziele oder ein aktiver Umbau des Angebots stehen in der Antwort nicht.
FAQ - Das fragen andere
Was die Bundesregierung geantwortet hat?
Was das für dich als Verbraucher:in bedeutet?
Setzt die Bundesregierung Reduktionsziele für die Tierhaltung?
Sieht die Regierung ein Risiko für die Ernährungssicherheit?
Wie stark belastet Tierhaltung das Klima in Deutschland?
Fördert die Regierung überhaupt pflanzliche Ernährung?
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