Hand greift im Supermarkt zu einer Packung pflanzlichem Fleischersatz mit der Aufschrift Plant-based Meat
Fleischalternativen gehören heute in jedes Supermarktregal. Genau das wurde für den Pionier Veganz zum Problem. (Symbolbild: Adobe Stock)
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Es gibt Namen, die in der deutschen Vegan-Szene mehr sind als eine Marke. Veganz ist so einer. 2011 in Berlin gegründet, Europas erste vegane Supermarktkette, jahrelang das Aushängeschild dafür, dass pflanzliches Essen ein echtes Geschäft sein kann. Jetzt ist das Unternehmen, das inzwischen Planethic Group heißt, insolvent. Am 25. Juni 2026 hat der Vorstand beim Amtsgericht Berlin einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt.

Klingt nach Endstation. Ist es aber (noch) nicht. Und es sagt auch deutlich weniger über den veganen Markt aus, als manche Schlagzeile suggeriert. Der Reihe nach.

Was genau passiert ist

Die Planethic Group AG, so heißt die frühere Veganz Group seit ihrer Umfirmierung, will sich über ein Eigenverwaltungsverfahren sanieren. Laut der Lebensmittel Zeitung sollen die bereits laufenden Restrukturierungsmaßnahmen damit fortgeführt werden.

Die wichtigsten Punkte:

  • Der Geschäftsbetrieb läuft normal weiter. Produkte werden weiter produziert und verkauft.
  • Das Management bleibt im Amt, an der Spitze steht Vorstandschef Sascha Voigt.
  • Tochtergesellschaften und Beteiligungen sind nicht betroffen, der Antrag gilt nur für die Konzernmutter.
  • Löhne und Gehälter der Beschäftigten sind für die gesetzlichen Zeiträume über das Insolvenzgeld abgesichert.
  • Die für Juli geplante Gläubigerversammlung zur ausstehenden Unternehmensanleihe (10 Millionen Euro, 7,5 Prozent Zins) wurde abgesagt.

Die Zahlen hinter dem Absturz

Wie tief der Fall ist, zeigen zwei Vergleiche. 2021 machte der damalige Veganz-Konzern noch rund 30 Millionen Euro Umsatz. Im ersten Halbjahr 2025 waren es laut Lebensmittel Zeitung noch zwei Millionen. Kein Tippfehler.

Und die Aktie: Beim Börsenstart im November 2021 kostete sie 94,80 Euro. Zuletzt notierte sie bei rund 1,40 Euro. Wer damals im Vegan-Hype eingestiegen ist, hat über 98 Prozent verloren.

Dazwischen lag ein radikaler Umbau. Aus Veganz wurde Planethic, das Geschäft wurde in mehrere Töchter aufgeteilt: Happy Cheeze (veganer Käse), Peas on Earth und das Hafermilch-Konzentrat Mililk, das eigentlich der große Wachstumstreiber werden sollte. Zwar stand zuletzt erstmals ein positives operatives Ergebnis in den Büchern, das kam aber vor allem aus dem Verkauf der Indoor-Farming-Tochter OrbiFarm, nicht aus dem laufenden Geschäft.

Auch personell war es turbulent: Gründer Jan Bredack zog sich Ende September 2025 vom CEO-Posten zurück, sein Nachfolger war nach wenigen Wochen wieder weg, seit Ende November 2025 führt Sascha Voigt das Unternehmen.

„Insolvenz in Eigenverwaltung”: Was heißt das eigentlich?

Falls du mit Wirtschaftsdeutsch wenig anfangen kannst, hier die Kurzfassung ohne Fachchinesisch.

Insolvent ist ein Unternehmen, wenn es seine Rechnungen absehbar nicht mehr bezahlen kann. Dann muss es zum Gericht. Im klassischen Verfahren übernimmt ein Insolvenzverwalter das Ruder, der Chef hat nichts mehr zu sagen. Bei der Eigenverwaltung ist das anders: Das Management bleibt am Steuer und saniert selbst, ein gerichtlich bestellter Sachwalter schaut dabei auf die Finger. Ziel ist ausdrücklich die Rettung, nicht die Abwicklung.

Der Punkt, den viele überlesen: Insolvenz heißt nicht automatisch, dass eine Firma verschwindet. Galeria Kaufhof hat drei Insolvenzverfahren überlebt und verkauft bis heute. Der Personaldienstleister Tempton kam 2017 saniert aus einem ähnlichen Verfahren und ist heute größer als vorher. Es kann aber auch anders ausgehen, Air Berlin lässt grüßen. Ob Planethic die Kurve kriegt, entscheidet sich in den kommenden Monaten. Beide Ausgänge sind offen, und wer dir jetzt schon das Ende oder die sichere Rettung verkauft, rät.

Würfel bilden das Wort Insolvent auf absteigenden Münzstapeln, darüber ein roter Abwärtspfeil

Warum das nicht allein am veganen Markt liegt

Jetzt zur Einordnung, die in vielen Schlagzeilen fehlt: Deutschland erlebt gerade eine regelrechte Insolvenzwelle, quer durch alle Branchen.

Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform zählte für 2025 rund 23.900 Unternehmensinsolvenzen, ein Plus von 8,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der höchste Stand seit mehr als zehn Jahren. Die Gründe: hohe Verschuldung aus den Krisenjahren, teurer gewordene Kredite, gestiegene Kosten und eine Konsumflaute, weil auch die Haushalte sparen. Parallel stieg die Zahl der Privatinsolvenzen auf 76.300 Fälle, so viele wie seit 2016 nicht.

Es trifft dabei keineswegs nur kleine Firmen und erst recht keine Nische. Chip hat die größten deutschen Pleiten zusammengetragen: Kaufhäuser, Airlines, Baukonzerne, Drogerieketten. Allein in den letzten Wochen erwischte es Modeketten und einen bekannten Ingwer-Shot-Hersteller. Wer aus der Veganz-Insolvenz ableitet, dass vegan gescheitert ist, müsste nach derselben Logik behaupten, Deutschland hätte das Fliegen, das Bauen und den Einzelhandel verlernt.

Und die Nachfrage? Die Produktion von Fleischersatzprodukten in Deutschland hat sich laut Statistischem Bundesamt seit 2019 mehr als verdoppelt: von 60.400 auf 124.900 Tonnen im Jahr 2025. Zuletzt gab es eine kleine Delle von 1,2 Prozent, der wilde Hype von 2020 ist vorbei. Aber ein Markt, der sich in sechs Jahren verdoppelt, ist nicht tot. Er ist erwachsen geworden.

Was bei Veganz trotzdem schiefging

Ehrlich bleiben gehört dazu: Die Insolvenzwelle erklärt nicht alles. Veganz hatte auch ein hausgemachtes Problem, und das ist ausgerechnet der eigene Erfolg.

Als Jan Bredack 2011 anfing, gab es vegane Produkte fast nirgends. Genau diese Lücke füllte Veganz. Heute ist die Lücke weg: Jeder Discounter führt eine eigene vegane Marke zu Kampfpreisen, jeder Supermarkt hat ein Pflanzenregal. Der Mainstream, den Veganz mit aufgebaut hat, gehört inzwischen den großen Händlern und ihren Eigenmarken. Für eine kleine Premium-Marke mit Berliner Kostenstruktur ist da brutal wenig Platz.

Dazu kamen viele Baustellen gleichzeitig: Snacks, Käse, Hafermilch-Technologie, Indoor-Farming, Börsengang, Umfirmierung, drei CEOs in einem guten Jahr. Das ist viel Strategie für wenig Umsatz.

Mein Take zur VEGANZ Insolvenz:

Ich habe 2022 ausführlich mit Jan Bredack gesprochen, das Interview mit dem Veganz-Gründer kannst du hier nachlesen. Vom Daimler-Manager mit Burnout zum Mann, der Europas erste vegane Supermarktkette aufbaut: Diese Geschichte hat mich damals beeindruckt, und daran ändert auch ein Insolvenzantrag nichts.

Ohne Veganz sähe das Supermarktregal heute anders aus. Die Firma hat bewiesen, dass pflanzliche Produkte massentauglich sind, so überzeugend, dass Aldi, Lidl und Rewe das Geschäft irgendwann lieber selbst gemacht haben. Das ist bitter für den Pionier. Für uns Kund:innen ist es paradoxerweise ein Zeichen, wie normal vegan geworden ist.

Schlechte Nachrichten für ein Unternehmen sind eben nicht automatisch schlechte Nachrichten für eine Idee. Die Idee steht längst in jedem Kühlregal. Ich glaube fest dran, dass der vegane Markt wächst.

Auch ich habe schon in einem veganen Unternehmen gearbeitet, das in eine Insolvenz gerutscht war – das kann passieren und gehört manchmal leider dazu. Gerade aktuell gibt es gerade wieder eine große Zahl von Insolvenzen. Wenn ihr wollt, dass es vegane Unternehmen weiter gibt – unterstützt sie einfach durch euren Einkauf.


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