In der Ochsenbraterei auf dem Oktoberfest wurde ein Metzger mit Sekt geehrt, weil er seinen 700. Ochsen auf den Grillspieß gehängt hat. Zum Jubiläum bekam er eine Schürze aus Ochsenleder. Der Ochse, der an diesem Tag über dem Feuer hing, trug seinen Vornamen: Andi. Ein Kommentar über ein Fest, das Tieren Namen gibt und sie am selben Tag isst.
Kurz gesagt
- Die Zahl: Mehr als 100 Ochsen werden laut Stadt München pro Wiesn in der Ochsenbraterei gegessen, jeden Tag dreht sich einer als Schauochse am Spieß
- Die Namen: Jeder Ochse steht mit Name und Gewicht auf einer Tafel im Zelt
- Die Herkunft: Die Tiere kommen vom Gut Karlshof in Ismaning, das der Stadt München gehört
- Das Alter: Die Schauochsen sind laut dpa jünger als ein Jahr. Rinder können rund 20 Jahre alt werden
Inhalt7 Kapitel
Ein Jubiläum mit Sekt.
Die Geschichte stand während der Wiesn in der Münchner Presse und liest sich wie ein freundliches Porträt. Ein Metzger aus der Steiermark, seit 37 Jahren am Grill der Ochsenbraterei, hängt seinen 700. Ochsen ein. Die Wirtin gratuliert und wünscht sich, dass er auch noch den 1.000. schafft. Das Team schenkt ihm eine Schürze aus Ochsenleder, weil es zur Philosophie des Zelts gehöre, das ganze Tier zu verwerten. Am Ende steht, fast beiläufig, dass an diesem Sonntag Ochse „Andi“ auf dem Grill brutzelte.
Niemand in diesem Text meint es böse. Der Metzger macht seine Arbeit, und er macht sie offenbar gut. Gerade deshalb fällt auf, was hier gefeiert wird. Die Rechnung ist einfach: 700 Tiere sind eine Lebensleistung, 1.000 das Ziel.
Tiere mit Namen.
Die Ochsenbraterei gibt jedem Ochsen einen Namen. Er steht zusammen mit dem Gewicht auf einer Tafel im Zelt. Das ist als Tradition gemeint und als Zeichen von Wertschätzung. Der letzte Ochse der Wiesn 2026 hieß laut dpa „Sebastian“.
Namen geben wir denen, die für uns jemand sind. Dem Hund, der Katze, dem Pferd. Ein Name sagt: Du bist ein Einzelner, dich gibt es nur einmal. Auf der Tafel in der Ochsenbraterei sagt er das auch, und daneben steht das Schlachtgewicht. Es gibt wohl keinen Ort, an dem der Widerspruch im Umgang mit Tieren so offen aushängt wie hier. Wir wissen, dass da jemand war. Wir schreiben es sogar an die Wand. Und dann stellen wir uns für die Semmel an.
„Das ganze Tier achten“.
Auf ihrer Speisekarte schreibt die Ochsenbraterei: „Für uns heißt Tierwohl, dass wir das ganze Tier achten.“ Aus den Häuten der Ochsen lässt das Zelt Schürzen, Gürtel und andere Accessoires fertigen. Die Jubiläumsschürze ist also kein Ausrutscher, sie ist das Konzept.
Der Gedanke klingt vernünftig. Wenn ein Tier schon stirbt, soll wenigstens nichts verschwendet werden. Aber er verschiebt die Frage. Achtung bemisst sich hier daran, wie gründlich ein Körper verwertet wird, und nicht daran, ob das Tier leben wollte. Ein Ochse hat nichts davon, dass aus seiner Haut eine Schürze wird. Leder ist außerdem kein Abfall, der gerettet werden muss. Die Welternährungsorganisation FAO nennt die Haut das wertvollste Nebenprodukt eines Schlachtrinds. Wer Leder kauft, verdient mit am Tier. Welche Alternativen es inzwischen gibt, zeigen wir zum Beispiel in unserem Artikel über Leder aus Melonen.
Woher die Ochsen kommen.
Die Tiere stammen vom Gut Karlshof in Ismaning. Der Hof gehört seit 1899 der Stadt München und wird von den Stadtgütern München betrieben. Die Ochsen für das größte Volksfest der Welt mästet also ein städtischer Betrieb. Für die Wiesn werden laut Kommunalreferat rund 120 Tiere zu einem Schlachttermin abgeholt.
Die Haltung gilt als vergleichsweise gut. Es gibt überdachte Ausläufe mit Stroh, ein Gutachter des Bio-Verbands Naturland nannte sie 2015 „optimal“, und die Stadt hat die Umstellung auf Bio beschlossen. Vier Punkte gehören trotzdem dazu:
- Die Kälber sind ein Nebenprodukt der Milch. Der Karlshof kauft männliche Kälber aus Milchviehbetrieben zu. Dort werden sie nicht gebraucht, weil sie keine Milch geben.
- Ein Ochse ist ein kastriertes Rind. Am Karlshof kastriert laut Stadt ein Tierarzt. Das deutsche Tierschutzgesetz erlaubt die Kastration von Rindern in den ersten vier Lebenswochen allerdings bis heute ohne Betäubung.
- Die Schauochsen sind sehr jung. Ganze Rinder dürfen wegen der BSE-Vorschriften nur am Spieß gebraten werden, wenn sie jünger als zwölf Monate sind. Die Schauochsen wiegen laut dpa rund 300 Kilo. Rinder können rund 20 Jahre alt werden.
- Am Ende steht der Transport. Die Tiere werden per Lkw zum Schlachthof gefahren. Eine Schlachtung auf dem Hof oder auf der Weide ist laut Stadt derzeit nicht möglich. Die Grünen im Stadtrat hatten das 2023 beantragt.
Das ist die freundlichste Version von Fleisch, die es gibt: regional, städtisch kontrolliert, bald bio. Und selbst sie besteht aus einem Kalb, das von der Mutter getrennt wurde, einer Kastration, ein bis zwei Jahren Mast und einer Fahrt zum Schlachthof.
Tierethische Einordnung.
Psychologen nennen es das Fleisch-Paradox. Die meisten Menschen mögen Tiere und wollen nicht, dass sie leiden. Die meisten essen sie trotzdem. Damit beides zusammenpasst, helfen Rituale, Traditionen und Wörter. Der Ochse wird zum „Schmankerl“, das Schlachten zur „Verwertung“, das Aufhängen am Spieß zum Handwerk mit Jubiläum. In unserem Artikel Ich liebe Tiere, esse aber Fleisch erklären wir, wie dieser Mechanismus funktioniert.
Die Ochsenbraterei ist darin ehrlicher als jede Supermarkttheke. Sie zeigt das ganze Tier, sie nennt seinen Namen, sie versteckt nichts. Vielleicht ist das der Grund, warum die Geschichte vom 700. Ochsen so irritiert. Sie sagt laut, was sonst unausgesprochen bleibt: dass hier ein Lebewesen gefeiert wird, weil es tot ist. Warum wir bei Rindern anders urteilen als bei Hunden, hat einen Namen. Mehr dazu steht in unserem Artikel über Speziesismus.
Es geht auch anders, sogar im selben Zelt.
Zur Wahrheit gehört: Ausgerechnet die Ochsenbraterei hat seit 2022 einen veganen Koch im Team. Auf der Karte 2026 standen ein veganes Schwammerlgulasch und eine vegane Bratwurst, entwickelt mit dem Koch Sebastian Copien. Das Zelt weiß also, dass man 5.900 Menschen auch ohne Tier am Spieß satt bekommt. Welche Zelte was anbieten, steht in unserem Guide zum veganen Oktoberfest.
Die Stadt München könnte den Karlshof außerdem anders nutzen. Ein städtisches Gut, das Gemüse und Hülsenfrüchte für Kitas und Kantinen anbaut, wäre ein Aushängeschild. Eines, das Ochsen für ein Bierzelt mästet, ist vor allem eine Gewohnheit.
Wer verstehen will, wie Menschen Fleischessen vor sich selbst rechtfertigen, findet bei Melanie Joy die bekannteste Erklärung. Ihr Buch „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“ passt zu dieser Geschichte, bis hin zur Schürze.
Häufige Fragen.
Wie viele Ochsen werden auf dem Oktoberfest gegessen?
In der Ochsenbraterei sind es laut Stadt München mehr als 100 pro Wiesn. Die offizielle Bilanz des Oktoberfests 2026 nennt keine genaue Zahl.
Woher kommen die Ochsen der Ochsenbraterei?
Vom Gut Karlshof in Ismaning bei München. Der Hof gehört der Landeshauptstadt München.
Was ist ein Ochse?
Ein kastriertes männliches Rind. Die Kastration macht die Tiere ruhiger und das Fleisch stärker marmoriert.
Gibt es in der Ochsenbraterei veganes Essen?
Ja. 2026 standen unter anderem ein veganes Schwammerlgulasch und eine vegane Bratwurst auf der Karte.
Quellen ●
Bericht der Münchner Presse zum Jubiläum in der Ochsenbraterei, Oktoberfest 2026. muenchen.de zur Ochsenbraterei. dpa-Bericht vom 25. August 2026 in der Abendzeitung. Umwelterklärung der Stadtgüter München und Antworten des Kommunalreferats auf Anträge im Stadtrat (2017, 2023). Paragraf 5 Tierschutzgesetz. Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit zum Ochs am Spieß. FAO zum Wert von Rinderhäuten. Speisekarte der Ochsenbraterei 2026. Foto: Christina & Peter / Pexels. Das Foto ist ein Symbolbild und zeigt keine Tiere vom Gut Karlshof. Der Link zu Amazon ist ein Affiliate-Link, als Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Käufen. Dieser Artikel ist ein Kommentar.
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