Speziesismus: Warum wir den Hund lieben und das Schwein essen

Einer wird gestreichelt, einer wird gegessen. Beide sind neugierig, beide erkennen Gesichter, beide spüren Schmerz. Der Unterschied liegt nicht in ihnen. Er liegt in uns.
Für dieses Muster gibt es ein Wort, und am 29. August gibt es dafür einen eigenen Tag.
Was ist Speziesismus?
Speziesismus bezeichnet die unterschiedliche moralische Behandlung von Lebewesen allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Nicht danach, was ein Tier fühlen, wollen oder verlieren kann, sondern danach, welchen Namen seine Art trägt.
Der Begriff stammt aus den 1970er-Jahren und ist bewusst parallel zu Rassismus und Sexismus gebildet. Gemeint ist dieselbe Denkfigur: Eine Gruppe bekommt weniger Berücksichtigung, weil sie einer bestimmten Kategorie angehört, und nicht, weil es dafür einen sachlichen Grund gäbe.
Wichtig: Speziesismus behauptet nicht, ein Huhn sei ein Mensch. Er sagt, dass gleiche Interessen gleich zu berücksichtigen sind. Das Interesse eines Schweins, keine Schmerzen zu haben, wiegt so viel wie das gleiche Interesse eines Hundes.
Der Aktionstag, kurz gefasst
Der World Day for the End of Speciesism, kurz WoDES, findet seit 2015 jedes Jahr Ende August statt. Organisiert wird er von der Schweizer Organisation Pour l'Égalité Animale. Weltweit gehen Menschen an diesem Tag auf die Straße, um auf die Ungleichbehandlung von Tieren aufmerksam zu machen. Die Bewegung formuliert fünf Kernforderungen, darunter die Abschaffung des Sachstatus von Tieren und das Ende der Schlachthäuser.
Das ist der Anlass. Das Thema ist größer als der Tag, deshalb geht es hier vor allem um die Frage, die dahintersteckt.
Der Test, den jede Begründung bestehen muss
Die Frage lautet nicht, ob wir Tiere unterschiedlich behandeln. Das tun wir offensichtlich. Die Frage lautet, ob es dafür einen Grund gibt, der standhält.
Ein solcher Grund müsste eine Eigenschaft benennen, die alle geliebten Tiere haben und alle gegessenen nicht. Sonst begründet er nichts, sondern beschreibt nur, was wir ohnehin tun.
Gehen wir die üblichen Kandidaten durch.
Hund und Schwein

Schweine sind neugierig, sozial und lernfähig. In einem viel zitierten Versuch von Donald Broom aus dem Jahr 2009 fanden sieben von acht Schweinen Futter, das sie nur im Spiegel sehen konnten, indem sie hinter eine Trennwand liefen.
Hier gehört eine Einschränkung dazu, die in Social-Media-Posts fast immer fehlt: Ein Replikationsversuch scheiterte weitgehend. Dort schafften nur zwei von elf Schweinen die Aufgabe. Wer den Broom-Versuch zitiert, sollte das mitzitieren.
Der Punkt bleibt trotzdem stehen, und er wird sogar interessanter. Denn dieselbe Spiegelaufgabe wurde 2024 mit Hühnern durchgeführt, und dort lösten elf von achtzehn Hennen sie erfolgreich. Ausgerechnet das Tier, das im Volksmund für Dummheit steht.

Katze und Huhn
Hühner unterscheiden Artgenossen an den Gesichtern, sie haben eine Rangordnung, sie warnen sich gegenseitig mit unterschiedlichen Rufen je nach Bedrohung. Sie zeigen im Schlaf REM-Phasen, in denen bei Säugetieren geträumt wird.

Die Katze schläft auf dem Sofa. Vom Huhn wurden allein in Deutschland im Jahr 2025 rund 661 Millionen geschlachtet.
Goldfisch und Lachs

Bei Fischen ist die Debatte am schärfsten, deshalb hier besonders sorgfältig.
Belegt ist: Bei der Regenbogenforelle wurden Nozizeptoren nachgewiesen, also Schmerzrezeptoren, mit C- und Aδ-Fasern in drei Klassen. Sie sind physiologisch identisch mit denen von Säugetieren. Verletzte Fische reiben die betroffene Stelle, meiden Orte, an denen sie Schmerzreize erlebt haben, schwimmen weniger und hören auf zu fressen. Bei Forellen lassen sich diese Reaktionen mit Morphin abmildern. In einem Versuch mit Zebrafischen suchten Tiere nach einer schmerzhaften Behandlung sogar aktiv eine sonst gemiedene Kammer auf, wenn dort ein Schmerzmittel im Wasser war.
Und der Gegeneinwand: Ein Teil der Fachwelt hält all das für erklärbar, ohne bewusstes Schmerzempfinden anzunehmen. Schmerzmittel könnten schlicht die Nozizeption blockieren, ohne dass ein Erleben dahintersteht. Diese Position gibt es, sie ist nicht abwegig, und wir tun nicht so, als sei die Frage geschlossen.
Nur: Für die praktische Entscheidung ändert das wenig. Wenn die Datenlage zwischen „empfindet Schmerz” und „vielleicht nicht” schwankt, ist billionenfaches Töten ohne Betäubung keine vorsichtige Wahl.
Was der Test ergibt

Keiner der Kandidaten trennt sauber. Nicht Schmerzempfinden, nicht Intelligenz, nicht soziale Bindung, nicht Persönlichkeit. Für jedes Kriterium findet sich ein gegessenes Tier, das es erfüllt, und oft auch ein geliebtes, das es weniger erfüllt.
Was übrig bleibt, ist Gewohnheit. In Deutschland streichelt man Hunde und isst Schweine. In anderen Ländern ist es umgekehrt. An den Tieren liegt das nicht.
Drei Einwände, die es verdienen, ernst genommen zu werden
„Der Vergleich mit Rassismus ist geschmacklos.” Verglichen wird die Denkfigur, nicht das Leid der Betroffenen: Zugehörigkeit zu einer Gruppe entscheidet über Berücksichtigung. Wer den Vergleich unpassend findet, sollte trotzdem beantworten, welches Merkmal die Ungleichbehandlung rechtfertigt.
„Tiere fressen sich auch gegenseitig.” Stimmt. Sie haben allerdings keine Wahl und keine Ethik. Wir haben beides. Aus dem, was in der Natur passiert, folgt nichts darüber, was wir tun sollten. Sonst ließe sich fast jede Grausamkeit begründen.
„Wo zieht man dann die Grenze?” Das ist der beste Einwand, und er hat keine bequeme Antwort. Bei Insekten und Muscheln ist die Faktenlage dünner als bei Schweinen. Nur folgt daraus nicht, dass man dort weitermachen sollte, wo die Belege eindeutig sind.

Was das praktisch heißt
Speziesismus zu beenden klingt nach einer Aufgabe für Jahrzehnte, und das ist es auch. Der Anteil, der bei einem selbst liegt, ist deutlich kleiner.
- Beim Einkauf. Jede Mahlzeit ist eine Entscheidung darüber, wessen Interessen zählen. Unser 30-Tage-Plan nimmt die Umstellung auseinander, damit sie nicht an der Praxis scheitert.
- Beim Reden. Der Widerspruch, Tiere zu lieben und zu essen, ist unangenehm, und Druck macht ihn größer. Wie das psychologisch funktioniert, steht in unserem Text „Ich liebe Tiere, esse aber Fleisch”.
- Beim Hinsehen. Auf einem Lebenshof sieht man Schweine, die auf ihren Namen reagieren. Unser Lebenshof-Atlas zeigt Höfe zum Besuchen.
- Beim Weiterlesen. Dass die vegane Überzeugung mehr ist als eine Ernährungsvorliebe, hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte festgestellt. Was das Urteil aus Straßburg bedeutet, haben wir aufgeschlüsselt. Und warum die Argumente für Zoos brüchig sind, steht hier.
Warum sich das ändern lässt
Speziesismus ist gelernt. Kinder unterscheiden nicht von sich aus zwischen dem Hund und dem Schwein, sie lernen es. Und was gelernt wurde, lässt sich auch anders lernen.
Genau darum geht es am 29. August. Nicht darum, jemanden schlecht dastehen zu lassen, sondern um eine ziemlich einfache Frage: Welche Eigenschaft ist es, die den einen zum Familienmitglied macht und den anderen zum Produkt?
Wer eine Antwort findet, die standhält, sollte sie aufschreiben. Bisher hat es niemand geschafft.
Woher die Angaben stammen
Die Schlachtzahlen stammen aus der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes zur Fleischproduktion 2025: 640,3 Millionen Masthühner plus 20,7 Millionen Suppenhühner, 44,9 Millionen Schweine, 27,6 Millionen Puten, 8,3 Millionen Enten. In der häufig zitierten Zahl von 48,5 Millionen stecken auch Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde. Sie gilt also nicht allein für Schweine. Fische tauchen in dieser Statistik nicht als Einzeltiere auf, weltweite Angaben beruhen auf Hochrechnungen aus Fangmengen.
Der Spiegelversuch mit Schweinen stammt von Broom und Kolleginnen aus dem Jahr 2009, die gescheiterte Replikation ist ebenfalls publiziert. Die Hühnerstudie erschien 2024 in Scientific Reports. Die Angaben zu Nozizeptoren, Schmerzverhalten und Schmerzmittelwirkung bei Fischen stützen sich auf die Übersichtsarbeiten von Lynne Sneddon und Kolleginnen sowie auf die zitierten Zebrafisch-Versuche. Die Gegenposition, die bewusstes Schmerzempfinden bezweifelt, ist im Text genannt.
Offen bleibt, wie sich Schmerzerleben bei Tieren jemals abschließend beweisen lässt. Das gilt allerdings für Menschen ebenso, und dort ziehen wir daraus keine Konsequenzen.
FAQ - Das fragen andere
Was der Test ergibt?
Was das praktisch heißt?
Warum sich das ändern lässt?
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