Labormaus sitzt auf der behandschuhten Hand einer Person im Labor
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Jedes Jahr sterben in deutschen Laboren fast zwei Millionen Tiere. Die Begründung dafür ist seit Jahrzehnten dieselbe: Es diene dem medizinischen Fortschritt, es gebe keine Alternative. Eine große wissenschaftliche Auswertung aus dem Jahr 2024 stellt diese Rechtfertigung nun mit harten Zahlen infrage. Von 100 Wirkstoffen, die den Tierversuch erfolgreich durchlaufen haben, erhalten am Ende nur fünf eine Zulassung.

Diese Zahl stammt nicht von einer Tierrechtsorganisation, sondern aus einer Analyse in der Fachzeitschrift PLOS Biology, verfasst von Forschenden der Universität Zürich und der University of Edinburgh.

Was die Studie untersucht hat

Das Team um Benjamin Ineichen hat keine Einzelstudie ausgewertet, sondern eine sogenannte Umbrella-Review erstellt, also eine Übersicht über Übersichtsarbeiten. Ausgewertet wurden 122 systematische Reviews, die zusammen 4.443 Tierstudien und 1.516 klinische Studien umfassen. Betrachtet wurden 367 Therapieansätze bei 54 verschiedenen Erkrankungen.

Für die entscheidende Frage, wie viel aus dem Tierversuch tatsächlich beim Menschen ankommt, schauten sich die Forschenden 281 Therapien an, deren erste Tierversuche mindestens zehn Jahre zurücklagen. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Infografik: Von 100 im Tierversuch getesteten Wirkstoffen werden nur 5 zugelassen

Der Weg vom Tierversuch bis zur Zulassung, in Zahlen. Diese Grafik darfst du gerne speichern und teilen. Wenn du sie weiterverwendest, verlinke bitte auf diesen Artikel.

Nur die Hälfte der im Tier erfolgreichen Ansätze wurde überhaupt jemals am Menschen erprobt. 40 Prozent schafften es in eine randomisierte kontrollierte Studie, den Goldstandard der klinischen Forschung. Und ganze fünf Prozent erhielten am Ende eine Zulassung durch die FDA oder eine vergleichbare Behörde. Bis dahin vergingen im Mittel zehn Jahre.

Die ehrliche Einordnung: Was die Studie auch sagt

An dieser Stelle wäre es einfach, die Zahl zu nehmen und weiterzuziehen. Das wäre aber unredlich, denn dieselbe Studie enthält einen Befund, der auf den ersten Blick in die andere Richtung deutet: Zwischen positiven Ergebnissen im Tierversuch und positiven Ergebnissen beim Menschen fanden die Forschenden eine Übereinstimmung von 86 Prozent. Wo also ein Tierversuch Wirkung zeigte, zeigte sie sich häufig auch in klinischen Studien.

Wie passt das zusammen? Die Autoren selbst ziehen den Schluss, dass die niedrige Zulassungsquote weniger an zu strengen Behörden liegt, sondern auf Designschwächen sowohl in den Tierstudien als auch in den frühen klinischen Studien hindeutet. Anders gesagt: Das System verliert unterwegs enorm viel, und die Tiere zahlen dafür mit ihrem Leben, unabhängig davon, ob am Ende ein Medikament herauskommt.

Dazu kommt ein methodischer Punkt, den die Studie ebenfalls benennt: Ein großer Teil der ausgewerteten Reviews wies erhebliche Qualitätsmängel auf, etwa fehlende Verblindung oder Randomisierung. Wer die Aussagekraft von Tierversuchen verteidigen will, muss sich auch dieser Kritik stellen.

Zwei weiße Laborratten in einem Glaskasten auf einem Labortisch

Ratten und Mäuse machen den Großteil aller Versuchstiere aus.

Fast zwei Millionen Tiere pro Jahr, allein in Deutschland

Wie groß die Dimension ist, zeigt die amtliche Statistik. Für 2024 weist das Deutsche Zentrum zum Schutz von Versuchstieren am Bundesinstitut für Risikobewertung 1.954.469 Tiere aus, die für wissenschaftliche Zwecke verwendet wurden.

Diese Zahl ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Rechnet man die Tiere hinzu, die gezüchtet, aber nie in einem Versuch eingesetzt und anschließend als sogenannte Überschusstiere getötet wurden, kommt man auf 3.063.569 Tiere. Mehr als eine Million Tiere sterben also, ohne jemals Teil eines Experiments gewesen zu sein. Sie hatten schlicht das falsche Erbgut oder das falsche Geschlecht.

Infografik: Versuchstiere in Deutschland 2024 nach Tierart

Fast zwei Millionen Tiere wurden 2024 in deutschen Laboren verwendet. Diese Grafik darfst du gerne speichern und teilen. Wenn du sie weiterverwendest, verlinke bitte auf diesen Artikel.

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Immerhin: Die Zahlen sinken das fünfte Jahr in Folge, 2024 um rund neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Erstmals seit der Jahrtausendwende liegen sie unter zwei Millionen. Der Trend geht in die richtige Richtung, nur eben quälend langsam.

Was heute technisch möglich ist

Das stärkste Argument gegen Tierversuche ist längst kein moralisches allein, sondern ein wissenschaftliches. Die Alternativen sind in vielen Bereichen schlicht besser geworden:

  • Organ-on-a-Chip: Menschliche Zellen wachsen auf Mikrochips und bilden Funktionen von Leber, Lunge oder Niere nach. Diese Systeme erkennen unerwartete Nebenwirkungen teils zuverlässiger als Tiermodelle, weil sie mit menschlichem Gewebe arbeiten.
  • Organoide: Aus Stammzellen gezüchtete Mini-Organe, mit denen sich Krankheitsverläufe direkt am menschlichen Gewebe erforschen lassen.
  • Computermodelle und KI: Simulationen sagen die Wirkung von Substanzen vorher, bevor überhaupt ein Experiment beginnt.
  • Multi-Organ-Systeme: Mehrere Chip-Organe werden verbunden, sodass sich Stoffwechselwege im Verbund abbilden lassen.

Der entscheidende Vorteil liegt auf der Hand: Diese Verfahren arbeiten mit menschlichem Material. Sie umgehen damit genau das Grundproblem, an dem der Tierversuch scheitert, nämlich den Speziesunterschied.

Wissenschaftlerin arbeitet im Labor mit Mikroskop und Zellkulturproben

Organoide, Organ-on-a-Chip und Computermodelle liefern zunehmend präzisere Daten als Tiermodelle.

Dass sich hier etwas bewegt, zeigen konkrete Beispiele. Der jahrzehntelang übliche Kaninchen-Test wurde inzwischen gestrichen, und in den USA sind mehrere Bundesstaaten dabei, Tierversuche für Kosmetik und Reinigungsmittel zu verbieten.

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Warum sich trotzdem so wenig ändert

Wenn die Alternativen so gut sind, warum sitzen dann immer noch fast zwei Millionen Tiere in deutschen Laborkäfigen? Die Antwort hat wenig mit Wissenschaft und viel mit Trägheit zu tun.

Regulatorische Vorschriften schreiben Tierversuche in vielen Zulassungsverfahren bis heute vor, selbst wenn bessere Verfahren existieren. Forschungsgelder fließen in etablierte Strukturen, ganze Karrieren und Institute sind auf Tiermodelle aufgebaut. Und ein neues Verfahren muss aufwendig validiert werden, bevor es anerkannt wird, während der Tierversuch als Standard nie unter Rechtfertigungsdruck stand.

Genau darum geht es auch beim geplanten Tierversuchsgesetz, gegen das zehn Tierschutzverbände derzeit mit einer Bundestagspetition vorgehen. Ein eigenständiges Gesetz, losgelöst vom Tierschutzgesetz, könnte zentrale Schutzstandards aufweichen, statt den Ausstieg zu beschleunigen.

Was Fachleute dazu sagen

Wie Mediziner und Medizinerinnen die Aussagekraft von Tierversuchen einschätzen, haben wir ausführlich mit dem Verein Ärzte gegen Tierversuche besprochen. In unserem Experten-Interview zu Tierversuchen geht es um die Frage, wie viel medizinischer Erkenntnisgewinn tatsächlich aus dem Tiermodell stammt und wo die Forschung ohne Tiere längst weiter ist.

Besonders aufschlussreich ist die Perspektive von Dr. Dilyana Filipova. Die Molekularbiologin und Genetikerin promovierte an der Universität zu Köln und arbeitet seit 2019 als wissenschaftliche Beraterin bei Ärzte gegen Tierversuche. Entscheidend dabei: Sie hat während ihrer Promotion selbst Tierversuche durchgeführt und beschreibt im Gespräch, wie sehr ihr das zugesetzt hat, bis hin zu Albträumen vor den Labortagen. Diese Erfahrung von innen heraus macht ihre fachliche Kritik besonders schwer wegzuwischen. Warum sie den Ausstieg aus dem Tierversuch heute auch wissenschaftlich für überfällig hält, erzählt sie in unserem Interview mit Dr. Dilyana Filipova über Ethik, Wissenschaft und Fortschritt.

Der Verein betreibt außerdem die NAT-Datenbank für Non-Animal Technologies, die Forschende weltweit mit tierfreien Methoden und Studien zusammenbringt. Wer wissen will, was es an Alternativen konkret gibt, findet dort den fachlichen Einstieg.

Das ganze Gespräch gibt es auch als Video:

Weiße Labormaus im Porträt vor dunklem Hintergrund

Hinter jeder Zahl in der Statistik steht ein einzelnes empfindungsfähiges Tier.

Die eigentliche Frage

Am Ende läuft die Debatte auf einen Punkt hinaus, den keine Statistik allein beantwortet. Selbst wenn Tierversuche zuverlässiger funktionieren würden, als sie es tun, bliebe die ethische Frage bestehen, ob wir das Leid empfindungsfähiger Lebewesen gegen einen möglichen menschlichen Nutzen aufrechnen dürfen.

Die Zahlen aus der Züricher Auswertung machen diese Frage nur dringlicher. Denn sie zeigen, dass der versprochene Nutzen in den allermeisten Fällen gar nicht eintritt. Fünf von hundert. Für die anderen 95 sind Tiere gestorben, ohne dass am Ende ein Medikament dabei herauskam.

Häufige Fragen zu Tierversuchen

Wie viele Tiere sterben in Deutschland für Tierversuche?

2024 wurden 1.954.469 Tiere für wissenschaftliche Zwecke verwendet. Zählt man die gezüchteten, aber nie eingesetzten und dann getöteten Überschusstiere hinzu, sind es 3.063.569 Tiere.

Sind Tierversuche in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben?

In bestimmten Zulassungsverfahren, etwa bei Arzneimitteln, verlangen Vorschriften bis heute Daten aus Tierversuchen. Für Kosmetik gilt in der EU dagegen seit 2013 ein Verkaufsverbot für an Tieren getestete Produkte.

Welche Tiere werden am häufigsten verwendet?

Mäuse stellen mit rund zwei Dritteln die mit Abstand größte Gruppe, gefolgt von Fischen und Ratten. Kaninchen und Primaten machen zahlenmäßig einen kleinen Teil aus.

Gibt es wirklich funktionierende Alternativen?

Ja. Organ-on-a-Chip-Systeme, Organoide aus menschlichen Stammzellen und computergestützte Modelle liefern in vielen Anwendungsbereichen präzisere Daten, weil sie mit menschlichem Gewebe statt mit Tiermodellen arbeiten.

Was kann ich selbst tun?

Auf Kosmetik und Haushaltsprodukte mit anerkannten tierversuchsfreien Siegeln achten, Organisationen wie Ärzte gegen Tierversuche unterstützen und laufende Petitionen mitzeichnen.

Haeufige Fragen

FAQ - Das fragen andere

Was die Studie untersucht hat?
Das Team um Benjamin Ineichen hat keine Einzelstudie ausgewertet, sondern eine sogenannte Umbrella-Review erstellt, also eine Übersicht über Übersichtsarbeiten. Ausgewertet wurden 122 systematische Reviews, die zusammen 4.443 Tierstudien und 1.516 klinische Studien umfassen. Betrachtet wurden 367 Therapieansätze bei 54 verschiedenen Erkrankungen.
Was heute technisch möglich ist?
Das stärkste Argument gegen Tierversuche ist längst kein moralisches allein, sondern ein wissenschaftliches. Die Alternativen sind in vielen Bereichen schlicht besser geworden: Organ-on-a-Chip: Menschliche Zellen wachsen auf Mikrochips und bilden Funktionen von Leber, Lunge oder Niere nach.
Warum sich trotzdem so wenig ändert?
Wenn die Alternativen so gut sind, warum sitzen dann immer noch fast zwei Millionen Tiere in deutschen Laborkäfigen? Die Antwort hat wenig mit Wissenschaft und viel mit Trägheit zu tun. Regulatorische Vorschriften schreiben Tierversuche in vielen Zulassungsverfahren bis heute vor, selbst wenn bessere Verfahren existieren.
Was Fachleute dazu sagen?
Wie Mediziner und Medizinerinnen die Aussagekraft von Tierversuchen einschätzen, haben wir ausführlich mit dem Verein Ärzte gegen Tierversuche besprochen. In unserem Experten-Interview zu Tierversuchen geht es um die Frage, wie viel medizinischer Erkenntnisgewinn tatsächlich aus dem Tiermodell stammt und wo die Forschung ohne Tiere längst weiter ist.
Wie viele Tiere sterben in Deutschland für Tierversuche?
2024 wurden 1.954.469 Tiere für wissenschaftliche Zwecke verwendet. Zählt man die gezüchteten, aber nie eingesetzten und dann getöteten Überschusstiere hinzu, sind es 3.063.569 Tiere.
Sind Tierversuche in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben?
In bestimmten Zulassungsverfahren, etwa bei Arzneimitteln, verlangen Vorschriften bis heute Daten aus Tierversuchen. Für Kosmetik gilt in der EU dagegen seit 2013 ein Verkaufsverbot für an Tieren getestete Produkte.
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