22 Millionen Pfund für Mini-Organe: Großbritannien beschleunigt den Ausstieg aus dem Tierversuch
Miniatur-Organe, gezüchtet aus dem Gewebe echter Patientinnen und Patienten. Ohrmodelle aus dem Labor für die Hörforschung. Schlagende Herzzellen in der Schale, die Versuche an Hunden und Affen ersetzen sollen. Großbritannien stellt 22 Millionen Pfund bereit, um genau solche Methoden aus der Nische zu holen.
Angekündigt hat das Wissenschaftsminister Chris McDonald. Für ihn ist es „ein weiterer bedeutender Schritt weg vom Tierversuch in Wissenschaft und Forschung”. Für uns ist es vor allem eine Frage an Deutschland: Wo bleibt hier eigentlich das Gegenstück?
Das Wichtigste in Kürze
- 20 Millionen Pfund gehen an einen neuen Forschungs-Hub in Cambridge, der menschliche Gewebemodelle aus Spenden von NHS-Patientinnen und -Patienten aufbaut und anderen Laboren zur Verfügung stellt.
- 2 Millionen Pfund fließen über Innovate UK in neun Projekte, darunter Herzgewebe aus dem Labor, Ohrmodelle für die Hörforschung und KI, die das Verhalten von Wirkstoffen im Körper vorhersagt.
- Das Geld ist Teil einer nationalen Strategie, die Großbritannien im November 2025 mit 75 Millionen Pfund gestartet hat.
- In Deutschland wurde die versprochene Reduktionsstrategie nie veröffentlicht.
Read this article in English: £22 million for mini organs.
Was genau gefördert wird

Der größere Batzen, 20 Millionen Pfund, geht an den neuen Pre-clinical Translational Models Hub auf dem Cambridge Biomedical Campus. Getragen wird er vom MRC Laboratory of Molecular Biology und vom Wellcome Sanger Institute.
Die Idee dahinter ist simpel und in ihrer Konsequenz ziemlich groß: Aus Gewebeproben, die Patientinnen und Patienten des britischen Gesundheitsdienstes NHS spenden, werden menschliche Modelle gezüchtet, an denen sich neue Wirkstoffe testen lassen. Der Hub soll diese Modelle herstellen und sie anschließend auch anderen Forschungsgruppen und Unternehmen zugänglich machen. Genau daran hakt es bisher: Solche Systeme existieren längst, sie sind nur teuer, aufwendig und über viele einzelne Labore verstreut.
Die zweiten 2 Millionen Pfund verteilt die Innovationsagentur Innovate UK auf neun Projekte. Ein paar Beispiele aus der Liste:

- Herzgewebe aus dem Labor, an dem sich Nebenwirkungen von Medikamenten zeigen lassen, bevor ein Mensch sie schluckt.
- Ohrmodelle für die Forschung an Hörverlust.
- KI-Plattformen, die vorhersagen, wie sich ein Wirkstoff im menschlichen Körper verteilt.
- Machbarkeitsstudien zu der Frage, wie sich Sicherheitsprüfungen ersetzen lassen, für die bis heute Hunde und Affen verwendet werden.
Der letzte Punkt ist der, an dem sich zeigen wird, wie ernst es gemeint ist. Sicherheitsprüfungen vor der ersten Anwendung am Menschen sind der Bereich, in dem Versuche an Hunden und Primaten regulatorisch bis heute vorgeschrieben oder zumindest erwartet werden.
Warum Organoide mehr können als das Tiermodell

Juliet Dukes, Forschungsmanagerin bei der Organisation Replacing Animal Research, ordnet den Vorteil so ein:
„Einer der riesigen Vorteile von Organoiden, Organ-on-a-Chip-Systemen und anderen mikrophysiologischen In-vitro-Systemen ist, dass sie im Gegensatz zu Tiermodellen das echte Potenzial haben, das Versprechen einer wirklich personalisierten Medizin für einzelne Patientinnen und Patienten einzulösen.”
Der entscheidende Halbsatz ist „im Gegensatz zu Tiermodellen”. Ein Modell aus dem Gewebe eines konkreten Menschen bildet dessen Biologie ab. Eine Maus tut das nicht, egal wie sorgfältig der Versuch geplant ist.
Wie groß diese Lücke ist, hat eine Umbrella-Review in PLOS Biology beziffert: Von 100 Wirkstoffen, die den Tierversuch erfolgreich hinter sich gebracht haben, erhalten am Ende nur fünf eine Zulassung. Wir haben die Auswertung hier ausführlich aufgeschrieben: Von 100 Wirkstoffen aus dem Tierversuch kommen 5 an.
Um wie viele Tiere es geht

In Großbritannien wurden 2025 rund 2,54 Millionen Verfahren an Tieren durchgeführt, 3,8 Prozent weniger als im Jahr davor. In Deutschland setzten Labore 2024 nach Angaben des Deutschen Zentrums zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) rund 1,33 Millionen Wirbeltiere und Kopffüßer in Tierversuchen nach Paragraf 7 des Tierschutzgesetzes ein, rund 9 Prozent weniger als 2023 und das fünfte Jahr in Folge mit sinkenden Zahlen.
Diese Zahl erfasst allerdings nur einen Teil. Tiere, die für die Entnahme von Organen und Gewebe getötet werden, tauchen darin nicht auf. Rechnet man sie hinzu, liegt die Gesamtzahl deutlich höher.
22 Millionen Pfund ändern daran erst einmal wenig. Es ist Anschubfinanzierung, kein Ausstiegsdatum. Wer die Summe mit den Milliarden vergleicht, die weltweit in die klassische präklinische Forschung fließen, sieht schnell die Größenordnung. Der Unterschied liegt woanders: Großbritannien hat sich überhaupt auf einen Kurs festgelegt.
Und Deutschland?
Hier wird es unangenehm.
Die Ampel-Koalition hatte in ihrem Koalitionsvertrag eine Reduktionsstrategie für Tierversuche versprochen. Angekündigt war die Veröffentlichung für April 2025. Sie kam nie. Ärzte gegen Tierversuche, Menschen für Tierrechte und PETA Deutschland kritisierten das im Mai 2025 gemeinsam und richteten ihren Appell an die neue Regierung: Die bisherigen Anstrengungen aller Beteiligten sollten nicht zunichtegemacht werden.
Passiert ist seitdem nach Darstellung der Verbände wenig. Während Großbritannien im November 2025 seine Replacing Animals in Science Strategy mit 75 Millionen Pfund gestartet hat und im März 2026 die Arzneimittelbehörde MHRA anbot, Daten aus tierversuchsfreien Verfahren vorab zu prüfen, gibt es in Deutschland weiterhin kein vergleichbares Programm.
Auf EU-Ebene bewegt sich immerhin etwas: Am 1. Juni 2026 hat die Kommission ihre Roadmap towards phasing out animal testing for chemical safety assessments beschlossen, mit über 30 Empfehlungen für den schrittweisen Ausstieg bei der Chemikaliensicherheit. Wie schnell daraus verbindliche Regeln werden, ist offen. Und wie zäh dieser Weg im Einzelfall ist, zeigt der Botox-Maustest, für dessen Streichung Ärzte gegen Tierversuche fast zwei Jahrzehnte gebraucht hat: Ende der Botox-Tierversuche rückt näher.
Ärzte gegen Tierversuche im TIV-Podcast
Warum über 90 Prozent der im Tierversuch erfolgreichen Wirkstoffe beim Menschen scheitern und was moderne Forschung stattdessen leisten kann, haben wir mit Dr. med. vet. Corina Gericke und Claus Kronaus von Ärzte gegen Tierversuche besprochen. Das ausführliche Interview gibt es hier zum Nachlesen, die komplette Folge direkt hier. Ein Klick auf das Vorschaubild startet den Player, vorher lädt nichts von YouTube.
Wie tief der Ausstieg auch persönlich geht, erzählt Dr. Dilyana Filipova, die selbst aus der tierexperimentellen Forschung kam: Über Ethik, Wissenschaft und Fortschritt.
Warum wir das nicht nur als Fortschrittsmeldung lesen
„Besser für Menschen und Tiere” ist eine sympathische Formel, und sie stimmt sogar. Aber sie beschreibt nur die halbe Sache.
Eine Maus, ein Beagle, ein Makake haben Interessen. Sie empfinden Schmerz, Angst und Stress, und sie haben kein Interesse daran, in einem Verfahren zu sterben, dessen Nutzen für den Menschen sich in fünf von hundert Fällen einstellt. Ein Tierversuch ist keine bedauerliche Nebenwirkung des Fortschritts. Er ist eine Entscheidung, das Leben eines empfindungsfähigen Wesens gegen einen möglichen Nutzen aufzuwiegen, ohne dass dieses Wesen jemals gefragt werden könnte.
An diesen 22 Millionen Pfund hängt deshalb mehr als bessere Forschung. Ein Staat räumt damit ein: Die Alternativen existieren, sie sind unterfinanziert, und das ist eine politische Entscheidung, die sich ändern lässt. Genau dieselbe Entscheidung steht in Deutschland an.
Auch beim Essen gilt übrigens dasselbe Prinzip. Wer Tiere nicht für Medikamente einsetzen möchte, hat wenig Grund, sie für ein Abendessen zu töten, für das es längst gleichwertige pflanzliche Alternativen gibt.
Was du tun kannst

- Beim Einkauf auf tierversuchsfreie Kosmetik und Reinigungsmittel achten. Wie sich die Rechtslage dort international bewegt, haben wir am Beispiel der USA beschrieben: Nevada verbietet Tierversuche für Reinigungsmittel.
- Politisch dranbleiben. Zum geplanten deutschen Tierversuchsgesetz haben zehn Verbände Alarm geschlagen, die Hintergründe stehen hier: Geplantes Tierversuchsgesetz.
- Tiefer einsteigen. Wie sinnvoll Tierversuche wirklich sind, haben wir Fachleute gefragt: Tierversuche: So viel Sinn machen sie wirklich.
Quellen und Einordnung
Die Ankündigung stammt vom 12. August 2026: Pressemitteilung der britischen Regierung. Die Zitate von Chris McDonald und Juliet Dukes haben wir aus dem Englischen übersetzt, die Originalwortlaute stehen in der Mitteilung und in der Berichterstattung von Plant Based News.
Die deutschen Versuchstierzahlen stammen aus der Versuchstierstatistik des Bundesministeriums auf Basis der Erhebung des Deutschen Zentrums zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R), Berichtsjahr 2024. Zur nicht veröffentlichten Reduktionsstrategie beziehen wir uns auf die gemeinsame Stellungnahme von Ärzte gegen Tierversuche vom 12. Mai 2025. Die EU-Roadmap findest du bei der Europäischen Kommission.
Einordnung: Es handelt sich um eine Förderzusage, nicht um ein Verbot und nicht um ein Ausstiegsdatum. Ob und wie schnell die geförderten Methoden regulatorisch anerkannt werden, entscheidet sich erst in den kommenden Jahren. Die Bilder sind Symbolbilder aus unserer Stock-Bibliothek.
FAQ - Das fragen andere
Was genau gefördert wird?
Warum Organoide mehr können als das Tiermodell?
Und Deutschland?
Warum wir das nicht nur als Fortschrittsmeldung lesen?
Was du tun kannst?
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