Leipziger Studie zu veganen Kindern: Die Schlagzeile stützt sich auf zwölf Jugendliche

Seit dem Wochenende läuft eine Meldung durch die deutschen Medien, die sich leicht merken lässt: Vegan ernährte Kinder seien kleiner. Dahinter steckt eine Auswertung der Leipziger LIFE-Child-Kohorte, erschienen am 29. August 2026 im European Journal of Nutrition. Verfasst haben sie Inola E. Allner, Wieland Kiess, Jürgen Kratzsch und Mandy Vogel vom Zentrum für Pädiatrische Forschung der Universität Leipzig.
Wir haben den Volltext gelesen, samt Anhangstabellen. Die Studie ist solide gemacht und frei zugänglich, die Autorinnen und Autoren geben keine Interessenkonflikte an, finanziert wurde die Kohorte unter anderem vom Bundesforschungsministerium und dem Freistaat Sachsen. Was in der Arbeit steht, ist trotzdem etwas anderes als das, was in den Überschriften landet.
Der wichtigste Satz der Arbeit steht in den Limitationen, nicht im Abstract. Dort schreibt das Team über seine eigene vegane Gruppe, die Ergebnisse sollten nicht überinterpretiert werden, und es brauche eine Bestätigung in größeren Kohorten, bevor sich belastbare Aussagen über vegane Ernährung und Wachstum bei Kindern treffen lassen. Diese Gruppe bestand aus zwölf Personen.
Was in Leipzig gemessen wurde.
LIFE Child läuft seit 2011 in Leipzig und begleitet Kinder von der 24. Schwangerschaftswoche bis ins junge Erwachsenenalter. Für diese Auswertung flossen 7.344 Serumproben von 2.508 Teilnehmenden zwischen drei Monaten und 19 Jahren ein. Bei jedem Termin wurden Körpergröße und Gewicht von geschultem Personal gemessen, dazu kam eine venöse Blutentnahme.
Aus dem Blut bestimmte das Labor zwei Werte: IGF-1, einen Wachstumsfaktor, und IGFBP-3, dessen wichtigstes Bindungsprotein. Alle Werte wurden in Standardabweichungswerte umgerechnet, kurz SDS. Ein SDS von 0 bedeutet exakt Durchschnitt für Alter und Geschlecht, plus 1 bedeutet eine Standardabweichung darüber. Ab minus 2 spricht die Medizin von Kleinwuchs.
Die Ernährungsweise wurde bei jedem Besuch abgefragt, bei Kindern unter zehneinhalb Jahren bei den Eltern, danach bei den Jugendlichen selbst. Gefragt wurde nach dem gewohnten Ernährungsmuster, ohne Ernährungsprotokoll, ohne Fragebogen zur Häufigkeit einzelner Lebensmittel. Vegan bedeutete in dieser Studie: kein Fleisch, kein Fisch, keine Eier, keine Milchprodukte.
Weil vegetarisch und vegan lebende Teilnehmende in den jüngeren Jahrgängen fast nicht vorkamen, beschränkte das Team die Hauptauswertung auf alle ab zehn Jahren. Dann bildete es gematchte Gruppen im Verhältnis eins zu drei, einmal nach Alter und Geschlecht, einmal nach Pubertätsstadium nach Tanner. So bleiben am Ende 645 omnivore Blutproben, 215 vegetarische von 128 Personen und 17 vegane von zwölf Personen.

Zwölf Teilnehmende, und fast alle davon Jugendliche.
Wer die Anhangstabelle aufschlägt, sieht, woraus diese Gruppe besteht. In der gesamten Kohorte gibt es 21 vegane Blutproben von 16 Personen. Vier davon stammen von Kindern unter sechs Jahren. Zwischen sechs und zehn Jahren gibt es keine einzige vegane Probe, also genau in der Altersspanne, an die die meisten Leserinnen und Leser beim Wort Kind denken.
Die vier jüngsten fielen durch die Altersgrenze aus der Auswertung. Übrig bleiben 17 Proben von zwölf Personen ab zehn Jahren, und davon sind zehn Personen zwischen 15 und 19 Jahre alt. Der Befund, über den bundesweit berichtet wird, beschreibt also in erster Linie vegan lebende Jugendliche in und nach der Pubertät.
Das ist kein Detail für Statistikfans. Es ändert, worüber wir reden. Eine Sechzehnjährige, die sich aus eigener Entscheidung vegan ernährt, ist etwas anderes als ein Kleinkind, dessen Eltern die Ernährung bestimmen. Die Sorge, die in den Kommentarspalten mitschwingt, richtet sich fast immer auf den zweiten Fall. Daten dazu liefert diese Studie nicht.

Was die Zahlen konkret zeigen.
Bei der Körpergröße lagen die veganen Teilnehmenden im Modell mit Pubertätsstadium bei minus 0,24 SDS, die vegetarischen bei plus 0,35 SDS. Der Unterschied ist statistisch signifikant, der Koeffizient beträgt minus 0,59 bei einem p-Wert von 0,006. Rechnet dasselbe Team stattdessen nach Alter und Geschlecht, verschwindet die Signifikanz, der p-Wert liegt dann bei 0,095.
Beim BMI ist das Bild deutlicher. Omnivor ernährte Teilnehmende hatten mit 0,32 SDS die höchsten Werte, vegan ernährte lagen in beiden Modellen signifikant darunter. Zwischen omnivor und vegetarisch war der Abstand mit 0,14 SDS zu klein für Signifikanz, der p-Wert liegt bei 0,114.
Beim Wachstumsfaktor IGF-1 ist der stabilste Befund der Studie, dass vegetarisch ernährte Kinder niedrigere Werte haben als omnivore. Dieser Unterschied ist in beiden Rechenmodellen signifikant, mit p-Werten unter 0,001, und er steht auf 215 Proben. Der vielzitierte Vegan-Befund dagegen ist in einem Modell knapp signifikant, p gleich 0,031, und im anderen knapp nicht, p gleich 0,054. Die Autorinnen und Autoren nennen ihn selbst grenzwertig signifikant.
Wichtig für die Einordnung: Alle Gruppenmittelwerte bleiben im Normbereich. Der niedrigste Wert der ganzen Studie ist ein IGF-1-SDS von minus 0,87 bei den veganen Teilnehmenden. Die Grenze zum Kleinwuchs liegt bei minus 2. Wie viele einzelne Kinder unter diese Grenze fielen, berichtet die Arbeit nicht, und das Wort klinisch kommt im Volltext kein einziges Mal vor.

Was IGF-1 überhaupt ist.
IGF-1 heißt ausgeschrieben insulinähnlicher Wachstumsfaktor 1. Die Leber bildet ihn auf Signal des Wachstumshormons, und er treibt das Längenwachstum der Knochen an. Bei Kindern ist der Wert deshalb ein brauchbarer Marker dafür, wie stark der Wachstumsmotor gerade läuft.
Der Wert reagiert auf Ernährung, und die sauberste Evidenz dazu kommt aus Kopenhagen. Dort bekamen 24 achtjährige Jungen eine Woche lang entweder anderthalb Liter Magermilch oder eine proteingleiche Menge mageres Fleisch. Beide Gruppen nahmen gleich viel Protein auf. In der Milchgruppe stieg IGF-1 um 19 Prozent, in der Fleischgruppe änderte sich nichts. Die Forschenden schlossen daraus, dass es Bestandteile der Milch sind und nicht die Proteinmenge an sich. Eine zweite Studie derselben Gruppe zeigte, dass der Effekt am Casein hängt, nicht am Molkenprotein.
Ganz so eindeutig ist es trotzdem nicht. In einem vierwöchigen Versuch mit 129 Kindern stieg IGF-1 in allen Gruppen um 16 Prozent, egal ob Milchprotein oder eine Mischung mit Rapsprotein verabreicht wurde. Auswertungen der UK Biobank finden höhere IGF-1-Werte bei mehr Ballaststoffen und Vollkorn, bei Käse dagegen keinen klaren Zusammenhang. Bei erwachsenen Veganerinnen lagen die IGF-1-Werte in einer Auswertung 13 Prozent unter denen der Vergleichsgruppen, bei Veganern 9 Prozent.
Ein niedrigerer IGF-1-Wert bei pflanzlicher Ernährung ist also plausibel. Was er bedeutet, ist die offene Frage, und genau da wird in beide Richtungen zu viel behauptet. Bei Erwachsenen sind hohe IGF-1-Werte in großen Kohorten mit einem moderat erhöhten Risiko für Prostata-, Brust- und Darmkrebs assoziiert, mit Risikoverhältnissen zwischen 1,05 und 1,38. Gleichzeitig zeigen dieselben Datensätze eine U-Form bei der Gesamtsterblichkeit: Auch sehr niedrige Werte gehen mit erhöhter Sterblichkeit einher, und genetische Analysen verknüpfen niedriges IGF-1 mit einem leicht höheren Frakturrisiko.
Daraus folgt kein Krebsschutz durch vegane Kinderernährung, und wir werden das hier auch nicht behaupten. Für die Kette von der Ernährung im Kindesalter über den IGF-1-Spiegel bis zu einer Krebsdiagnose Jahrzehnte später gibt es keine einzige Studie, die alle drei Glieder an denselben Menschen verfolgt hätte. Der einzige Datensatz, der überhaupt einen ganzen Lebenslauf abdeckt, eine britische Kohorte mit 65 Jahren Nachbeobachtung, fand bei hohem Milchkonsum in der Kindheit mehr Darmkrebs, nicht weniger. Auch das ist eine einzelne Beobachtungsstudie und beweist nichts.
Und dann ist da noch der Befund, der in der aktuellen Berichterstattung komplett fehlt: Die polnische Studie von 2021, die vegane Kinder mit DXA und Deuterium-Verdünnung deutlich aufwendiger untersucht hat als Leipzig, fand bei IGF-1 keinen Unterschied zwischen den Ernährungsgruppen. In der großen Metaanalyse von Ende 2025 liegt der IGF-1-Wert vegetarisch ernährter Kinder praktisch exakt auf dem der omnivoren.
Was die Studie nicht gemessen hat.
Die Liste ist lang, und sie ist der Grund, warum aus dieser Arbeit keine Ernährungsempfehlung folgt. Erhoben wurden weder Vitamin B12 noch Vitamin D, Jod, Eisen, Ferritin oder Hämoglobin. Auch die Proteinzufuhr der Teilnehmenden kennt niemand. Ob jemand supplementiert hat, steht nirgends.
Ebenso wenig erfasst wurden Dauer und Konsequenz der Ernährungsweise. Wer am Tag der Blutabnahme angab, sich vegan zu ernähren, zählte als vegan, egal ob seit zwei Monaten oder seit der Geburt. Die Autorinnen und Autoren schreiben selbst, dass daraus eine Fehlklassifikation entstehen kann.
Körperliche Aktivität, Einkommen und Bildungshintergrund konnten wegen der kleinen Gruppen nicht berücksichtigt werden. Das ist heikel, denn Jugendliche, die sich für eine restriktive Ernährungsweise entscheiden, unterscheiden sich in vielem von anderen. 98 Prozent der Kohorte sind weiß, was die Übertragbarkeit auf andere Bevölkerungen begrenzt.
Und die Erklärung, die in vielen Berichten mitgeliefert wird, weniger tierisches Protein führe zu niedrigerem IGF-1, stammt nicht aus den Leipziger Messungen. Sie stammt aus der Diskussion fremder Studien. In dieser Kohorte hat niemand gemessen, wie viel Protein die Teilnehmenden gegessen haben.

Was andere Untersuchungen zum Wachstum finden.
Die Leipziger Arbeit steht nicht allein, und das Bild aus der Forschung ist uneinheitlich. Genau deshalb lässt sich aus der Studienlage jede gewünschte Schlagzeile bauen, wenn man sich die passende Arbeit heraussucht.
Die polnische Untersuchung von Małgorzata Desmond und Kolleginnen aus dem Jahr 2021 ist die wichtigste Vorläuferstudie und methodisch die aufwendigste. Sie verglich 52 vegan, 63 vegetarisch und 72 omnivor ernährte Kinder zwischen fünf und zehn Jahren, mit Knochendichtemessung und Deuterium-Verdünnung zur Bestimmung der Körperzusammensetzung. Alle Kinder ernährten sich seit mindestens einem Jahr so, im veganen Schnitt seit 5,3 Jahren.
Die vegan ernährten Kinder waren im adjustierten Modell rund 3,2 Zentimeter kleiner und hatten einen geringeren Knochenmineralgehalt, der sich zum größeren Teil über die geringere Körpergröße erklärt. Ein Rest blieb auch nach Adjustierung bestehen. Gleichzeitig lag ihr LDL-Cholesterin 24 Milligramm pro Deziliter niedriger und ihr Entzündungsmarker deutlich darunter. Kein Kind der veganen Gruppe hatte erhöhte LDL-Werte, in der omnivoren Gruppe waren es 13 Prozent.
Der Nährstoffteil ist der entscheidende. Vegan ernährte Kinder ohne Supplement und ohne angereicherte Lebensmittel hatten massiv niedrigere B12-Werte. Bei denen mit Supplement plus angereicherten Lebensmitteln war kein Unterschied zur omnivoren Gruppe mehr messbar. Knapp ein Drittel der vegetarisch und vegan ernährten Kinder bekam allerdings weder das eine noch das andere. Entleerte Eisenspeicher fanden sich bei 30 Prozent der veganen, 18 Prozent der vegetarischen und 13 Prozent der omnivoren Kinder. Zur Fairness gehört auch: Zwei vegane Jungen wurden vor der Auswertung ausgeschlossen, weil bei ihnen der Verdacht auf eine Wachstumsstörung bestand.
Eine kanadische Auswertung von 2022 mit 8.907 Kindern, darunter 248 vegetarisch ernährte, fand dagegen keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Ernährungsmuster und Körpergröße oder BMI. Auffällig war dort ein erhöhtes Risiko für Untergewicht bei vegetarischer Ernährung. Eine große US-Untersuchung von 1990 wiederum fand vegetarische Jungen im Mittel 1,6 Zentimeter größer als die Vergleichsgruppe, wobei die Autoren selbst einräumten, dass der höhere soziale Status der beteiligten Familien das Ergebnis erklären könnte.
Die deutsche VeChi-Youth-Studie untersuchte 401 Kinder und Jugendliche, im Mittel 12,7 Jahre alt, davon rund 115 vegan. Bei Körpergröße, Gewicht und BMI fand sie keine signifikanten Unterschiede zwischen den drei Gruppen, die veganen lagen mit 152 zu 156 Zentimetern rechnerisch darunter, ohne dass der Unterschied statistisch trug. Auffällig war etwas anderes: 95 Prozent der vegan ernährten Teilnehmenden nahmen Supplemente, bei den omnivoren waren es 17 Prozent. Die Vorgängerstudie mit Kleinkindern fand ebenfalls keine signifikanten Wachstumsunterschiede, aber 3,6 Prozent der vegan ernährten Kleinkinder lagen unterhalb der Grenze zum Kleinwuchs, in der omnivoren Gruppe kein einziges.
Zur Einordnung der Förderung, in beide Richtungen: VeChi Youth wurde im Rahmen des DGE-Ernährungsberichts vom Bundeslandwirtschaftsministerium finanziert. Die Vorgängerstudie VeChi Diet dagegen von der Erna-Graff-Stiftung für Tierschutz, und ein Leiter beider Studien sitzt unbezahlt im wissenschaftlichen Beirat einer Pflanzenkost-Organisation. Das entwertet die Ergebnisse nicht, gehört aber genauso dazu wie die Herkunft jeder anderen Förderung.

Die größte Übersicht sagt etwas Unbequemes.
Wer es sich einfach machen will, zitiert jetzt die Leipziger Fallzahlen und lässt die Sache damit auf sich beruhen. Das wäre unredlich, denn seit Dezember 2025 gibt es eine Arbeit, die deutlich mehr Gewicht hat. Ein Team um Susanna Lotti und Monica Dinu von der Universität Florenz hat 59 Studien mit insgesamt 48.626 Kindern und Jugendlichen zusammengefasst, darunter 1.289 vegan ernährte. Erschienen ist die Metaanalyse in Critical Reviews in Food Science and Nutrition, ohne Förderung und ohne angegebene Interessenkonflikte.
Das Ergebnis zur Körpergröße: Vegetarisch ernährte Kinder waren im Schnitt 1,19 Zentimeter kleiner als omnivor ernährte, vegan ernährte 3,64 Zentimeter. Beim BMI-z-Score lagen beide Gruppen darunter, beim Knochenmineralgehalt die vegetarische Gruppe ebenfalls. Das ist der Befund, und er fällt nicht zu unseren Gunsten aus.
Zur Ehrlichkeit gehört die zweite Hälfte. Die Autorinnen und Autoren ordnen die Differenz von einem bis drei Zentimetern im Volltext selbst ein: Sie liege möglicherweise innerhalb der normalen Wachstumsvariation und sei kein zwingender Hinweis auf eine beeinträchtigte Entwicklung. Klinisch bedeutsamer seien die Unterschiede bei Hämoglobin, Ferritin und Vitamin B12. Alle 59 eingeschlossenen Studien sind Querschnittsuntersuchungen, in 28 davon wurde gar nicht erfasst, ob die Kinder supplementieren. Der Vegan-Befund zur Körpergröße stützt sich auf vier Studien.
Und die Werte für Übergewicht gehen in die andere Richtung: Vegetarisch ernährte Kinder hatten seltener Übergewicht, mit einem Odds Ratio von 0,70. Untergewicht dagegen häufiger, Odds Ratio 1,68. Eisenmangel und Anämie waren in der vegetarischen Gruppe signifikant häufiger, in der veganen nicht, was vor allem daran liegt, dass für vegane Kinder viel weniger Daten vorliegen.

Was die Fachgesellschaften daraus machen.
Hier hat sich in den vergangenen zwei Jahren mehr bewegt, als die meisten Artikel zum Thema mitbekommen haben, und zwar in beide Richtungen.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat ihre Position im Juli 2024 geändert. Bis dahin galt der Satz von 2016, eine vegane Ernährung werde für Schwangere, Stillende, Säuglinge, Kinder und Jugendliche nicht empfohlen. In der Neubewertung heißt es jetzt, für diese Gruppen könne die DGE weder eine eindeutige Empfehlung für noch gegen eine vegane Ernährung aussprechen. Begründung ist die weiterhin begrenzte Datenlage. Eine Beratung durch qualifizierte Fachkräfte sei dringend angeraten. Als kritische Nährstoffe nennt die DGE Vitamin B12, Jod, Protein, langkettige Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D, Riboflavin, Calcium, Eisen, Zink und Selen.
Die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin hat im Juli 2026 nachgezogen. Ihr Update verzichtet auf pauschales Abraten und beschreibt stattdessen, wie eine Begleitung aussehen soll: strukturierte Ernährungsanamnese, regelmäßige Wachstumskontrollen mit Blick auf den Perzentilenverlauf, Screening auf Mangelzustände, Ernährungsberatung. Der Satz, der dort ohne Wenn und Aber steht: Vitamin B12 muss immer supplementiert werden, und zwar in einer Größenordnung von etwa 5 bis 25 Mikrogramm täglich, weil die üblichen Referenzwerte von 1,5 bis 4 Mikrogramm nur bei gefüllten Speichern reichen.
Zurückhaltender bleibt das Netzwerk Gesund ins Leben. Von veganer Beikost wird dort weiterhin abgeraten, für Kleinkinder zwischen einem und drei Jahren gilt die Formulierung, eine vegane Ernährung werde wegen möglicher Risiken und unzureichender Datenlage nicht empfohlen. Diese Empfehlungen stammen aus 2016 beziehungsweise 2022 und wurden in diesem Punkt seither nicht aktualisiert. Wer also liest, Deutschland habe seine Haltung geändert, liest die halbe Wahrheit: Die DGE und die Kinderärzteschaft haben sich bewegt, die Säuglingsempfehlungen nicht.
International lohnt ein Blick, der in veganen Medien meist fehlt. Die amerikanische Academy of Nutrition and Dietetics gilt als Kronzeugin für den Satz, vegane Ernährung sei in allen Lebensphasen geeignet, Schwangerschaft und Kindheit eingeschlossen. Dieser Satz stammt aus der Position von 2016. Deren Gültigkeit ist Ende 2021 ausgelaufen. Die neue Position von Januar 2025 gilt ausdrücklich nur für Erwachsene ab 18 Jahren, die weder schwanger sind noch stillen. Kinder nennt sie explizit außerhalb ihres Geltungsbereichs. Wer die Academy heute für vegane Kinderernährung zitiert, zitiert ein abgelaufenes Dokument.
Die europäische Fachgesellschaft für pädiatrische Gastroenterologie ESPGHAN kam 2025 nach Sichtung von rund 1.500 vegan ernährten Kindern zu dem Schluss, die Evidenz reiche nicht aus, um zu beurteilen, ob eine streng vegane Ernährung normales Wachstum trägt. Gleichzeitig fand sie keine signifikanten Unterschiede bei Größen- und BMI-z-Scores. Ein offenes Feld also, in beide Richtungen.
Was vegan lebende Familien daraus mitnehmen.
Die Leipziger Zahlen taugen nicht als Beleg dafür, dass vegane Ernährung dem Wachstum schadet. Dafür ist die vegane Gruppe zu klein, zu alt und die Ernährungserfassung zu grob. Sie taugen aber auch nicht als Entwarnung, und so sollte man sie nicht lesen. Was bleibt, ist der eine Satz, den das Leipziger Team selbst zieht: Bei restriktiver Ernährung gehört der Ernährungsstatus beobachtet.
Praktisch heißt das vier Dinge, und keines davon ist neu.
Vitamin B12 ist nicht verhandelbar. Es gibt keine verlässliche pflanzliche Quelle, und ein Mangel trifft ausgerechnet Nervensystem und Blutbildung. Bei Kindern wird supplementiert, Punkt. Welche Präparate im Öko-Test überzeugt haben, steht in unserem Vergleich der B12-Testsieger.
Vitamin D, Jod, Eisen und Calcium gehören auf den Zettel. Vitamin D betrifft in Deutschland Kinder jeder Ernährungsweise, im Winter praktisch alle. Jod kommt über jodiertes Salz und Algenprodukte, wobei Algen stark schwanken und überdosieren können. Eisen aus Hülsenfrüchten und Vollkorn nimmt der Körper besser auf, wenn Vitamin C dazukommt, also die Paprika zum Linseneintopf.
Genug Energie und Protein auf den Teller. Pflanzliche Mahlzeiten haben oft mehr Volumen bei weniger Kalorien, und kleine Mägen sind schneller voll. Nüsse, Nussmus, Hülsenfrüchte, Tofu und Haferflocken liefern beides. Wir haben dazu einen Ernährungsplan für eine Woche und eine Sammlung veganer Rezepte für Kinder, die im Alltag funktionieren.
Die Vorsorgetermine nutzen. Körpergröße und Gewicht werden bei den U-Untersuchungen ohnehin gemessen und in die Perzentilkurve eingetragen. Wer vegan ernährt, spricht das aktiv an und lässt bei Gelegenheit B12, Ferritin und Vitamin D bestimmen. Wenn ein Kind über längere Zeit von seiner Wachstumskurve abweicht, gehört das ärztlich abgeklärt, unabhängig davon, was auf dem Teller liegt.

Was in der Debatte regelmäßig untergeht: Eine schlecht geplante Mischkost ist genauso ein Problem. In der VeChi-Youth-Studie lag der Vitamin-D-Spiegel bei 27 bis 36 Prozent der Kinder unter dem Referenzwert, und zwar quer durch alle drei Ernährungsgruppen, mit dem höchsten Anteil bei den vegetarisch ernährten. Bei Vitamin B2 waren 37 Prozent der omnivoren Kinder niedrig versorgt. Die Aufmerksamkeit, die vegane Familien für ihre Nährstoffversorgung aufbringen müssen, würde vielen anderen Familien auch guttun.

Warum Familien sich überhaupt so ernähren.
In der Berichterstattung über vegane Kinderernährung fehlt fast immer der Grund. Er wird behandelt wie eine Marotte, über die man den Kopf schüttelt. Dabei steht am Anfang meistens eine sehr konkrete Entscheidung: Diese Familie will nicht, dass für ihr Abendessen ein Tier stirbt.
Dahinter stehen Zahlen, die sich schwer wegdiskutieren lassen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden 2025 in Deutschland rund 745 Millionen Tiere gewerblich geschlachtet, darunter 640 Millionen Jungmasthühner und 44,9 Millionen Schweine. Fische tauchen in dieser Statistik gar nicht erst auf, sie werden in Tonnen gezählt. Wer sich einmal mit Speziesismus beschäftigt hat, also mit der Frage, warum wir den Hund streicheln und das Schwein essen, kommt schwer wieder dahinter zurück.
Bemerkenswert ist der Befund aus der Leipziger Kohorte selbst: Unter den 17- bis 19-Jährigen ernährten sich 15,2 Prozent der jungen Frauen mindestens zeitweise vegetarisch, bei den jungen Männern 4,2 Prozent. Das sind keine Kinder, denen jemand etwas verbietet. Das sind Jugendliche, die eine Entscheidung treffen, und in der Mehrzahl sind es junge Frauen.
Diese Entscheidung verdient eine ehrliche Begleitung statt Spott. Dazu gehört auch, unbequeme Studienergebnisse zu benennen, statt sie wegzuwischen. Wer vegan lebt, hat es nicht nötig, sich die Datenlage schönzurechnen.
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So haben wir recherchiert ●
Grundlage ist der Volltext von Allner, Kiess, Kratzsch und Vogel im European Journal of Nutrition vom 29. August 2026, frei zugänglich unter der Lizenz CC BY 4.0, samt der drei Anhangstabellen mit den Konfidenzintervallen und der Altersaufschlüsselung. Alle Fallzahlen, Effektschätzer und p-Werte in diesem Artikel stammen aus dieser Arbeit und ihrem Anhang, nicht aus Pressemeldungen. Die Altersverteilung der veganen Teilnehmenden haben wir selbst aus Supplementary Table 1 ausgezählt.
Die Vergleichsstudien haben wir an den Originalarbeiten geprüft, nicht an Zusammenfassungen. Dabei sind uns zwei Dinge aufgefallen, die in der deutschsprachigen Berichterstattung regelmäßig falsch laufen: Die Studie von Desmond und Kolleginnen erschien 2021 im American Journal of Clinical Nutrition und nicht in JAMA Pediatrics, und die viel zitierte Aussage der Academy of Nutrition and Dietetics zu allen Lebensphasen stammt aus einer Position, deren Gültigkeit Ende 2021 auslief. Die Schlachtzahlen stammen aus der Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts vom Februar 2026 zur Fleischproduktion 2025. Wo wir Förderung oder Nähe zu Interessengruppen kennen, schreiben wir sie dazu, in beide Richtungen: Die LIFE-Child-Kohorte wird öffentlich finanziert und gibt keine Interessenkonflikte an, die VeChi-Studien haben Verbindungen ins pflanzliche Lager.
Offen bleibt: Wie viele einzelne Teilnehmende unter die Grenze zum Kleinwuchs fielen, berichtet die Studie nicht. Absolute Werte in Zentimetern und Nanogramm pro Milliliter fehlen ebenfalls, es werden ausschließlich Standardabweichungswerte berichtet. Ob die beobachteten Unterschiede klinisch bedeutsam sind, bewerten die Autorinnen und Autoren nicht.
Dieser Artikel ordnet eine wissenschaftliche Arbeit ein und ersetzt keine individuelle Beratung. Wenn du den Eindruck hast, dass dein Kind langsamer wächst oder zunimmt als erwartet, oder wenn du unsicher bei der Nährstoffversorgung bist, besprich das in der kinderärztlichen Praxis oder mit einer Ernährungsfachkraft. Vitamin B12 ist bei veganer Ernährung in jedem Alter zu supplementieren.
Quellen.
- Allner IE, Kiess W, Kratzsch J, Vogel M: Growth parameters and IGF-1 axis biomarkers differ among omnivorous, vegetarian, and vegan children. European Journal of Nutrition, 29.8.2026, doi 10.1007/s00394-026-04085-6
- Volltext der Studie bei PubMed Central (PMC13526060), inklusive Anhangstabellen
- LIFE Child, Studienregistrierung NCT02550236
- Alexy U et al.: Nutrient Intake and Status of German Children and Adolescents Consuming Vegetarian, Vegan or Omnivore Diets. Nutrients 2021 (VeChi Youth Study)
- Desmond MA et al.: Growth, body composition, and cardiovascular and nutritional risk of 5- to 10-y-old children consuming vegetarian, vegan, or omnivore diets. American Journal of Clinical Nutrition 2021
- Lotti S, Panizza G, Martini D et al.: Lacto-ovo-vegetarian and vegan diets in children and adolescents, a systematic review and meta-analysis. Critical Reviews in Food Science and Nutrition 2026, online seit 11.12.2025
- Verduci E et al. für die ESPGHAN: Positionspapier zu vegetarischer und veganer Ernährung im Kindesalter. Journal of Pediatric Gastroenterology and Nutrition 2025
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Neubewertung der DGE-Position zu veganer Ernährung, 15.7.2024
- Ernährungskommission der DGKJ: Vegetarische und vegane Ernährung bei Kindern und Jugendlichen, ein Update. Monatsschrift Kinderheilkunde, 14.7.2026
- Netzwerk Gesund ins Leben: Handlungsempfehlungen zu vegetarischer und veganer Ernährung im Kleinkindalter, Stand 27.6.2022
- Raj S, Guest NS, Landry MJ et al.: Vegetarian Dietary Patterns for Adults, Position Paper der Academy of Nutrition and Dietetics, Januar 2025, gültig bis 31.12.2032
- Hoppe C, Mølgaard C, Juul A, Michaelsen KF: High intakes of skimmed milk, but not meat, increase serum IGF-I. European Journal of Clinical Nutrition 2004
- Weder S, Hoffmann M, Becker K, Alexy U, Keller M: Energy, Macronutrient Intake, and Anthropometrics of Vegetarian, Vegan, and Omnivorous Children. Nutrients 2019 (VeChi Diet Study)
- van der Pols JC et al.: Childhood dairy intake and adult cancer risk, 65-y follow-up of the Boyd Orr cohort. American Journal of Clinical Nutrition 2007
- Statistisches Bundesamt: Fleischproduktion im Jahr 2025 nahezu unverändert, Pressemitteilung Februar 2026
FAQ - Das fragen andere
Was in Leipzig gemessen wurde.?
Was die Zahlen konkret zeigen.?
Was IGF-1 überhaupt ist.?
Was die Studie nicht gemessen hat.?
Was andere Untersuchungen zum Wachstum finden.?
Was die Fachgesellschaften daraus machen.?
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