B12-Mangel und Rückenmarksschäden: Was an der Schockmeldung stimmt
Seit Dienstag wandert ein Text durch Finanz- und Nachrichtenportale, der es in sich hat: „Vegane Ernährung: Vitamin-B12-Mangel führt zu Nerven- und Rückenmarksschäden“. Aufhänger ist eine 42-jährige Frau aus China, die nach drei Jahren rein pflanzlicher Kost kaum noch gehen konnte. Dazu kommen Studien, Zahlen, eine Ärztin aus Berlin und ein Produkttest.
Wir haben jede einzelne Aussage an ihrer Quelle geprüft. Das Ergebnis ist unbequem für beide Seiten. Der Kern stimmt: Wer vegan lebt und kein B12 nimmt, riskiert ernste Nervenschäden, und die können bleiben. Drumherum ist der Text aber so zusammengebaut, dass er deutlich mehr Angst macht, als die Belege hergeben. Und die wichtigste Information fehlt fast ganz.
Der Fall aus Hangzhou.
Den Fall gibt es. Am 22. September haben ihn mehrere chinesische Medien gemeldet, darunter die Southern Metropolis Daily und der Sender Guangdong Radio and Television. Quelle ist eine Mitteilung des Zweiten Volkskrankenhauses im Bezirk Yuhang in Hangzhou. Die Patientin wird dort unter einem Pseudonym geführt.
Laut Klinik hatte die Frau auf Getreide, Gemüse, Sojaprodukte und Pilze umgestellt, angeregt durch einen Social-Media-Trend zum „Entgiften“. Nach und nach wurden ihre Zehenspitzen taub, die Beine fühlten sich weich an, sie knickte häufig um, nachts kamen stechende Schmerzen dazu. Später fiel es ihr schwer, ein Glas Wasser zu halten oder Knöpfe zu schließen. Sie hielt das für ein Problem mit der Wirbelsäule und versuchte es mit Akupunktur, Massage und Kräutermedizin. Erst nach einem Sturz zu Hause kam sie in die Neurologie. Diagnose: subakute kombinierte Degeneration des Rückenmarks, auf Deutsch meist funikuläre Myelose, ausgelöst durch schweren B12-Mangel. Die Ärzte warnen, dass trotz Behandlung lebenslange Folgen bleiben können.
Was diese Meldung nicht ist: ein Fallbericht in einer Fachzeitschrift. Es gibt keine Laborwerte, keinen Verlauf, keine Angaben zur Behandlung. Ob die Frau jemals ein B12-Präparat genommen hat, steht in den chinesischen Texten nirgends ausdrücklich. Und die Klinik nennt Fleisch, Fisch, Eier und Milch als einzige wirksame Quelle für B12. Supplemente erwähnt sie mit keinem Wort. Das ist die Stelle, an der eine medizinisch plausible Warnung zur Ernährungsempfehlung wird, die so nicht stimmt.
Was im deutschen Text danebenliegt.
Der Text, der hierzulande kursiert, trägt keinen Autorennamen. Als Urheber steht am Ende boerse-global.de, das Aufmacherbild ist laut Bildunterschrift mit KI erstellt, und zwischen den Absätzen werben Kästen für einen kostenlosen „Laborwerte-Selbstcheck“. Inhaltlich sind uns diese Stellen aufgefallen:
- Ein Übersetzungsfehler. Laut deutschem Text hatte die Frau Probleme „beim Wasserlassen“. Im chinesischen Original fällt es ihr schwer, die Hand zu heben und ein Glas Wasser zu halten. Blasenstörungen kommen bei schwerer funikulärer Myelose tatsächlich vor, in diesem Fall berichtet sie aber niemand.
- Ein Rechenfehler. Der Körperspeicher soll dem 1.000- bis 2.000-Fachen der täglichen Aufnahme entsprechen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gibt den Speicher mit 2 bis 5 Milligramm an, der Tagesbedarf liegt bei 4 Mikrogramm. Das ergibt das 500- bis 1.250-Fache.
- Eine verschobene Höchstmenge. Das BfR schlägt für Nahrungsergänzungsmittel höchstens 25 Mikrogramm pro Tagesdosis vor, der Text macht daraus eine „Einzeldosis“. Wichtiger noch: Der Wert gilt für frei verkäufliche Präparate. Einen festgestellten Mangel behandeln Ärztinnen und Ärzte mit deutlich höheren Dosen.
- Ein alter Test ohne Datum. Der zitierte Öko-Test mit 29 B12-Präparaten stammt aus dem Februarheft 2023. Wie die Testsieger heute dastehen und welche davon vegan sind, haben wir im Überblick zu den B12-Testsiegern nachgeprüft.
- Ein Zitat ohne Quelle. Die O-Töne einer Berliner Ärztin zu Tabletten und Tropfen konnten wir keinem Interview und keiner Veröffentlichung zuordnen. Sie tauchen nur in Texten auf, die selbst keine Quelle nennen. Wir geben sie deshalb nicht wieder.
- Eine Studie zum falschen Thema. Die „randomisierte Studie mit 72 Probanden über 65“ gibt es, sie erschien im August im American Journal of Clinical Nutrition. Sie untersucht aber Muskelmasse und Proteinzufuhr bei älteren Menschen, die ohne Beratung auf vegan umgestellt haben. B12 spielt darin keine Rolle. Unter der Überschrift „Wissenschaftliche Analysen untermauern die Risiken“ hat sie nichts verloren.
Der Satz, der fehlt.
Am meisten sagt eine Auslassung. Der Text beruft sich auf eine Meta-Analyse von 2024 mit 19 Studien: Vegan lebende Erwachsene haben im Schnitt niedrigere B12-Spiegel und höhere Homocysteinwerte als Menschen, die Fleisch essen. Das steht so in der Arbeit von Niklewicz und Kollegen im Nutrition Bulletin. Dort steht aber auch, ausdrücklich im Ergebnisteil: Vegan lebende Menschen, die B12 supplementieren, haben bei allen vier untersuchten Markern deutlich bessere Werte als die, die es lassen.
Genau dieser Befund zieht sich durch die Forschung. In der britischen EPIC-Oxford-Kohorte hatte gut die Hälfte der vegan lebenden Männer zu niedrige B12-Werte, allerdings mit Daten aus den Neunzigern, als kaum jemand supplementierte. Eine tschechische Studie von 2019 fand, dass regelmäßig supplementierende Veganerinnen und Veganer ähnliche Werte hatten wie Menschen, die nicht vegan leben. Das Risiko hing am Präparat, nicht an der Frage, wie lange jemand schon vegan isst. Und in der Berliner Studie des BfR von 2020 nahmen 92 Prozent der vegan lebenden Teilnehmenden B12 ein. Ihr Status war nicht schlechter als der der Mischköstler. Das Problem dort war ein anderes, nämlich Jod.
Auch das zweite zitierte Review, 141 Studien zur Nährstoffversorgung, taugt nur halb als Beleg. Es findet bei pflanzlicher Ernährung niedrigere B12-Zufuhr, bei Mischkost dagegen Lücken bei Ballaststoffen, Folat, Vitamin E und Magnesium. Die Autorinnen schreiben selbst von Versorgungslücken in allen Ernährungsformen. Beide arbeiten übrigens für Unilever, was im deutschen Text ebenfalls fehlt.

Die Grafik darfst du gern weiterschicken, am besten mit Link auf diesen Artikel.
Was funikuläre Myelose ist.
Ohne B12 kann der Körper die Schutzschicht der Nervenbahnen nicht richtig aufbauen. Bei der funikulären Myelose trifft es vor allem zwei Stränge im Rückenmark: die, die Lage- und Vibrationsempfinden melden, und die, die Bewegungsbefehle weiterleiten. Typisch sind am Anfang Kribbeln und Taubheit in Füßen und Händen, dann ein unsicherer Gang, später Spastik und Lähmungen. Tückisch ist, dass die Nerven betroffen sein können, bevor das Blutbild auffällt. Eine Anämie muss nicht vorliegen.
Auch die Fehldeutung, die der Frau in Hangzhou passiert ist, kennt die Fachliteratur. Ein 2024 im BMJ veröffentlichter Fall beschreibt einen jungen Mann, der zunächst wegen eines vermeintlichen Bandscheibenproblems behandelt wurde.
Die gute Nachricht: Früh erkannt ist die Erkrankung meist gut behandelbar. Eine Übersichtsarbeit von 2021 hat 66 Fälle ausgewertet. Von den Betroffenen, die bei der Diagnose noch ohne Hilfe gehen konnten, erholten sich knapp 90 Prozent vollständig. Wer schon auf Gehhilfe oder Rollstuhl angewiesen war, hatte deutlich schlechtere Aussichten. Eine ältere Auswertung von 57 Fällen mit MRT-Befund kam auf 86 Prozent Besserung, aber nur 14 Prozent vollständige Rückbildung. Es gibt auch publizierte Fälle bei vegan lebenden Menschen, in denen die Lähmung trotz Behandlung blieb, etwa bei einem Italiener, der 13 Jahre lang ohne Supplemente gelebt hatte.
Warum dauert es Jahre, bis etwas passiert? Weil die Leber B12 speichert. Laut BfR halbiert sich der Vorrat bei B12-freier Kost in einem bis vier Jahren, Beschwerden treten erst auf, wenn nur noch fünf bis zehn Prozent übrig sind. Drei Jahre bis zu den ersten Symptomen sind also plausibel. Genau das macht den Mangel gefährlich: Wer umstellt und sich wochenlang gut fühlt, zieht leicht den falschen Schluss.
Wichtig: Taubheit, Kribbeln, Gangunsicherheit oder ungewohnte Schwäche in Armen und Beinen gehören ärztlich abgeklärt, egal wie du dich ernährst. Dieser Artikel ersetzt keine Diagnose.
Kein reines Veganer-Thema.
Der Text erweckt den Eindruck, B12-Mangel sei die Folge einer Ernährungsentscheidung. Tatsächlich trifft er ganz verschiedene Gruppen. Nach einer Auswertung britischer und US-amerikanischer Daten haben rund sechs Prozent der über 60-Jährigen einen Mangel, knapp ein Fünftel liegt im Grenzbereich. Der Grund ist meist ein Magen, der das an Eiweiß gebundene B12 aus der Nahrung nicht mehr freisetzen kann. Dazu kommen Menschen, die über Jahre Metformin gegen Diabetes nehmen, Menschen mit Säureblockern (wer sie mindestens zwei Jahre nahm, hatte in einer großen US-Studie ein um 65 Prozent höheres Mangelrisiko), Menschen mit perniziöser Anämie oder chronischen Darmerkrankungen. Und Lachgas, das als Partydroge wieder beliebt ist, legt B12 im Körper lahm. Dort können Rückenmarksschäden innerhalb von Tagen bis Wochen auftreten, bei Menschen, die Fleisch essen.
Was du konkret tun kannst.
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hält eine vegane Ernährung für gesunde Erwachsene seit 2024 ausdrücklich für gesundheitsfördernd, unter einer Bedingung, die sie an erste Stelle setzt: die Einnahme eines B12-Präparats. Das BfR sieht es genauso. Algen, Spirulina, Sauerkraut oder Shiitake reichen dafür nicht, das B12 darin ist für den Menschen kaum oder gar nicht verwertbar.
- Nimm dauerhaft B12. Der Referenzwert liegt bei 4 Mikrogramm pro Tag für Erwachsene. Weil der Körper von hohen Einzeldosen nur einen kleinen Teil aufnimmt, sind Präparate für Veganerinnen und Veganer oft höher dosiert. Welche Dosis wofür sinnvoll ist, steht in unserem großen B12-Ratgeber.
- Lass die richtigen Werte bestimmen. Der Serumwert allein bildet die Versorgung unvollständig ab. Aussagekräftiger sind Holo-Transcobalamin und Methylmalonsäure, das empfiehlt auch die britische Fachgesellschaft für Hämatologie.
- Nimm Symptome ernster als Laborwerte. Bei deutlichem Verdacht soll die Behandlung laut derselben Leitlinie nicht warten, nur weil ein Wert unauffällig ist.
- Denk an Eltern, Kinder und Großeltern. Wer in der Familie vegan kocht, deckt oft mehrere Menschen mit ab, und über 60 wird B12 für alle ein Thema.

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Tierethische Einordnung.
Der Text endet mit dem Satz, vegane Ernährung sei „kein Selbstläufer“. Das stimmt, und es gilt für jede Ernährung. Die Frage, die dahinter steht, ist eine andere: Rechtfertigt ein Nährstoff, den man für wenige Cent am Tag als Tablette bekommt, dass Tiere dafür gehalten und getötet werden? Die Bakterien, die B12 herstellen, brauchen dafür kein Tier. Wie das Vitamin überhaupt in Fleisch und Milch gelangt, haben wir im B12-Ratgeber aufgeschrieben.
Ein ehrlicher Umgang mit B12 ist deshalb Teil einer glaubwürdigen veganen Haltung. Wer die Tablette verschweigt, um vegan einfacher aussehen zu lassen, liefert genau solchen Texten ihr Material. Wer sie nimmt und darüber spricht, nimmt ihnen die Grundlage.
Solche Einordnungen landen jede Woche in unserem Newsletter, bevor die nächste Schlagzeile die Runde macht.
Methodik und Quellen.
Ausgangspunkt ist der Text „Vegane Ernährung: Vitamin-B12-Mangel führt zu Nerven- und Rückenmarksschäden“ auf ad-hoc-news.de vom 22. September 2026, gekennzeichnet mit boerse-global.de. Den Fall aus Hangzhou haben wir an den chinesischen Meldungen vom selben Tag geprüft, verbreitet über die Weibo-Kanäle von Jimu Video mit Verweis auf die Southern Metropolis Daily und von Guangdong Radio and Television. Eine eigene Veröffentlichung der Klinik oder einen Fachartikel haben wir nicht gefunden, die Angaben zur Patientin sind deshalb die der Klinik, weitergegeben von Medien.
Geprüft haben wir außerdem: Niklewicz et al., Nutrition Bulletin 2024 (DOI 10.1111/nbu.12712); Neufingerl und Eilander, Nutrients 2022 (DOI 10.3390/nu14010029); Domić et al., American Journal of Clinical Nutrition 2026 (DOI 10.1016/j.ajcnut.2026.101416); Gilsing et al., European Journal of Clinical Nutrition 2010 (EPIC-Oxford); Selinger et al., Nutrients 2019; Weikert et al., Deutsches Ärzteblatt 2020 (BfR-Studie RBVD); Jhunjhnuwala et al., PM&R 2021; Vasconcelos et al., Journal of General Internal Medicine 2006; Brocadello et al., Nutrition 2007; Mehta et al., BMJ Case Reports 2024; Allen, American Journal of Clinical Nutrition 2009; Lam et al., JAMA 2013; Aroda et al., Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism 2016; die Leitlinie der British Society for Haematology von 2014; die FAQ des BfR vom 18. Oktober 2023 und seinen Höchstmengenvorschlag von 2021; den DGE-Referenzwert für Vitamin B12 und das DGE-Positionspapier zur veganen Ernährung von 2024.
Offen ist, ob die Patientin in Hangzhou je ein B12-Präparat genommen hat. Das Öko-Test-Heft selbst haben wir nicht eingesehen, die Angaben zum Testumfang stammen aus Fachmedien. Die Muskel-Studie liegt hinter einer Bezahlschranke, wir stützen uns auf den Abstract. Das Review von Neufingerl und Eilander stammt von Mitarbeiterinnen eines Lebensmittelkonzerns, das haben wir bei der Gewichtung berücksichtigt. Die Beiträge mit „Anzeige“ sind Affiliate-Werbung, sie hatten keinen Einfluss auf die Recherche.
FAQ - Das fragen andere
Was im deutschen Text danebenliegt.?
Was funikuläre Myelose ist.?
Was du konkret tun kannst.?
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