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Großes blau-weiß gestreiftes Zirkuszelt mit Fahnen auf der Spitze, aufgenommen von außen über eine Wiese hinweg
Symbolbild, nicht Circus Krone. In Deutschland führen rund 75 Zirkusunternehmen Wildtiere mit, mehr als in jedem anderen EU-Land. Foto: Robert So (Pexels)
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Am Donnerstagmittag sind in Hamburg drei Aktivistinnen und Aktivisten der Tierschutzorganisation Vier Pfoten auf das Zelt von Circus Krone geklettert, um ein Banner zu entrollen. Sie kamen nicht dazu. Was danach passierte, endete mit Anzeigen wegen Körperverletzung auf beiden Seiten.

Die Boulevardpresse hat daraus über Nacht eine Prügelei gemacht. Das ist die eine Hälfte der Geschichte. Die andere Hälfte ist die Frage, warum in Deutschland im Jahr 2026 überhaupt noch Löwen und Tiger durchs Land gefahren werden, während 26 von 27 EU-Staaten das längst geregelt haben.

Was auf dem Heiligengeistfeld passiert ist

Die Polizei wurde nach Angaben eines Mitarbeiters des Lagezentrums am Donnerstag gegen 13 Uhr alarmiert. Drei Menschen, zwei Männer und eine Frau, waren auf die Zeltkonstruktion auf dem Heiligengeistfeld in St. Pauli gestiegen. Angestellte des Zirkus holten sie herunter. Dabei hätten sich die Beteiligten „in die Haare bekommen”, so die Formulierung aus dem Lagezentrum.

Danach zeigten beide Seiten einander wegen Körperverletzung an. Gegen die Aktivisten wurde zusätzlich Anzeige wegen Hausfriedensbruchs gestellt, das Gelände ist den Polizeiangaben zufolge umzäunt.

Die Darstellungen gehen auseinander, und das gehört so benannt:

Vier Pfoten bezeichnet die Aktion als friedlich und legitim. Die Aktivisten seien von Zirkusmitarbeitern angegriffen und verletzt worden. Die Organisation kritisiert Circus Krone zudem grundsätzlich für den Einsatz von Wildtieren.

Circus Krone weist das zurück. Das Unternehmen erklärt, es respektiere das Recht auf friedlichen Protest, das Klettern auf das Zelt habe die Angestellten jedoch in eine gefährliche Situation gebracht. Wörtlich: „Zu keinem Zeitpunkt haben unsere Mitarbeiter den Aktivisten körperlichen Schaden zugefügt.”

Entschieden ist bislang nichts. Es stehen Anzeigen im Raum, keine Urteile, und für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

Von der Situation auf der Konstruktion kursiert ein Handyvideo auf TikTok. Darauf ist zu sehen, wie fünf Personen dicht gedrängt auf einem Stahlträger stehen, eine davon mit Helm. Eine Person holt mit angewinkeltem Arm aus, eine andere streckt den Arm in ihre Richtung. Wer auf den Aufnahmen wer ist und wer wen berührt, lässt sich aus den Standbildern nicht sicher ableiten, deshalb bleibt es hier bei der Beschreibung dessen, was zu sehen ist.

Mehrere Personen stehen dicht beieinander auf einer weißen Stahl-Gitterkonstruktion vor bewölktem Himmel

Screenshot aus einem auf TikTok verbreiteten Video, das die Szene in Hamburg zeigen soll. Die Köpfe haben wir unkenntlich gemacht. Auf der Aufnahme ist die Stahlkonstruktion zu sehen, nicht das Zeltdach selbst.

Näherer Ausschnitt derselben Aufnahme, eine Person hat den Arm erhoben und angewinkelt

Derselbe Moment, näher herangeholt. Die Aufnahme ist stark vergrößert und entsprechend unscharf. Köpfe von uns unkenntlich gemacht.

Genau um diesen Moment geht es in den gegenseitigen Anzeigen. Bewerten wird ihn die Staatsanwaltschaft, nicht ein Standbild.

Zwei Proteste am selben Tag, die nicht dasselbe sind

Hier wird es interessant, und hier hört die Berichterstattung meistens auf.

Am selben 17. September, zur Premiere des Hamburger Gastspiels, stand vor dem Zelt noch etwas ganz anderes: eine angemeldete Demonstration der Jugendgruppe des Hamburger Tierschutzvereins von 1841. Motto: „Wer ist hier der Clown?! Haltet ihnen den Spiegel vor”. Nach Angaben des Vereins kamen 160 Menschen. Es blieb friedlich, es gab keine Zwischenfälle, und es hat fast niemanden interessiert.

Drei Menschen auf einem Zeltdach schaffen es in die Schlagzeilen. Hundertsechzig Menschen mit Spiegeln und roten Clownsnasen davor nicht.

Man kann das für ein Versagen des Aktivismus halten oder für ein Versagen der Aufmerksamkeitsökonomie. Wir halten es für Zweiteres. Wer jahrelang friedlich demonstriert und dabei konsequent überhört wird, erlebt sehr direkt, dass die Lautstärke über die Sichtbarkeit entscheidet und nicht das Argument.

Yannick hat den Fall am selben Abend auf Instagram aufgegriffen:

Wer geht 2026 noch in den Zirkus?
Unser Beitrag zur Eskalation in Hamburg, auf Instagram.

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Worum es eigentlich geht: 24 Quadratmeter für ein Löwenrudel

Weg vom Handgemenge, hin zu den Tieren. Denn die stehen währenddessen weiter im Wagen.

Circus Krone gastiert noch bis zum 11. Oktober in Hamburg und zeigt dort nach Angaben des Hamburger Tierschutzvereins weiterhin Wild- und Haustierdressuren. Was das für die Tiere konkret bedeutet, lässt sich an einer einzigen Gegenüberstellung zeigen, und die ist so absurd, dass man sie zweimal lesen muss.

Für denselben Löwen gelten in Deutschland zwei völlig verschiedene Maßstäbe, je nachdem, wo er steht:

Zoo (Säugetiergutachten) Zirkus (Zirkusleitlinien)
Rechtscharakter verbindliche Mindestanforderung bloße Empfehlung, nicht bindend
Außengehege mindestens 200 m² für ein Tier oder ein Paar 50 m², und nur 4 Stunden täglich zugänglich
Alltag dauerhafter Zugang zu Gehege und Innenbereich bis zu 20 Stunden täglich in einem 24 m² kleinen Wagen erlaubt

Ein Löwenrudel darf also zwanzig Stunden am Tag auf der Fläche eines kleinen Wohnzimmers verbringen. Das ist keine Grauzone, das steht so in den Zirkusleitlinien des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Und weil es Leitlinien sind und kein Gesetz, ist selbst dieser Wert nur eine Empfehlung.

Löwe mit geöffnetem Maul direkt hinter dem Maschendraht seines Geheges

Symbolbild aus einer Zoohaltung. Auftritte und Training machen im Zirkusalltag zwischen einem und neun Prozent des Tages aus. Den Rest verbringen die Tiere in Gehegen, Wagen oder an Ketten. Foto: Raul Mex (Pexels)

Die Begründung für die laxeren Regeln lautet seit Jahrzehnten: Training und Auftritte böten den Tieren genug Bewegung und Beschäftigung. Die Zahlen sprechen dagegen. Auftritte und Training machen je nach Erhebung zwischen einem und neun Prozent des Tages aus. Der Rest ist Wagen, Gehege, Kette.

Eine peer-reviewte Untersuchung in Animal Welfare kommt zu dem Schluss, dass ausgerechnet die im Zirkus häufigsten Arten, Elefanten und Großkatzen, für ein Zirkusleben am wenigsten geeignet sind. Dokumentiert sind gestörtes Fortpflanzungsverhalten, erhöhte Jungtiersterblichkeit und eine verkürzte Lebenserwartung.

Rund 75 Zirkusunternehmen in Deutschland führen Wildtiere mit. Das sind mehr als in jedem anderen EU-Land.

Deutschland ist das letzte EU-Land ohne jede Regel

Diesen Satz muss man sacken lassen: Deutschland ist der einzige EU-Mitgliedstaat, der bis heute keinerlei nationale Regelung zur Wildtierhaltung im Zirkus verabschiedet hat. Es gilt der allgemeine Paragraf 1 des Tierschutzgesetzes, der niemandem erlaubt, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Und es gelten die unverbindlichen Zirkusleitlinien. Mehr nicht.

Andere haben geliefert:

  • Spanien verbietet Wildtiere im Zirkus vollständig, wirksam seit dem 29. März 2024.
  • Frankreich hat ein Vollverbot für reisende Betriebe beschlossen, das ab dem 1. Dezember 2028 greift. Zucht und Neuanschaffung sind bereits seit 2023 untersagt.
  • Ungarn verbietet ab dem 1. Januar 2027 25 Wildtiergruppen in der Manege.
  • Italien hat den Ausstieg gesetzlich beschlossen, das Durchführungsdekret steht noch aus.

In Deutschland ist es dreimal knapp gescheitert. Ein Entwurf zur Novelle des Tierschutzgesetzes sah 2024 erstmals ein Verbot bestimmter Wildtierarten im Zirkus vor und fiel mit dem Ende der Wahlperiode unter den Tisch. Der Koalitionsvertrag von 2025 greift das Thema nicht auf. Die Tierschutzgesetz-Novelle 2026 klammert den Zirkus aus.

Der Bundestag hat ein Verbot übrigens schon 2003 und 2011 gefordert. Passiert ist seither nichts.

Wer sich fragt, warum Tierschutzorganisationen irgendwann aufs Zeltdach steigen: Das hier ist die Antwort. Zwanzig Jahre Anläufe, null Gesetz.

Und das frisst sich durch den ganzen Umgang mit Tieren in Deutschland. Wie schwach die Durchsetzung selbst dort ist, wo es Regeln gibt, haben wir uns am Paragrafen 16a des Tierschutzgesetzes angesehen.

Warum das kein Geschmacksthema ist

An dieser Stelle kommt gern das Argument, Zirkus sei Tradition, Kultur, Kindheitserinnerung, und man solle das doch bitte jedem selbst überlassen.

Nur: Es überlässt niemand dem Löwen, ob er mitfährt.

Ein Wildtier ist nicht domestiziert. Auch ein in Gefangenschaft geborener Tiger hat dieselben Bedürfnisse wie seine Artgenossen draußen. Ein reisender Betrieb kann diese Bedürfnisse strukturell nicht erfüllen, egal wie liebevoll einzelne Pflegerinnen und Pfleger arbeiten. Das Problem steckt im Format selbst.

Angeketteter asiatischer Elefant mit schwerer Eisenkette um Hals und Vorderbein auf einem betonierten Platz

Symbolbild aus touristischer Haltung. Elefanten gehören laut der Fachliteratur zu den für ein Zirkusleben am wenigsten geeigneten Arten. Foto: Gihan Sandeep (Pexels)

Dazu kommt der Punkt, der uns am meisten stört: Die Manege bringt Kindern bei, dass ein Tier dann interessant ist, wenn es etwas vorführt. Aus einem Elefanten wird eine Nummer im Programmheft. Genau dieses Denken macht es später leicht, ein Schwein als Kotelett und eine Kuh als Milchleistung zu sehen.

Wer Tiere als Individuen ernst nimmt, kommt an dieser Stelle nicht um eine Entscheidung herum. Wir haben das an anderer Stelle schon durchgespielt, etwa bei Tieren als Darstellern in Film und Werbung. Das Muster ist dasselbe: Das Tier arbeitet, der Mensch verdient, und die Frage nach dem Einverständnis stellt sich gar nicht erst.

Dass es auch anders geht, wenn der politische Wille da ist, zeigt der Fall der Tiger aus Sachsen, die in einer spezialisierten Auffangstation gelandet sind statt im nächsten Betrieb. Genau dieser Weg, Abgabe an Auffangstationen statt Weiterreichen, ist das, was Pro Wildlife für alle Zirkus-Wildtiere fordert.

Was du tun kannst

Das Wirksamste ist unspektakulär und kostet nichts.

Geh in den Zirkus, aber in einen ohne Tiere. Roncalli arbeitet seit 2018 mit dreidimensionalen Hologrammen statt lebender Tiere, Flic Flac setzt komplett auf Artistik. Die Häuser ohne Tiere sind nicht die schlechteren, sie sind die moderneren.

Schreib deiner Stadt. Kommunen können städtische Flächen an Betriebe mit Wildtieren verweigern. In Spanien hatten zwölf von siebzehn Regionen eigene Verbote, bevor das landesweite kam. Der kommunale Weg wirkt, gerade weil auf Bundesebene seit zwanzig Jahren nichts passiert.

Unterstütze die Organisationen, die dranbleiben. Der Hamburger Tierschutzverein, Vier Pfoten und Pro Wildlife arbeiten seit Jahren an diesem Thema, mit Demos, mit Gutachten und mit politischer Lobbyarbeit. Wenn du spenden willst, ist das eine Adresse, bei der Geld direkt in Tierschutzarbeit fließt.

Und wenn du wissen willst, wie ein Leben für Tiere aussieht, in dem sie nichts leisten müssen: In unserem Lebenshof-Atlas findest du über 100 Höfe in Deutschland, Österreich und der Schweiz, auf denen genau das der Alltag ist.

Wir bleiben an dem Fall dran. Sobald klar ist, wie die Hamburger Staatsanwaltschaft mit den Anzeigen umgeht, aktualisieren wir hier.

Wie wir gearbeitet haben: Der Ablauf der Aktion, die Uhrzeit und die Angaben zu den Anzeigen stammen aus einer dpa-Meldung vom 18. September 2026, die sich auf das Lagezentrum der Hamburger Polizei stützt, sowie aus den darin zitierten Stellungnahmen von Vier Pfoten und Circus Krone. Aufmerksam geworden sind wir über die Boulevardberichterstattung vom Vorabend. Die Angaben zur Demonstration mit 160 Teilnehmenden und zur Dauer des Gastspiels stammen vom Hamburger Tierschutzverein von 1841. Die Zahlen zu Haltungsvorgaben, Zirkusunternehmen und zur EU-Rechtslage stammen von Pro Wildlife, gestützt auf die Zirkusleitlinien und das Säugetiergutachten des Bundeslandwirtschaftsministeriums sowie auf einen Bericht von Eurogroup for Animals (2021). Pro Wildlife, Vier Pfoten und der Hamburger Tierschutzverein sind Tierschutzorganisationen und in dieser Frage Partei, ihre Zahlen stammen aber aus den genannten amtlichen Dokumenten. Die hier wiedergegebene Position von Circus Krone stammt aus der dpa-Meldung, eine eigene Anfrage an das Unternehmen lief zum Redaktionsschluss noch nicht. Die beiden Standbilder stammen aus einem Handyvideo, das auf TikTok verbreitet wurde und dessen Urheber uns nicht bekannt ist. Wir zeigen sie zur Berichterstattung über ein Tagesereignis und haben die Köpfe aller abgebildeten Personen unkenntlich gemacht. Ob die Aufnahme tatsächlich von diesem Vorfall stammt, konnten wir unabhängig nicht überprüfen, sie zeigt eine Stahlkonstruktion und keine Zeltplane. Offen ist, ob und wie die Staatsanwaltschaft die Anzeigen weiterverfolgt.
Haeufige Fragen

FAQ - Das fragen andere

Was auf dem Heiligengeistfeld passiert ist?
Die Polizei wurde nach Angaben eines Mitarbeiters des Lagezentrums am Donnerstag gegen 13 Uhr alarmiert. Drei Menschen, zwei Männer und eine Frau, waren auf die Zeltkonstruktion auf dem Heiligengeistfeld in St. Pauli gestiegen. Angestellte des Zirkus holten sie herunter. Dabei hätten sich die Beteiligten „in die Haare bekommen”, so die Formulierung aus dem Lagezentrum.
Warum das kein Geschmacksthema ist?
An dieser Stelle kommt gern das Argument, Zirkus sei Tradition, Kultur, Kindheitserinnerung, und man solle das doch bitte jedem selbst überlassen. Nur: Es überlässt niemand dem Löwen, ob er mitfährt. Ein Wildtier ist nicht domestiziert. Auch ein in Gefangenschaft geborener Tiger hat dieselben Bedürfnisse wie seine Artgenossen draußen.
Was du tun kannst?
Das Wirksamste ist unspektakulär und kostet nichts. Geh in den Zirkus, aber in einen ohne Tiere. Roncalli arbeitet seit 2018 mit dreidimensionalen Hologrammen statt lebender Tiere, Flic Flac setzt komplett auf Artistik. Die Häuser ohne Tiere sind nicht die schlechteren, sie sind die moderneren. Schreib deiner Stadt. Kommunen können städtische Flächen an Betriebe mit Wildtieren verweigern.
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Schon zu Gast waren u. a. Sarah Connor, Hannes Jaenicke, Paul Watson, Patrik Baboumian, Bibi Heinicke, Atze Schröder, Kerstin Ott, Dr. Zoe Mayer, Maya Leinenbach und Femke Den Haas und viele weitere.

Seit 2019 · This Is Vegan · unabhängig, vegan, manchmal unbequem


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