Irawadi-Delfine im Songkhla-See: Wie eine Brücke die letzten Tiere schützen soll
Im Songkhla-See in Südthailand leben nur noch zwischen 10 und 20 Irawadi-Delfine, meist ist von 14 Tieren die Rede. Jetzt baut Thailand ausgerechnet eine sieben Kilometer lange Brücke über ihr Gewässer. Klingt nach dem Ende einer kleinen Delfin-Gemeinschaft. Wir haben uns die Projektunterlagen der Weltbank genau angesehen, und die Geschichte ist überraschend hoffnungsvoll. Ganz ohne Aber ist sie allerdings nicht. Read this article in English.
Ist das eine gute Nachricht für die Delfine?
Unterm Strich ja, mit Vorbehalt. Die Weltbank finanziert die Brücke und verpflichtet Thailand im selben Zug zu einem Schutzplan für die Delfine. Der geht ihre häufigste Todesursache an: Stellnetze. Im Kerngebiet der Tiere ist Fischerei jetzt verboten, gefährliche Netze sind in einer großen Pufferzone untersagt. Die Brücke liegt am südlichen Rand ihres Lebensraums, gebaut wird ohne Rammhammer und mit Baustopp, sobald Delfine in die Nähe kommen. Die Tiere leben wild, niemand hält sie gefangen. Ob der Plan wirkt, entscheidet sich aber erst in der Umsetzung.

Was an der Meldung stimmt und was nicht
Die thailändische Regierung wirbt gerade mit einer Grafik für das Projekt: „Progress without Sacrificing Life“, darunter „Protecting Thailand's Last 14 Irrawaddy Dolphins“. Anlass ist die Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank vom 12. bis 18. Oktober 2026 in Bangkok. Wir haben die Angaben gegen die Originaldokumente geprüft.
- Stimmt: Der Vorstand der Weltbank hat das Projekt „Thailand Resilient Transport and Irrawaddy Dolphin Conservation Project“ (kurz TRIP) mit 140,76 Millionen US-Dollar genehmigt. Das war allerdings schon am 22. Dezember 2025, die Grafik wirbt also für eine ältere Entscheidung.
- Stimmt: Zusätzlich gibt es einen Zuschuss von 4 Millionen US-Dollar aus dem Meeresschutzfonds PROBLUE, der über die Weltbank läuft und in den Delfinschutz fließt.
- Stimmt: Die Brücke über den Songkhla-See wird rund sieben Kilometer lang und ersetzt einen Umweg von etwa 80 Kilometern. Die Bauverträge wurden laut thailändischen Medien am 31. August 2026 unterschrieben, der Bau soll gegen Ende 2026 beginnen und rund drei Jahre dauern.
- Stimmt so nicht: „Thailands letzte 14 Irawadi-Delfine“. In den Küstengewässern im Osten des Golfs von Thailand leben deutlich mehr Tiere dieser Art. Allein vor der Provinz Trat zählten Forschende bei Bootszählungen zwischen 2008 und 2014 im Schnitt über 400 Delfine. Die 14 im Songkhla-See sind die letzte Gruppe, die in einem Binnengewässer Thailands lebt, getrennt vom Meer und genetisch isoliert. Auf der Roten Liste der IUCN gilt genau diese Teilpopulation als vom Aussterben bedroht.
Warum im Songkhla-See so viele Delfine gestorben sind
Vor 1991 lebten im oberen Teil des Sees, der Thale Luang heißt, noch über 100 Irawadi-Delfine. 2005 waren es 44, im Jahr 2015 schlug man bei 27 Tieren Alarm. Laut dem thailändischen Delfin-Schutzplan starben im Schnitt vier Tiere pro Jahr, für eine so kleine Gruppe ist das nicht zu überleben.
Die wichtigste Ursache nennt der Plan klar: Die Delfine verfangen sich in Fischernetzen und ertrinken. Besonders gefährlich waren große Stellnetze für den Riesenwels, der früher im See ausgesetzt wurde. Diese Netze sind seit 2013 verboten, werden aber saisonal weiter benutzt. Hinzu kommen verschmutztes, flacher und trüber werdendes Wasser, weniger Fische als Nahrung und die Folgen der Inzucht in einer so kleinen Gruppe. Die Stiftung Seub Nakhasathien spricht von rund 140 toten Delfinen in 30 Jahren. Der letzte bekannte Todesfall wurde im Februar 2024 gemeldet.

Was der Schutzplan konkret ändert
Der Kern der guten Nachricht steckt in einem Dokument mit 41 Seiten. Die Weltbank hat den Kredit an einen verbindlichen Schutzplan geknüpft, den drei Behörden gemeinsam umsetzen: das Amt für Meeres- und Küstenressourcen, die Nationalparkverwaltung und das Fischereiamt. Für die ersten fünf Jahre sind rund 403 Millionen Baht eingeplant, umgerechnet etwa 11,5 Millionen US-Dollar. Das steht drin:
- Fischereiverbot im Kerngebiet: In der neuen Delfin-Kernzone, etwa 75 Quadratkilometer groß, ist jede Fischerei verboten. 100 solarbetriebene Bojen sollen die Grenze auf dem Wasser sichtbar machen.
- Gefährliche Netze raus: In der großen Pufferzone drumherum sind Stellnetze mit Maschen ab 13 Zentimetern verboten, im restlichen oberen See ab 20 Zentimetern. Anders als früher wird nach Maschengröße geregelt, nicht nach Fischart. Das lässt sich viel leichter kontrollieren.
- Andere Einkommen für Fischerfamilien: Rund 2.250 Fischerinnen und Fischer aus 60 Gemeinden sollen Schulungen, sicherere Netze und Unterstützung für andere Einkommensquellen bekommen. Ohne sie funktioniert kein Verbot.
- Kontrollen und Rettung: Es gibt regelmäßige Patrouillen, und Tierärztinnen und Tierärzte werden für die Rettung verletzter Meeressäuger ausgebildet.
- Endlich genaue Zahlen: Unterwassermikrofone, Flugzeuge und Drohnen sollen erfassen, wie viele Delfine es wirklich gibt und wo sie sich aufhalten. Alle zwei Jahre soll eine offizielle Zählung veröffentlicht werden.
Gemessen wird der Erfolg unter anderem an einer einfachen Zahl: wie viele Delfine durch Menschen sterben. Das thailändische Meeresamt hatte schon 2023 als Ziel ausgegeben, die Gruppe innerhalb von zehn Jahren auf 30 Tiere wachsen zu lassen.

Und die Brücke? Die Risiken und die Schutzmaßnahmen
Als die Regierung das Brückenprojekt 2022 beschloss, gab es berechtigte Sorge. Umweltministerium, Naturschützer und sogar die Weltbank selbst fragten, ob der Bau die letzten Delfine gefährdet. Die größte Gefahr ist Lärm. Schall trägt unter Wasser weit, er kann das Gehör von Delfinen schädigen, ihre Jagd und Verständigung stören und im schlimmsten Fall Mütter und Kälber trennen. Dazu kommt das Risiko, dass Tiere mit Booten und Baggerschiffen zusammenstoßen.
Die Projektunterlagen zeigen, wie darauf reagiert wurde:
- Die Lage: Die Brücke verbindet die Bezirke Krasae Sin (Songkhla) und Khao Chaison (Phatthalung) und bildet die südliche Grenze der Schutzzonen. Laut Schutzplan wurden südlich davon keine Delfine nachgewiesen.
- Kein Rammhammer: Die Pfeiler werden gebohrt statt in den Boden geschlagen. Das ist deutlich leiser.
- Baustopp bei Delfinen: Um die Baustelle gilt eine Beobachtungszone von 1.000 Metern und eine Sperrzone von 500 Metern. Geschulte Beobachterinnen und Beobachter mit Unterwassermikrofonen melden Delfine, dann wird die Arbeit nach festem Protokoll unterbrochen.
- Weniger Schlamm und Tempolimits: Alle Arbeiten im Wasser finden hinter Schlickvorhängen statt, Boote auf der Baustelle dürfen nur langsam fahren.
- Unabhängige Kontrolle: Eine Universität oder Umweltorganisation soll überwachen, ob die Auflagen eingehalten werden. Laut der Zeitung Dailynews werden auch Zahlungen an die Baufirma daran gekoppelt.

Werden die Delfine gequält?
Nein. Die Delfine im Songkhla-See leben wild. Sie werden weder gefangen noch in Becken gehalten oder für Shows trainiert, und der Schutzplan sieht nichts dergleichen vor. Warum Gefangenschaft für Delfine keine Lösung ist, haben wir am Beispiel Singapur beschrieben, wo die Delfinhaltung beendet wird.
Ehrlich dazugehört, was offen bleibt. Die Weltbank bewertet die Folgen des Projekts im Zusammenspiel mit Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus als „mittel bis hoch“. Das soziale Risiko stuft sie als „erheblich“ ein, weil Fischerfamilien Fanggebiete verlieren. Werden sie nicht gut entschädigt, wird das Fischereiverbot schwer durchzusetzen sein. Außerdem soll die Brücke den Tourismus ankurbeln. Mehr Boote, die Delfine suchen, wären das Gegenteil von Schutz. Wie Wildtiertourismus in Thailand schiefgehen kann, zeigt unser Artikel über Tiger-Fotos.
Die Chance für die Delfine steckt im Geld und in den Regeln, die an dieser Brücke hängen. ●
Tierethische Einordnung: 14 Individuen, keine Statistik
Hinter der Zahl 14 stehen einzelne Tiere mit eigenen Beziehungen. Irawadi-Delfine leben in kleinen Gruppen, Kälber bleiben lange bei ihren Müttern. In einer Gemeinschaft dieser Größe zählt jedes Tier, jede ertrunkene Delfinmutter kann das Ende einer Familienlinie bedeuten. Bei jüngeren Zählungen wurde laut Dailynews ein Muttertier mit Kalb gesehen. Allein das ist ein Grund, jetzt zu handeln.
Gleichzeitig zeigt der Songkhla-See, wie eng Tierschutz und Fischerei zusammenhängen. Die Delfine sterben nicht, weil jemand ihnen schaden will. Sie sterben als Beifang in Netzen, die für Fische ausgelegt sind, und die Fische, die dort gefangen werden, sind ebenfalls fühlende Tiere. Wer weniger Fisch isst oder ganz darauf verzichtet, verringert die Nachfrage nach genau diesen Netzen, am Songkhla-See wie in allen Meeren. Mehr zum Schutz der Ozeane liest du in unserem Artikel zum UN-Hochseeschutzabkommen.
Unsere Einschätzung
Die Grafik der thailändischen Regierung übertreibt, und sie wirbt mit einer Entscheidung, die schon neun Monate alt ist. In der Sache hat sie trotzdem einen Punkt: Ohne die Brücke hätte es diesen Schutzplan in dieser Form wahrscheinlich nicht gegeben. Zum ersten Mal gibt es für die Delfine im Songkhla-See ein Fischereiverbot im Kerngebiet, klare Netzregeln, Geld für die betroffenen Familien und eine unabhängige Kontrolle. Das ist mehr, als die Tiere in den vergangenen 30 Jahren bekommen haben.
Ob daraus wirklich eine gute Nachricht wird, zeigen die nächsten Jahre. Entscheidend ist, ob die Zahl der toten Delfine sinkt, ob der Bau tatsächlich stoppt, wenn Tiere auftauchen, und ob der Tourismus nach der Eröffnung Grenzen bekommt. Wir bleiben dran.
So haben wir recherchiert ●
Grundlage sind die Pressemitteilung der Weltbank vom 22. Dezember 2025, der Thale Luang Irrawaddy Dolphin Conservation Plan der thailändischen Behörden und das Projektdokument der Weltbank zu TRIP (P509460) vom Oktober 2025, beide im Volltext gelesen. Dazu Berichte von Mongabay, Thai PBS, The Nation, Dailynews und der Stiftung Seub Nakhasathien sowie die Zählung vor Trat (Jackson-Ricketts et al., Ecology and Evolution 2020). Die Grafik der thailändischen Regierung stammt aus deren Social-Media-Kanälen. Die Fotos sind Symbolbilder von Adobe Stock, das Delfinfoto zeigt ein wild lebendes Tier im Mekong. Stand: 13. September 2026.
FAQ - Das fragen andere
Was an der Meldung stimmt und was nicht?
Warum im Songkhla-See so viele Delfine gestorben sind?
Was der Schutzplan konkret ändert?
Werden die Delfine gequält?
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