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Irawadi-Delfine im Songkhla-See: Wie eine Brücke die letzten Tiere schützen soll

Thailand baut eine Brücke über den See der letzten Irawadi-Delfine. Der Weltbank-Kredit hängt an einem Schutzplan. Wir haben geprüft, was er bringt.

Wild lebender Irawadi-Delfin taucht mit Rücken und kleiner Finne aus ruhigem Wasser auf
Ein wild lebender Irawadi-Delfin, hier im Mekong in Kambodscha. Im Songkhla-See leben nur noch zwischen 10 und 20 Tiere. Foto: Adobe Stock

Im Songkhla-See in Südthailand leben nur noch zwischen 10 und 20 Irawadi-Delfine, meist ist von 14 Tieren die Rede. Jetzt baut Thailand ausgerechnet eine sieben Kilometer lange Brücke über ihr Gewässer. Klingt nach dem Ende einer kleinen Delfin-Gemeinschaft. Wir haben uns die Projektunterlagen der Weltbank genau angesehen, und die Geschichte ist überraschend hoffnungsvoll. Ganz ohne Aber ist sie allerdings nicht. Read this article in English.

Ist das eine gute Nachricht für die Delfine?

Unterm Strich ja, mit Vorbehalt. Die Weltbank finanziert die Brücke und verpflichtet Thailand im selben Zug zu einem Schutzplan für die Delfine. Der geht ihre häufigste Todesursache an: Stellnetze. Im Kerngebiet der Tiere ist Fischerei jetzt verboten, gefährliche Netze sind in einer großen Pufferzone untersagt. Die Brücke liegt am südlichen Rand ihres Lebensraums, gebaut wird ohne Rammhammer und mit Baustopp, sobald Delfine in die Nähe kommen. Die Tiere leben wild, niemand hält sie gefangen. Ob der Plan wirkt, entscheidet sich aber erst in der Umsetzung.

Wild lebender Irawadi-Delfin taucht mit Rücken und kleiner Finne aus ruhigem Wasser auf
Ein wild lebender Irawadi-Delfin, hier im Mekong in Kambodscha. Im Songkhla-See leben nur noch zwischen 10 und 20 Tiere. Foto: Adobe Stock
Inhalt7 Kapitel
  1. 01Das Projekt in Zahlen
  2. 02Warum im Songkhla-See so viele Delfine gestorben sind
  3. 03Was der Schutzplan konkret ändert
  4. 04Und die Brücke? Die Risiken und die Schutzmaßnahmen
  5. 05Werden die Delfine gequält?
  6. 06Tierethische Einordnung: 14 Individuen, keine Statistik
  7. 07Unsere Einschätzung

Das Projekt in Zahlen

  • Der Vorstand der Weltbank hat das Projekt „Thailand Resilient Transport and Irrawaddy Dolphin Conservation Project“ (kurz TRIP) am 22. Dezember 2025 mit 140,76 Millionen US-Dollar genehmigt.
  • Zusätzlich gibt es einen Zuschuss von 4 Millionen US-Dollar aus dem Meeresschutzfonds PROBLUE, der über die Weltbank läuft und in den Delfinschutz fließt.
  • Die Brücke über den Songkhla-See wird rund sieben Kilometer lang und ersetzt einen Umweg von etwa 80 Kilometern. Die Bauverträge wurden laut thailändischen Medien am 31. August 2026 unterschrieben, der Bau soll gegen Ende 2026 beginnen und rund drei Jahre dauern.
  • Die Delfine im Songkhla-See sind Thailands letzte Gruppe, die in einem Binnengewässer lebt, getrennt vom Meer und genetisch isoliert. Auf der Roten Liste der IUCN gilt diese Teilpopulation als vom Aussterben bedroht. In den Küstengewässern im Osten des Golfs von Thailand leben weitere Irawadi-Delfine, vor der Provinz Trat zählten Forschende zwischen 2008 und 2014 im Schnitt über 400 Tiere.

Vorgestellt wird das Projekt auch bei der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank vom 12. bis 18. Oktober 2026 in Bangkok.

Warum im Songkhla-See so viele Delfine gestorben sind

Vor 1991 lebten im oberen Teil des Sees, der Thale Luang heißt, noch über 100 Irawadi-Delfine. 2005 waren es 44, im Jahr 2015 schlug man bei 27 Tieren Alarm. Laut dem thailändischen Delfin-Schutzplan starben im Schnitt vier Tiere pro Jahr, für eine so kleine Gruppe ist das nicht zu überleben.

Die wichtigste Ursache nennt der Plan klar: Die Delfine verfangen sich in Fischernetzen und ertrinken. Besonders gefährlich waren große Stellnetze für den Riesenwels, der früher im See ausgesetzt wurde. Diese Netze sind seit 2013 verboten, werden aber saisonal weiter benutzt. Hinzu kommen verschmutztes, flacher und trüber werdendes Wasser, weniger Fische als Nahrung und die Folgen der Inzucht in einer so kleinen Gruppe. Die Stiftung Seub Nakhasathien spricht von rund 140 toten Delfinen in 30 Jahren. Der letzte bekannte Todesfall wurde im Februar 2024 gemeldet.

Fischer in Südthailand wirft bei Sonnenaufgang ein Netz vom Boot aus
Fischerei ist für viele Familien am See die wichtigste Einkommensquelle. Stellnetze sind zugleich die größte Gefahr für die Delfine. Symbolbild. Foto: Adobe Stock

Was der Schutzplan konkret ändert

Der Kern der guten Nachricht steckt in einem Dokument mit 41 Seiten. Die Weltbank hat den Kredit an einen verbindlichen Schutzplan geknüpft, den drei Behörden gemeinsam umsetzen: das Amt für Meeres- und Küstenressourcen, die Nationalparkverwaltung und das Fischereiamt. Für die ersten fünf Jahre sind rund 403 Millionen Baht eingeplant, umgerechnet etwa 11,5 Millionen US-Dollar. Das steht drin:

  • Fischereiverbot im Kerngebiet: In der neuen Delfin-Kernzone, etwa 75 Quadratkilometer groß, ist jede Fischerei verboten. 100 solarbetriebene Bojen sollen die Grenze auf dem Wasser sichtbar machen.
  • Gefährliche Netze raus: In der großen Pufferzone drumherum sind Stellnetze mit Maschen ab 13 Zentimetern verboten, im restlichen oberen See ab 20 Zentimetern. Anders als früher wird nach Maschengröße geregelt, nicht nach Fischart. Das lässt sich viel leichter kontrollieren.
  • Andere Einkommen für Fischerfamilien: Rund 2.250 Fischerinnen und Fischer aus 60 Gemeinden sollen Schulungen, sicherere Netze und Unterstützung für andere Einkommensquellen bekommen. Ohne sie funktioniert kein Verbot.
  • Kontrollen und Rettung: Es gibt regelmäßige Patrouillen, und Tierärztinnen und Tierärzte werden für die Rettung verletzter Meeressäuger ausgebildet.
  • Endlich genaue Zahlen: Unterwassermikrofone, Flugzeuge und Drohnen sollen erfassen, wie viele Delfine es wirklich gibt und wo sie sich aufhalten. Alle zwei Jahre soll eine offizielle Zählung veröffentlicht werden.

Gemessen wird der Erfolg unter anderem an einer einfachen Zahl: wie viele Delfine durch Menschen sterben. Das thailändische Meeresamt hatte schon 2023 als Ziel ausgegeben, die Gruppe innerhalb von zehn Jahren auf 30 Tiere wachsen zu lassen.

Luftaufnahme des Songkhla-Sees in Südthailand mit bräunlich getrübtem Wasser und grünen Uferzonen
Der Songkhla-See aus der Luft: Nach Starkregen spült der Zufluss Sediment in das flache Gewässer. Foto: Adobe Stock

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Und die Brücke? Die Risiken und die Schutzmaßnahmen

Als die Regierung das Brückenprojekt 2022 beschloss, gab es berechtigte Sorge. Umweltministerium, Naturschützer und sogar die Weltbank selbst fragten, ob der Bau die letzten Delfine gefährdet. Die größte Gefahr ist Lärm. Schall trägt unter Wasser weit, er kann das Gehör von Delfinen schädigen, ihre Jagd und Verständigung stören und im schlimmsten Fall Mütter und Kälber trennen. Dazu kommt das Risiko, dass Tiere mit Booten und Baggerschiffen zusammenstoßen.

Die Projektunterlagen zeigen, wie darauf reagiert wurde:

  • Die Lage: Die Brücke verbindet die Bezirke Krasae Sin (Songkhla) und Khao Chaison (Phatthalung) und bildet die südliche Grenze der Schutzzonen. Laut Schutzplan wurden südlich davon keine Delfine nachgewiesen.
  • Kein Rammhammer: Die Pfeiler werden gebohrt statt in den Boden geschlagen. Das ist deutlich leiser.
  • Baustopp bei Delfinen: Um die Baustelle gilt eine Beobachtungszone von 1.000 Metern und eine Sperrzone von 500 Metern. Geschulte Beobachterinnen und Beobachter mit Unterwassermikrofonen melden Delfine, dann wird die Arbeit nach festem Protokoll unterbrochen.
  • Weniger Schlamm und Tempolimits: Alle Arbeiten im Wasser finden hinter Schlickvorhängen statt, Boote auf der Baustelle dürfen nur langsam fahren.
  • Unabhängige Kontrolle: Eine Universität oder Umweltorganisation soll überwachen, ob die Auflagen eingehalten werden. Laut der Zeitung Dailynews werden auch Zahlungen an die Baufirma daran gekoppelt.
Lange Straßenbrücke über das Feuchtgebiet Thale Noi in Phatthalung bei Sonnenuntergang
Schon heute führt eine lange Brücke über Thale Noi, den nördlichsten Teil des Seensystems. Die neue Brücke entsteht weiter südlich. Foto: Adobe Stock

Werden die Delfine gequält?

Nein. Die Delfine im Songkhla-See leben wild. Sie werden weder gefangen noch in Becken gehalten oder für Shows trainiert, und der Schutzplan sieht nichts dergleichen vor. Warum Gefangenschaft für Delfine keine Lösung ist, haben wir am Beispiel Singapur beschrieben, wo die Delfinhaltung beendet wird.

Ehrlich dazugehört, was offen bleibt. Die Weltbank bewertet die Folgen des Projekts im Zusammenspiel mit Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus als „mittel bis hoch“. Das soziale Risiko stuft sie als „erheblich“ ein, weil Fischerfamilien Fanggebiete verlieren. Werden sie nicht gut entschädigt, wird das Fischereiverbot schwer durchzusetzen sein. Außerdem soll die Brücke den Tourismus ankurbeln. Mehr Boote, die Delfine suchen, wären das Gegenteil von Schutz. Wie Wildtiertourismus in Thailand schiefgehen kann, zeigt unser Artikel über Tiger-Fotos.

Die Chance für die Delfine steckt im Geld und in den Regeln, die an dieser Brücke hängen. ●

Tierethische Einordnung: 14 Individuen, keine Statistik

Hinter der Zahl 14 stehen einzelne Tiere mit eigenen Beziehungen. Irawadi-Delfine leben in kleinen Gruppen, Kälber bleiben lange bei ihren Müttern. In einer Gemeinschaft dieser Größe zählt jedes Tier, jede ertrunkene Delfinmutter kann das Ende einer Familienlinie bedeuten. Bei jüngeren Zählungen wurde laut Dailynews ein Muttertier mit Kalb gesehen. Allein das ist ein Grund, jetzt zu handeln.

Gleichzeitig zeigt der Songkhla-See, wie eng Tierschutz und Fischerei zusammenhängen. Die Delfine sterben nicht, weil jemand ihnen schaden will. Sie sterben als Beifang in Netzen, die für Fische ausgelegt sind, und die Fische, die dort gefangen werden, sind ebenfalls fühlende Tiere. Wer weniger Fisch isst oder ganz darauf verzichtet, verringert die Nachfrage nach genau diesen Netzen, am Songkhla-See wie in allen Meeren. Mehr zum Schutz der Ozeane liest du in unserem Artikel zum UN-Hochseeschutzabkommen.

Unsere Einschätzung

Ohne die Brücke hätte es diesen Schutzplan in dieser Form wahrscheinlich nicht gegeben. Zum ersten Mal gibt es für die Delfine im Songkhla-See ein Fischereiverbot im Kerngebiet, klare Netzregeln, Geld für die betroffenen Familien und eine unabhängige Kontrolle. Das ist mehr, als die Tiere in den vergangenen 30 Jahren bekommen haben.

Ob daraus wirklich eine gute Nachricht wird, zeigen die nächsten Jahre. Entscheidend ist, ob die Zahl der toten Delfine sinkt, ob der Bau tatsächlich stoppt, wenn Tiere auftauchen, und ob der Tourismus nach der Eröffnung Grenzen bekommt. Wir bleiben dran.

So haben wir recherchiert ●

Grundlage sind die Pressemitteilung der Weltbank vom 22. Dezember 2025, der Thale Luang Irrawaddy Dolphin Conservation Plan der thailändischen Behörden und das Projektdokument der Weltbank zu TRIP (P509460) vom Oktober 2025, beide im Volltext gelesen. Dazu Berichte von Mongabay, Thai PBS, The Nation, Dailynews und der Stiftung Seub Nakhasathien sowie die Zählung vor Trat (Jackson-Ricketts et al., Ecology and Evolution 2020). Die Fotos sind Symbolbilder von Adobe Stock, das Delfinfoto zeigt ein wild lebendes Tier im Mekong. Stand: 13. September 2026.

Häufige Fragen

FAQ - Das fragen andere

Warum im Songkhla-See so viele Delfine gestorben sind?
Vor 1991 lebten im oberen Teil des Sees, der Thale Luang heißt, noch über 100 Irawadi-Delfine. 2005 waren es 44, im Jahr 2015 schlug man bei 27 Tieren Alarm. Laut dem thailändischen Delfin-Schutzplan starben im Schnitt vier Tiere pro Jahr, für eine so kleine Gruppe ist das nicht zu überleben. Die wichtigste Ursache nennt der Plan klar: Die Delfine verfangen sich in Fischernetzen und ertrinken.
Was der Schutzplan konkret ändert?
Der Kern der guten Nachricht steckt in einem Dokument mit 41 Seiten. Die Weltbank hat den Kredit an einen verbindlichen Schutzplan geknüpft, den drei Behörden gemeinsam umsetzen: das Amt für Meeres- und Küstenressourcen, die Nationalparkverwaltung und das Fischereiamt. Für die ersten fünf Jahre sind rund 403 Millionen Baht eingeplant, umgerechnet etwa 11,5 Millionen US-Dollar.
Werden die Delfine gequält?
Nein. Die Delfine im Songkhla-See leben wild. Sie werden weder gefangen noch in Becken gehalten oder für Shows trainiert, und der Schutzplan sieht nichts dergleichen vor. Warum Gefangenschaft für Delfine keine Lösung ist, haben wir am Beispiel Singapur beschrieben, wo die Delfinhaltung beendet wird. Ehrlich dazugehört, was offen bleibt.

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