72 tote Tiger in zwei Wochen: Was hinter den Foto-Angeboten in Thailand steckt

Ein Foto mit dem Tiger kostet in Thailand ab etwa 30 US-Dollar. Man setzt sich neben ein Tier, das sein ganzes Leben in einem Gehege verbracht hat, jemand drückt ab, und ein paar Minuten später ist man wieder draußen. Die Rechnung geht für alle auf, so wirkt es zumindest.
Wie diese Rechnung tatsächlich aussieht, hat sich im Februar 2026 in Chiang Mai gezeigt.
72 tote Tiger in weniger als zwei Wochen
Im Tiger Kingdom in Chiang Mai starben Anfang Februar innerhalb weniger Tage 72 Tiger. Die Behörden führten die Todesfälle zunächst auf Hundestaupe zurück, ein Virus, das von Hunden übertragen wird und für Großkatzen meist tödlich verläuft. Eine genauere Untersuchung lief anschließend an, einzelne Fachleute vermuteten verunreinigtes Futter als Ursache.
Ein Beamter fasste es gegenüber der South China Morning Post so zusammen: Als man bemerkt habe, dass die Tiere krank seien, sei es bereits zu spät gewesen.
Die Wildlife Friends Foundation Thailand, eine Auffangstation für Wildtiere, erklärte dazu, der Vorfall zeige die extreme Anfälligkeit solcher Einrichtungen für Infektionskrankheiten. Das ist der Punkt: Wo Dutzende Großkatzen dicht beieinander gehalten werden, damit täglich Besucher zu ihnen ins Gehege können, ist ein Erregereintrag nur eine Frage der Zeit.
Das Geschäftsmodell hinter dem Selfie
Der Park in Chiang Mai folgt einem Muster, das es in allen thailändischen Touristenzentren gibt, auch in Pattaya und auf Phuket. Wildtiere werden gezüchtet, um ihr gesamtes Leben in Anlagen zu verbringen, aus denen sie für Fototermine geholt werden.

Besonders gefragt sind Jungtiere. Sie sind klein genug, um sie auf den Schoß zu nehmen, und sie sehen auf Bildern niedlich aus. Was mit ihnen passiert, wenn sie zu groß dafür werden, steht in keinem Prospekt.
Die Besucherinnen und Besucher kommen laut der Berichterstattung besonders häufig aus China, Indien und Russland. Deutsche Reisende sind ebenfalls eine feste Größe, gerade in Pattaya und auf Phuket, wo solche Angebote in fast jedem Ausflugsprogramm auftauchen.
Warum auch ein kleiner Kratzer ein Problem ist
Die Wildlife Friends Foundation warnt aktuell in einem Beitrag auf Instagram vor genau diesem Risiko. Anlass ist der geschilderte Fall eines fünfjährigen Mädchens aus Indien, das nach einem Fototermin mit einem Tiger in Pattaya eine schwere Blutvergiftung entwickelt haben soll. Der Kratzer sei zunächst harmlos erschienen.
Diesen Einzelfall konnten wir nicht unabhängig bestätigen. Die Organisation verweist auf einen Bericht der Times of India, den wir nicht auffinden konnten. Wir geben den Fall deshalb als das wieder, was er ist: die Schilderung einer Tierschutzorganisation, nicht ein von uns überprüfter Vorgang.
Das medizinische Grundproblem dahinter ist allerdings gut belegt und unabhängig von diesem einen Fall. Bisse und Kratzer von Katzen, auch von kleinen, bringen Bakterien tief ins Gewebe. Die Wunden sind schmal und schließen sich schnell an der Oberfläche, während sich darunter Keime ausbreiten können. Deshalb gelten Katzenbisse in der Notfallmedizin als deutlich heikler, als sie aussehen. Bei einer Großkatze kommt schlicht mehr Kraft und mehr Tiefe dazu.
Hinzu kommt in Südostasien das Tollwutrisiko. Jede Verletzung durch ein Tier gehört dort ärztlich abgeklärt, und zwar sofort und nicht erst nach der Rückkehr.
Attacken sind dokumentiert
Dass es bei Kratzern nicht bleiben muss, zeigen Vorfälle, über die indische Medien berichtet haben. Im Tiger Kingdom auf Phuket wurde ein indischer Tourist während eines Fototermins von einem Tiger angegriffen, entsprechende Aufnahmen verbreiteten sich über Nachrichtenseiten und soziale Medien.
Solche Zwischenfälle sind aus Sicht der Anbieter Betriebsunfälle. Aus Sicht der Tiere sind sie das erwartbare Ergebnis einer Situation, in der ein Raubtier den ganzen Tag über von fremden Menschen angefasst wird und nirgendwohin ausweichen kann.
Woran man echte Auffangstationen erkennt
Es gibt in Thailand seriöse Einrichtungen, und der Unterschied ist an wenigen Merkmalen sichtbar:

- Kein direkter Kontakt. Wo man Tiere streicheln, füttern oder für Fotos halten darf, ist es keine Auffangstation.
- Keine Jungtiere. Eine Station, die Tiere aufnimmt, züchtet nicht. Ein stetiger Nachschub an Babys ist das deutlichste Warnsignal überhaupt.
- Keine Vorführungen. Shows, Kunststücke, Ausritte und Badeprogramme haben mit Rettung nichts zu tun.
- Transparenz. Seriöse Stationen sagen, woher jedes Tier kommt und warum es nicht ausgewildert werden kann.
Wie eine solche Einrichtung von innen aussieht, hat uns Lek Chailert erzählt, die den Elephant Nature Park in Chiang Mai aufgebaut hat. Unser Interview mit der Elefantenflüsterin beschreibt den Unterschied zwischen Rettung und Geschäft ziemlich genau.

Dass sich politisch etwas bewegen kann, zeigt Indonesien: Dort dürfen Touristen seit 2026 nicht mehr auf Elefanten reiten. Und warum die Argumente für Zoos auch bei uns brüchig sind, haben wir an anderer Stelle aufgeschrieben.
Was bleibt
Das Foto mit dem Tiger ist ein Produkt. Damit es existiert, muss ein Tier gezüchtet, dauerhaft eingesperrt und täglich verfügbar gehalten werden. Der Preis dafür steht auf keinem Schild.
Im Februar hat dieser Preis in Chiang Mai 72 Tiger gekostet. Die Besucher, die kurz zuvor noch für Bilder bezahlt haben, dürften davon nie erfahren haben.
Was wir geprüft haben und was nicht
Die Angaben zu den 72 gestorbenen Tigern, zur vermuteten Ursache, zum Geschäftsmodell und zum Preis von rund 30 US-Dollar stammen aus der Berichterstattung der South China Morning Post vom 24. Februar 2026, die sich auf thailändische Behörden stützt. Das Zitat der Wildlife Friends Foundation Thailand ist dort ebenfalls belegt.
Den Fall des fünfjährigen Mädchens haben wir nicht bestätigen können. Er stammt aus einem Instagram-Beitrag der Wildlife Friends Foundation Thailand, die auf die Times of India verweist. Wir haben in mehreren Suchdurchgängen, auch gezielt auf der Seite der Times of India, keinen entsprechenden Artikel gefunden. Das heißt nicht, dass der Fall erfunden ist. Es heißt, dass wir ihn nicht als gesicherte Tatsache behandeln.
Die medizinischen Angaben zu Katzenbissen und Kratzwunden geben den allgemeinen Stand der Notfallmedizin wieder und beziehen sich nicht auf diesen Einzelfall. Sie ersetzen keine ärztliche Beratung. Wer von einem Tier verletzt wurde, sollte das unabhängig von der Größe der Wunde ärztlich abklären lassen.
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