In Deutschland werden seit Jahren weniger Tiere in Versuchen eingesetzt. Für die einen ist das ein Erfolg, für die anderen ein Alarmsignal. Forschungsorganisationen und die Wissenschaftsministerien der Länder lesen den Rückgang als Beweis, dass Bürokratie die Forschung ins Ausland treibt, und wollen deshalb ein eigenes Tierversuchsgesetz. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat diese These geprüft. Ärzte gegen Tierversuche hat den Bericht am 1. Oktober aufgegriffen und schreibt, die Analyse stelle die zentralen Argumente für das Gesetz auf den Prüfstand. Wir haben den Bericht selbst gelesen. Die Kurzfassung: Ganz so eindeutig, wie der Verein es formuliert, ist er nicht. Für die Gegenseite fällt er aber noch dünner aus.
Kurz gesagt
Der BfR-Bericht „Sinkende Versuchstierzahlen in Deutschland“ vom 2. September 2026 findet keinen Einbruch der deutschen Forschung: Die Zahl biomedizinischer Publikationen aus Deutschland ist von 2014 bis 2025 gestiegen. Nur etwa jedes vierte genehmigte Versuchstier wird tatsächlich eingesetzt. Der Anteil der Rattenversuche, die deutsche Teams im Ausland machen, ist von 3,7 auf 8,8 Prozent gewachsen.
Ob lange Genehmigungsverfahren den Rückgang verursachen, lässt sich laut BfR „weder bestätigen noch widerlegen“. Zum geplanten Tierversuchsgesetz selbst äußert sich der Bericht nicht.
Inhalt7 Kapitel
Worum es beim Tierversuchsgesetz geht.
Union und SPD haben es 2025 in den Koalitionsvertrag geschrieben: „Wir schaffen ein eigenständiges Gesetz für wissenschaftliche Tierversuche.“ Der Satz steht im Kapitel zum Innovationsfreiheitsgesetz, federführend ist das Forschungsministerium. Die Regeln für Tierversuche würden damit aus dem Tierschutzgesetz herausgelöst.
Die Wissenschaftsministerinnen und -minister der Länder drängen seit Januar darauf, dass das Gesetz „zeitnah“ kommt, mit einheitlichen Genehmigungsverfahren und verbindlichen Fristen (Forschung & Lehre). Die Deutsche Forschungsgemeinschaft nennt die Genehmigungsverfahren „ein besonders prägnantes Beispiel für ausufernde Bürokratisierung“ (DFG). Ein Referentenentwurf ist bis heute nicht öffentlich.
Auf der anderen Seite stehen zehn Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen, darunter der Deutsche Tierschutzbund, PETA und Ärzte gegen Tierversuche. Sie befürchten, dass mit der Auslagerung Grundsätze wegfallen, die heute auch für Versuchstiere gelten, etwa dass kein Tier ohne „vernünftigen Grund“ getötet werden darf. Ihre Bundestagspetition hat das Quorum von 30.000 Unterschriften Anfang August erreicht. Die Hintergründe haben wir im Juli aufgeschrieben: Geplantes Tierversuchsgesetz: Warum 10 Verbände jetzt Alarm schlagen.

Was das BfR untersucht hat.
Den Bericht hat das Deutsche Zentrum zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) erstellt, das zum BfR gehört. Anlass waren laut Bericht Bedenken, die aus der Wissenschaft an das Institut herangetragen wurden. Die Initiative „Tierversuche verstehen“ hatte den Rückgang 2024 mit schwierigen Rahmenbedingungen erklärt, die DFG klagte 2025 über lange Bearbeitungszeiten.
Das Bf3R hat dafür mehrere Datenquellen nebeneinandergelegt: die Versuchstierstatistik von 2015 bis 2024 im Vergleich mit Frankreich und Großbritannien, eine Auswertung der Fachdatenbank PubMed, eine Befragung von Pharmaunternehmen, die Forschungsförderung des Bundes und die Datenbank genehmigter Versuchsvorhaben. Dazu kam eine Stichprobe von 3.789 Studien mit Ratten, bei denen das Team nachgesehen hat, wo die Versuche tatsächlich stattfanden. Der ganze Bericht ist beim BfR als PDF frei verfügbar.
Die Ergebnisse in Zahlen.
Der Rückgang ist echt. Bis 2019 lag Deutschland bei knapp über zwei Millionen Versuchstieren im Jahr. 2020 kam ein Einbruch um rund 14 Prozent, den das BfR vor allem der Pandemie zuschreibt. Anders als in Frankreich und Großbritannien sind die Zahlen danach nicht wieder gestiegen. 2024 wurden laut Versuchstierstatistik rund 1,33 Millionen Tiere in Versuchen verwendet, neun Prozent weniger als im Jahr davor. Dazu kamen 626.538 Tiere, die getötet wurden, um ihre Organe oder ihr Gewebe zu nutzen.
Die Forschung schrumpft nicht. Die Zahl biomedizinischer Veröffentlichungen von Teams an deutschen Instituten ist von 2014 bis 2025 gestiegen. Der Bericht formuliert es nüchtern: Ein Rückgang der deutschen Publikationsleistung im Vergleich zu anderen Ländern sei „nicht erkennbar“. Auch die Pharmabranche meldete 2024 zwölf Prozent mehr Patent- und Markenanmeldungen.
Genehmigt wird weit mehr, als gebraucht wird. Die Zahl der neu genehmigten Vorhaben ist gesunken, die Zahl der genehmigten Tiere kaum. Nur etwa jedes vierte genehmigte Tier wird laut BfR am Ende tatsächlich eingesetzt. Dass Behörden Tierzahlen drücken, indem sie Anträge ablehnen, sei „nicht erkennbar“.
Ein bisschen Verlagerung gibt es. Hier wird es für Ärzte gegen Tierversuche unbequem. In der Stichprobe stieg der Anteil der Rattenversuche, die deutsche Teams im Ausland durchführten, von 3,7 Prozent im Jahr 2014 auf 8,8 Prozent 2024. Das BfR nennt das einen „langsamen, aber signifikanten Anstieg“. Rund 30 Prozent der befragten Pharma- und Medizintechnikunternehmen forschen ohnehin schon im Ausland, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Einige nennen aber auch die geringere Regulierung dort.
Das Geld fehlt. Die Bundesausgaben für Gesundheitsforschung sind in den letzten Jahren langsamer gestiegen als andere Bereiche, etwa Informationstechnik oder Wehrforschung, teilweise sind sie gesunken. Weniger Geld heißt weniger Projekte, und weniger Projekte heißen weniger Tierversuche. Das ist eine Erklärung, über die in der Debatte kaum jemand spricht.
Tierfreie Methoden holen auf, aber nicht überall. In den Neurowissenschaften und der Immunologie arbeiten Forschende zunehmend mit Zellkulturen und anderen In-vitro-Methoden. In der Krebsforschung zeigt sich dieser Trend nicht.

Was der Bericht nicht sagt.
Das Wort „Tierversuchsgesetz“ kommt in den 50 Seiten kein einziges Mal vor. Das BfR empfiehlt weder ein eigenes Gesetz noch rät es davon ab. Die Verbindung zieht erst die Pressemitteilung von Ärzte gegen Tierversuche, und die ist Partei: Der Verein gehört zum Bündnis, das gegen das Gesetz mobil macht, und will Tierversuche ganz abschaffen.
Auch das Fazit des BfR ist vorsichtiger, als es die Pressemitteilung klingen lässt. Präsident Andreas Hensel nennt die Ursache für den Rückgang „sehr wahrscheinlich multifaktoriell“, also nicht allein mit Bürokratie oder Abwanderung zu erklären (BfR-Presseinformation). Die These, dass Genehmigungsverfahren die Versuchszahlen senken, könne der Bericht „weder bestätigen noch widerlegen“. Die Bedenken von Wissenschaft und Pharmaindustrie sollten „ernst genommen werden“. Eine bundesweite Befragung von Forschenden und Behörden zu den Genehmigungsverfahren hat das BfR schon gemacht, die Ergebnisse sollen in einem eigenen Bericht folgen.
Zwei Zahlen aus der Pressemitteilung stammen übrigens nicht vom BfR: dass über 99 Prozent der Anträge genehmigt würden und dass über 90 Prozent der im Tierversuch erfolgreichen Medikamente beim Menschen scheitern. Beides sind Angaben des Vereins. Zur Übertragbarkeit von Tierversuchen haben wir die Studienlage hier ausführlich eingeordnet.
Unsere Einordnung.
Wer ein Gesetz damit begründet, dass der Forschungsstandort leidet, muss das belegen. Genau das gelingt mit diesen Daten nicht. Deutsche Teams veröffentlichen mehr als vor zehn Jahren. Die Behörden genehmigen viermal so viele Tiere, wie am Ende gebraucht werden. Und der Anteil der Rattenversuche im Ausland ist zwar gewachsen, lag 2024 aber bei 8,8 Prozent. Für Unmut über langsame Verfahren gibt es Lösungen, die keinen Schutzstandard kosten: mehr Personal in den Genehmigungsbehörden, einheitliche Formulare, verbindliche Fristen. Das Bündnis der Tierschutzorganisationen schlägt vor, veraltete Verwaltungsvorschriften zu modernisieren, statt ein neues Gesetz zu schreiben.
Ehrlich bleiben müssen wir trotzdem: Der Bericht spricht das Gesetz nicht frei, er nimmt ihm nur sein Hauptargument. Und die eigentlich gute Nachricht steht im BfR-Text selbst. Der Rückgang sei „grundsätzlich zu begrüßen“, weil er zeige, dass die EU-Bemühungen, Tierversuche auf das unerlässliche Maß zu begrenzen, Früchte tragen. Ein Bundesinstitut, das sinkende Tierzahlen als Erfolg wertet, und eine Koalition, die sie als Standortproblem behandelt: Das passt nicht zusammen. Großbritannien zeigt gerade, dass man auch in die andere Richtung investieren kann, mit 22 Millionen Pfund für tierversuchsfreie Forschung. Was heute schon ohne Tiere geht, steht in unserem Überblick zu Alternativen zu Tierversuchen.

Drei Millionen Tiere, die niemand gefragt hat.
Die ganze Debatte dreht sich um Standorte, Fristen und Publikationszahlen. Die Tiere tauchen darin als Rechengröße auf. 1,33 Millionen verwendet, 626.538 für Organe getötet, dazu rund 1,1 Millionen, die gezüchtet und nie in einem Versuch eingesetzt, aber trotzdem getötet wurden. Zusammen rund drei Millionen, allein 2024. Unter den verwendeten Tieren waren fast drei Viertel Mäuse.
Dass Mäuse und Ratten Schmerz und Angst empfinden, ist gut belegt. Genau deshalb gibt es überhaupt Genehmigungsverfahren. Die EU erkennt Tiere in Artikel 13 des Vertrags über ihre Arbeitsweise als fühlende Wesen an, das Tierschutzgesetz verbietet in Paragraf 1, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen zuzufügen. Die Forschenden hinter der New York Declaration on Animal Consciousness halten es seit 2024 für realistisch, dass alle Wirbeltiere bewusst erleben. Ob ein Versuch einen „vernünftigen Grund“ hat, entscheidet heute eine Behörde. Die Tierschutzorganisationen befürchten, dass ein eigenes Gesetz diese Abwägung aufweicht, vor allem beim Töten überzähliger Tiere.
Wir finden: Ein Tier ist kein Verbrauchsmaterial, auch wenn das Ziel ein Medikament ist. Dass Tierversuche oft nicht auf den Menschen übertragbar sind, ist ein starkes Argument für bessere Methoden. Unsere Haltung hängt aber nicht daran. Sie gilt auch dort, wo ein Tierversuch funktioniert. Wer das Thema über die Forschung hinausdenkt, landet schnell bei Kosmetik, Kleidung und dem eigenen Teller. Einen Einstieg findest du in unserem Leitfaden Wie werde ich vegan? und in unserer Liste der besten Bücher zur Tierethik. Wie Tierversuche hinter verschlossenen Türen aussehen, hat zuletzt die ZDF-Doku „Geheimsache Tierversuche“ gezeigt.
Recherchen wie diese finanzieren sich über unsere Leserinnen und Leser. Wenn du sie wichtig findest, unterstütze This Is Vegan.
Häufige Fragen.
Wie viele Versuchstiere gab es 2024 in Deutschland?
Laut Bf3R wurden 2024 rund 1,33 Millionen Wirbeltiere und Kopffüßer in Versuchen verwendet, neun Prozent weniger als 2023. Dazu kamen 626.538 Tiere, die für die Entnahme von Organen oder Gewebe getötet wurden. Zusammen waren es erstmals weniger als zwei Millionen.
Warum sinken die Versuchstierzahlen?
Das BfR hält den Rückgang für „sehr wahrscheinlich multifaktoriell“. Eine Rolle spielen die Pandemie, weniger Fördergeld für Gesundheitsforschung, mehr tierfreie Methoden in einigen Fächern und eine leichte Verlagerung von Versuchen ins Ausland. Ob lange Genehmigungsverfahren den Rückgang verursachen, lässt sich laut BfR mit den Daten nicht klären.
Was ist das geplante Tierversuchsgesetz?
Die Bundesregierung will die Regeln für wissenschaftliche Tierversuche aus dem Tierschutzgesetz herauslösen und in einem eigenen Gesetz bündeln. Ziel sind schnellere und einheitlichere Genehmigungen. Ein Entwurf liegt noch nicht öffentlich vor.
Spricht sich das BfR gegen das Tierversuchsgesetz aus?
Nein. Der Bericht äußert sich gar nicht zu dem Gesetz. Er zeigt aber, dass sich das Hauptargument der Befürworter, ein geschwächter Forschungsstandort, mit den verfügbaren Daten nicht belegen lässt.
So haben wir recherchiert
Anlass war eine Pressemitteilung von Ärzte gegen Tierversuche vom 1. Oktober 2026. Alle Zahlen zur Analyse haben wir am BfR-Wissenschaftsbericht vom 2. September 2026 geprüft, die Versuchstierzahlen an der Statistik des Bf3R. Den Koalitionsvertrag, die Position der Länder und der DFG haben wir an den verlinkten Quellen nachgelesen. Ärzte gegen Tierversuche, die übrigen Tierschutzorganisationen, die DFG und die Allianz der Wissenschaftsorganisationen sind Partei, ihre Aussagen haben wir als deren Sicht gekennzeichnet.
Offen: Ob es inzwischen einen Referentenentwurf gibt, wie viele Menschen die Petition am Ende unterschrieben haben und was die angekündigte BfR-Befragung zu den Genehmigungsverfahren ergibt. Die Angabe, über 99 Prozent der Anträge würden genehmigt, stammt von Ärzte gegen Tierversuche und war nicht unabhängig zu prüfen.
FAQ - Das fragen andere
Was das BfR untersucht hat.?
Was der Bericht nicht sagt.?
Wie viele Versuchstiere gab es 2024 in Deutschland?
Warum sinken die Versuchstierzahlen?
Was ist das geplante Tierversuchsgesetz?
Spricht sich das BfR gegen das Tierversuchsgesetz aus?
Du willst unsere Meldungen in den Google-Top-Stories weiter oben sehen? Füge This Is Vegan bei Google als bevorzugte Quelle hinzu.


