Alternativen zu Tierversuchen: Was heute schon ohne Tiere geht und wo es hakt
1.954.469 Tiere. So viele wurden 2024 in Deutschland in Tierversuchen eingesetzt oder zu wissenschaftlichen Zwecken getötet, meist, um ihnen danach Organe oder Gewebe zu entnehmen. Es ist das erste Mal, dass die amtliche Zahl unter zwei Millionen liegt. Nicht mitgezählt sind 1.109.100 weitere Tiere, die für die Forschung gezüchtet, nie in einem Versuch verwendet und trotzdem getötet wurden.
Parallel dazu hat die EU-Kommission im Juni einen Fahrplan beschlossen, mit dem die Sicherheitsprüfung von Chemikalien schrittweise ohne Tierversuche auskommen soll. Diese Woche lief eine dpa-Meldung zum Thema durch die Regionalzeitungen, und die Frage dahinter ist alt: Geht Forschung ohne Tiere?
Die ehrliche Antwort passt keiner Seite ganz. In einigen Bereichen sind Tierversuche seit Jahren ersetzt. In anderen fehlen die Methoden noch. Und der größte Teil der Versuche kommt im EU-Plan überhaupt nicht vor.
Wie schlecht sich Ergebnisse aus Tierversuchen oft auf Menschen übertragen lassen, haben wir in unserem Artikel zur Studienlage aufgeschrieben. Hier geht es um die andere Hälfte der Frage: Was funktioniert stattdessen?
Was mit „Alternativen“ eigentlich gemeint ist
Seit den späten 1950er-Jahren gibt es das 3R-Prinzip: Replace, Reduce, Refine. Tierversuche ersetzen, die Zahl der Tiere verringern, die Belastung mindern. Behörden wie die EFSA und das Deutsche Zentrum zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) arbeiten danach.
Für die Tiere ist das ein gewaltiger Unterschied. Ein Versuch mit weniger Mäusen oder eine bessere Betäubung zählt im 3R-Sinn schon als Fortschritt. Menschen für Tierrechte kritisiert am EU-Fahrplan genau das: Er setze neben dem Ersatz auch auf Reduktion und Verfeinerung. Ärzte gegen Tierversuche setzt „Alternativen“ auf der eigenen Themenseite in Anführungszeichen. Tierversuchsfreie Methoden seien weit mehr als ein bloßer Ersatz, argumentiert der Verein.
In diesem Artikel meinen wir mit Alternativen Methoden, die ganz ohne Tiere auskommen.
Die Methoden: von der Hautzelle bis zum Chip
Zell- und Gewebemodelle. Der Klassiker unter den In-vitro-Methoden, also Tests im Reagenzglas oder in der Kulturschale. Dazu gehören im Labor nachgezüchtete menschliche Haut, Hornhautgewebe fürs Auge und Tests mit menschlichen Blutzellen. Der Monozyten-Aktivierungstest etwa erkennt fiebererregende Verunreinigungen in Arzneimitteln, für die früher Kaninchen gespritzt wurden.
Organoide. Aus Stammzellen gezüchtete, winzige Gewebeverbände, die Aufbau und Funktionen eines Organs in Teilen nachbilden. Mit ihnen lässt sich untersuchen, wie menschliches Gewebe auf einen Stoff reagiert, statt es an einer Maus abzuschätzen.
Organ-on-a-Chip. Menschliche Zellen wachsen in winzigen Kanälen auf einem Chip, Nährflüssigkeit strömt hindurch wie Blut. Die US-Arzneimittelbehörde FDA nennt Chips für Leber, Herz und Immungewebe ausdrücklich als Bausteine, mit denen sie Tierversuche ersetzen will. Der Knackpunkt ist die Standardisierung: Zwei Labore müssen mit zwei Chips dasselbe Ergebnis bekommen. Die EU will deshalb europäische Normen für Organ-on-Chip-Systeme fördern.
Computermodelle und KI. Sie sagen aus der chemischen Struktur eines Stoffes und vorhandenen Daten voraus, wie giftig er wahrscheinlich ist. Die EU will solche Modelle kurzfristig für die akute Giftigkeit von Industriechemikalien einsetzen, einen Bereich, in dem bisher Ratten Stoffe verabreicht bekamen.

Kombinationen. Ein einzelner Zelltest ersetzt selten einen ganzen Tierversuch. Was funktioniert, sind festgelegte Kombinationen mehrerer Tests mit klaren Auswerteregeln, im Fachjargon „Defined Approaches“. Beate Escher, die am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig das Department Zelltoxikologie leitet und dort mit einer robotergestützten Testplattform arbeitet, hat es gegenüber der dpa so zusammengefasst: Vorhandene Daten aus früheren Tierversuchen, Zelltests im Hochdurchsatz und Computermodelle könnten gemeinsam Tierversuche ersetzen. Was fehle, sei die Anerkennung solcher Verfahren durch die EU.
Wo Tierversuche schon ersetzt sind
Das Argument „ohne Tiere geht es nicht“ hat in mehreren Bereichen längst verloren. Ein paar Beispiele, alle mit behördlicher Anerkennung:
- Hautätzung und Hautreizung. Die Kaninchentests sind durch rekonstruierte menschliche Haut ersetzt, festgeschrieben in den OECD-Prüfrichtlinien 431 und 439. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung wird die Hautverträglichkeit von Chemikalien in der EU inzwischen größtenteils nur noch an solchen Hautmodellen geprüft.
- Allergien auf der Haut. Die OECD-Richtlinie 497 von 2021 kombiniert Labortests zu festen Bewertungsverfahren und ersetzt damit Versuche an Mäusen und Meerschweinchen. Die EU-Kommission nennt die Hautsensibilisierung selbst als Erfolgsbeispiel, weil der biologische Mechanismus gut verstanden ist.
- Augenreizung. Seit 2022 ersetzt die OECD-Richtlinie 467 in festgelegten Fällen den berüchtigten Draize-Test, bei dem Stoffe in Kaninchenaugen geträufelt werden.
- Fieber-Test für Arzneimittel. Das Europäische Arzneibuch hat 2024 den Pyrogentest am Kaninchen aus 57 Texten gestrichen, wie das Paul-Ehrlich-Institut berichtet. Hersteller setzen stattdessen auf In-vitro-Tests. Mehr zum Ende des Kaninchen-Tests.
- Botox. Die großen Hersteller prüfen ihre Chargen inzwischen mit zellbasierten Tests statt mit dem tödlichen Maus-Test. Für Erstzulassungen und Referenzstandards wird der Maus-Test laut einer Übersichtsarbeit von 2025 aber weiter gebraucht. Wie der Ausstieg dort weitergeht.
Dass das wirkt, zeigt die EU-Statistik. Zwischen 2018 und 2023 ging die Zahl der Tiere für Pyrogentests um 40,4 Prozent zurück, für Tests auf Hautreizung und Hautätzung um 29,6 Prozent. Die Tierversuche für gesetzlich vorgeschriebene Prüfungen insgesamt sanken um gut ein Drittel.
Auch außerhalb Europas bewegt sich etwas. In den USA sind Tierversuche für die Zulassung neuer Arzneimittel seit dem FDA Modernization Act 2.0 von Ende 2022 keine gesetzliche Pflicht mehr. Im April 2025 kündigte die FDA an, die Tierversuchsanforderung zuerst bei monoklonalen Antikörpern auslaufen zu lassen. Im April 2026 meldete sie, die Ziele des ersten Jahres erreicht zu haben.
Der Tierschutzforschungspreis 2026, und was er über den Stand verrät
Am 9. September 2026 hat das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat den Tierschutzforschungspreis 2026 vergeben. Er ging an Prof. Dr. Beate Escher vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, die dort das Department Zelltoxikologie leitet und in Tübingen Umwelttoxikologie lehrt. Ausgezeichnet wurden ihre zellbasierten Biotestverfahren: Statt einen Stoff an Tieren zu prüfen, misst man seine Wirkung an lebenden Zellkulturen. Das Preisgeld beträgt 100.000 Euro.
Bemerkenswert ist, wie vorsichtig das Ministerium selbst formuliert. In der Mitteilung heißt es, damit ließen sich Tierversuche in der chemischen Gefahren- und Risikobewertung „teilweise” ersetzen. Die Preisträgerin sagt es genauso: Ihre Verfahren könnten klassische Tierversuche „teilweise bereits” ersetzen, entscheidend sei, „dass vielversprechende Ansätze auch breit angewendet werden können”.
Noch deutlicher wurde die Parlamentarische Staatssekretärin Silvia Breher, die den Preis überreichte, bereits bei der Ausschreibung im Januar: „Bislang sind Tierversuche in Wissenschaft und Forschung noch nicht verzichtbar.” Bei der Verleihung ergänzte sie den Satz, der die politische Linie zusammenfasst: „Wir wollen Tierversuche dort ersetzen, wo moderne und leistungsfähige Alternativen zur Verfügung stehen.” Das beschreibt Ersatz nach Verfügbarkeit, kein Ausstiegsdatum.
Auffällig ist auch, was fehlt. Weder das Ministerium noch das Forschungszentrum nennen ein konkretes Tierversuchsmodell, das durch die prämierte Arbeit wegfällt, oder eine Zahl eingesparter Tiere. Frühere Verleihungen taten genau das: 2015 war von bis zu 100.000 Tieren in zehn Jahren die Rede, 2020 von bis zu 40 Prozent weniger genetisch veränderten Mäusen. Für 2026 steht keine solche Zahl in der Mitteilung.
Das Hauptanwendungsfeld der ausgezeichneten Verfahren ist die Gewässer- und Trinkwasserüberwachung, also das Aufspüren von Mikroverunreinigungen. Der Engpass liegt dort weniger im Labor als in der Zulassung. Solange einheitliche Schwellenwerte fehlen, ab wann ein Biotest-Ergebnis als kritisch gilt, bleibt die behördliche Anwendung Stückwerk. Genau darauf zielt das Zitat der Preisträgerin.
Eine Frage, die für vegan lebende Menschen naheliegt, beantwortet die Meldung nicht: Zellkulturen arbeiten vielfach mit fetalem Kälberserum, das aus dem Blut ungeborener Kälber gewonnen wird. Ob die ausgezeichneten Testsysteme ohne dieses Serum auskommen, steht in den Unterlagen nicht. In vitro heißt damit noch nicht tierfrei.
Zum Preis selbst: Er hat keine eigene gesetzliche Grundlage, er ist eine freiwillige Fördermaßnahme des Ministeriums, betreut vom Deutschen Zentrum zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R). Für 2026 waren insgesamt 150.000 Euro ausgelobt, davon bis zu 50.000 Euro für einen Nachwuchspreis. Einen Nachwuchspreisträger hat das Ministerium in seiner Mitteilung nicht genannt. Vergeben wird der Preis nach Angaben des Ministeriums seit 1980, zwischen 2009 und 2023 vor allem an den wissenschaftlichen Nachwuchs. Unter den früheren Preisträgern stehen neben Universitäten auch Konzernlabore, darunter BASF, Beiersdorf, Merck und Wella. Das ist eine Beobachtung und kein Vorwurf, denn Ersatzmethoden aus der Industrie ersetzen reale Tierversuche.
Was der EU-Fahrplan vorsieht
Am 1. Juni 2026 hat die EU-Kommission ihren „Fahrplan zum schrittweisen Ausstieg aus Tierversuchen bei der Chemikaliensicherheitsbewertung” beschlossen. Er ist die späte Antwort auf zwei Weckrufe: 2021 forderte das Europäische Parlament mit 667 zu 4 Stimmen einen Aktionsplan, 2023 übergab die Bürgerinitiative „Save Cruelty Free Cosmetics“ über 1,2 Millionen geprüfte Unterschriften.
Das steht drin:
- 3 Säulen, 22 Maßnahmen und über 30 Empfehlungen, sortiert nach Prüfbereich.
- 15 Rechtsbereiche, darunter Industriechemikalien unter REACH, Pestizide, Biozide, chemische Arzneimittel, Lebens- und Futtermittelzusatzstoffe und die Verträglichkeit von Medizinprodukten.
- Schon 2026 soll die Europäische Chemikalienagentur ECHA Tierversuche unter REACH nur noch als letztes Mittel akzeptieren. Ende 2026 soll ein öffentliches Dashboard zeigen, wie weit die Umsetzung ist.
- Bis Ende 2029 will die Kommission die kurzfristigen Maßnahmen selbst rechtlich umsetzen oder als Gesetz vorschlagen.
Und das steht nicht drin: ein Enddatum. Die Mitteilung ist rechtlich nicht verbindlich. Mittel- und langfristige Schritte sollen greifen, sobald die Methoden entwickelt und validiert sind, also wenn es so weit ist. Ausgenommen sind Impfstoffe, andere biologische Arzneimittel und Gentherapien. Die Grundlagenforschung ist ebenfalls kein Thema, der Plan betrifft nur gesetzlich vorgeschriebene Sicherheitsprüfungen.
Zur Größenordnung: Laut Kommission wurden zwischen 2015 und 2023 in der EU über 15 Millionen Tiere für solche Prüfungen verwendet, knapp 40 Prozent davon für die Chemikaliensicherheit.
Die Reaktionen fallen entsprechend gemischt aus. Ärzte gegen Tierversuche, nach eigenen Angaben an der Erarbeitung beteiligt, spricht von einem wichtigen Schritt. „Erstmals werden konkrete Meilensteine und Zielvorgaben für den Umstieg formuliert”, so Vizevorsitzende Corina Gericke. Der Verein kritisiert aber die langen Zeiträume und die Ausnahmen. Humane World for Animals weist darauf hin, dass knapp sechs Millionen Tiere, die jedes Jahr in der EU-Forschung außerhalb der Sicherheitsprüfung eingesetzt werden, gar nicht erfasst sind. Der europäische Chemieverband Cefic begrüßt den Plan und mahnt Geld und klare Zuständigkeiten an.
Wo die Alternativen noch nicht reichen
Wer für den Ausstieg argumentiert, sollte die Grenzen kennen, und die Kommission benennt sie selbst. Bei der Giftigkeit nach wiederholter Einnahme über längere Zeit und bei Schäden an Fruchtbarkeit und ungeborenem Leben sei die Entwicklung von Ersatzmethoden „sehr schwierig“. Tierfreie Tests lieferten andere Informationen als der Tierversuch, deshalb müsse sich die gesamte Art der Risikobewertung ändern, teils per Gesetz.
Im Fahrplan stehen tierfreie Testkombinationen für Erbgutschäden, Krebsrisiko, Fortpflanzungsgiftigkeit und hormonelle Wirkungen deshalb erst als mittelfristige Ziele. Ein komplett neues Bewertungssystem ist langfristig geplant. Und bei Industriechemikalien steigt die Zahl der Versuchstiere EU-weit sogar allmählich, so der aktuelle Statistikbericht der Kommission.
Ein zweites Nadelöhr ist die Validierung. Bevor eine Behörde eine Methode anerkennt, muss sie in Ringversuchen beweisen, dass sie verlässlich funktioniert. Robert Landsiedel, Toxikologe beim Chemiekonzern BASF, rechnet beim jetzigen Tempo mit Jahrzehnten pro Ersatzmethode, zitiert von der Initiative „Tierversuche verstehen“ der großen Wissenschaftsorganisationen. Diese hält einen generellen Ausstieg für wissenschaftlich nicht begründet, weil sich manche Vorgänge im Körper nur im ganzen Organismus abbilden ließen. Ärzte gegen Tierversuche hält dagegen, dass die große Mehrheit der im Tierversuch erfolgreichen Wirkstoffe später in klinischen Studien am Menschen scheitert.

Die dritte Grenze ist Geld. Das Bundesforschungsministerium hat 2024 rund 8,7 Millionen Euro in Alternativmethoden gesteckt. Das Bf3R, das die Forschung dazu bundesweit koordiniert, vergibt jedes Jahr rund 400.000 Euro an Projekte. Die EU hat in zwei Jahrzehnten knapp 1,5 Milliarden Euro investiert. Wie ein Staat den Umstieg gezielt finanzieren kann, zeigt Großbritannien mit 22 Millionen Pfund für tierversuchsfreie Forschung.
Und Deutschland?
Ein Blick in die Statistik 2024 zeigt, warum der EU-Plan für deutsche Labore nur einen Ausschnitt trifft. 57 Prozent der Tiere wurden in der Grundlagenforschung eingesetzt, nur 17 Prozent für gesetzlich vorgeschriebene Prüfungen. Knapp drei Viertel waren Mäuse, danach folgen Fische, Ratten und Kaninchen. Dazu kamen 2.220 Verwendungen von Hunden, 698 von Katzen (28 Prozent mehr als im Vorjahr) und 1.088 von Affen (35 Prozent weniger). 3,6 Prozent der Versuche waren als schwer belastend eingestuft.
Politisch hängt Deutschland hinterher. Die von der Ampel versprochene Reduktionsstrategie für Tierversuche wurde nie veröffentlicht. Die Bundesregierung begründet das mit der vorgezogenen Bundestagswahl (Bundestagsdrucksache 21/119), nicht mit Widerstand aus der Wissenschaft, wie es in der Debatte oft heißt. Die aktuelle Bundesregierung plant stattdessen, die Regeln für Tierversuche aus dem Tierschutzgesetz herauszulösen und in ein eigenes Gesetz zu überführen. Einen öffentlichen Entwurf gibt es bisher nicht. Zehn Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen befürchten, dass damit Schutzmechanismen für Versuchstiere wegfallen. Ihre Bundestagspetition endete am 31. August mit 81.528 Mitzeichnungen. Das Quorum ist damit erreicht, die Petition liegt beim Petitionsausschuss des Bundestags zur Prüfung. Worum es bei dem Gesetz geht.
Im Koalitionsvertrag von 2025 steht dazu genau ein Satz, und er findet sich im Kapitel zur Deregulierung: „Wir schaffen ein eigenständiges Gesetz für wissenschaftliche Tierversuche.” Die Parlamentarische Staatssekretärin Silvia Breher, die im September den Tierschutzforschungspreis überreichte, hat die laufenden Beratungen dazu am 17. Juli 2026 im Bundestag bestätigt. Zur Einordnung der Größenordnungen: Der Bund förderte Ersatzmethoden 2024 mit rund 8,7 Millionen Euro. Im selben Jahr wurden 1,33 Millionen Tiere in Versuchen eingesetzt.
Die Frage, die kein Validierungsverfahren beantwortet
Die ganze Debatte kreist um eine Formel aus dem EU-Fahrplan: Tierfreie Methoden müssen ein „gleichwertiges Schutzniveau“ liefern. Gemeint ist der Schutz von Menschen und Umwelt. Das Tier kommt darin als Messinstrument vor, das man austauscht, sobald ein besseres bereitsteht.
Die Mäuse, Ratten und Kaninchen in den Laboren sind aber Individuen, die Schmerz, Angst und Stress empfinden. Das ist keine Meinung von Tierschützer:innen. Die EU erkennt Tiere in Artikel 13 des Vertrags über die Arbeitsweise der EU als fühlende Wesen an. In der New York Declaration on Animal Consciousness von 2024 halten Forschende fest, dass es starke wissenschaftliche Belege für bewusstes Erleben bei Säugetieren und Vögeln gibt und zumindest eine realistische Möglichkeit bei vielen weiteren Tieren, Fische eingeschlossen. Die EU-Tierversuchsrichtlinie selbst nennt den vollständigen Ersatz von Versuchen an lebenden Tieren als Endziel, sobald das wissenschaftlich möglich ist.
Deshalb hängt unsere Position auch nicht daran, wie gut ein Tiermodell etwas vorhersagt. Selbst wenn ein Versuch an einer Maus die perfekte Prognose für Menschen liefern würde, hätte diese Maus ein Interesse daran, nicht vergiftet, operiert oder getötet zu werden. Die 1,1 Millionen Tiere, die 2024 gezüchtet und ungenutzt getötet wurden, zeigen, wie selbstverständlich sie im System als Material gelten. Die spannende Frage ist deshalb, wie schnell Politik und Forschung die Methoden liefern, die es erlauben, auf die Tiere zu verzichten. Gebraucht werden sie in jedem Fall.
Organisationen wie Ärzte gegen Tierversuche und Menschen für Tierrechte finanzieren ihre Arbeit weitgehend über Spenden. Auch unsere Recherchen kannst du mit einer Spende unterstützen, wenn du magst.
Was du tun kannst
Beim Einkauf. Das EU-Verbot für Tierversuche an Kosmetik gilt seit 2013, hat aber ein Schlupfloch: Inhaltsstoffe, die auch in anderen Produkten stecken, können über das Chemikalienrecht weiter am Tier getestet werden. Siegel wie die Vegan-Blume oder Leaping Bunny geben dir bei Kosmetik und Putzmitteln mehr Sicherheit als ein bloßes „nicht an Tieren getestet“.
Politisch. Die Petition gegen das Tierversuchsgesetz landet jetzt im Petitionsausschuss des Bundestags. Wer bei den Abgeordneten im eigenen Wahlkreis nachfragt, wie sie dazu stehen, sorgt dafür, dass das Thema nicht still in einem Ministerium verschwindet.
Zuhören. Wie sinnvoll Tierversuche aus medizinischer Sicht überhaupt sind, haben wir mit Dr. Corina Gericke und Claus Kronaus von Ärzte gegen Tierversuche besprochen. Das Interview gibt es zum Nachlesen, die ganze Podcast-Folge hier:
Und wenn du nach diesem Text über Tiere als fühlende Wesen weiterdenken willst: Unser Guide Wie werde ich vegan? ist ein guter Anfang.
Häufige Fragen
Welche Alternativen zu Tierversuchen gibt es?
Die wichtigsten sind Zell- und Gewebemodelle aus menschlichen Zellen, Organoide, Organ-on-a-Chip-Systeme und Computermodelle. In der Praxis werden sie oft kombiniert, weil ein einzelner Test selten einen ganzen Tierversuch ersetzt.
Kann man Tierversuche heute schon komplett ersetzen?
In einzelnen Bereichen ja, etwa bei Tests auf Hautreizung, Hautallergien und fiebererregende Verunreinigungen. Für Langzeitgiftigkeit, Fortpflanzungsschäden und viele Fragen der Grundlagenforschung gibt es noch keine anerkannten tierfreien Verfahren.
Wie viele Tierversuche gibt es in Deutschland?
2024 wurden 1.327.931 Tiere in Versuchen eingesetzt und 626.538 zu wissenschaftlichen Zwecken getötet, zusammen 1,95 Millionen. Dazu kommen 1,1 Millionen gezüchtete, aber ungenutzt getötete Tiere.
Was plant die EU gegen Tierversuche?
Die EU-Kommission hat am 1. Juni 2026 einen Fahrplan für den schrittweisen Ausstieg bei der Sicherheitsprüfung von Chemikalien beschlossen. Kurzfristige Maßnahmen sollen bis Ende 2029 umgesetzt oder vorgeschlagen sein, ein verbindliches Enddatum gibt es nicht.
Methodik und Quellen
Die deutschen Versuchstierzahlen stammen aus der Versuchstierstatistik 2024 des Bf3R und der Pressemitteilung des Bundesinstituts für Risikobewertung vom 9. Dezember 2025. In Agenturmeldungen zum Thema kursieren teils abweichende Werte, die zum Berichtsjahr 2023 passen, wir haben uns an die Primärquelle gehalten. Die EU-Zahlen stammen aus dem Statistikbericht der Kommission für 2023 (SWD(2026) 100).
Zum EU-Fahrplan haben wir die Mitteilung der Kommission C(2026) 3497 vom 1. Juni 2026 selbst gelesen. Das begleitende Arbeitsdokument mit der vollständigen Liste der 15 Rechtsbereiche haben wir nicht ausgewertet, deshalb nennen wir nur die Bereiche, die in der Mitteilung stehen. Zu den anerkannten Ersatzmethoden: OECD-Prüfrichtlinie 497, die Fragen und Antworten des BfR, das Paul-Ehrlich-Institut zum Pyrogentest und zu Botox die Übersichtsarbeit von Watkins et al. (2025). Die US-Angaben stammen aus den Mitteilungen der FDA vom 10. April 2025 und vom 20. April 2026.
Die Angaben zu Beate Escher stammen von der Profilseite des UFZ, ihre Einschätzung aus der dpa-Meldung vom 10. September 2026. Die Reaktionen auf den Fahrplan geben die Positionen der jeweiligen Organisationen wieder: Ärzte gegen Tierversuche (Pressemitteilung vom 3. Juni 2026), Humane World for Animals, Cefic und Tierversuche verstehen. Alle diese Organisationen sind in der Debatte Partei. Die Zahl der Petitions-Mitzeichnungen stammt von den Initiatoren und ließ sich auf dem Petitionsportal des Bundestags technisch nicht gegenprüfen. Die Angaben zum Tierschutzforschungspreis 2026 stammen aus der Pressemitteilung Nr. 72/2026 des BMLEH vom 9. September 2026, aus der Ausschreibung des Preises und aus der Mitteilung Nr. 001/2026 vom 8. Januar 2026. Welches Tierversuchsmodell die prämierten Verfahren in welchem Umfang ersetzen, geht aus diesen Quellen nicht hervor, ebenso wenig, ob die Testsysteme ohne fetales Kälberserum arbeiten. Eine eigene Anfrage beim Ministerium oder beim Helmholtz-Zentrum haben wir nicht gestellt. Offen ist bisher, wann der Petitionsausschuss sich damit befasst und ob es einen Referentenentwurf für das Tierversuchsgesetz gibt.
FAQ - Das fragen andere
Was mit „Alternativen“ eigentlich gemeint ist?
Wo Tierversuche schon ersetzt sind?
Was der EU-Fahrplan vorsieht?
Wo die Alternativen noch nicht reichen?
Und Deutschland?
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