Am Montag, dem 5. Oktober, muss sich vor dem Amtsgericht Obernburg ein Mann verantworten, den die Lokalzeitung den „mutmaßlichen Initiator“ des Schlachtskandals von Eschau-Hobbach nennt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm laut Main-Echo „quälerische Tiermisshandlung“ in mehreren Fällen vor. Es geht um sogenannte Krankschlachtungen: Rinder, die zu krank oder zu schwer verletzt waren, um noch transportiert zu werden, und trotzdem im Schlachthof landeten. Für den Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung. Für die Kühe aus Hobbach kommt jedes Urteil zu spät.
Kurz gesagt
Im Sommer 2023 dokumentierte Soko Tierschutz mit versteckten Kameras, wie in einem kleinen Schlachtbetrieb in Hobbach (Gemeinde Eschau, Landkreis Miltenberg) kranke und verletzte Rinder geschlachtet wurden. Das Landratsamt schloss den Betrieb am 1. August 2023.
Bisher gab es Geldstrafen gegen Zulieferer und ein Jahr auf Bewährung samt fünfjährigem Schlachthof-Verbot gegen den ehemaligen Betreiber. Am 5. Oktober 2026 verhandelt das Amtsgericht Obernburg gegen den Mann, der die Krankschlachtungen organisiert haben soll.
Inhalt6 Kapitel
Was in Hobbach passiert sein soll.
Hobbach ist ein Ortsteil von Eschau im Spessart, nicht weit von der hessischen Grenze. Der Schlachtbetrieb mit angeschlossener Metzgerei war klein. Soko Tierschutz schätzte, dass dort rund 1.500 Rinder im Jahr geschlachtet wurden, unabhängig belegt ist diese Zahl nicht.
Im Juni und Juli 2023 hatte die Tierschutzorganisation dort versteckte Kameras angebracht. Was die Aufnahmen zeigen, beschrieb Soko Tierschutz in einer Pressemitteilung vom 3. August 2023: Der Betrieb habe „kranke, verletzte und sterbende Milchkühe und Fleischrinder“ angenommen, in der Branche „Downer“ genannt, also Tiere, die nicht mehr aufstehen können. Die Tiere seien „mit Seilen aus den Transportern gezerrt“ worden. Man habe versucht, ein Tier „zu zwingen, liegend mit wunden Gelenken die Rampe herunter zu kriechen“, und das Bolzenschussgerät habe mehrfach versagt. Soko-Gründer Friedrich Mülln sprach laut inFranken von einer „systematischen Schlachtung von kranken und schwer verletzten Rindern“.
Die Organisation hatte die Behörden vorab informiert. Am 1. August 2023 wurde der Betrieb durchsucht, das Landratsamt Miltenberg untersagte den Schlachtbetrieb mit sofortiger Wirkung. Es bestätigte „teils schwerwiegende Tierschutzverstöße beim Abladen“ und bei der Betäubung, dazu kranke, nicht transportfähige Tiere und Hygienemängel. Die zuständige Amtstierärztin wurde vorläufig von ihren Aufgaben entbunden. Die letzte Routinekontrolle hatte im Mai 2023 stattgefunden, zwei Monate vor den Aufnahmen. Im Oktober 2023 gab der Betreiber seine Zulassung zurück.
Eschau-Hobbach war der zweite Fall am Untermain innerhalb weniger Tage. Ende Juli 2023 hatte Soko Tierschutz bereits Aufnahmen aus dem Schlachthof in Aschaffenburg veröffentlicht.

Die bisherigen Urteile.
Die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg ermittelt seit 2023 gegen Mitarbeitende, Zulieferer und, wie es damals hieß, „Hintermänner“. Verhandelt wird am Amtsgericht Obernburg. Bisher bekannt:
- Februar 2025: Ein Landwirt aus dem Landkreis Schweinfurt erhielt 65 Tagessätze zu je 10 Euro, insgesamt 650 Euro. Er hatte im Juni 2023 zwei Rinder mit Seilen vom Hänger gezogen, weil sie nicht mehr selbst gehen konnten. Das Urteil ist rechtskräftig (Die Bayern).
- Februar und März 2025: Ein weiterer Landwirt aus Hessen und ein Viehhändler wurden ebenfalls zu Geldstrafen verurteilt. Die Höhe ist öffentlich nicht bekannt.
- 4. Dezember 2025: Der ehemalige Betreiber bekam ein Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung, 1.200 Euro Geldauflage und ein Verbot, fünf Jahre lang in einem Schlachthof zu arbeiten oder einen zu betreiben. Angeklagt waren zehn Fälle zwischen September 2022 und August 2023, darunter Rinder, die krank, verletzt, stark abgemagert oder trächtig angeliefert wurden. Er hatte gestanden. Die Staatsanwaltschaft hatte ein lebenslanges Berufsverbot gefordert (Welt/dpa).
650 Euro für zwei Rinder, die an Seilen vom Hänger gezogen wurden. Macht 325 Euro pro Tier. Laut dpa liefen Anfang 2025 außerdem Ermittlungen gegen acht weitere Verdächtige. Wie viele davon noch vor Gericht kommen, ist offen.

Warum der Prozess am Montag wichtig ist.
Bisher standen in Obernburg vor allem Menschen vor Gericht, die Tiere angeliefert oder geschlachtet haben. Am Montag geht es um die Frage, wer das System dahinter organisiert hat. Krankschlachtungen lohnen sich wirtschaftlich: Eine Kuh, die nicht mehr aufsteht, bringt als Fleisch noch Geld, als verendetes Tier kostet sie die Entsorgung. Wer solche Tiere einsammelt und an einen Betrieb liefert, der keine Fragen stellt, verdient an genau diesem Unterschied. Ob das auf den Angeklagten zutrifft, muss das Gericht klären.
Der Strafrahmen ist überschaubar. Paragraf 17 des Tierschutzgesetzes sieht für das Quälen eines Wirbeltiers eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe vor. Wie solche Verfahren typischerweise ausgehen, zeigen andere Fälle, die durch Undercover-Aufnahmen ins Rollen kamen:
- Bad Iburg (Niedersachsen): Aufnahmen von 2018, Urteil 2022. Der Betriebsleiter bekam zwei Jahre auf Bewährung und 3.000 Euro Geldauflage, zwei Mitarbeiter je neun Monate auf Bewährung. Das Gericht verwies auch auf den langen Abstand zur Tat (Hasepost). Zwei Amtstierärzte wurden 2023 freigesprochen.
- Gärtringen (Baden-Württemberg): Aufnahmen von 2020, fast vier Jahre später fünf Strafbefehle mit 60 und 120 Tagessätzen (SZ/BZ).
- Aschaffenburg: Eine ehemalige Amtstierärztin wurde 2024 zu elf Monaten auf Bewährung verurteilt, weil sie dem Schlachthofleiter Kontrolltermine verraten hatte. Wegen Tierquälerei wurde sie nicht verurteilt.
Das Muster ist immer gleich: Verfahren dauern Jahre, am Ende stehen Bewährungs- oder Geldstrafen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Prozessen gegen Tierhalter, über die wir zuletzt berichtet haben: Tierquälerei vor Gericht: Häufen sich die Prozesse gegen Landwirte? und Verdurstete Vögel, 7.200 Euro Strafe, kein Tierhalteverbot.
Hätte eine Kamera Eschau-Hobbach verhindert?.
Das Bundeskabinett hat am 29. April 2026 eine Pflicht zur Videoüberwachung in Schlachthöfen beschlossen (Bundeslandwirtschaftsministerium). Gefilmt werden sollen Anlieferung, Wartebereich, Zutrieb, Betäubung und Entblutung. Gelten soll die Pflicht für Betriebe ab 1.000 Großvieheinheiten im Jahr, das entspricht 1.000 Rindern oder 5.000 Mastschweinen. Laut Ministerium sind damit mehr als 90 Prozent aller Schlachtungen erfasst. Kleinere Betriebe sind ausgenommen, die Länder dürfen dort bei konkretem Verdacht Kameras anordnen. Wann der Bundestag darüber abstimmt, ist offen.
Ob ein Betrieb wie der in Hobbach unter die Pflicht gefallen wäre, hängt an der tatsächlichen Schlachtzahl. Mit den 1.500 Rindern, die Soko Tierschutz schätzt, läge er knapp darüber. Entscheidender ist etwas anderes. In Eschau-Hobbach wurden die Aufnahmen gemacht, aber nicht vom Staat, und gesehen hat sie zuerst eine private Organisation. Eine Kamera, deren Bilder niemand auswertet, schützt kein Tier. Und die meisten Schlachthöfe in Deutschland sind klein. Gerade dort, wo die Kontrolle am dünnsten ist, bleibt sie freiwillig.
Wie es anders gehen kann, zeigt Dänemark: Dort entsteht gerade eine eigene Tierschutz-Kontrollbehörde mit doppelt so vielen Kontrolleuren.

Was auch ohne Skandal passiert.
Der Fall Eschau-Hobbach handelt von Regelbrüchen: Tiere, die nicht hätten transportiert werden dürfen, ein Betäubungsgerät, das versagt, Kontrollen, die nichts finden. Darüber wird am Montag verhandelt. Nicht verhandelt wird das, was in Hobbach vorher legal war und in jedem anderen Schlachthof legal bleibt: dass gesunde Rinder dort getötet werden, weil Menschen ihr Fleisch essen wollen.
Dass Rinder Schmerz, Angst und Stress empfinden, ist keine Meinung. Die EU erkennt Tiere in Artikel 13 des Vertrags über ihre Arbeitsweise als fühlende Wesen an, das Tierschutzgesetz verbietet in Paragraf 1, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen zuzufügen. Die Forschenden hinter der New York Declaration on Animal Consciousness halten es seit 2024 für realistisch, dass alle Wirbeltiere bewusst erleben. Geschmack und Gewohnheit sind kein vernünftiger Grund. Laut Statistischem Bundesamt wurden in Deutschland 2025 rund 746 Millionen Tiere geschlachtet, Fische nicht mitgezählt.
Unter den Kühen, die nach Hobbach geliefert wurden, waren laut Soko Tierschutz auch Milchkühe. Tiere, die jahrelang Kälber zur Welt bringen mussten, damit Milch fließt, und die am Ende verbraucht waren. Krankschlachtungen sind der hässlichste Rand eines Systems, das auch in der Mitte Tiere als Ware behandelt. Wer daraus aussteigen will, findet einen Einstieg in unserem Leitfaden Wie werde ich vegan?. Und wer wissen will, warum Menschen wie Moby sich für die Leute einsetzen, die solche Bilder überhaupt erst sichtbar machen, liest hier weiter.
Wir begleiten den Prozess und berichten, sobald ein Urteil fällt. Recherchen wie diese finanzieren sich über unsere Leserinnen und Leser. Wenn du sie wichtig findest, unterstütze This Is Vegan.
Häufige Fragen.
Was ist im Schlachthof Eschau-Hobbach passiert?
Soko Tierschutz filmte im Juni und Juli 2023 mit versteckten Kameras, wie in dem kleinen Schlachtbetrieb kranke und verletzte Rinder angeliefert, mit Seilen vom Transporter gezogen und geschlachtet wurden. Das Landratsamt Miltenberg schloss den Betrieb am 1. August 2023.
Wann ist der Prozess gegen den mutmaßlichen Initiator?
Am Montag, dem 5. Oktober 2026, vor dem Amtsgericht Obernburg im Landkreis Miltenberg. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm quälerische Tiermisshandlung in mehreren Fällen vor. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Welche Strafe bekam der ehemalige Betreiber?
Das Amtsgericht Obernburg verurteilte ihn im Dezember 2025 zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung, 1.200 Euro Geldauflage und einem fünfjährigen Verbot, in einem Schlachthof zu arbeiten oder einen zu betreiben.
Was ist eine Krankschlachtung?
Die Schlachtung eines Tieres, das krank oder verletzt ist. Sie ist nur unter strengen Auflagen erlaubt, ein Tier, das nicht transportfähig ist, darf nicht zum Schlachthof gefahren werden. Wirtschaftlich lohnt sie sich, weil ein geschlachtetes Tier Geld bringt und ein verendetes Kosten verursacht.
So haben wir recherchiert
Anlass war ein Bericht des Main-Echo vom 1. Oktober 2026, dessen Volltext hinter einer Bezahlschranke steht. Termin, Gericht und Vorwurf haben wir aus der frei sichtbaren Zusammenfassung übernommen. Die Rekonstruktion des Falls stützt sich auf die Pressemitteilung von Soko Tierschutz, die Berichte von inFranken und primavera24 aus dem August 2023 sowie die Prozessberichte von dpa und Die Bayern. Soko Tierschutz ist Partei, ihre Angaben haben wir als deren Sicht gekennzeichnet. Namen von Angeklagten und Verurteilten nennen wir bewusst nicht.
Offen: Uhrzeit und Saal der Verhandlung, die genaue Rolle des Angeklagten, die Höhe zweier Geldstrafen aus dem Jahr 2025 und ob das Urteil gegen den ehemaligen Betreiber rechtskräftig ist. Eine Stellungnahme von Soko Tierschutz zum aktuellen Prozess lag uns bis Redaktionsschluss nicht vor.
FAQ - Das fragen andere
Was in Hobbach passiert sein soll.?
Warum der Prozess am Montag wichtig ist.?
Was auch ohne Skandal passiert.?
Was ist im Schlachthof Eschau-Hobbach passiert?
Wann ist der Prozess gegen den mutmaßlichen Initiator?
Welche Strafe bekam der ehemalige Betreiber?
Du willst unsere Meldungen in den Google-Top-Stories weiter oben sehen? Füge This Is Vegan bei Google als bevorzugte Quelle hinzu.

