Tierversuche in der Schweiz: Rekordtief bei der Zahl, Höchststand beim schweren Leid
In der Schweiz wurden 2025 so wenige Tiere in Tierversuchen eingesetzt wie noch nie seit Beginn der Statistik: 507.863. Das meldete das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) am 15. September 2026. Die Schlagzeile schreibt sich damit von selbst. Wer den Bericht bis Seite 7 liest, findet die zweite Zahl, die in keine Schlagzeile passt: 29.413 Tiere mussten Versuche im Schweregrad 3 durchstehen, der höchsten Belastungsstufe. Ein Plus von 7,4 Prozent gegenüber 2024, so viele wie seit 1999 nicht mehr.
Weniger Tiere, mehr schweres Leid. Beides stimmt gleichzeitig, und genau darum lohnt sich der Blick in die Details.
Die Zahlen auf einen Blick.
Alle Angaben stammen aus dem Bericht Tierversuchsstatistik 2025 des BLV:
- 507.863 Tiere in Tierversuchen, 14.773 weniger als 2024 (522.636). Rechnerisch ein Minus von 2,8 Prozent, das BLV rundet auf 3 Prozent.
- Nach Tierart: Mäuse rund 66 Prozent, Vögel inklusive Geflügel rund 13 Prozent, Ratten und Fische je rund 8 Prozent.
- Wofür: Rund 73 Prozent der Tiere wurden für die Erforschung menschlicher Krankheiten eingesetzt. Die größten Felder sind Krebs sowie neurologische und psychische Erkrankungen, zusammen etwa ein Drittel aller Tierversuche.
- Nach Schweregrad: 179.445 Tiere im Schweregrad 0, 157.309 im Schweregrad 1, 141.696 im Schweregrad 2 und 29.413 im Schweregrad 3.
- Bewilligungen: 582 neu erteilt, sechs weniger als im Vorjahr. Aktiv genutzt wurden 2.253.
- Gentechnisch veränderte Tiere: rund 34 Prozent aller Tiereinsätze, im Schweregrad 3 rund 43 Prozent.
Woher der Rückgang kommt.
Den größten Anteil am Minus haben die Mäuse: rund 13.000 weniger als 2024, ein Rückgang von etwa 4 Prozent. Weil Mäuse zwei Drittel aller Versuchstiere ausmachen, zieht das die Gesamtzahl nach unten. Bei Vögeln ging es um rund 4 Prozent zurück, bei Ratten um etwa 1 Prozent. Deutlich weniger eingesetzt wurden auch Rinder (minus 22 Prozent), Schweine (minus 23 Prozent) sowie Schafe und Ziegen (minus 38 Prozent), die aber insgesamt nur kleine Anteile stellen.
In die andere Richtung zeigen die Fische: plus 19 Prozent. Mehr eingesetzt wurden auch Katzen, Pferde und Esel, Kaninchen und Primaten, bei den Primaten von 195 auf 224 Tiere. Der größte Teil davon lief laut BLV in den Schweregraden 0 und 1.

Symbolbild. 2025 wurden in der Schweiz rund 13.000 Mäuse weniger in Versuchen eingesetzt als im Vorjahr. Foto: Adobe Stock
Eine Erklärung liefert das Amt selbst: In den letzten drei Jahren wurden etwas weniger Bewilligungen tatsächlich genutzt. Mehr traut sich das BLV nicht zu. Der Bericht betont ausdrücklich, dass die Zahlen nur beschreibend zu lesen sind und sich nicht eignen, um künftige Entwicklungen vorherzusagen. Bewilligungen laufen bis zu drei Jahre, ein einzelnes großes Projekt kann eine Jahresstatistik spürbar verschieben. Das Rekordtief ist also ein Datenpunkt, noch kein Trend.
Schweregrad 3: Was dahintersteht.
Die Schweiz teilt Tierversuche in vier Schweregrade ein. Schweregrad 0 steht für Verfahren ohne Belastung, etwa Verhaltensbeobachtungen, Schweregrad 1 für leichte und Schweregrad 2 für mittlere Belastung. Schweregrad 3 umfasst stark belastende Eingriffe, also Versuche, bei denen Tiere schwere Schmerzen, lang anhaltendes Leiden oder eine schwere Beeinträchtigung ihres Zustands erleben.
Genau diese Kategorie wächst:
- 29.413 Tiere, 2.033 mehr als 2024. Der höchste Wert seit 1999.
- Rund 91 Prozent davon waren Mäuse, im Vorjahresvergleich rund 1.660 mehr. Bei Ratten stieg die Zahl im Schweregrad 3 um rund 33 Prozent, bei Fischen um rund 7 Prozent.
- In der Krebsforschung wurden 8.543 Tiere im Schweregrad 3 eingesetzt, 1.816 mehr als im Vorjahr und ein Höchststand. Bei neurologischen und psychischen Krankheiten waren es 8.054, das sind 425 weniger.
- 12.554 gentechnisch veränderte Tiere landeten im Schweregrad 3, 1.083 mehr als 2024.
- Rund 78 Prozent der schwer belastenden Versuche entfielen auf die Grundlagenforschung.

Symbolbild. Im Schweregrad 3 wurden 2025 in der Schweiz 2.033 Tiere mehr eingesetzt als im Vorjahr. Foto: Adobe Stock
Ein Detail sticht heraus: In der Krebsforschung sank die Gesamtzahl der Tiere um rund 12.000 auf etwa 115.500. Im schwersten Schweregrad ging sie trotzdem nach oben. Weniger Tiere, aber härtere Versuche, und das im selben Forschungsfeld.
Fairerweise gehören zwei Einschränkungen dazu, beide stehen im BLV-Bericht. Die Summe aus Schweregrad 2 und 3 sank um 8.457 Tiere, weil der Rückgang im Schweregrad 2 den Anstieg im Schweregrad 3 übertraf. Die Zahl der Tiere in mittel bis schwer belastenden Versuchen insgesamt ist also gefallen. Außerdem hat das BLV Ende August 2018 seine Fachinformation zu den Schweregraden überarbeitet. Seitdem werden Belastungen tendenziell einem höheren Grad zugeordnet. Ein Teil des Anstiegs seit 2018 kann also auf eine strengere Einstufung zurückgehen. Wie groß dieser Teil ist, beziffert das Amt nicht.
Die Richtung ist trotzdem klar: Seit 2013 steigt die Zahl der Tiere im Schweregrad 3, parallel zum Einsatz gentechnisch veränderter Tiere, die als Krankheitsmodelle etwa für Krebs oder Parkinson gezüchtet werden. Die Zahl dieser Tiere in den Schweregraden 2 und 3 hat sich seit 2013 mehr als verdoppelt.
Wie viel das Rekordtief wert ist.
„Tiefster Stand seit 1983” klingt nach Zeitenwende. Der eigene Bericht des BLV zeichnet ein nüchterneres Bild: Von 1983 bis 2000 fielen die Zahlen sehr schnell, seitdem bewegen sie sich in einem Band zwischen etwa 520.000 und 760.000 Tieren pro Jahr. 2025 liegt knapp unter diesem Band. Im Zehnjahresvergleich liegt der Schnitt von 2016 bis 2025 bei 574.564 Tieren pro Jahr, 15,3 Prozent unter dem Schnitt von 2006 bis 2015.
Und die Statistik zählt nur Tiere, die tatsächlich in einem Versuch eingesetzt wurden. In Schweizer Versuchstierhaltungen wurden 2025 rund 843.000 Tiere gezüchtet und etwa 187.000 importiert, gut 81 Prozent der gezüchteten Tiere waren Mäuse. Nicht jedes davon landet im selben Jahr in einem Versuch. Bei der Zucht gentechnisch veränderter Linien entstehen laut BLV auch Tiere, die die gewünschten Gene nicht tragen. Tiere ohne Versuchseinsatz können weitergezüchtet, an Privatpersonen abgegeben oder getötet werden.
Wie viele getötet werden, weiß bisher niemand öffentlich. Das ändert sich gerade: Ab 2026 müssen Versuchstierhaltungen erstmals melden, wie viele Tiere sie ohne Versuchseinsatz abgegeben und wie viele sie getötet haben. Die ersten Meldungen sind Ende Februar 2027 fällig. Erst dann wird sichtbar, wie viele Tiere hinter der Rekordtief-Zahl zusätzlich stehen.
Und in Deutschland?.
Die aktuellsten deutschen Zahlen betreffen das Jahr 2024, die Werte für 2025 erwartet das Deutsche Zentrum zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) am Bundesinstitut für Risikobewertung gegen Ende 2026. Laut Bf3R wurden 2024 in Deutschland 1.327.931 Tiere in Tierversuchen verwendet und weitere 626.538 Tiere zu wissenschaftlichen Zwecken getötet, etwa für Organentnahmen. Dazu kommen 1.109.100 Tiere, die gezüchtet, aber nicht verwendet und getötet wurden. Als schwer belastend galten 3,6 Prozent der Tierversuche.
Direkt vergleichen lassen sich die Zahlen nur bedingt. Deutschland folgt der EU-Systematik mit eigenen Belastungskategorien, die Schweiz zählt mit vier Schweregraden und führt auch unbelastete Beobachtungen wie Verhaltensstudien. Rechnet man trotzdem grob, liegt der Anteil der schwer belasteten Tiere in der Schweiz 2025 bei rund 5,8 Prozent. Mehr als ein Hinweis ist das nicht. Die überzähligen Tiere dagegen weist Deutschland schon heute aus, die Schweiz ab dem Meldejahr 2026.
3R, NFP 79 und eine neue Volksinitiative.
Rechtlich dürfen Tierversuche in der Schweiz nur bewilligt werden, wenn keine geeignete Alternativmethode existiert und der erwartete Nutzen schwerer wiegt als das, was die Tiere durchmachen. Forschende müssen das 3R-Prinzip anwenden: Replace, Reduce, Refine, also ersetzen, reduzieren, verbessern. Der Bund verweist dazu auf zwei Instrumente: das Schweizer 3R-Kompetenzzentrum (3RCC), gegründet 2018 von Hochschulen, Industrie, Behörden und Tierschutz, und das Nationale Forschungsprogramm NFP 79 „Advancing 3R”, das der Schweizerische Nationalfonds mit 20 Millionen Franken ausgestattet hat. Wie viel davon inzwischen in weniger Versuche übersetzt wurde, lässt sich aus der Statistik nicht ablesen.
Politisch ist das Thema in der Schweiz nicht erledigt. Am 13. Februar 2022 lehnten die Stimmberechtigten die Initiative „Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot” mit 79,1 Prozent Nein ab, kein einziger Kanton stimmte zu. Schon am 11. November 2024 wurde die nächste eingereicht: „Ja zur tierversuchsfreien Zukunft”. Sie verzichtet auf das Verbot von Versuchen am Menschen und will stattdessen Tierversuche schrittweise beenden, und zwar zuerst genau die, um die es hier geht: Versuche im Schweregrad 3 sowie in Grundlagenforschung und Ausbildung sollen sofort verboten werden, alle übrigen innerhalb von sieben Jahren. Dazu kämen Verbote für Zucht, Haltung und Handel von Versuchstieren.
Der Bundesrat empfiehlt die Initiative ohne Gegenvorschlag zur Ablehnung (Medienmitteilung vom 8. Oktober 2025). Seine Argumente: Ein Verbot hätte weitreichende Folgen für Forschung, Gesundheit und Ausbildung und könnte Versuche ins Ausland mit niedrigeren Standards verlagern. Seit dem 1. Februar 2025 gelten zudem strengere Vorgaben zu Zucht, Haltung und Transparenz. Das Parlament berät, ein Abstimmungstermin steht noch nicht fest.
Tierschutzorganisationen fordern seit Jahren, was die Initiative zuspitzt. Der Schweizer Tierschutz STS verlangt auf seiner Themenseite den Verzicht auf schwer belastende Tierversuche und eine humanrelevante Forschung ohne Tierversuche. Animalfree Research verbreitete schon 2023, zur Statistik des Vorjahres, die Forderung nach einem Ausstiegsplan für belastende Versuche. Stellungnahmen der Organisationen zu den neuen Zahlen haben wir bis zur Veröffentlichung nicht gefunden.
Die Tiere hinter der Tabelle.
Eine Statistik zählt Einsätze. Sie sagt nichts darüber, wie sich ein einzelner Tag im Schweregrad 3 anfühlt. 29.413 ist keine Messgröße, das sind 29.413 Mäuse, Ratten, Fische und andere Tiere, die jeweils einzeln Schmerzen, Angst oder langes Leiden durchgemacht haben. Die meisten von ihnen wurden gezüchtet, damit genau das mit ihnen geschieht, viele genetisch so verändert, dass sie krank werden.
Dass diese Tiere empfinden, ist keine Glaubensfrage. Die New York Declaration on Animal Consciousness von 2024 hält fest, dass die Belege für bewusstes Erleben bei Säugetieren und Vögeln stark sind und bei allen Wirbeltieren eine realistische Möglichkeit besteht. Die Schweiz hat daraus sogar Verfassungsrecht gemacht: Artikel 120 der Bundesverfassung schützt die „Würde der Kreatur”. Das Tierschutzgesetz erlaubt Tierversuche trotzdem, sobald eine Behörde den erwarteten Nutzen höher gewichtet als das Leid. Die Tiere sitzen bei dieser Abwägung nicht am Tisch.
Unsere Haltung dazu hängt nicht davon ab, wie gut sich Ergebnisse aus Mausversuchen auf Menschen übertragen lassen, auch wenn die Studienlage dazu ernüchternd ist. Selbst ein Versuch, der funktioniert, macht aus einem fühlenden Wesen kein Werkzeug. Der Schutz, den wir Hunden und Katzen ganz selbstverständlich zugestehen, endet bei der Labormaus. Biologisch lässt sich diese Grenze nicht begründen, sie ist Gewohnheit. Wer das ändern will, braucht Forschung, die ohne Tiere auskommt, und die gibt es: Einen Überblick liefert unser Stück über Alternativen zu Tierversuchen. Wie zäh der Ausstieg selbst dort ist, wo tierfreie Tests existieren, zeigt der Streit um die Botox-Tests an Mäusen.
Und der eigene Alltag? Im Labor sterben Hunderttausende Tiere, für Teller, Kleidung und Unterhaltung leiden jedes Jahr um ein Vielfaches mehr. Wer anfangen will, findet hier einen Einstieg ins vegane Leben und die besten Bücher zur Tierethik. Und wenn dir unabhängiger Journalismus über Tiere etwas wert ist, kannst du uns mit einer Spende unterstützen.
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Speichern, teilen, verlinken erwünscht. Quelle: BLV, Bericht Tierversuchsstatistik 2025. Grafik: This Is Vegan
So haben wir recherchiert
Alle Schweizer Zahlen stammen aus dem Bericht Tierversuchsstatistik 2025 des BLV (PDF, 15. September 2026) und der gleichlautenden Medienmitteilung, nicht aus Agenturmeldungen. Prozentangaben zur Veränderung haben wir aus den absoluten Werten in Tabelle 2 nachgerechnet. Die deutschen Zahlen stammen vom Bf3R (Versuchstierzahlen 2024, veröffentlicht Dezember 2025). Das Abstimmungsergebnis 2022 entspricht dem amtlichen Endergebnis, die Angaben zur neuen Initiative der Botschaft des Bundesrats.
Offen: Der BLV-Bericht quantifiziert nicht, wie viel des Anstiegs im Schweregrad 3 auf die strengere Einstufung seit 2018 zurückgeht. Die Zahl der getöteten, nicht eingesetzten Versuchstiere wird erst ab dem Meldejahr 2026 erhoben. Positionen von Tierschutzorganisationen sind als deren Positionen gekennzeichnet, sie sind in dieser Debatte Partei, ebenso Forschungsinstitutionen und Pharmaindustrie.
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