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Eine Mitarbeiterin von Gut Aiderbichl füttert das ehemalige Polizeipferd Sergeant vor dem Hofgebäude in Henndorf
Sergeant mit einer Mitarbeiterin auf Gut Aiderbichl Henndorf. Foto: Gut Aiderbichl
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Sergeant ist acht Jahre alt, ein Hannoveraner Wallach, dunkler Fuchs. Bis vor Kurzem trug er die Ausrüstung der Reiterstaffel München, stand bei Fußballspielen in der Menge und lief Streife. Dann fing sein rechtes Hinterbein an zu lahmen, chronisch. Die Tierärzte stellten fest, dass er als Reitpferd nicht mehr einsetzbar ist. Für die Polizei war der Fall damit erledigt: Aussonderung.

Was danach kommt, entscheidet sich für solche Pferde meistens im Stillen. Bei Sergeant dauerte die Suche nach einem neuen Zuhause lange, und nach Angaben von Gut Aiderbichl fand sich niemand, der ihn nehmen wollte. Am Ende ging er nach Henndorf bei Salzburg. Dort ist er seit Mitte September offiziell das 10.000. Tier, das die Organisation in 25 Jahren aufgenommen hat.

Eine Mitarbeiterin von Gut Aiderbichl füttert das ehemalige Polizeipferd Sergeant vor dem Hofgebäude in Henndorf
Sergeant auf Gut Aiderbichl in Henndorf. Foto: Gut Aiderbichl

Vom Streifendienst auf die Weide.

Die Reiterstaffel der Münchner Polizei gibt es seit 1898. Ihre Pferde werden bei Streifen eingesetzt, bei Vermisstensuchen, bei Großveranstaltungen und vor allem rund um Fußballspiele. Zu diesen Großveranstaltungen gehört in München auch das Oktoberfest, bei dem die Staffel traditionell den Wiesn-Einzug begleitet. Was dort inzwischen alles pflanzlich auf der Karte steht, haben wir im veganen Wiesn-Guide zusammengetragen. Gut Aiderbichl beschreibt die Ausbildung dieser Tiere auf der eigenen Website erstaunlich offen. Dort heißt es, die Herausforderung sei es, „dem Pferd den Fluchttrieb so weit abzutrainieren“, dass es Einsatzsituationen ruhig meistert, auch wenn bei Demonstrationen Steine oder Dosen durch die Luft fliegen.

Sergeant hat das jahrelang gemacht. Nach Recherchen österreichischer Medien stand er seit November 2022 im Dienst. Dann kam die Lahmheit, dazu weitere gesundheitliche Probleme. Die veterinärmedizinische Einschätzung: nur noch als Beistellpferd geeignet, also als Gesellschaft für andere Pferde, nicht mehr unter dem Sattel.

Drei berittene Polizeibeamte auf Pferden im Straßenverkehr einer deutschen Stadt
Symbolbild: Berittene Polizei im Einsatz. Das Foto zeigt nicht die Münchner Reiterstaffel. Foto: Adobe Stock

Hitchcock kam mit

Sergeant war nicht allein. Gemeinsam mit ihm wurde Hitchcock ausgemustert, ein achtzehnjähriges Bayerisches Warmblut. Bei ihm hatten die Tierärzte im Rahmen einer Herzuntersuchung zusätzlich Arthrose zwischen dem sechsten und siebten Halswirbel entdeckt. Auch für ihn fand sich laut Gut Aiderbichl kein Abnehmer. Dieter Ehrengruber, Geschäftsführer der Organisation, entschied, beide zu nehmen. Transportiert wurden sie in einem Pferdetransporter, begleitet vom Polizeiauto, von München nach Henndorf.

Auf dem Hof waren die Rollen schnell verteilt. Hitchcock blieb die ersten Tage zurückhaltend, Sergeant war nach Angaben der Pflegerinnen und Pfleger von der ersten Minute an zutraulich.

10.000 Tiere in 25 Jahren: was hinter der Zahl steckt.

Gut Aiderbichl wurde 2001 von Michael Aufhauser gegründet und betreibt heute nach eigenen Angaben über 30 Höfe in sechs Ländern. Sergeant markiert den Punkt, an dem die Organisation ihr zehntausendstes Tier aufgenommen hat.

„Die Zahl von über 10.000 geretteten Tieren ist ein Meilenstein in unserer Geschichte und zeigt, wie sehr sich Gut Aiderbichl in den vergangenen 25 Jahren im europäischen Tierschutz etabliert hat“, sagt Ehrengruber laut einem Bericht von Salzburg24 vom 14. September 2026. „Sie verdeutlicht aber auch, wie dringend unsere Hilfe weiterhin gebraucht wird.“

Die Organisation nennt dazu diese Zahlen: über 600 Pferde, mehr als 1.770 Hunde, über 1.000 Katzen und mehr als 400 Rinder haben bei Gut Aiderbichl ein Zuhause gefunden. Die Angaben stammen von der Organisation selbst und sind nicht unabhängig geprüft.

Was „Aussonderung“ über unser Verhältnis zu Tieren verrät.

Die Geschichte von Sergeant lässt sich als warme Rettungsgeschichte lesen. Sie ist aber auch ein Lehrstück darüber, wie Tiere in staatlichen Strukturen geführt werden. Das Wort, das in den Unterlagen steht, heißt Aussonderung. Es ist ein Begriff aus der Verwaltung von Sachen, nicht aus dem Umgang mit Lebewesen. Ein Pferd, das nicht mehr funktioniert, wird aus dem Bestand genommen.

Dabei war Sergeant nicht krank geworden, weil er Pech hatte. Er wurde über Jahre in Situationen gebracht, in denen Pferde eigentlich fliehen würden, und dafür ausgebildet, genau das nicht zu tun. Der Preis dafür steht in seinem Röntgenbild. Rechtlich ist das alles zulässig, § 1 des Tierschutzgesetzes verlangt einen „vernünftigen Grund“ für das Zufügen von Schmerzen und Leiden, und der polizeiliche Einsatz gilt als ein solcher. Ethisch ist die Frage damit nicht beantwortet.

Am ehrlichsten ist der Satz, den Gut Aiderbichl selbst schreibt: Es fand sich kein Abnehmer. Sergeant und Hitchcock hatten Glück, weil ein Lebenshof Platz hatte und ein Geschäftsführer sich entschied. Für die vielen Pferde, Diensthunde und Versuchstiere, deren Dienstzeit endet, ohne dass eine Kamera dabei ist, gibt es diese Garantie nicht. Wer Tiere für Zwecke einsetzt, übernimmt Verantwortung für das ganze Leben und nicht nur für die Jahre, in denen sie nützlich sind. Das Grundproblem liegt tiefer als bei einzelnen Behörden. Es steckt in der Art, wie wir Tiere in Kategorien einteilen. Darüber haben wir im Artikel über Speziesismus geschrieben.

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Wie solche Rettungen zustande kommen, sieht man gut an Menschen, die dranbleiben. Daniela Brunner etwa, Gründerin des veganen Modelabels Giulia & Romeo, hat gemeinsam mit Gut Aiderbichl bereits 350 Schafe und mehrere Kühe gerettet. Warum sie ihr Label von Anfang an ohne Leder, Wolle und Seide aufgebaut hat und wie sie zu diesem Engagement kam, erzählt sie in unserem Interview mit Daniela Brunner.

Zwei ältere braune Wallache grasen nebeneinander auf einer eingezäunten Koppel
Symbolbild: Zwei ältere Wallache auf der Koppel. Foto: Adobe Stock

Gut Aiderbichl im Lebenshof-Atlas.

Gut Aiderbichl ist in unserem Lebenshof-Atlas eingetragen, gemeinsam mit 80 weiteren Höfen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich. Der Atlas ist eine Karte plus Datenbank: Du siehst auf einen Blick, welche Höfe in deiner Nähe liegen, welche Tierarten dort leben, ob Besuche möglich sind, wer Träger ist und wo du direkt spenden oder eine Patenschaft übernehmen kannst. Jeder Eintrag hat ein eigenes Profil, das von uns geprüft und mit einem Datum versehen wird, damit du siehst, wie aktuell die Angaben sind.

Das Profil zu diesem Hof findest du unter Gut Aiderbichl im Lebenshof-Atlas, dort haben wir die Zahlen nach der Ankunft von Sergeant aktualisiert. Wer lieber einen kleinen, rein ehrenamtlich getragenen Hof unterstützen möchte, findet im Atlas auch die Gegenbeispiele, etwa den Lebenshof Kuhtopia in Petting, wo ein ehemaliger Milchviehbetrieb in einen Lebenshof umgewandelt wurde.

Wenn du einen Hof kennst, der noch fehlt, kannst du ihn über den Atlas melden. Er lebt davon, dass Leute vor Ort mitschauen.

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Wie du Sergeant und den anderen helfen kannst.

Gut Aiderbichl finanziert sich nach eigenen Angaben über Spenden, Patenschaften und Förderbeiträge. Für Sergeant und Hitchcock gibt es jeweils eigene Tierpatenschaften auf der Website der Organisation. Wichtig zu wissen: Eine Patenschaft ist symbolisch. Sie finanziert die Versorgung des Tieres und überträgt keine Rechte daran.

Wer lieber vor der Haustür anfangen möchte: Die meisten kleinen Lebenshöfe brauchen weniger Geld als Hände. Heu einlagern, Zäune reparieren, Ställe misten, Fahrdienste. Wie du auch im Ausland in Tierschutzprojekten mitarbeiten kannst, ohne dafür zu bezahlen, haben wir in unserem Artikel über die Plattform World Animal Welfare aufgeschrieben.

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Was von Sergeants Geschichte bleibt.

Ein Pferd galoppiert über eine Wiese in Henndorf, und das ist mehr wert als jede Zahl. Trotzdem ist die 10.000 keine reine Erfolgsmeldung. Sie beschreibt 10.000 Fälle, in denen vorher etwas schiefgegangen ist: Beschlagnahmungen, Animal Hoarding, überforderte Halterinnen und Halter, ausgemusterte Diensttiere, Tiere aus der Landwirtschaft. Ein Lebenshof ist die Reparatur, nicht die Lösung.

Die Lösung wäre, dass weniger Tiere in diese Lage kommen. Bis dahin ist es gut, dass es Orte gibt, an denen ein lahmendes Pferd einfach alt werden darf.

Beim Recherchieren ist uns noch etwas aufgefallen, das wir als veganes Magazin erwähnen wollen: Die Gastronomie auf den drei Begegnungshöfen ist vegetarisch, vegane Gerichte sind gekennzeichnet, und die Picknickkörbe gibt es in einer veganen und einer vegetarischen Variante. Das ist deutlich mehr, als die meisten Ausflugsziele anbieten. Unser Wunsch wäre, dass daraus irgendwann eine komplett vegane Küche wird. An einem Ort, an dem gerettete Rinder und Hühner leben, wäre das der schönste letzte Schritt.

Und ja, der Besuch kostet Eintritt, in Henndorf 15,50 Euro für Erwachsene. Das Geld geht nach Angaben der Organisation in die Versorgung der Tiere. Bei 10.000 geretteten Tieren rechnet sich das schnell.

Lesetipp: Daniela Brunner im Interview.

Sie hat gemeinsam mit Gut Aiderbichl 350 Schafe und mehrere Kühe gerettet und führt mit Giulia & Romeo eines der wenigen Modelabels, die von Anfang an ohne Leder, Wolle und Seide arbeiten. Im Interview erzählt Daniela Brunner, warum Mode und Tierschutz für sie zusammengehören und wie sie Menschen erreicht, die mit Veganismus bisher nichts anfangen konnten.

Daniela Brunner von Giulia und Romeo mit veganen Sneakern
Zum Interview mit Daniela Brunner

So haben wir recherchiert

Grundlage sind die Tiergeschichte „Polizeipferde Sergeant und Hitchcock“ und die Seiten „Über uns“, „Gastronomie“, „Impressum“ und „Henndorf bei Salzburg“ auf gut-aiderbichl.com (abgerufen am 16. September 2026) die Darstellung der Reiterstaffel München auf polizei.bayern.de sowie Berichte von Salzburg24, den Salzburger Nachrichten, NÖN und tips.at vom 14. und 15. September 2026. Die Einordnung der Gastronomie stützt sich auf die Angaben von Gut Aiderbichl, auf die Restaurantsuche der Veganen Gesellschaft Österreich und auf HappyCow. Die Bestandszahlen sind Angaben der Organisation und nicht unabhängig überprüft. Das Foto von Sergeant stammt von Gut Aiderbichl und wird mit Zustimmung der Redaktion im Rahmen der Berichterstattung verwendet, die übrigen Bilder sind Symbolbilder von Adobe Stock und zeigen weder Sergeant noch die Münchner Reiterstaffel. Stand: 16. September 2026.

Haeufige Fragen

FAQ - Das fragen andere

Was „Aussonderung“ über unser Verhältnis zu Tieren verrät.?
Die Geschichte von Sergeant lässt sich als warme Rettungsgeschichte lesen. Sie ist aber auch ein Lehrstück darüber, wie Tiere in staatlichen Strukturen geführt werden. Das Wort, das in den Unterlagen steht, heißt Aussonderung. Es ist ein Begriff aus der Verwaltung von Sachen, nicht aus dem Umgang mit Lebewesen. Ein Pferd, das nicht mehr funktioniert, wird aus dem Bestand genommen.
Wie du Sergeant und den anderen helfen kannst.?
Gut Aiderbichl finanziert sich nach eigenen Angaben über Spenden, Patenschaften und Förderbeiträge. Für Sergeant und Hitchcock gibt es jeweils eigene Tierpatenschaften auf der Website der Organisation. Wichtig zu wissen: Eine Patenschaft ist symbolisch. Sie finanziert die Versorgung des Tieres und überträgt keine Rechte daran.
Was von Sergeants Geschichte bleibt.?
Ein Pferd galoppiert über eine Wiese in Henndorf, und das ist mehr wert als jede Zahl. Trotzdem ist die 10.000 keine reine Erfolgsmeldung. Sie beschreibt 10.000 Fälle, in denen vorher etwas schiefgegangen ist: Beschlagnahmungen, Animal Hoarding, überforderte Halterinnen und Halter, ausgemusterte Diensttiere, Tiere aus der Landwirtschaft. Ein Lebenshof ist die Reparatur, nicht die Lösung.
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