Seb Alex im Interview: Der Tierrechtsaktivist, der im Libanon unter Luftangriffen Tiere füttert
Seb Alex hatte ein bequemes Leben. Master in Architektur aus Paris, ein Jahr beim UN-Flüchtlingshilfswerk, dann Leiter der internationalen Projekte in einem großen Büro in Barcelona. Er kündigte mit rund tausend Euro auf dem Konto, kaufte eine Kamera und begann zu filmen, was hinter verschlossenen Türen mit Tieren passiert. Heute ist er einer der bekanntesten Tierrechtsaktivisten des Nahen Ostens: Gründer der Middle East Vegan Society, Mitgründer eines Tierrechtszentrums in Beirut, Dozent an mehr als 55 Universitäten und der erste Animal Photojournalism Fellow von We Animals Media.
Für den Plantbased Podcast hat Yannick ihn in einem Studio auf Bali getroffen, wo Seb seit sieben Jahren lebt. Anderthalb Stunden Gespräch. Über die Katze, mit der alles anfing. Über einen Chef, der fragte, ob er wirklich glaube, dass die Firma sich für Ethik interessiert. Darüber, warum veganer Mac and Cheese im Libanon keinen Sinn ergibt, wie ein Nachhaltigkeits-Score Hotels dazu bringt, ihre Karten umzubauen, und was Seb in den Augen der Tiere sieht, die er filmt.
Und über den Oktober 2024, als er ins meistbombardierte Viertel Beiruts fuhr, um die Katzen und Hunde zu füttern, die die Menschen zurückgelassen hatten. Hier kommt das Gespräch in der Lesefassung.

Wer ist Seb Alex? ●
- Armenisch-libanesisch, aufgewachsen im Libanon, Architekturstudium in Paris, lebt in Indonesien
- Arbeitete für das UNHCR und als Leiter der internationalen Projekte eines Architekturbüros in Barcelona, bevor er ganz auf Tierrechte setzte
- Gründer der Middle East Vegan Society und Mitgründer des Lebanese Vegans Social Hub in Beirut, eines Tierrechts- und Vegan-Zentrums
- Vorträge an über 55 Universitäten und Schulen in Europa und Nordamerika, mehr als 6.000 Studierende erreicht, über 1.300 Aktivistinnen und Aktivisten in Workshops geschult
- Autor des kostenlosen E-Books When Animal Rights & Logic Meet, erhältlich in 20 Sprachen
- Animal Photojournalism Fellow 2022 von We Animals Media, mit Fokus auf den Libanon
- Instagram: @seb.alex, Website: sebalex.org
Die ganze Folge mit Seb Alex anschauen
Das komplette Gespräch gibt es als Video auf YouTube. Ein Klick auf das Vorschaubild startet den Player, vorher lädt hier nichts von YouTube.

Von Beirut nach Paris nach Barcelona, und dann nach Bali
Du bist armenisch-libanesisch, hast in Europa Architektur studiert, lebst in Indonesien und arbeitest für den Nahen Osten. Was nennst du Zuhause?
Seb: Die ersten 20, 21 Jahre habe ich im Libanon gelebt. Ich hatte schon angefangen, Architektur zu studieren, und bin an eine Uni in Paris gewechselt, weil die Bildungssysteme sich ähneln. Dort habe ich meinen Master gemacht, bin nach Barcelona gezogen, habe beim UNHCR gearbeitet, dem Teil der Vereinten Nationen, der sich um Geflüchtete kümmert, und danach in der Architektur. Nebenbei habe ich angefangen, Aktionen für Tierrechte zu organisieren. Daraus wurden Workshops, aus den Workshops Vorträge.
Irgendwann kam ich für eine Auszeit nach Indonesien. Das ist sieben Jahre her. Die Auszeit wurde deutlich länger, also habe ich Indonesien zu meinem Zuhause gemacht. Natürlich habe ich immer dieses seltsame Gefühl, was Zuhause eigentlich ist. Wenn ich in den Libanon zurückgehe, fühlt es sich anders an.
Was magst du hier am meisten?
Seb: Wie langsam das Leben sein kann. Und wie normal es ist, mit Leuten auf der Straße zu reden. Im Libanon ist das genauso. Als ich nach Paris kam, wollte ich mich nicht auf Google Maps verlassen und habe Leute nach dem Weg gefragt. Die haben ihre Tasche festgehalten und mich ignoriert. Mit der Zeit habe ich verstanden: Das ist in jeder Großstadt so. Ich mag das nicht besonders, deshalb schätze ich es, hier die andere Option zu haben.
Die Katze, die Freundin und die Frage, auf die er keine Antwort hatte
Du warst acht Jahre Vegetarier, bevor du vegan wurdest. Was hat dein Selbstbild ins Wanken gebracht?
Seb: Ich bin damit aufgewachsen, mich als Tierfreund zu sehen. Dann wollte meine Mutter unserer Katze die Krallen entfernen lassen, weil er die Sofas zerstörte. Ich habe mich heftig mit ihr gestritten, eine Facebook-Gruppe gegen sie gegründet, alle Freunde eingeladen und in unserer kleinen Wohnung die Kommentare laut vorgelesen, bis sie sagte: Gut, ich lasse es.
Eine Freundin war damals Vegetarierin. Ich war 16. Sie sagte: Toll, dass du das für deine Katze gemacht hast, aber seien wir ehrlich, bitte halte dich nicht für einen Tierfreund. Du liebst nur deine Katze. Du isst immer noch Tiere, du bezahlst jemanden dafür, sie zu töten, und du gehst ab und zu jagen. Wie rechtfertigst du das?
Im Grunde hat sie mich einen Heuchler genannt, und das hört niemand gern. Also habe ich diskutiert, und sie hat mich gebeten, ein zehnminütiges Video anzusehen, Meet Your Meat oder Farm to Fridge, ich weiß es nicht mehr. Danach habe ich überlegt: Was ist das beste Argument, das ich jetzt bringen kann? Denn ich wollte kein Fleisch aufgeben. Ich habe keins gefunden. Also entweder ich tue so, als hätte ich keine Antwort, oder ich ändere mich. Ich wurde Vegetarier, einfach weil ich nichts über Veganismus wusste.
„Bitte halte dich nicht für einen Tierfreund. Du liebst nur deine Katze.“ ●
Und der Schritt zu vegan?
Seb: Ein paar Jahre später habe ich mich gefragt, warum wir als erwachsene Menschen die Muttermilch eines anderen Tieres trinken. Logisch, biologisch, natürlich ergibt das keinen Sinn. Wenn wir Muttermilch brauchen, dann die unserer eigenen Mutter. Also habe ich gegoogelt, warum Veganer keine Milch trinken, und bin bei der Doku Earthlings gelandet. Sie erklärt etwas, worüber ich nie nachgedacht hatte: Speziesismus, Diskriminierung aufgrund der Art. Völlig willkürlich, wir haben kein gutes Argument dafür. Und wenn das stimmt, kann man Tiere nicht als Ware betrachten und einfach benutzen. Meine erste Reaktion: Oh Gott, ich muss vegan werden. Damals war es schon schwer, überhaupt Sojamilch zu finden.
Jahre davor hatte ich genau einen Veganer getroffen. Ich war 20, in Jerewan, und habe mit einem Freund von der großen Kaskaden-Treppe den Sonnenaufgang angeschaut. Ein älterer Mann lief die Treppe hoch und runter, ohne Pause. Als er sich setzte, habe ich gefragt, wie alt er ist. Sechzig. Warum er das macht? Er zeigte auf den Ararat und sagte, es sei sein Traum, den Berg zu besteigen, aber er sei alt und müsse üben. Er war Arzt. Mit 58 hatte er gemerkt, dass er extrem ungesund und übergewichtig war, und er wollte ein gutes Vorbild für seine Patienten sein. Also wurde er vegan.
Ich sagte: Wow, vegan. Woher bekommst du dein Protein? Das habe ich einen Arzt gefragt. Er lachte und sagte, alle Pflanzen enthalten alle essenziellen Aminosäuren. Ein paar Wochen später schickte er uns ein Foto vom Gipfel des Ararat. Seit 15 Jahren versuche ich, ihn zu erreichen, um ihm zu sagen, dass ich jetzt vegan bin. Sein Postfach weist jeden unbekannten Absender ab.

„Glaubst du wirklich, dass wir uns hier für Ethik interessieren?“
Du hattest eine gute Position und eine gute Karriere. Wie kam die Entscheidung, das aufzugeben?
Seb: Am ersten Arbeitstag dachte ich: Das kann ich nicht. Riesige Firma, sehr korporativ. Ich wollte einen Monat bleiben und wieder kellnern gehen, einer meiner Lieblingsjobs. Nach einem Monat gab es eine Gehaltserhöhung. Zwei Monate später die nächste, und sie machten mich zum Leiter der internationalen Projekte, weil ich ein paar Sprachen spreche. Ein bequemes Leben. Aber ich war schon aktiv geworden. Ich hatte Fotos von Aktivisten in der Metro von Barcelona gesehen, die auf Laptops Earthlings zeigten, und dachte: Wenn ich dagegen bin, ist es gut, nicht mitzumachen, aber für die Tiere ist es besser, draußen aufzuklären. Bei der Arbeit hatte ich das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden.
Dann kam eine Mail, ob ich bei einem Projekt helfen könne. Ich las den Plan eines Universitätsgebäudes, und die Räume hießen Reptilien, Labor. Ich dachte: Moment, ist das ein Tierversuchslabor? Mein Chef saß neben mir. Ich sagte: Konferenzraum, bitte. Ich erklärte ihm, dass in dem Gebäude ein Tierversuchslabor ist und dass ich an der Hand, mit der ich die Maus halte, ein Armband trage: „Until every cage is empty“. Ich bin aus ethischen Gründen vegan, daran kann ich nicht arbeiten.
Er sagte: Völlig in Ordnung, wir geben es jemand anderem. Ich dachte: Oh, danke. Und dann: Moment, nein. Niemand sollte das machen. Prüft ihr nicht, was ihr von Kunden annehmt? Er sah mich an und sagte: Glaubst du wirklich, dass wir uns hier für Ethik interessieren? Erinnerst du dich an das Krankenhaus in einem bestimmten Land? Glaubst du, diese Regierung kann sich ein Krankenhaus für über 4.000 Euro pro Quadratmeter leisten? Das ist alles Geldwäsche.
Irgendwann dachte ich: Was, wenn ich einfach kündige? Ich hatte rund tausend Euro gespart. Ich kaufe eine Kamera, poste Aktivismus online, mache eine Patreon-Seite, und wenn mich niemand unterstützt, kellnere ich.
„Ich hatte tausend Euro gespart. Ich dachte: Ich kaufe eine Kamera und fange an, Aktivismus online zu posten.“ ●
Lustige Fußnote: Eine italienische Universität hat ein Interview transkribiert, in dem ich diese Geschichte erzählt habe. Jahre später fand ich es und las, ich hätte „nur“ 40.000 Euro gespart gehabt. Ein Tippfehler. Falls das jemand gelesen hat: Ich hatte keine 40.000 Euro.

Middle East Vegan Society: Warum veganer Mac and Cheese im Libanon keinen Sinn ergibt
Du hast die Middle East Vegan Society gegründet, weil niemand über die Region gesprochen hat. Was macht die Organisation?
Seb: Mich hat immer frustriert, dass im Nahen Osten viel passiert, und wenn irgendetwas davon im Westen passieren würde, würden alle darüber reden. Also habe ich aufgehört, mich zu beschweren, und etwas angefangen. Heute sind wir 13 oder 14 Leute, über die Welt verteilt: Social Media in Kanada, die arabische Übersetzung in Bolivien, andere im Libanon, in Saudi-Arabien, Jordanien und den Emiraten.
Das Erste war Bildung, die zur Kultur passt. Die meisten veganen Ressourcen sind großartig für Menschen in Europa, Kanada, den USA oder Australien. Erzähl einem Amerikaner von veganen Burgern und Mac and Cheese, gut. Sag das einem Libanesen, und er schaut dich an: Warum sollte ich veganen Mac and Cheese essen? Die mediterrane Küche ist ohnehin pflanzlich dominiert. Fast jedes Fleischgericht hat eine pflanzliche Version, nicht wegen Veganismus, das war immer so. Ein Grund: Arabische Christen essen in der Fastenzeit 40 Tage vegan. Also sagen wir den Leuten: Iss, was deine Kultur längst hat.
Viele Aktivisten fragen, wie man mit religiösen Muslimen über Tiere spricht. Ihr habt dafür eine Ressource gebaut.
Seb: Ich bin Armenier, nicht aus einer muslimischen Familie, aber viele meiner Freunde und viele Tierrechtsaktivisten, die ich kenne, sind religiöse Muslime. Ich habe sie gefragt: Wie wäre eine Ressource, die zeigt, was der Islam wirklich über Tiere sagt, für Aktivisten und für Muslime, die sich für Veganismus interessieren? Sie haben sie geschrieben. Sie steht auf veganislam.org, auf Englisch und Arabisch, und bekommt jeden Monat Tausende Besuche, von Muslimen aus der ganzen Welt.
Zuerst der Fakt: Im Islam haben Menschen die Erlaubnis Gottes, Tiere für Nahrung zu töten. Es gibt den bekannten Satz, dass man nicht haram machen kann, was Gott halal gemacht hat. Dagegen sollte niemand religiös argumentieren. Aber halal ist kein einzelner Satz, nach dem man weitergeht. Es ist ein ganzer Prozess. Das Tier darf zu keinem Zeitpunkt seines Lebens leiden. Was heißt das? Massentierhaltung ist sofort vom Tisch. Das Tier darf kein Blut sehen oder hören, keine anderen toten Tiere, nicht einmal das Messer. Geh in irgendeinen Schlachthof: Das ist einfach nicht der Fall. Ich war in Schlachthöfen, die das Halal-Zertifikat auf ihre Produkte drucken. Ich bin kein Muslim und weiß, dass das nicht halal ist.
„98,9 Prozent der Tierprodukte können unter echten Halal-Regeln nicht existieren. So hoch ist der Anteil der Tiere in Massentierhaltung.“ ●
Und der Koran spricht nicht nur beim Thema halal über Tiere. Er sagt, Tiere seien Gemeinschaften wie ihr selbst, Gesellschaften, keine Waren. Wenn man vergleicht, wie oft der Islam dazu ermutigt, Tiere zu schützen, und wie oft er sagt, man dürfe töten, ist ziemlich klar, was man heute tun sollte.

Hotels, Krankenhäuser und ein Nachhaltigkeits-Score
Ihr arbeitet auch mit Unternehmen. Wie bringt ihr eine Hotelkette dazu, ihre Karte zu ändern?
Seb: Seien wir ehrlich, Leute gründen Firmen, um Geld zu verdienen. Also fragen wir sie nicht, ob sie über das Wohl der Tiere nachgedacht haben. Das interessiert sie nicht. Wir haben einen internen Rechner. Wir geben ihre Karte ins System und sehen, wie nachhaltig sie ist: wie viele pflanzliche Optionen, wie gut sie sind, wo sie auf der Karte stehen. Sie bekommen einen Score und eine Liste mit Vorschlägen. Setzen sie die um, steigt der Score, und sie erhalten von uns ein Nachhaltigkeitszertifikat. Im Nahen Osten ist der Klimawandel keine Debatte. Kein „alles Schwindel“. Also gefällt ihnen das, es ist gut für den Ruf, und ehrlich gesagt verdienen sie mit pflanzlichen Gerichten mehr als mit tierischen, wegen der Kostendifferenz.
Ein Hotel mit zwölf Häusern hat seine Karte umgebaut, unser Bronze-Zertifikat bekommen, deutlich mehr pflanzliche Gerichte verkauft und kam zurück: Wir wollen Silber. Ein Krankenhaus tauscht das Fleisch in einem Gericht, das es rund tausendmal im Monat verkauft, gegen lokal produziertes veganes Fleisch. Eine Schule, die als nachhaltigste Schule der Welt ausgezeichnet wurde, hat ihre Karte schon geändert und geht weiter. Regierungen und Kommunen ziehen mit, auch weil Übergewicht und Diabetes dort sehr verbreitet sind.
Welche kleinen Tricks gibt es auf einer Speisekarte?
Seb: Die ersten zwei und das letzte Gericht auf einer Karte verkaufen sich am besten, also stehen dort die pflanzlichen. Und der Name. Wer „veganer Burrito“ schreibt, verkauft keinen. Mehr Information statt Etikett. Und nie eine separate vegane Karte. Niemand betritt ein Restaurant und fragt nach der separaten veganen Karte. Die Optionen gehören in die Hauptkarte.
In den Schlachthöfen
Du setzt dich nicht an einen Tisch, an dem Tiere gegessen werden. Wie gehst du damit um?
Seb: Ich empfehle das nur denen, die sich wohl damit fühlen, das Privileg haben und es kommunizieren können. Ich mache es nicht aus einem „Ich bin besser als du“. Ich gehe seit Jahren in Schlachthöfe und Betriebe, und ich sehe Fleisch nicht mehr als Essen. Ich sehe das Opfer, das viel Leid durchgemacht hat, ausgebeutet und getötet wurde. Ich kann meine Zeit nicht genießen, wenn jemand neben mir das isst.
Meine Mutter ist seit sechs, sieben Jahren vegan. Meine Geschwister sind nicht dagegen. Ich habe ihnen gesagt: Ich sehe euch ein paarmal im Jahr, und es ist sehr seltsam für mich, dabei zuzusehen, wie ihr so viel Schaden anrichtet, den ich versuche rückgängig zu machen. Sie sagten: Fair. Freunden sage ich dasselbe, vorher. Und es gibt eine Studie dazu: Zwei Gruppen füllen einen Fragebogen über das Empfindungsvermögen von Tieren aus, eine knabbert Nüsse und Samen, die andere Speckwürfel. Die Gruppe, die Tiere aß, hielt Tiere für weniger empfindungsfähig. Wer also über Tierrechte redet, wird eher gehört, wenn das Gegenüber gerade kein Tier isst.
Was war die erste Schlachtung, die du dokumentiert hast?
Seb: Ein Rinderschlachthof. Sie hatten die Kühe gebracht und ein Kalb, das krank war, glaube ich. Alle Kühe konnten zusehen, eine nach der anderen, wie die vorherige auf die Maschine gelegt, festgebunden und ihr die Kehle durchgeschnitten wurde. Das Kalb saß in einer Blutlache. Ich habe alles dokumentiert. Wer daran zweifelt, kann mir schreiben, ich schicke die Videos.
Manchmal habe ich Blickkontakt mit dem Tier. Es ist fast so, als wüssten sie, dass ich nicht da bin, um ihnen zu schaden. Aber sie schauen mich auch an: Warum tust du nichts? Warum lässt du das mit mir geschehen? Das ist vielleicht alles nur in meinem Kopf. Aber ich hatte diese Momente, und sie fühlen sich sehr seltsam an. Meine einzige Hoffnung ist, dass ich das Material veröffentliche und Menschen sich ändern.
„Sie schauen mich an: Warum tust du nichts? Warum lässt du das mit mir geschehen?“ ●
Und Schweine?
Seb: Schweine sind heftig. In Europa gilt die Gaskammer als humanste Methode. Sie pumpen CO2 hinein, und ein Schlachthofarbeiter hat mir gesagt, es fühlt sich an, als würden die Lungen von innen brennen. Dann hört man die Schweine schreien, auch von außen. Wenn sie bewusstlos sind, hängt man sie kopfüber auf und tötet sie. Und das wird als human geschlachtet verkauft. In den Schlachthof, in den ich reinkam, wurde mit Strom betäubt, angeblich die zweitbeste Methode. Oft braucht es mehrere Versuche.
Ich erinnere mich an einen Entenschlachthof. Der Arbeiter griff sie einzeln, schnitt ihnen die Kehle durch und warf sie beiseite. Eine Ente ließ er fallen, ich senkte die Kamera, um zu filmen, wie sie verblutet, er vergaß es, trat einen Schritt zurück und stand ihr auf dem Hals, während es passierte. Das alles für eine Mahlzeit von fünf Minuten. Auch fünf Stunden würden es nicht rechtfertigen. Und wenn ich sage, wie wir sie behandeln, meine ich nicht, dass wir es netter machen sollten. Wir sollten es einfach nicht tun.

„Was ist mit den Kindern in Syrien?“
Wie sieht Tierrechtsaktivismus in einer Region aus, in der viele Menschen ums tägliche Überleben kämpfen?
Seb: Als ich anfing, hieß es oft: Was ist mit den Kindern, die in Syrien sterben? Syrien ist eine Autostunde von dort, wo ich gelebt habe. Ich sagte: Nenn mir, was ich jeden Tag tue, das dazu beiträgt, und ich ändere es. Wer darauf keine Antwort hat, soll das Leid dieser Menschen nicht benutzen, um das Leid zu rechtfertigen, das er Tieren zufügt.
Heute sagen die Leute dasselbe über den Libanon. Israel versucht gerade, den Süden zu besetzen, und ich habe Freunde, die geblieben sind. Einer lebt 2,5 Kilometer von der Grenze, umgeben von Zerstörung. Sein Haus wurde letzte Woche bombardiert. Er ist dort, weil er jeden Morgen durch die leeren Dörfer fährt und die Tiere füttert. Ich habe ihm gesagt, er soll vorsichtig sein. Er sagte: Entweder ich füttere sie, oder ich werde beim Füttern getötet. Ich laufe nicht weg. Er ist nicht der Einzige. Wir arbeiten an einer Doku über diese Menschen, weil Menschen in solchen Situationen ausnahmsweise nachvollziehen können, was Tiere durchmachen. Sie sind Opfer derselben Aggression und desselben Aggressors.
„Entweder ich füttere sie, oder ich werde beim Füttern getötet. Ich laufe nicht weg.“ ●
Du bist im Oktober 2024 selbst hingefahren.
Seb: In die südlichen Vororte Beiruts, das meistbombardierte Gebiet. In der Woche davor war es 56 Mal bombardiert worden. Ein Viertel. Die Menschen waren über Nacht weg, viele Tiere blieben zurück. Ich kannte Diana, eine vegane Aktivistin mit einem Hundeheim. Sie fuhr rein, füllte den Kofferraum mit Futter und lief durch die Straßen. In der Woche davor war sie bei Facebook Live, als ganz in der Nähe ein Luftangriff einschlug.
Schon auf der Fahrt dachte ich: keine gute Idee. Man hört die Drohnen über sich, und jeder, der reinfährt, ist für die ein Fragezeichen. Wir stiegen aus, und sofort fragte jemand, wer wir sind. Diana erklärte es. Okay, aber keine Fotos. Dann kamen drei Motorräder aus verschiedenen Richtungen, manche mit Kalaschnikows auf dem Schoß. Man denkt: Diese Leute warten jeden Moment auf ihren Tod, und du tauchst auf, um Tiere zu füttern. Und der Geruch. Verwesende Menschen in den Trümmern, verwesende Tiere, verrottendes Essen in jedem Laden.
Einer war für das Gebiet zuständig. Er zeigte auf einen jungen Mann: Der bleibt 25 Minuten bei euch, und wenn er sagt, ihr geht, dann geht ihr, weil ein Luftangriff kommt. Also liefen wir mit ihm herum, und er machte die ganze Zeit Witze. Diana fragte, wo die hundert Katzen vom letzten Mal seien. Er: Die feiern nachts und schlafen tagsüber.
Dann starrten uns zwei Männer auf einem Motorrad seltsam an. Einer drehte sich um, und ich dachte: Was passiert jetzt? Er holte eine Plastiktüte raus und sagte: Ich kümmere mich auch um die Katzen meines Nachbarn, könnt ihr mir etwas Futter geben? Das passierte mehrmals. Ein Mann mit Waffe sagte: Ich kenne eine Straße mit vielen Tieren, folgt mir. Er hatte recht. Wir hörten einen Luftangriff, einen kleinen, nicht nah. Niemand hatte etwas dagegen, dass Leute reinkommen, um Tieren zu helfen. Selbst der Strenge sagte: Mir geht es nur darum, dass ihr hier lebend rauskommt. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Man diskutiert nicht.
Verändert das, wie Menschen Tiere sehen?
Seb: Meine Erfahrung ist, dass Menschen in solchen Situationen deutlich mehr Anteil an Tieren nehmen, weil sie den Schmerz nachvollziehen können. Wenn also jemand sagt, warum redet ihr über Tiere, wenn so viele Menschen leiden, lautet die Antwort: Die Menschen, die dort leiden, sorgen sich auch um Tiere.

Wie er das aushält, und welcher Aktivismus wirklich wirkt
Wie gehst du mit dem um, was du filmst?
Seb: Ich habe akzeptiert, dass das die Welt ist, in der wir leben. So viel Schlimmes passiert, dass es fast normal geworden ist. Ich hatte depressive Phasen. Was hilft, ist aktiv zu bleiben. Schwierig wird es zu Hause, wenn ich mit dem Schnitt anfange und mich an ein bestimmtes Tier erinnere. Manchmal schneide ich wochenlang nicht, weil ich nicht zurück will. Meditation hilft jedem, wissenschaftlich belegt, auch wenn es nur heißt, zu sitzen und den Atem zu beobachten. Vielen fällt das schwer, also ist Bewegung die zweitbeste Option. Ich trainiere Jiu-Jitsu und bereite mich auf Triathlons vor.
Welche Form von Aktivismus ist am wirksamsten?
Seb: Eine Mischung aus Bildung und Politik. Wer nur aufklärt, ohne dass sich Gesetze ändern, bekehrt Menschen einzeln, und die Bevölkerung wächst schneller. Wer nur Politik macht: Warum sollte man ein Gesetz ändern, das die Bevölkerung nicht will? Also beides gleichzeitig: Bewusstsein schaffen und Gesetze ändern. Und nicht jeder kann eins von beidem. Köche, Autorinnen, Ärzte, Leute, die Websites bauen: Finde heraus, worin du gut bist, und prüfe, ob du es allein oder in einer Organisation machen kannst. Selbst wer nur „Watch Dominion“ mit Kreide auf den Gehweg schreibt, tut mehr als nichts.
Du hast in Harvard und an über 55 Universitäten gesprochen. Die heftigste Reaktion?
Seb: Portugal, 2019. Am Bahnhof wurde ich gewarnt: viel Drama an der Uni. Sie lehrt Tierhaltung, und die Verwaltung stritt darüber, ob ich überhaupt sprechen darf. In der Fragerunde behauptete eine Frau, Tierhaltung sei gut für die Umwelt. Ich sagte ihr, die Hauptursache für die Abholzung im Amazonas sei die Tierhaltung. Sie war in die Ecke gedrängt und sagte: Ach kommen Sie, es gibt keine Abholzung im Amazonas. Eine Studentin drehte sich um und sagte: Frau Professorin, bitte, wir sind an einer Universität, respektieren Sie sich selbst, Sie haben dieses Argument verloren. Danach kamen zwei Studierende zu mir. Sie waren per Mail aufgefordert worden, gegen mich zu argumentieren. Sie sagten: Wegen der Art, wie die auf dich reagiert haben, werden wir vegan.

Warum Influencer aufhören, und ein Brief von vor 1.800 Jahren
Viele Influencer essen inzwischen wieder Tiere. Warum?
Seb: 2017, 2018 und 2019 ist die Bewegung massiv gewachsen, zusammen mit veganen Unternehmen. Viele haben kein Geld verdient, und die Leute begannen, den Erfolg einer Bewegung daran zu messen, wie viel Geld darin verdient wird. Das führt völlig in die Irre. Gehen Menschen zurück zum Fleisch? Ja. Aber das ist nichts Neues. Wenn eine Bewegung exponentiell wächst, steigen Leute als Trend ein, und auf die kann man nicht zählen. Für mich heißt das: okay, weiter. Wir stehen einer Milliardenindustrie gegenüber, die zurückschlägt, die Panik um Saatöle gegen Pflanzenmilch ist nur ein Beispiel. Der Fehler war, keinen Widerstand zu erwarten.
Und der Markt für vegane Alternativen wächst im Nahen Osten und in Afrika schneller als im Westen. Man kann die Bewegung nicht an einer Region messen.
Dann habe ich ein Buch von Porphyrios gefunden, einem Philosophen aus Tyros im Südlibanon, das ironischerweise gerade bombardiert wird. Vor rund 1.800 Jahren schrieb er einem Freund, der wieder Fleisch aß: Du tust das doch sicher nicht, weil du glaubst, du bräuchtest es für deine Muskeln. Dieselben Sätze wie heute in den sozialen Medien, in einem Brief, vor Jahrtausenden. Es gab immer Menschen, die zurückgehen.

Die Antwort, für die niemand klatscht
Unser letzter Gast, Fabi von den Vegan Superheroes, hat dir eine Frage hinterlassen: Was tust du, wofür du keinen Applaus bekommst?
Seb: Ich werde ein paar Leute triggern. Ich glaube nicht, dass wir das Recht haben, Menschen in die Welt zu setzen. Ein sehr schwieriges Thema, weil es buchstäblich in unserer DNA liegt. Aber ich habe viel darüber nachgedacht. Es gibt ein Buch, Better Never to Have Been von David Benatar, und Al-Ma’arri, ein syrischer Dichter vor tausend Jahren, der auch vegan lebte, war ebenfalls dagegen. Die Haltung heißt Antinatalismus: Man kann niemanden um Einwilligung bitten, geboren zu werden, und man spielt mit einem Leben, über das man nichts weiß. Benatar argumentiert, dass Leid immer schwerer wiegt als Glück. Stell dir zwei Räume vor, einer mit dem schlimmsten Leid, das man sich vorstellen kann, für eine Stunde, einer mit dem größten Glück, und in den zweiten darfst du nur, wenn du zuerst in den ersten gehst. Die meisten sagen nein.
Ich finde, „adoptieren statt kaufen“ gilt auch für Menschen. Wenn ich eines Tages Vater werde, würde ich lieber adoptieren. Mein Vater ist gestorben, aber meine Eltern waren großartig, und ich kann mir kein besseres Geschenk vorstellen als Eltern zu haben.
Drei Gäste zum Abendessen und ein Buch
Ein veganes Dinner bei dir, drei Gäste, tot oder lebendig. Wen lädst du ein, und was kochst du?
Seb: Libanesisch, klar. Die beste vegane Küche. Bei den Gästen denke ich an Wirkung, nicht daran, mit wem ich gern sitzen würde. Joe Rogan, weil seine Reichweite größer ist als die aller amerikanischen Mainstream-Medien zusammen. Cristiano Ronaldo, einer der meistgefolgten Menschen der Welt, ungefähr ein Sechstel der Menschheit. Und dann Jesus und der Prophet Mohammed. Wenn die beiden sich zu einem veganen Dinner setzen würden, würde ein Großteil der Welt folgen.
Was willst du der Community mitgeben?
Seb: Lest Bücher über Tierrechte. Keine Kochbücher, die Philosophie, die Begründung. Animal Rights and Human Wrongs von Tom Regan ist ein guter Anfang. Er hat The Case for Animal Rights geschrieben, das ist schwer, und danach dieses leichtere Buch für alle. Es hilft beim Argumentieren, und es hilft zu verstehen, dass diese Haltung sehr logisch ist.
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Mehr aus dem Plantbased Podcast ●
So ist dieses Interview entstanden ●
Yannick Haldenwanger hat das Gespräch mit Seb Alex am 3. April 2026 in einem Studio auf Bali aufgenommen, auf Englisch, rund 95 Minuten lang. Für die Lesefassung haben wir das Gespräch übersetzt, gekürzt und sprachlich geglättet, ohne Aussagen zu verändern. Die komplette Folge findest du oben im Player sowie auf YouTube, Spotify und Apple Podcasts. Studiofotos: This Is Vegan. Alle weiteren Fotos stammen von Seb Alex und sebalex.org und werden mit seiner Erlaubnis verwendet. Die Zahlen zu Vorträgen, Workshops und dem Hilfsprogramm in Beirut stammen von sebalex.org (Stand September 2026).
FAQ - Das fragen andere
Wie er das aushält, und welcher Aktivismus wirklich wirkt?
Warum Influencer aufhören, und ein Brief von vor 1.800 Jahren?
Schon den Plantbased-Podcast gehört?
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Schon zu Gast waren u. a. Sarah Connor, Hannes Jaenicke, Paul Watson, Patrik Baboumian, Bibi Heinicke, Atze Schröder, Kerstin Ott, Dr. Zoe Mayer, Maya Leinenbach und Femke Den Haas und viele weitere.
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