Undercover mit falschem Namen: Samara Eckardt über ihre Zeit in der Tierindustrie

Sechs Jahre Beamtin auf Lebenszeit, dann fast drei Jahre undercover in einem Ferkelproduktionsbetrieb: Samara Eckardt ist eine der bekanntesten Tierrechtsaktivistinnen Deutschlands. In Folge #102 vom PLANTBASED. Podcast erzählt die Gründerin von Team Tierschutz, wie sie mit falschem Namen in einen „Tierwohl”-Betrieb kam, warum sie ihr ungeschminktes Gesicht ihre „Geheimwaffe” nennt und wieso sie die Menschen in den Ställen nicht für Monster hält. Hier liest du die wichtigsten Passagen des Gesprächs. Die ganze Folge mit allen Details hörst du im Podcast.
Verbeamtet auf Lebenszeit und trotzdem gekündigt
Samara Eckardt war Sonderpädagogin, verbeamtet, gut bezahlt. Im Podcast beschreibt sie, warum ihr das irgendwann nicht mehr reichte:
„Ich war verbeamtet auf Lebenszeit und ich habe wirklich sehr gutes Geld verdient. Ich war auch sehr glücklich in meinem Job. Aber es war mir irgendwann nicht mehr genug. Ich habe noch nie eine solche Passion und so eine Befriedigung gefühlt, wie wirklich in der ersten Reihe Tierrechtsaktivismus zu machen.”
Der Auslöser für ihren Weg war banal und ist heute fast unglaublich: Als Lehrerin rief sie bei einem Schweinebetrieb im Dorf an, offiziell wegen Praktikumsplätzen für ihre Schüler. Eigentlich wollte sie nur wissen, was hinter den Mauern passiert, und zwei Ferkel retten. Wie aus dem einen Besuch fast drei Jahre wurden, erzählt sie ab Minute 6 im Podcast.
„Es war wie ein Horrorfilm”
Ihren ersten Rundgang durch den Ferkelproduktionsbetrieb beschreibt Samara so:
„Ich war da drin, es war wie ein Horrorfilm. Wie eine Parallelwelt. Unglaublich viel Leid, Schmerz und leere Augen. Überall Metall, überall Beton, nichts Warmes. Es ist einfach eine Fabrik, eine nackte, dreckige Fabrik.”
Die Dimension dahinter: Allein in Deutschland werden jedes Jahr knapp 45 Millionen Schweine geschlachtet. Wie viele Tiere insgesamt geschlachtet werden, haben wir aufgeschlüsselt.
Nach dem ersten Besuch hatte sie einen psychischen Zusammenbruch. Sie ging trotzdem wieder rein, mit einer klaren Logik: Sie konnte dort legal dokumentieren, wofür andere Aktivistinnen nachts einbrechen müssen. Heute spricht sie offen über ihre komplexe posttraumatische Belastungsstörung und darüber, warum sie eine vegane Psychotherapeutin gesucht hat. Ein Thema, über das im Aktivismus zu selten geredet wird, im Podcast bekommt es viel Raum.

„Es gibt diese Produkte nicht. Punkt.”
Auf die Frage nach Bio-Siegeln und „glücklichen Kühen” erzählt Samara von einem Demeter-Betrieb, den sie umstellen wollte:
„Ich kam da rein und die waren in Anbindehaltung. Die standen an den Ketten, die sahen richtig schlecht aus. Je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr weiß man: Es gibt diese Produkte nicht. Es gibt sie einfach nicht. Punkt.”
Team Tierschutz: drei Betriebe in einem Jahr geschlossen
2024 gründete Samara ihre eigene Organisation. Team Tierschutz arbeitet investigativ und setzt dabei bewusst auf Gesichter statt anonymer Schockbilder. Die Bilanz des ersten Jahres, wie sie sie im Podcast schildert: drei Betriebe dicht.
„Der erste Betrieb war ein Schweinemastbetrieb, wo die Schweine knietief in Kot standen. Der hat ein Tierhalteverbot bekommen. Dann ein Schäfereibetrieb, auch Tierhalteverbot. Und dann haben wir einen Schlachtbetrieb geschlossen. Mitten im Kuhstall hat der Schafe geschächtet, und das Krasseste: Er hat sogar Kunden das Messer in die Hand gegeben.”
Warum sich kleine Betriebe schließen lassen, riesige Anlagen aber praktisch nie, erklärt sie ab Minute 40. Es ist einer der ernüchterndsten und wichtigsten Teile des Gesprächs. Was ein Tierhaltungsverbot nach § 16a Tierschutzgesetz rechtlich bedeutet und wie selten Tierquälerei vor Gericht landet, zeigt auch der eingestellte Prozess um ausgehungerte Kälber in Lahr.

Undercover als „Caro Bollack”: die neue Doku
Für die aktuelle Veröffentlichung von Team Tierschutz („Unter Schweinen”) bewarb sich Samara mit falschem Namen in einem großen Ferkelproduktionsbetrieb in Sachsen-Anhalt, nach ihrer Schilderung ein „Tierwohl”-Betrieb, geführt von einer Funktionärin des Bauernverbands. Ihre Tarnung: das eigene Gesicht.

„Ich habe tatsächlich eine Geheimwaffe. Ich sehe ungeschminkt komplett anders aus, als die Leute sich vorstellen können. Es ist meine größte Schwäche, seit ich 14 bin ziehe ich mir diesen Lidstrich. Und jetzt kann ich es mal so richtig cool nutzen für was richtig Gutes.”

Beim Bewerbungsgespräch saß sie der Chefin direkt gegenüber:
„Sie meinte: Ich möchte ehrlich vorweg sagen, ich habe ein bisschen Angst, dass Sie Tierschützerin sein könnten. Ich finde normalerweise immer was, ich bin so gut im Googlen. Und zu Ihnen habe ich nichts gefunden. Wenn sie mich in dem Moment nach meinem Perso gefragt hätte, wäre ich raus gewesen. Aber sie hat nichts gefragt.”

Was Samara in den Betrieben dokumentiert hat und warum „Tierwohl” für sie nur ein Marketingbegriff für Haltungsstufe 2 ist: ab Minute 45 im Podcast. Die Doku selbst findest du auf dem YouTube-Kanal von Team Tierschutz, weitere sehenswerte Filme in unserer Liste der besten veganen Dokus. Wir haben den Film und den Fall dahinter ausführlich aufgeschrieben: „Unter Schweinen“: Was Team Tierschutz in dem Betrieb dokumentiert hat.

„Sind das Monster? Nein.”
Der vielleicht stärkste Moment des Gesprächs: Samaras Blick auf die Menschen, die in den Ställen arbeiten.
„Dieser Mensch, den man da sieht, der die Ferkel auf dem Boden zerschlägt: Ich habe tiefe Verachtung für das, was er da tut. Und trotzdem habe ich auch Mitleid. Ich weiß, was dieses System mit Tieren macht. Ich weiß aber auch aus erster Hand, was dieses System mit Menschen macht. Dieses System macht krank. Es macht Menschen zu Monstern. Es geht gar nicht anders.”

Ihre Bitte an die eigene Community: Der Hass gehört dem System und denen, die davon profitieren. Nicht den Menschen, die dort arbeiten.
Jona, die Sau mit der Nummer 2445
Auf Samaras Arm steht eine tätowierte Zahl: 2445. Es ist die Ohrmarken-Nummer einer Sau aus dem Ferkelbetrieb, die keine Angst vor ihr hatte. Samara nannte sie Jona, holte sie nach fast drei Jahren gemeinsam mit elf Ferkeln auf einen Lebenshof in Polen und ließ sich die Nummer stechen.
„Sie ist ja eigentlich keine Nummer, sondern sie heißt Jona.”
Wie die Geschichte weiterging und warum Samara heute sagt, sie habe sich „mal wieder in der Arbeit verloren”, hörst du ab Minute 72. Es ist der emotionalste Teil der Folge.

Zum Weiterlesen: drei Bücher, die zu diesem Gespräch passen
Wer nach der Folge tiefer einsteigen will, ohne selbst in einen Stall zu gehen:
- Jonathan Safran Foer: Tiere essen – der Klassiker über Massentierhaltung, recherchiert wie ein Roman, liest sich wie einer. Bei Amazon ansehen
- Hilal Sezgin: Artgerecht ist nur die Freiheit – die philosophische Antwort auf „Tierwohl“, geschrieben von einer Autorin, die selbst einen Lebenshof führt. Bei Amazon ansehen
- Unsere Liste – alle Empfehlungen der Redaktion zu Tierethik, mit Kurzrezension. Die besten veganen Bücher zur Tierethik
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Was du tun kannst
Team Tierschutz besteht aus anderthalb bezahlten Stellen, Samara arbeitet nach eigener Aussage 60 bis 80 Stunden pro Woche. Unterstützen kannst du die Arbeit ab 5 Euro monatlich mit einer Teammitgliedschaft bei Team Tierschutz. Wer lieber etwas in der Hand hält: Mit Airpaq hat Samara einen Rucksack aus Airbags und Autogurten gestaltet, wir haben die Schweine-Edition von Airpaq vorgestellt. Und wenn du wissen willst, wie sich Tierqual-Videos im Netz richtig melden lassen, hör in unsere Folge mit Wiebke Plasse von der Welttierschutzgesellschaft rein, die beiden Gespräche ergänzen sich perfekt. Und den Film, um den es hier geht, findest du samt Hintergrund in unserem Artikel „Unter Schweinen“: Team Tierschutz veröffentlicht Film zum Fall Köselitz.
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Hinweis: Die Zitate stammen aus dem Podcast-Gespräch und wurden für die Lesbarkeit behutsam gekürzt. Die Schilderungen zu einzelnen Betrieben geben die Darstellung von Samara Eckardt bzw. Team Tierschutz wieder.
This interview is also available in English: Samara Eckardt on her years inside the animal industry.
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