Kerstin Ott, Gast im Plantbased Podcast Dr. Zoe Mayer, Gast im Plantbased Podcast Sarah Connor, Gast im Plantbased Podcast Victoria Müller, Gast im Plantbased Podcast Maya Leinenbach, Gast im Plantbased Podcast +22

Bisher 99 Folgen mit Menschen wie Kerstin Ott, Dr. Zoe Mayer oder Sarah Connor

Alle Folgen hören →
Wiebke Plasse, Leiterin Kommunikation der Welttierschutzgesellschaft, im Porträt
Switch Language

Niemand würde sich mit einer Katze auf den Marktplatz stellen und rufen: „Ich quäle sie jetzt, wer will zusehen?” Auf Social Media passiert genau das, jeden Tag, millionenfach. Wiebke Plasse von der Welttierschutzgesellschaft dokumentiert dieses Tierleid seit fünf Jahren. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was sie dabei sieht, warum die Täter*innen aussehen wie du und ich, und was eine Lücke im Strafgesetzbuch damit zu tun hat.

Read this interview in English.

Die ganze Folge: Wiebke Plasse im Plantbased Podcast

Das komplette Gespräch gibt es als Video. Ein Klick auf das Vorschaubild startet den Player, vorher lädt hier nichts von YouTube.

Wer ist Wiebke Plasse?

Wiebke Plasse leitet die Kommunikation der Welttierschutzgesellschaft (WTG) und hat die Kampagne „Stoppt Tierleid in den sozialen Netzwerken” initiiert. Sie recherchiert seit 2020 zu Gewalt gegen Tiere auf Social Media, war für Projektbesuche unter anderem in Uganda und zuletzt dreieinhalb Wochen in Indonesien unterwegs und sprach im Juni 2026 auf dem ersten SMACC Global Summit in Bali.

Die WTG ist ein gemeinnütziger Verein, finanziert vor allem durch private Spenden. Ihre Petition für ein gesetzliches Verbot verherrlichender Tierleid-Darstellungen hat über 200.000 Unterstützer*innen.

Wiebke Plasse, Leiterin Kommunikation der Welttierschutzgesellschaft, im Porträt
Wiebke Plasse leitet die Kommunikation der Welttierschutzgesellschaft. Bild: Maximilian Goedecke

„Es ist mir lieber, wenn ich das tue als jemand, der unverhofft darauf stößt”

Wiebke, du beschäftigst dich seit Jahren intensiv mit Tierleid auf Social Media. Wie gehst du persönlich damit um, täglich mit diesen Inhalten konfrontiert zu sein?

Wiebke: Es ist mir tatsächlich lieber, wenn ich das tue als jemand, der vollkommen unverhofft beim Scrollen durch die Timeline darauf stößt. Ich mache das bewusst, vorbereitet, soweit man das sein kann, und dann mit gewissen Mitteln, dagegen vorzugehen. Wir wollen durch diese Arbeit erreichen, dass es in Zukunft niemand anders mehr sehen muss. Diese Motivation und die Erfolge der Kampagnenarbeit helfen, es erträglich zu machen.

Aber ja, es gehört zur Wahrheit dazu, dass mir zu Beginn der Kampagne noch nicht klar war, wie schlimm die Abgründe zum Teil werden würden. Wir dokumentierten und beobachteten zwar vorab umfassend die verschiedenen Trends, darunter Challenges, in denen Tiere in Gefahrensituationen gebracht wurden, oder auch Tierschutzprobleme wie die zunehmende Haltung von Wildtieren als Haustiere. Wir hatten es aber oft mit subtilerem Tierleid zu tun: Ich sehe den Tieren hier also nicht unmittelbar an, dass sie leiden. Und heute stehen wir ganz woanders. Denn je weiter wir in die Netzwerke einstiegen, desto offensichtlich schlimmer wurde das Tierleid: Mittlerweile dokumentieren wir, dass Tiere nur für die Belustigung und Geld gequält, missbraucht, misshandelt, getötet und die Inhalte davon in privaten Chats und Gruppen verkauft werden.

Was passiert psychologisch, wenn jemand so ein Video konsumiert, ohne zu reagieren?

Wiebke: Wir wissen durch die fachliche Beratung etwa von Psycholog*innen und Soziolog*innen, dass es eine Riesengefahr für das Tierschutzbewusstsein von Menschen birgt, mit Inhalten dieser Art ständig ungefiltert konfrontiert zu werden. Wenn Menschen also beginnen, über leidende Tiere zu lachen oder auch aus Gleichgültigkeit wegschauen, dann ist eine Abstumpfung bereits eingetreten. Wenn wir Tieren nicht mehr mit Empathie begegnen und ihr Leid ignorieren, schadet das dem Tierschutz. Genau das beobachten wir auf Social Media tagtäglich.

Der Marktplatz-Vergleich: Warum es dieses Leid ohne Social Media nicht gäbe

Beim Summit hast du ein Bild benutzt, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht: den Marktplatz.

Wiebke: Unsere Kampagnenentstehung war auch in Beratung durch Soziolog*innen und Psycholog*innen. Es hätte damals niemand eine Katze genommen, sich auf den Marktplatz gestellt und gesagt: Ich foltere die jetzt, wer möchte zugucken? Das passiert jetzt aber. Bedeutet: Menschen wird ein Raum gegeben, in dem sie Dinge tun können, von denen sie vielleicht gar nicht wussten, dass sie das gut finden, dass sie damit Geld machen können und so weiter.

Am Ende haben die Plattformen die Verantwortung. Ich rede immer gerne von Hausordnung: Ich biete einen Raum, ich lade Menschen zu mir ein, dann muss es auch Regeln geben. Die gibt es, es gibt die Gemeinschaftsstandards, die Policies. Tierleid und Tiergewalt und all diese Dimensionen sind dort oft nicht abgebildet. Und wenn, wird die Einhaltung durch die Moderationsteams einfach nicht sichergestellt.

Fake-Rescues: Wenn die Rettung inszeniert ist

Inszenierte Tierrettungen wirken auf den ersten Blick wie Heldengeschichten. Warum sind gerade sie so gefährlich?

Wiebke: Das ist eine besonders perfide Tierleidform, die wir leider zunehmend dokumentieren: Die Erstellenden zielen genau auf unser aller Mitgefühl ab und nutzen Tiere aus, um damit Reichweite und gar Spenden zu gewinnen. Nutzer*innen schauen die Videos gespannt bis zum Ende, denn dann kommt ja hoffentlich die Rettung. Und in Wahrheit? Wurden Tiere im Falle von Fake-Rescues überhaupt erst in die Situationen gebracht, um dann vermeintlich gerettet zu werden.

Wir haben das im Rahmen einer umfangreichen Analyse 2024 dokumentieren können: etwa Hunde, die auf Bahnschienen angekettet werden, fast zum Ertrinken gebrachte Affen, schwer misshandelte Katzen. Entweder werden die Tiere wiederholt für Rettungsvideos eingesetzt oder geopfert, oder die Videos sind nur andersherum geschnitten. Heißt: Das vermeintliche Happy End vom gesunden Tier war, bevor die Erstellenden es in die grausamen Situationen brachten.

Wir haben deshalb einen Leitfaden entwickelt, der hilft, inszenierte von echten Tierrettungen zu unterscheiden. Denn es gibt sie, die echten Tierschicksale, bei denen wir hinschauen, fühlen und helfen sollten. Wichtig ist, bei besonders dramatischen Inhalten vorsichtig zu sein und sich an den A-R-E-Regeln zu orientieren.

Panel beim SMACC Global Summit 2026 in Bali vor dem Summit-Banner
Beim SMACC Global Summit 2026 in Bali kamen erstmals Organisationen, Plattformen und Behörden zusammen. Bild: Social Media Animal Cruelty Coalition

94.000 Fälle: die „Datenbank des Grauens”

Ihr habt eine Datenbank mit zehntausenden dokumentierten Tierleid-Inhalten. Was hat dich am meisten erschüttert?

Wiebke: Ich nenne sie mal Datenbank des Grauens. Das sind mittlerweile knapp 100.000, ich glaube 94.000 Links und Inhalte, die wir dort gesammelt haben. Die zeigen vor allem: Das ist kein Nischenthema. Wir reden über keine Einzelfälle. Wir reden über 94.000 Fälle, die nur wir jetzt gesehen haben. Aber es gibt ja noch viel mehr.

Die Datenbank lässt sich nach verschiedenen Thematiken filtern und bietet uns eine Argumentationsgrundlage, den Netzwerken zu zeigen: Guck mal, das seid ihr. Dieses Tierleid habt ihr ermöglicht, weil ihr nicht moderiert, weil ihr das nicht löscht.

Was mich erschüttert, sind alle Formen von besonderer Grausamkeit und Gleichgültigkeit dem fühlenden Wesen gegenüber. Die „Animal Crushing”-Netzwerke sind offensichtlich furchtbar: Hier werden Kleintiere, Welpen, Kätzchen für Likes und Geld zertrampelt oder zerquetscht. Aber auch vermeintlich süße Videos von Affenkindern, die in Windeln und Babykleidung verhätschelt werden, gehen mit immensem Tierleid einher. Denn die Tiere werden dafür in der Wildnis ihren Müttern entrissen, die Mütter oft getötet.

„Das sind Menschen wie du und ich”

Was für Menschen bestellen und produzieren so etwas?

Wiebke: Die wenigen Fälle, die wir global zur Strafverfolgung bringen konnten, sind die, denen wir ein Gesicht geben konnten. Und das sind ganz normale Menschen. Das sind auch Frauen, was man ja auch erstmal nicht denkt. Also nicht der Schlägertyp, der mit Kampfhunden durch die Gegend rennt, sondern eine Frau, ich glaube, es war eine Lehrerin, die selber Kinder hat, die das toll fand, dass Baby-Makaken gequält werden. In England war es, wenn ich es richtig erinnere, ein Ehepaar.

Also es sind wirklich Menschen wie du und ich, die etwas empfinden, wenn ein Baby-Makake, der einem menschlichen Baby sehr ähnlich sieht, gequält wird. Die empfinden da etwas Positives und geben das in Auftrag. Das sind leider keine Menschen, die man auf der Straße erkennt. Und das macht nochmal etwas mit einem: Das kannst du sein, das kann jeder sein.

Wie läuft dieses Geschäft konkret ab?

Wiebke: In bestimmten Regionen Indonesiens oder auf Wildtiermärkten kann ich mir ein Tier sehr erschwinglich kaufen, umgerechnet unter 50 Euro, im Internet noch günstiger, oder mir das einfach aus der Wildnis holen. Und dann werden Videos global in Auftrag gegeben, die hier produziert werden. Diese Videos werden von Menschen überall auf der Welt gekauft und beauftragt: Menschen in Europa, in England und in den USA gab es Festnahmen, weil es dort eine gesetzliche Grundlage gibt, die auch die Beauftragung von Tiergewalt verbietet. Das ist das, was wir in Deutschland auch erreichen wollen.

Die Lücke im Gesetz: Was §131 StGB mit Tieren zu tun hat

Ihr fordert eine Änderung des §131 Strafgesetzbuch. Welche Lücke existiert da genau?

Wiebke: Das deutsche Tierschutzgesetz verbietet, dass Tieren ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden. Für die Darstellung dessen fehlt aber die rechtliche Grundlage. Mit dem §131 StGB oder alternativ im Rahmen einer Novellierung des Tierschutzgesetzes und der Schaffung eines §17a TierSchG wollen wir diese Lücke schließen.

§131 StGB gibt es bereits. Er stellt die Darstellung, Verbreitung sowie das Anbieten und Bewerben von schwerwiegender Gewalt gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen unter Strafe. In diesem Paragrafen „oder Tiere” aufzunehmen, würde die verharmlosende oder verherrlichende Darstellung von grausamen Gewalttätigkeiten gegenüber Tieren verbieten und unmittelbar auch Plattformen zum Handeln verpflichten.

Wichtig ist dabei die Einbettung in den Kontext der „verherrlichenden, verharmlosenden oder verletzenden Weise”, die klar von rein informativen und dokumentarischen Darstellungen unterscheidet, wie sie von Organisationen und Medien zur Aufklärung genutzt werden. Diese Inhalte sind natürlich richtig und wichtig. In der Folge müssten Plattformen grausame Inhalte löschen und zusätzlich bei der Strafverfolgung helfen, etwa durch die Weitergabe personenbezogener Daten an zuständige Behörden.

Wie reagiert die Politik inzwischen?

Wiebke: Als wir 2021 mit der politischen Arbeit begannen, war das Thema gesellschaftlich noch unbekannter, wir stießen auf wenig Resonanz. Wir wurden stets von Ministerium zu Ministerium verwiesen, und es hieß, das sei ja „kein großes Problem hier in Deutschland”. Mittlerweile hat sich das Bewusstsein verändert. Erst kürzlich haben uns sowohl die Bundestierschutzbeauftragte (CDU) als auch der Beauftragte für Tierschutz der SPD-Bundestagsfraktion ihre Zustimmung zu unserer Forderung signalisiert. Wir sind vorsichtig optimistisch, dass sich in den nächsten Monaten Entscheidendes tun könnte.

Team der Welttierschutzgesellschaft mit Schildern bei einer Aktion in Berlin
Politische Arbeit in Berlin: Das WTG-Team bei einer Aktion. Bild: Welttierschutzgesellschaft e.V.

Warum wird ein bekanntes Video nicht einfach gelöscht?

Auf dem Summit ging es viel um technische Lösungen. Was hat dich überrascht?

Wiebke: Das ist vielleicht ein Wissenseffekt, den ich super spannend finde: Jedes Video, das jemals gepostet wird, bekommt einen individuellen Hash, also wie einen Fingerprint. Egal, wer das kopiert, runterlädt und wieder neu hochlädt, dieses Video behält immer diesen Fingerprint. Das heißt, es wäre ein Leichtes zu sagen: Dieses Video zeigt, wie ein Welpe zertreten wird, eines der schlimmsten Videos, die ich je gesehen habe. Dieses Video wird immer noch geteilt und verbreitet. Es hat aber diesen einen Fingerprint. Warum können wir nicht dieses Video löschen?

Und was ist mit KI-generierten Tierleid-Videos?

Wiebke: Ich finde KI super schwierig. Wir haben noch so viele der anderen Tierleid-Formen ungeklärt, wir entdecken immer noch neue Netzwerke, neue furchtbare Foltergruppen. Und bevor wir das gelöst haben, kommt jetzt KI on top und bringt nochmal ganz andere Probleme. Dafür war der Summit aber toll, weil wir viel über Lösungen gesprochen haben, auch mit Techies, die richtig gute Expertise mitbringen.

Indonesien: Slow Loris, Wilderer und ein Kaffeeprojekt

Wiebke Plasse fotografiert Hunde im BAWA-Tierheim in Indonesien
Wiebke Plasse während ihrer Projektreise in Indonesien, hier im BAWA-Shelter. Bild: Welttierschutzgesellschaft e.V.

Du warst dreieinhalb Wochen in Indonesien. Was ist dir besonders geblieben?

Wiebke: Ich bin über Jakarta nach Nord-Sumatra geflogen, nach Medan, und von dort noch mal weiter. Laut Google Maps waren das zwei Stunden, in der Realität sechs Stunden bei stürmendem Regen, in das absolute Nichts. Wunderschön, ganz tief im ländlichen Raum, wo sich ein Rettungszentrum für Slow Loris im Aufbau befindet. Direkt daneben ist eine Schule, wo Nachmittagsunterricht stattfindet. Die Kinder haben freiwillig an der Umweltbildung teilgenommen und teilweise auf Englisch von ihrer Liebe für Slow Loris berichtet. Das war ganz toll und bewegend.

Warum sind ausgerechnet Slow Loris so betroffen?

Wiebke: Sie werden in ganz großem Maße gewildert und sind eine gefährdete Art. Das Grausame an diesem Handel: Viele dieser Tiere sind, nachdem sie als Haustier gehandelt wurden, nicht mehr auswilderbar, da ihnen die Zähne abgeschnitten werden und die Krallen. Essentielle Dinge, die die Tiere für ein Leben in der Wildnis brauchen, werden ihnen genommen, weil sie für den menschlichen Kontakt „genügsam” gemacht werden. Slow Loris sind übrigens giftig, ihr Biss ist gefährlich, deshalb werden die Zähne geschnitten. Oft sind es die kleinsten, niedlichsten Tiere, die am tödlichsten sein können. Es bleibt ein Wildtier, und es gehört nicht zu uns.

Gab es auch etwas, das dir Hoffnung gemacht hat?

Wiebke: Ich habe im Süden Sumatras ein Kaffeeprojekt besucht, das fand ich extrem bereichernd. Das sind ehemalige Wilderer, die durch dieses Projekt eine alternative Einnahmequelle gefunden haben. Und ich glaube, das ist die Lösung: den Menschen nicht zu sagen „lass das mit dem Wildern”, sondern eine Lösung zu präsentieren. Ich habe sie kennengelernt und mit ihnen sprechen können: sehr naturverbundene, sehr gute Menschen, die etwas Gutes für ihre lokale Community möchten und einfach keine andere Möglichkeit hatten. Die sind jetzt seit mehreren Jahren in diesem erfolgreichen Kaffeeprojekt, kennen die gesamte Gegend und jeden Menschen dort.

Wiebke Plasse bei der Projektarbeit der Welttierschutzgesellschaft in Uganda
Projektarbeit vor Ort, hier in Uganda: Die WTG arbeitet weltweit mit lokalen Partnern. Bild: Lisa Ossenbrink

Was du selbst tun kannst

Was sollen Leser*innen konkret tun, wenn sie ein Video mit Tierleid sehen?

Wiebke: Ganz wichtig: keine Likes für Tierleid. Der erste Punkt ist das Erkennen und zwischen Reiz und Reaktion zu unterscheiden. Mein erster Reiz ist: Gott, wie süß. Geht mir genauso, ich liebe Tiere. Dann kurz innezuhalten und zu überlegen: Ist das für das Tier eigentlich eine gute Situation? Bei einem Wildtier ist die Antwort erstmal immer nein. Ein Affe, der in Kinderkleidung verkleidet ist oder unnatürliche Dinge macht, ist schlimm.

Da darf ich auf keinen Fall reagieren, und wir sagen wirklich: gar nicht reagieren. Auch Negativkommentare oder ein Daumen runter befördern den Algorithmus. Alles, was ich als Nutzerin an Reaktionen mache, pusht den Inhalt weiter, damit weitere hunderttausend Menschen ihn sehen. Stattdessen: die drei Pünktchen, melden an die Moderationsteams. Melden, melden, melden ist die allerwichtigste Sache, egal welche Schwere. Wir können diesen Moderationsteams nicht oft genug auf den Geist gehen. Die müssen sehen, dass wir als Nutzer*innen das nicht möchten.

Und was immer hilft: den Link zusätzlich an SMACC melden. Auf deren Website gibt es einen Reiter dafür. Wir dokumentieren das, halten mit Volunteers nach, ob Inhalte trotz Meldung gelöscht wurden, und melden selbst noch mal nach. Das gibt Hoffnung, weil da etwas passiert, aber es braucht einen langen Atem.

Die drei Regeln in Kurzform

1. Nicht reagieren. Kein Like, kein Kommentar, kein Teilen, auch nicht empört. Jede Interaktion ist Reichweite.
2. Melden. Über die drei Punkte am Beitrag an das Netzwerk, zusätzlich über das Meldeformular von SMACC.
3. Innehalten statt „süß”. Wildtier in Menschenhand, Kleidung, unnatürliches Verhalten: Das sind Warnzeichen, keine Niedlichkeit.

Die Plattformen: Wo Fortschritte sichtbar sind, und wo nicht

Beim Summit waren Vertreter*innen von YouTube und TikTok dabei. Warum ist das wichtig?

Wiebke: Weil Tiergewalt auf Social Media ein Thema ist, das es erst gibt, weil es Social Media gibt. Die Plattformen schaffen eine Plattform für Tierleid, das es vorher nicht gab. Die Zusammenarbeit ist extrem wichtig, weil sie im Grunde die Macht hätten, ihre Verantwortung in die Hand zu nehmen und das zu ändern.

Wir wissen aus dem Austausch, dass sich Netzwerk-Vertreter*innen oft der Problematiken gar nicht bewusst waren. Ein Beispiel sind die Fake-Rescues, auf die Organisationen wie wir erst hingewiesen haben. Mittlerweile haben die relevantesten Netzwerke diese Inhalte immerhin als verboten in ihren Gemeinschaftsstandards verankert. Aber da ist noch sehr viel Luft nach oben, und viel zu häufig scheinen Veränderungen im Konflikt zu stehen mit Gewinnorientierung. Tier-Content, ob lustig oder dramatisch, kommt gut an und bringt Reichweite. Und Reichweite ist die Währung.

Panel mit indonesischen Vertreterinnen und Vertretern beim SMACC Global Summit 2026
Behörden, Plattformen und Organisationen an einem Tisch: eine Panel-Runde beim Summit in Bali. Bild: Asia for Animals Coalition

Gibt es Länder, die weiter sind als Deutschland?

Wiebke: Es gibt großartige Initiativen etwa in den USA, in UK und in Bulgarien. Dort haben einzelne Verordnungen oder Novellierungen der Tierschutzgesetzgebung die Darstellung von Tiergewalt bereits als Straftatbestand aufgenommen. Ausschlaggebend waren immer Fälle, die sich in den jeweiligen Ländern abgespielt haben: Animal Crushing etwa in den USA und Bulgarien, der Kauf und Verkauf von Videos mit Affenmisshandlungen in England. So groß diese Erfolge sind: Es ist ernüchternd, dass es offenbar erst die grausamsten Beispiele auf nationaler Ebene braucht, damit der Gesetzgeber handelt. Bis dahin leiden und sterben zahllose Tiere.

„Sichtbarkeit schafft doch Bewusstsein” – stimmt das?

Manche sagen: Lieber solche Videos zeigen, damit die Öffentlichkeit weiß, was passiert.

Wiebke: Hier ist ganz wichtig, zwischen den Inhalten zu differenzieren, die informieren und aufklären, und jenen, die wir mit unserer Kampagnenarbeit angehen. Es geht uns ausschließlich um die verherrlichende und verharmlosende Darstellung von Tierleid. Wenn Menschen darüber lachen, dass Tiere leiden, sich an Misshandlungen ergötzen oder Tiere in Gefahr bringen, um durch inszenierte Rettungen Geld zu verdienen: Dann muss das gestoppt werden.

Die Darstellung von Tierleid zur Aufklärung über Missstände ist etwas ganz anderes: absolut richtig und wichtig. Social Media ist dafür auch eine enorme Chance. Damit dieser wichtige Content aber wieder die Aufmerksamkeit erhält, die ihm gebührt, braucht es entsprechende Regeln und Moderation.

Ein Wunsch für 2026

Podiumsrunde beim SMACC Global Summit 2026 in Bali
Der Summit war der erste seiner Art. 2026 fand er erstmals in Präsenz statt. Bild: Asia for Animals Coalition

Wenn du dir eine einzige Veränderung wünschen könntest: welche?

Wiebke: Ich würde gern mit uns allen abschließen, denn ohne uns Menschen kann sich nichts ändern. Zum einen ist es unser aller Umgang als Nutzer*innen mit Tierleid-Inhalten. Zum Zweiten sind wir in der Verantwortung, den echten, wichtigen Tierschutz weiter zu fördern. In einer Weltlage, die völlig aus den Fugen geraten ist und in der Hilfe quasi überall notwendig ist, braucht es weiterhin Menschen, die auch die Tiere nicht vergessen.

Deshalb wäre für mich eine absolut positive Entwicklung, wenn wir Tierschützer*innen an Zuwachs gewinnen und sich immer mehr Menschen finden, die von ganzem Herzen und mit großer Überzeugung Tierschutzarbeit ermöglichen. Dann können wir gemeinsam Großes bewirken und diese Welt, nicht nur auf Social Media, schon deutlich besser machen.

Die Welttierschutzgesellschaft in Kürze

Die Welttierschutzgesellschaft e.V. (WTG) ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin, der sich vor allem über private Spenden finanziert. Sie arbeitet weltweit mit lokalen Partnerorganisationen, unter anderem in Uganda, Kenia und Indonesien, und verbindet Projektarbeit vor Ort mit politischer Kampagnenarbeit in Deutschland.

Die Kampagne #StopptTierleid läuft seit rund fünf Jahren. Erreicht wurden unter anderem: angepasste Community-Standards bei mehreren Netzwerken (Verbot von Gewalt gegen Tiere etwa bei Snapchat, Verbot inszenierter Tierrettungen bei Facebook, TikTok und YouTube), eine Datenbank mit über 80.000 dokumentierten Inhalten im SMACC-Bündnis, Leitfäden für Nutzer*innen sowie über 200.000 Unterschriften für die Petition. Mehr Hintergrund: welttierschutz.org.

Weiterlesen

Wir waren beim SMACC Global Summit 2026 in Bali selbst vor Ort. Was dort zwei Tage lang diskutiert wurde und wie das Geschäft mit Tierleid-Videos funktioniert, steht in unserer ausführlichen Reportage: Klicks mit Tierleid. Wie US-Ermittler ein internationales Affenquäler-Netzwerk zerschlagen haben, zeigt unser Bericht zu den Prozessen in den USA. Und warum Tierversuche wissenschaftlich weniger hergeben als ihr Ruf verspricht, klärt unser Interview mit Ärzte gegen Tierversuche.

Solche Gespräche führen wir regelmäßig, im Podcast und hier im Magazin. Unser Newsletter ist kostenlos und jederzeit abbestellbar.

Noch mehr im Podcast

Dieses Interview ist ein Ausschnitt. In der kompletten Folge erzählt Wiebke Plasse deutlich mehr: von ihren dreieinhalb Wochen in Indonesien, von Tierschutz-Skandalen, die es nie in die Nachrichten geschafft haben, von den Hintergründen der internationalen Ermittlungen und davon, was der Job mit einem macht. Rund 78 Minuten, in denen sie Dinge ausspricht, die in keiner Pressemitteilung stehen.

Die Folge gibt es auf YouTube, und alle weiteren Gespräche mit Menschen, die sich für Tiere starkmachen, findest du auf unserer Podcast-Seite.

Transparenz und Methodik

Dieses Interview kombiniert zwei Quellen: schriftliche Antworten, die Wiebke Plasse uns vorab zur Verfügung gestellt hat, und Passagen aus dem Podcast-Gespräch mit Yannick Haldenwanger, aufgezeichnet im Juni 2026 im Anschluss an den SMACC Global Summit in Bali. Beide Teile wurden für die Lesbarkeit gekürzt und sprachlich geglättet, ohne den Sinn zu verändern. Angaben zu Zahlen, Kampagnenerfolgen und politischen Entwicklungen stammen von der Welttierschutzgesellschaft; die Zahl der dokumentierten Inhalte nennt Wiebke Plasse im Gespräch mit rund 94.000, die offizielle Kampagnenkommunikation spricht von über 80.000. Stand: 28. August 2026.

Bilder: Maximilian Goedecke (Porträt), Welttierschutzgesellschaft e.V. (Berlin, Indonesien), Lisa Ossenbrink (Uganda), Social Media Animal Cruelty Coalition und Asia for Animals Coalition (Summit). Für dieses Interview ist kein Geld geflossen.

Haeufige Fragen

FAQ - Das fragen andere

Warum wird ein bekanntes Video nicht einfach gelöscht?
Auf dem Summit ging es viel um technische Lösungen. Was hat dich überrascht? Wiebke: Das ist vielleicht ein Wissenseffekt, den ich super spannend finde: Jedes Video, das jemals gepostet wird, bekommt einen individuellen Hash, also wie einen Fingerprint. Egal, wer das kopiert, runterlädt und wieder neu hochlädt, dieses Video behält immer diesen Fingerprint.
Was du selbst tun kannst?
Was sollen Leser*innen konkret tun, wenn sie ein Video mit Tierleid sehen? Wiebke: Ganz wichtig: keine Likes für Tierleid. Der erste Punkt ist das Erkennen und zwischen Reiz und Reaktion zu unterscheiden. Mein erster Reiz ist: Gott, wie süß. Geht mir genauso, ich liebe Tiere. Dann kurz innezuhalten und zu überlegen: Ist das für das Tier eigentlich eine gute Situation?
„Sichtbarkeit schafft doch Bewusstsein” – stimmt das?
Manche sagen: Lieber solche Videos zeigen, damit die Öffentlichkeit weiß, was passiert. Wiebke: Hier ist ganz wichtig, zwischen den Inhalten zu differenzieren, die informieren und aufklären, und jenen, die wir mit unserer Kampagnenarbeit angehen. Es geht uns ausschließlich um die verherrlichende und verharmlosende Darstellung von Tierleid.
Über 75.000 Menschen folgen This Is Vegan auf YouTube, Instagram und dem Sparradar Vegan Alarm.

Schon den Plantbased-Podcast gehört?

Veganismus, Tierschutz, Klima, Nachhaltigkeit, Artenschutz, alles, was uns gerade umtreibt, gibt es bei Plantbased, unserem Podcast. Wir reden mit Menschen, die etwas zu sagen haben und mit ihrem Leben zeigen, was geht. Auch als Videopodcast auf YouTube.

Schon zu Gast waren u. a. Sarah Connor, Hannes Jaenicke, Paul Watson, Patrik Baboumian, Bibi Heinicke, Atze Schröder, Kerstin Ott, Dr. Zoe Mayer, Maya Leinenbach und Femke Den Haas und viele weitere.

Seit 2019 · This Is Vegan · unabhängig, vegan, manchmal unbequem


Mitmachen, nicht nur mitlesen

Wir finanzieren uns über Affiliate-Empfehlungen und die Community. Schau auf unseren Community Deals vorbei für exklusive Rabattcodes bei sorgfältig ausgesuchten plant-based Partnern. Du zahlst nichts extra, wir können weiterschreiben. Fairer Deal.

Oder folg uns einfach hier:

In eigener Sache

Dieser Tierschutz-Journalismus ist gratis und werbearm, weil Leser:innen ihn tragen. Schon 3 € helfen – für die Tiere, für die Sache.

Jetzt spenden

Unsere Partner, die die Mission mittragen: Vriends 🌱

Hat dir das geholfen? Alles hier ist kostenlos und bleibt es. Ein Kaffee hilft.

Spendier mir einen Kaffee
Please install and activate Powerkit plugin from Appearance → Install Plugins. And activate Opt-in Forms module.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Newsletter Mehr Stories