Affenquälerei-Netzwerk: Wie US-Ermittler den Ring zerschlagen
In einem Bürogebäude in New Orleans sitzt seit Monaten ein Team von Bundesermittlern an einem Fall, der schwer auszuhalten ist. Die Beamten von Homeland Security Investigations, kurz HSI, ziehen ein internationales Netzwerk auseinander, dessen einziger Zweck darin bestand, gegen Bezahlung Videos von gequälten Affen herstellen zu lassen.
Mindestens 30 Menschen sind in den USA inzwischen angeklagt. Die ersten Urteile sind gesprochen. Und das ist juristisch bemerkenswerter, als es auf den ersten Blick wirkt.
Wir beschreiben in diesem Text bewusst keine Gewaltdetails und zeigen keine Aufnahmen aus dem Verfahren. Es geht um die Struktur des Netzwerks, um die Strafverfolgung und um die Frage, warum so etwas in Deutschland deutlich schwerer zu ahnden wäre.
Symbolbild. Der entscheidende Punkt dieser Netzwerke ist die Kamera: Ohne Abnehmer für die Aufnahmen gäbe es die Taten nicht.
Wie das Netzwerk funktioniert hat
Die Ermittlungen zeichnen ein Bild, das mit dem Klischee vom Einzeltäter wenig zu tun hat. Es war arbeitsteilig organisiert.
Symbolbild. Die Nachfrage nach den Videos saß in gewöhnlichen Wohnzimmern in den USA und Europa.
Die Nachfrage saß in den USA und in Europa. Bezahlt wurde in kleinen Beträgen an Auftragsproduzenten im Ausland, vor allem in Indonesien. Koordiniert wurde das Ganze in geschlossenen Gruppen auf verschlüsselten Messengern, allen voran Telegram, teilweise mit Anbahnung über öffentliche Plattformen wie YouTube.
Die Gruppen benutzten eine eigene Tarnsprache. Chaträume hießen intern „Kitchens”, die Videos liefen als „Sauce”. Solche Codes sind kein Detail am Rande. Sie sind der Grund, warum automatisierte Moderationssysteme lange nichts gefunden haben: Wer nach den offensichtlichen Begriffen sucht, findet eine Gruppe nicht, die über Küchen und Soßen spricht.
Betroffen waren fast ausschließlich Makaken, überwiegend Jungtiere.
Makaken leben in komplexen Sozialverbänden. Jungtiere bleiben über Jahre eng bei ihren Müttern.
Die Urteile
Der Fall ist kein einzelnes Verfahren, sondern eine ganze Serie, verteilt über mehrere US-Bundesstaaten. Ein Überblick über den Stand, wie ihn die Berichterstattung und Mitteilungen des US-Justizministeriums abbilden:
Mike Maccartney aus Virginia hat sich 2024 schuldig bekannt. Ihm wurden über 300 Zahlungen für entsprechende Inhalte nachgewiesen. Sein Fall gilt als Wendepunkt, weil über ihn die Zahlungsspuren zu weiteren Beteiligten führten.
Francisco Javier Ravelo aus Coral Gables in Florida wurde zu 60 Monaten Haft verurteilt, also fünf Jahren, dazu drei Jahre Führungsaufsicht. Ermittelt hatte HSI.
Ariel Kornienko aus Covington in Louisiana hat sich schuldig bekannt, zehn Videos verbreitet zu haben.
Joseph Garrett Buckland aus Pennsylvania und Amanda Leigh Fourez haben sich ebenfalls schuldig bekannt. Buckland wird vorgeworfen, Teil einer Gruppe gewesen zu sein, die Geld zusammengelegt hat, um einen Produzenten in Indonesien zu bezahlen.
Garrett Fitzgerald wurde zu 30 Monaten Haft verurteilt, drei Jahren Führungsaufsicht und 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit.
Zwei weitere Beschuldigte aus dem Norden Louisianas, die unter den Netznamen „Beglu” und „Cat Face” aufgetreten sein sollen, haben auf nicht schuldig plädiert. Für sie gilt die Unschuldsvermutung, ihre Verfahren sind offen.
Symbolbild. Wir zeigen bewusst keine Aufnahmen aus dem Verfahren.
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Jetzt kostenlos anmeldenParallel ermittelt das FBI in einem eigenen Verfahren in Ohio. Weltweit sind nach Zählung von Tierschutzorganisationen inzwischen mehr als 30 Personen wegen ihrer Rolle in solchen Netzwerken strafrechtlich verfolgt worden.
Das Gesetz, das diese Verfahren erst möglich macht
Hier wird es interessant, und hier liegt der eigentliche Grund, warum dieser Fall auch für deutsche Leserinnen und Leser relevant ist.
Die Anklagen stützen sich auf den PACT Act, den Preventing Animal Cruelty and Torture Act von 2019, kodifiziert als 18 U.S. Code § 48. Das Gesetz verbietet sogenanntes „animal crushing”, definiert als das vorsätzliche Zerquetschen, Verbrennen, Ertränken, Ersticken, Aufspießen oder anderweitige Zufügen schwerer körperlicher Verletzungen bei einem lebenden Tier. Der Strafrahmen reicht bis zu sieben Jahren Bundesgefängnis, dazu Geldstrafen bis zu 250.000 Dollar.
Entscheidend ist, was 2019 dazukam. Bereits seit 1999 waren solche Videos in den USA verboten, aber eben nur die Videos. Die zugrunde liegende Tat selbst fiel durch das Raster des Bundesrechts. Der PACT Act hat diese Lücke geschlossen und damit erst den Hebel geschaffen, gegen ein Netzwerk vorzugehen statt nur gegen einzelne Dateien.
Dazu kommt ein praktischer Punkt: Weil es sich um Bundesrecht handelt, kann eine Behörde wie HSI bundesstaatenübergreifend und international ermitteln. Genau das ist bei einem Netzwerk mit Nachfrage in Louisiana, Zahlungen aus Pennsylvania und Produktion in Indonesien die Voraussetzung dafür, dass überhaupt jemand zur Verantwortung gezogen wird.
Warum Indonesien, und was wir dort selbst gesehen haben
Dass die Produktion nach Südostasien ausgelagert wurde, ist kein Zufall. Langschwanzmakaken leben dort in großer Zahl in unmittelbarer Nähe zu Menschen, der Zugriff auf Tiere ist einfach, die Strafverfolgung schwach und das Einkommensgefälle zu zahlungskräftigen Auftraggebern im Westen enorm.
Genau dieses Thema war 2026 Gegenstand des SMACC Global Summit auf Bali, bei dem wir vor Ort waren. SMACC steht für Social Media Animal Cruelty Coalition, ein Zusammenschluss von Tierschutzorganisationen, der Tierquälerei auf Plattformen dokumentiert und Druck auf die Betreiber macht.
Podiumsdiskussion beim SMACC Global Summit 2026 auf Bali.
Was uns dort am meisten hängen geblieben ist: Die Netzwerke, über die jetzt in New Orleans Anklage erhoben wird, sind nur das äußerste Ende eines viel breiteren Spektrums. Dazu gehören auch gestellte Tierrettungen, bei denen Tiere absichtlich in Not gebracht werden, um die Rettung filmen zu können. Wie das funktioniert, woran man solche Inhalte erkennt und was die Algorithmen damit zu tun haben, haben wir ausführlich aufgeschrieben: Klicks mit Tierleid: Warum Tierquälerei auf Social Media boomt.
Beim SMACC Global Summit 2026 auf Bali. Der Zusammenhang zwischen den Foltervideos und der breiteren Content-Ökonomie war dort eines der Kernthemen.
Wie die Rechtslage in Deutschland aussieht
Und jetzt der unangenehme Vergleich.
In Deutschland greift bei Tierquälerei § 17 Tierschutzgesetz. Der Strafrahmen liegt bei bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe. Ein eigener Straftatbestand für die kommerzielle Herstellung oder den Handel mit Foltervideos, wie ihn der PACT Act kennt, existiert nicht.
Eine Verschärfung war durchaus geplant. Ein Regierungsentwurf vom Mai 2024 sah bis zu fünf Jahre vor, wenn jemand wiederholt, gewerbsmäßig oder gegen eine große Zahl von Wirbeltieren handelt. Dieser Entwurf ist der Diskontinuität zum Opfer gefallen, als die Koalition zerbrach. Am materiellen Strafrahmen des § 17 hat sich damit nichts geändert, eine Anhebung ist derzeit nicht vorgesehen. Die Fünfte Novelle des Tierschutzgesetzes, die das Bundeslandwirtschaftsministerium im März 2026 in die Verbändeanhörung gegeben hat, behandelt vor allem die Videoüberwachung großer Schlachthöfe.
Das heißt nicht, dass in Deutschland nichts verfolgt würde. Es heißt, dass die Werkzeuge stumpfer sind: ein niedrigerer Strafrahmen, keine spezifische Norm für den Handel mit solchen Inhalten, und Zuständigkeiten, die bei international organisierten Strukturen schnell an Grenzen stoßen.
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Was du konkret tun kannst
Das Wichtigste zuerst, weil es die häufigste Fehlreaktion ist: Nicht kommentieren, nicht teilen, auch nicht empört. Empörung ist für einen Algorithmus schlicht Interaktion. Ein wütender Kommentar unter einem grausamen Video signalisiert dem System, dass der Inhalt Menschen beschäftigt, und sorgt dafür, dass er mehr Leuten ausgespielt wird. Wer solche Videos aus Fassungslosigkeit weiterschickt, hilft ungewollt bei der Verbreitung.
Stattdessen:
- Melden statt reagieren. Jede große Plattform hat eine Meldefunktion für Tierquälerei. Melden, wegklicken, nicht ansehen.
- Kanal blockieren, damit der Algorithmus lernt, dass diese Richtung nicht funktioniert.
- Nicht in die Kommentare gehen, auch nicht, um jemanden zurechtzuweisen.
- Bei mutmaßlich strafbaren Inhalten mit Deutschlandbezug kann eine Anzeige bei der Polizei sinnvoll sein, ebenso eine Meldung an eine Tierschutzorganisation, die die Fälle bündelt.
Der größere Zusammenhang
Es wäre bequem, diesen Fall als Geschichte über ein paar Sadisten am Rand der Gesellschaft abzulegen. Bequem, aber unvollständig.
Dieselbe Art, die in diesen Videos gequält wurde, der Langschwanzmakake, ist auch die weltweit am häufigsten in Laboren eingesetzte Primatenart. Was dort legal geschieht, wird nicht öffentlich diskutiert, weil es einen Zweck hat. Über die tatsächliche Aussagekraft dieser Versuche haben wir uns die Studienlage genau angesehen: Von 100 Wirkstoffen kommen 5 an.
Der Unterschied zwischen beidem ist real und er ist wichtig. Aber die Frage darunter ist dieselbe: unter welchen Bedingungen wir bereit sind, das Leiden eines empfindungsfähigen Tieres in Kauf zu nehmen, und wer diese Bedingungen festlegt. Wer daran arbeitet, die eigene Antwort darauf konsistenter zu machen, findet in unserem Impact-Rechner zumindest eine Zahl für die Seite, die man selbst beeinflussen kann.
Macaca fascicularis, der Langschwanzmakake. Dieselbe Art, die weltweit auch in Tierversuchslaboren eingesetzt wird.
Fachleute, die Tierethik und Studienlage einordnen, kommen regelmäßig in unserem Podcast zu Wort.
Häufige Fragen
Was wird den Angeklagten konkret vorgeworfen?
Herstellung, Verbreitung oder Finanzierung von Videos, die schwere Tierquälerei zeigen. Rechtsgrundlage ist der US-Bundesstraftatbestand des „animal crushing” nach 18 U.S. Code § 48.
Wie hoch sind die Strafen?
Der Strafrahmen reicht bis zu sieben Jahren Haft und 250.000 Dollar Geldstrafe. Die bislang höchste bekannte Strafe in dieser Fallserie liegt bei fünf Jahren.
Wie viele Menschen sind betroffen?
In den USA sind mindestens 30 Personen angeklagt. Weltweit zählen Tierschutzorganisationen inzwischen mehr als 30 strafrechtlich verfolgte Beteiligte.
Warum wurden die Videos in Indonesien produziert?
Weil dort Langschwanzmakaken in großer Zahl in Menschennähe leben, die Strafverfolgung schwach ist und das Einkommensgefälle die Bezahlung aus dem Ausland attraktiv macht.
Wäre so ein Netzwerk in Deutschland genauso strafbar?
Tierquälerei ist über § 17 Tierschutzgesetz strafbar, mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe. Einen eigenen Straftatbestand für den Handel mit solchen Videos, wie ihn der PACT Act vorsieht, gibt es hier nicht. Eine geplante Verschärfung auf fünf Jahre ist 2024 im Gesetzgebungsverfahren gescheitert.
Mache ich mich strafbar, wenn ich so ein Video sehe?
Das bloße Ansehen ist in der Regel nicht strafbar. Weiterverbreiten kann es jedoch sein, und es hilft in jedem Fall den Tätern. Melden ist die richtige Reaktion.
Quellen: Berichterstattung der Zeitung The Times-Picayune / nola.com zu den Ermittlungen von Homeland Security Investigations, Pressemitteilungen des US-Justizministeriums zu den Einzelverfahren, 18 U.S. Code § 48 (PACT Act), § 17 Tierschutzgesetz. Für Beschuldigte, deren Verfahren noch laufen, gilt die Unschuldsvermutung.
FAQ - Das fragen andere
Wie das Netzwerk funktioniert hat?
Warum Indonesien, und was wir dort selbst gesehen haben?
Wie die Rechtslage in Deutschland aussieht?
Was du konkret tun kannst?
Was wird den Angeklagten konkret vorgeworfen?
Wie hoch sind die Strafen?
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