Sebastian Everding im Interview: Der Tierschützer im EU-Parlament über Lobbys, Kantinen und 0,4 Prozent Veganer
Im Europäischen Parlament sitzen 720 Abgeordnete. Drei davon leben vegan. Einer von ihnen ist Sebastian Everding aus Dortmund, seit Sommer 2024 Abgeordneter der Tierschutzpartei. Er sagt über sich selbst, er sei nicht der Politiker, der sich nebenbei um Tierschutz kümmert, sondern der Tierschützer, der in die Politik gegangen ist.
Für den Plantbased Podcast haben wir mit ihm gesprochen, an einem Morgen, an dem es in Brüssel 36 Grad werden sollten. Es ging um Anträge, die abgelehnt werden, sobald sein Name draufsteht, um eine Kantine, in der das vegetarische Gericht an vier von fünf Tagen nicht vegan ist, um Philip Morris, um Straßenhunde in Rumänien und um die Frage, warum sich die Tierschutzszene so oft selbst im Weg steht.
Hier kommt das Gespräch in der Lesefassung. Read this article in English.
Wer ist Sebastian Everding? ●
- Jahrgang 1983, geboren und zu Hause in Dortmund
- Gelernter Informationselektroniker, Betriebswirt und Meister, führte jahrelang ein Radio- und Fernsehgeschäft
- Nachhaltigkeitsunternehmer: baute alte Kaugummiautomaten zu Bienenautomaten um
- Seit 2020 in der Partei Mensch Umwelt Tierschutz (Tierschutzpartei), erst Kommunalpolitik in Dortmund, seit Juli 2024 Mitglied des Europäischen Parlaments in der Fraktion Die Linke
- Vier Ausschüsse: Landwirtschaft, Fischerei, Umwelt und Gesundheit, dazu Vizepräsident der Tierschutz-Intergroup
- Teil der ProSieben-Doku „Die Hunde-Mafia“ über Tötungsstationen für Straßenhunde in Rumänien
- Instagram: @sebastian.everding
Die ganze Folge mit Sebastian Everding anschauen
Das komplette Gespräch gibt es als Video auf YouTube. Ein Klick auf das Vorschaubild startet den Player, vorher lädt hier nichts von YouTube.
Vom Radio-Fernsehladen ins Europaparlament
Wer bist du, was machst du? Dein Lebenslauf ist zu lang, um ihn vorzulesen.
Sebastian: So lang finde ich ihn gar nicht, aber er hat nicht da angefangen, wo ich jetzt bin. Nach Abi und Zivildienst habe ich mich gegen ein Studium entschieden und bin im Handwerk gelandet: Ausbildung zum Informationselektroniker, früher hieß das Radio- und Fernsehtechniker. Dann Betriebswirt, Meisterschule, und lange Jahre habe ich einen Radio- und Fernsehladen geführt. Man kann sich denken, dass der Verkauf von Elektronik in Zeiten großer Internethändler nicht so zukunftssicher ist. Irgendwann musste ich den Laden schließen.
Danach war ich Dozent für Azubis, habe von meiner Familie eine kleine Hausverwaltung übernommen und ökologisch umgebaut. Und dann bin ich durch reinen Zufall Nachhaltigkeitsunternehmer geworden, mit dem Upcycling alter Kaugummiautomaten zum Schutz von Wildbienen.
Und die Politik?
Sebastian: Das ist ein kleines offenes Geheimnis: Ich komme aus einem Unternehmerhaushalt und war als Jugendlicher in der Jungen Union. Ich fand Konservatismus damals eine coole Sache. Irgendwann habe ich gemerkt, das ist keine Antwort auf gar nichts. Je mehr ich mich im Tier- und Umweltschutz engagiert habe, desto weiter habe ich mich von diesen Positionen entfernt. Richtig politisch aktiv bin ich erst 2019, 2020 geworden, über die Kommunalwahl in Dortmund. Und irgendwann wurde ich gefragt: Sebastian, willst du nicht fürs Europäische Parlament kandidieren?
Da musste ich lange überlegen, weil das mit einem Wechsel der ganzen Lebensumstände verbunden ist. Man ist einfach ganz viel nicht zu Hause. Von Brüssel nach Dortmund kann man noch mal schnell fahren, von Straßburg nicht. Aber meine Familie stand nach einigen Gesprächen komplett hinter mir. Sonst ginge das gar nicht.
„Ich bin der Tierschützer, der in die Politik gegangen ist, und nicht der Politiker, der sich so ein bisschen um Tierschutz kümmert.“ ●

Ein ganz normaler Dienstag: Meeresschutz, Fuchsjagd, Bleimunition und Müll
Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus? Gibt es den überhaupt?
Sebastian: Das ist Fluch und Segen dieses Berufs. Es ist immer spannend und immer anders, weil die Themen ständig wechseln. Du bekommst montags etwas rein, am Mittwoch wird abgestimmt, du musst dich schnell einlesen und weißt genau, nächste Woche sind schon wieder ganz andere Themen dran. Bei vielen Sachen würde ich gern viel tiefer einsteigen, aber die Zeit hast du nicht.
Nehmen wir den letzten Dienstag. Morgens Ausschuss, der Kommissar für Meere und Ozeane war da, den habe ich auf Meeresschutzgebiete angesprochen. Danach zwei NGOs: einmal Fuchsjagd, einmal Wildvogelschutz. Dazu ein Thema, das ich kurzfristig von einer erkrankten Kollegin übernommen habe: Blei in Angelgewichten und Munition. Dann der nächste Ausschuss, eine große Debatte zum Kreislaufgesetz, also Müll.
Müll und Tierschutz, wie passt das zusammen?
Sebastian: Da ernte ich bei vielen Kolleginnen und Kollegen Augenrollen und Kopfschütteln. Ich habe das Thema Tiere im Müll eingebracht: Wie viele Tiere werden produziert, die gar nicht gegessen werden, die direkt in den Müll laufen? Ich argumentiere immer auf zwei Schienen. Die Empathie-Schiene, fühlende Lebewesen, wohl wissend, dass das bei vielen nicht ankommt. Und zusätzlich die Wirtschaftsschiene: Das sind verschwendete Ressourcen. Die Tiere wurden gefüttert, es wurde Energie aufgewendet, sie wurden transportiert. Das kommt bei vielen an.
Danach Videokonferenzen, abends der Jahresempfang der Eurogroup for Animals, wo man Networking betreiben muss. Es ist nicht selten, dass ich um 7 oder halb 8 im Parlament bin und um 21, 22 Uhr zurückkomme. In Straßburg sind die Tage noch länger. Von einer 40-Stunden-Woche bin ich sehr weit entfernt. Und am Wochenende sind wir dann auf Demos, Mahnwachen oder Aktionen, meistens kommt meine Frau mit. Letzten Sonntag waren wir mit einer Tierschützerin in einem Lost Place und haben Eier von Stadttauben getauscht.
Wie viel Kaffee trinkst du am Tag? Woher kommt der Drive?
Sebastian: Ich bin der früh aktive Typ, fange lieber morgens an und gehe abends so früh es geht schlafen. Und es ist eine Sache, die ich aus Überzeugung mache. Gerade die Aktivitäten außerhalb des Parlaments geben mir Kraft. Denn, das sage ich ganz offen: Es gibt so viele frustrierende Momente hier. Sachen werden abgelehnt, weil meine Partei draufsteht, weil mein Name draufsteht. Der Everding fordert wieder irgendwas, das könnte Nachteile für die Landwirte haben, ablehnen. Ich erlebe das ganz häufig, dass bei Anträgen schon geguckt wird, ob da Everding steht.
„Von meinen 2.000 Anträgen wurden 1.900 abgelehnt. Ich konzentriere mich auf die anderen.“ ●

Du hast Schliefenanlagen erwähnt. Was ist das?
Sebastian: Das ist ein Herzensthema, das ich schon aus der Kommunalpolitik verfolge. Davon gibt es in Deutschland ganz viele: Da werden lebende Füchse gehalten und missbraucht, um Jagdhunde auszubilden. Als ich das zum ersten Mal mitbekommen habe, dachte ich: Was? Und das weiß niemand? Das ist eines dieser vielen Tierleid-Themen, die hinter hohen Mauern und Hecken stattfinden, wo selbst die direkte Nachbarschaft nichts davon weiß.
Also haben wir zusammen mit Tierschutzvereinen und Fuchsorganisationen eine Informationsveranstaltung in der Dortmunder Innenstadt gemacht und sind danach mit großen Plakaten vor diese Schliefenanlage gezogen, damit alle, die vorbeifahren, sehen: Was steht denn da? Was ist da hinten? Das soll einfach Aufmerksamkeit schaffen. Deswegen lade ich auch so gern Menschen ins Parlament ein. Ich verschaffe denen, die ihre Zeit, ihr Geld, ihr ganzes Leben für ein Thema aufwenden, eine Möglichkeit, gehört zu werden. Ob Stadttauben, Füchse, Eulen oder der Balkanluchs, von dem es weniger als 50 Exemplare gibt. Mein Spaß-Ziel: Am Ende der Legislaturperiode muss ich alle großen Tierthemen einmal angesprochen haben.
Der Veganer im Fischereiausschuss
Ist das Parlament wirklich so lobbydurchsetzt, wie alle sagen?
Sebastian: Es ist nicht nur Gerede, es ist wirklich so. Wobei ich gar nicht so viele Lobbykontakte aus dieser Richtung habe. Ich glaube, die sprechen mich bewusst nicht an. Die gehen zu ihren üblichen Ansprechpartnern bei CDU, CSU, FDP, SPD, die man seit Jahren kennt. Ich bin vermutlich der Letzte, den man anspricht.
Ich sitze in vier Ausschüssen. Beim Agrarausschuss verstehen die meisten noch die Verbindung. Dann bin ich im Fischereiausschuss, und der ist noch viel frustrierender. Ich versuche das mit Humor zu nehmen: Da sitzt der Veganer im Fischereiausschuss, der gar keinen Fisch isst, und alle schwadronieren, wie wichtig der Konsum von Fisch ist, wie gesund, und dass die europäischen Fangflotten voll ausgelastet sein müssen.
Ich habe am Anfang gefragt: Warum müssen europäische Fangflotten vor afrikanischen Ländern fischen? Dann wurde mir langsam erklärt, das seien vor allem spanische Flotten, und: Wenn wir da nicht sind, kommen die Chinesen und fischen alles weg. Deswegen sei es gut, dass wir da sind, deswegen solle ich bitte das Fischereiabkommen unterstützen. Diese Logik kann ich einfach nicht mitgehen.
Und dann kommen die Kormorane.
Sebastian: Ganz viele sagen: Wir müssen unsere Fischerinnen und Fischer schützen, und diese furchtbaren Seehunde und Kormorane brauchen dringend ein Management, weil sie schädlich sind. Dann zitiere ich immer eine bekannte Studie der Uni Stockholm, die zeigt, wie gering der Einfluss von Meeresvögeln wirklich ist. Danach hat mich ein schleswig-holsteinischer CDU-Abgeordneter angesprochen, wie ich eigentlich drauf wäre. Das solle ich mal den Fischern sagen, dass ich die Kormorane schützen will. Das wäre das Allerletzte, ich solle mich bei denen gar nicht sehen lassen. So ist die Stimmung, sobald jemand etwas sagt, das nicht in die normalen Wortmeldungen passt.
Wale und Seehunde fallen übrigens gar nicht in den Fischereiausschuss. Die landen im Umweltausschuss. Ganz wilde Zuständigkeiten. Und im Gesundheitsausschuss bin ich, weil dort alle Prüfinstitutionen für Tierversuche, Medikamententests und Chemikalien landen.

Fleisch, Krebs und ein Kommissar, der „alles ist sicher“ sagt
Du hast dich im Gesundheitsausschuss als Schattenberichterstatter für einen Bericht zu Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gemeldet. Warum?
Sebastian: Viele fragten: Was machst du denn da, kümmere dich um Tierschutz. Aber das ist der Punkt, wo meine Tierschutzwelt und die Gesundheit der Menschen zusammenkommen. Ich führe seit einem Jahr immer wieder dasselbe Gespräch mit unserem Kommissar für Tierschutz und Gesundheit. Es ist toll, dass wir ein Kommissariat für Tierschutz in Europa haben. Nur blöd, wenn es so schlecht besetzt ist.
Vor einem Jahr habe ich ihn konfrontiert: Was ist mit der WHO, die verarbeitetes und rotes Fleisch als krebserregend einstuft? Seine Antwort: Alles Essen in Europa ist sicher. Vor drei, vier Monaten das nächste Gespräch. Ich habe wieder Studien zitiert, ich versuche hier immer wissenschaftsbasiert zu argumentieren, damit nicht der Tierkuschler kommt, der nur die Hundeaugen im Kopf hat. Und jetzt sagt er nicht mehr, alles ist sicher, sondern: Es geht um die Menge, moderater Konsum ist sicher. Das verbuche ich als kleinen Erfolg.
Und die Lobby in diesen Verhandlungen?
Sebastian: In den Verhandlungen ging es auch um Alkohol und Tabak. Und auf einmal wollte Philip Morris mit mir reden. Ich treffe mich nicht grundsätzlich nie mit Industrievertretern, ich habe mich zum Beispiel schon mit Oatly getroffen. Firmen dürfen mit Sachen Geld verdienen, solange es für mich ethisch vertretbar ist. Aber Philip Morris ist eine rote Linie, die ich niemals überschreiten werde. Sofort abgesagt.
Dann sitze ich im Ausschuss und höre Kolleginnen und Kollegen sagen: Tabak müssen wir noch mal im Detail betrachten, man muss die Unterschiede der einzelnen Nikotinprodukte sehen, Kautabak ist ganz anders, Vape muss man auch anders sehen. Da dachte ich: Moment, die haben die Gesprächsangebote angenommen, die ich abgelehnt habe. Am Ende wurde es komplett unwissenschaftlich, weil Sachen wie „moderater Alkoholkonsum“ reingeschrieben wurden. Was ist denn moderater Alkoholkonsum? Ist das bei der 20-jährigen Frau dasselbe wie beim 50-jährigen Mann?
„Leute, wir sind der Gesundheitsausschuss, nicht der Industrieförderungsausschuss.“ ●
Sebastian: Die Berichterstatterin sagte mir: Sebastian, ich verstehe dich, aber wir haben keine Mehrheit. Wenn sieben Fraktionen verhandeln und zwei wollen Fleisch, Tabak und Alkohol drin haben und fünf sagen, so hart sollte man das nicht formulieren, dann war es das. Könnt ihr wirklich vor eure Wählerinnen und Wähler treten und sagen: Ich habe in enger Absprache mit der Tabak- und Alkohollobby entschieden, moderater Konsum ist okay?
Mir wurde auch schon direkt gesagt: Sebastian, du mit deinem Luxusthema, es geht um Wirtschaft, um Krisen, um Krieg und Frieden. Aber guckt euch die Umfragen an, wie vielen Menschen Tierschutz, Umweltschutz und Klimaschutz wichtig sind. Ich vertrete keine Nischenthemen. Millionen Menschen in Europa ist das wichtig.
0,4 Prozent: die Kantine und die Frage, wer hier vegan lebt
Wie hoch ist die Quote an vegan lebenden Menschen im Parlament? Ich tippe zwei Prozent.
Sebastian: Dann wären wir ja auf einem Stand, der dem Bevölkerungsdurchschnitt entspricht. Nein. Es kann sein, dass es noch vegane Menschen gibt, die sich mir gegenüber noch nicht geoutet haben. Aber tatsächlich sind wir drei. Das entspricht 0,4 Prozent des Parlaments. Ich weiß von einer Handvoll vegetarisch lebender Abgeordneter durch alle Fraktionen. Mir wurde sogar gesagt, in der ganz rechten Fraktion soll es eine Vegetarierin geben.
Wie sieht es in der Kantine aus, in Brüssel und in Straßburg?
Sebastian: Uff. Ich hatte inzwischen fünf oder sechs E-Mails und zwei oder drei Treffen mit der Parlamentsverwaltung, weil ich irgendwann einfach sauer war. In der Regel gibt es einmal die Woche ein veganes Gericht, wenn man Glück hat. Es gibt den Vegetarian-Bereich, wo ich jeden Tag optimistisch hingehe und lese: contains eggs, milk. An vier von fünf Tagen ist das vegetarische Gericht nicht vegan. Dann bleibt der Gang zum Salatbuffet. Jeden Tag Salat ist auch nicht der Hit.
In Straßburg gibt es zumindest jeden Tag ein veganes warmes Mittagsgericht, aber die Köchinnen und Köche dort sind dermaßen unkreativ: Tofu pur, Champignons, oder mein persönliches Hassgericht, Couscous mit Falafel und Gemüse. Der Teller besteht zu 90 Prozent aus trockenem Couscous und trockenen Falafel mit drei, vier Paprikastücken obendrauf. Ich habe es noch nie geschafft, ihn aufzuessen. Und dieses Gericht steht jede Straßburg-Woche auf der Karte. Mir wurde gesagt: Die Nachfrage ist zu gering, um das Angebot auszuweiten.
„Ich behaupte im Spaß, dass manche Caterer in Brüssel nur von meinen Veranstaltungen überleben, weil ich immer das vegane Angebot buche.“ ●
Sebastian: Wir versuchen, Menschen da abzuholen, wo sie stehen. Als Partei haben wir bei Parteitagen grundsätzlich nur veganes Catering, und das mache ich im Parlament genauso. Es gibt immer viele parallele Veranstaltungen, und manche sagen: Ich gehe zu Sebastians Veranstaltung, weil ich weiß, da gibt es gutes Essen. So habe ich schon so oft gehört: Das ist vegan? Das ist ja mega lecker. Aljosha Muttardi hat früher im Podcast „Vegan ist ungesund“ immer gesagt: Sei der Veganer, den du früher gern getroffen hättest. Das versuche ich zu leben. Nicht belehren. Ich kann dir gern Alternativen nennen, und ich kann dir sagen, warum das schlecht ist, wenn du es hören willst.

Level-3000-Veganer und die Bratwurst beim Tag der offenen Tür
Wie kam es bei dir eigentlich zum Veganismus?
Sebastian: Die klassische vegane Karriere: wenig Fleisch, Bio-Fleisch, vegetarisch, dann eine lange vegetarische Phase. Beim Camembert fehlen mir bis heute Cremigkeit und Konsistenz. Viele haben diesen einen Schlüsselmoment, den Tiertransport auf der Straße, die Doku. Bei mir war es schleichend. Ich kann nicht sagen, seit dem 14.07.2014. Irgendwann war klar: Man liebt Tiere, will ihnen helfen und konsumiert sie trotzdem, das passt nicht zusammen.
Und da muss ich auch selbstkritisch zurückblicken. Ich war viele Jahre im Vorstand eines Tierheims. Wir haben Hunde, Katzen und Kaninchen aus schlimmster Haltung geholt und aufgepäppelt. Und der Bratwurststand beim Tag der offenen Tür war Standard. Ich war genauso.
„Wir sind alle nicht vegan auf die Welt gekommen. Für alle war es ein Prozess.“ ●
Sebastian: Ich nenne sie die Level-3000-Veganer: die überall etwas Unveganes sehen und sofort fragen, ob dein Schuh wirklich vegan ist. Für manche ging es von heute auf morgen, Respekt, ich habe länger gebraucht. Ich hoffe, dass ich irgendwann den Punkt erreiche, an dem ich länger vegan lebe als nicht vegan. Noch ist es umgekehrt. Das sollte man mit ein bisschen Demut im Hinterkopf behalten: Angebote machen, informieren, aber niemals von oben herab.
Wenn jemand sagt, mein Herz schlägt für Straßenhunde in Rumänien, dann sollte man die Person machen lassen und unterstützen, statt zu sagen: Du siehst das Leid der Straßenhunde, aber nicht das Leid in der Massentierhaltung. Ich habe selbst mit Hunde- und Katzentierschutz angefangen. Irgendwann sieht man ein Leid, und dann sieht man auch jedes andere.
Rumänien: Tötungsstationen, ein Tanzbär und eine Pressekonferenz ohne Kommission
Du warst Teil der ProSieben-Doku „Die Hunde-Mafia“ von Nathan Goldblat. EU-Gelder für Tötungsstationen, stimmt das?
Sebastian: Rückblickend war das eine sehr schöne Sache, es steht in der Liste meiner Highlights. Straßenhunde sind mein Herzensthema, und endlich hat es mal mediales Interesse bekommen. Sonst bin ich damit allein mit einer Handvoll Kolleginnen und Kollegen. Deswegen bin ich Nathan, dem Produktionsteam und ProSieben sehr dankbar, dass sie dem eine Bühne gegeben haben.
Angefangen hat es mit einer Veranstaltung zu rumänischen Straßenhunden, die ich mit NGOs im Parlament organisiert habe. Nathan hat Kontakt aufgenommen, ob er kommen könnte. Da war er noch Gast. Daraus ist die Idee der Doku entstanden. Ein Punkt, auf dem ich immer bestanden habe, ist Bildung. Es ist nachgewiesen, dass die Population der Straßenhunde durch nicht kastrierte Haus- und Hofhunde immer wieder Nachschub bekommt. Alle sagten mir: Wir können den ganzen Tag kastrieren, wenn 80 Prozent der freilaufenden Hofhunde nicht kastriert sind, kommen wir niemals dagegen an. Deswegen muss Tierschutz in die Schulen, damit zumindest eine Generation aufgeklärt ist.
Und die Reaktion der Kommission?
Sebastian: Wenn ich Veranstaltungen zu Tierschutz mache, kriegen wir in der untersten Etage ganz hinten links einen kleinen Raum für 30 Leute. Ich sage bei meinen Einführungen immer: Welcome to the most hidden room in the Parliament. Würde ich eine Veranstaltung zur Zukunft der Automobil- oder Rüstungsindustrie machen, hätten wir den großen Saal für 500 Leute. Für die Doku hatten wir eine Pressekonferenz organisiert, ohne Ende telefoniert, E-Mails und Briefe geschickt, Kommissionsvertreter eingeladen. Am Ende war niemand dabei.
„Das Töten von Tieren ist niemals eine Lösung. Das betrifft Straßenhunde, das betrifft aber auch sogenannte Nutztiere.“ ●
Wiebke Plasse von der Welttierschutzgesellschaft, unser letzter Gast, hat dir eine Frage hinterlassen: Wo auf der Welt hat dich welches Tier am meisten bewegt?
Sebastian: Ich habe mich in Rumänien mindestens so viel mit Braunbären beschäftigt wie mit Hunden. Es gibt dort das Bärenreservat Libearty, betrieben von einer sehr engagierten Rumänin, die alle Bären aufnimmt, die aus Zirkussen oder aus übelster privater Haltung kommen. Ein Gehege dort ist komplett blickdicht abgeschirmt, alle anderen nicht. Warum? Dieser Bär ist darauf trainiert, sich zu drehen, sobald Menschen kommen, weil er dafür Futter bekam. Um ihn davor zu schützen, sich ständig zu drehen, wenn jemand vorbeikommt, wird er abgeschirmt. Ein so trauriges Detail.
Das ist mein negatives Beispiel. Das positive war in Albanien, wo ich mit einer Naturschutzorganisation unterwegs war und Hunderte Flamingos über uns hinweggeflogen sind. Ich hatte in meinem Leben noch nie fliegende Flamingos gesehen, man kennt sie aus Parks und Zoos, wo ihnen die Flügel gekürzt werden, damit sie schön ansehnlich herumstehen.

„Wir haben dich doch gewählt“: Erwartungen, ein Notfallboot und 30.000 fehlende Stimmen
Du bekommst offenbar viele Nachrichten mit Fotos von verletzten Tieren.
Sebastian: Ich habe eine Mitarbeiterin, die manchmal sagt: Sebastian, sag den Leuten, sie sollen mir keine Videos mehr schicken von verprügelten, angezündeten, ertränkten Tieren. Es ist toll, dass die Leute erkannt haben, da ist einer, der sich kümmert. Aber was kann ich mit dem Bild eines euthanasierten Hundes in Rumänien tun? Mein Einfluss als einzelner Abgeordneter ist schon innerhalb der EU an vielen Punkten verschwindend gering. Außerhalb der EU? Ich schreibe unzählige Briefe an Regierungen und Botschaften. Bei 100 Briefen kriege ich vielleicht eine Antwort.
Viele Kolleginnen und Kollegen lesen ihre E-Mails nicht selbst. Ich bin dafür zu neugierig und beantworte ganz viele Nachrichten persönlich. Nur versuche ich, die Erwartungen zu dämpfen. Bei Fällen wie dem Wal Timmy kamen Nachrichten wie: Wir haben dich bei der Europawahl gewählt, jetzt kümmere dich darum. Als hätten wir ein parteieigenes Notfallboot oder ein Sondereinsatzkommando, das mit Blaulicht losdüst. Die allermeisten Aktiven unserer Partei sind Tierschützer aus dem Herzen. Aber wir haben uns entschieden, Rahmenbedingungen zu verändern, im Parlament, in Stadträten. Nicht zur nächsten Taube zu fahren. Das können wir gar nicht leisten.
Woran lag es bei der letzten Wahl, und was könnt ihr besser machen?
Sebastian: Wir haben das zweite Mandat um knapp über 30.000 Stimmen verpasst. Das macht mich traurig, wenn ich denke, was wir zu zweit hätten erreichen können. Geschadet hat uns mein Vorgänger. Der Herr Buschmann, der Name ist öffentlich, war kurz hier im Parlament, und dann kam raus, dass er als Jugendlicher in führender Position bei der NPD aktiv war. Ich glaube ihm, dass er sich davon distanziert hat, und er hat im Parlament nichts Auffälliges gemacht. Aber er hat es verheimlicht, und das hat unserer Partei einen großen Imageschaden zugefügt. Ich musste bei Abgeordneten und NGOs erst mal Vertrauen wieder aufbauen: Ach, der ist neu von der Tierschutzpartei, der Letzte war ja…
Dazu ist eine weitere Tierschutzpartei angetreten, die auch Stimmen bekommen hat. Unsere Partei hat in über 30 Jahren einige Abspaltungen erlebt, in der Regel nach rechts. Ich habe es sehr häufig erlebt, dass Menschen sich für Tiere einsetzen und gleichzeitig extrem rechtes Gedankengut haben. Da postet jemand den armen Hund in der Tötungsstation, und dann kommt auf einmal ein Höcke-Video. Und dann heißt es: Die AfD macht ja auch Tierschutz. Ein Mitarbeiter von mir wertet gerade aus, welche Parteien im Parlament wirklich für Tierschutz gestimmt haben. Bei jedem Antrag, der Rahmenbedingungen für Tiere verbessert, hat die AfD dagegen gestimmt. Wie die AfD Veganismus und Tierschutz für sich nutzt, haben wir in unserem Faktencheck zur AfD und veganer Ernährung aufgeschrieben.
„Wer Tierschutz will, muss auch Tierschutz wählen.“ ●
Sebastian: Ich hatte eine Gruppe Studierender im Parlament und habe gesagt: Ihr kennt garantiert meine Partei, die war bei vielen von euch ganz oben im Wahl-O-Mat, und die meisten von euch haben sie trotzdem nicht gewählt. Bei der Europawahl gibt es keine Fünf-Prozent-Hürde. Man kann uns wirklich wählen.
Wie er das aushält: Wald, Hund, Katzen und montags mehr Motivation
Wie bleibst du resilient?
Sebastian: Einen Teil kann ich hinter mir lassen, wenn ich Brüssel oder Straßburg verlasse. Zu Hause mit meiner Frau, mit unseren zwei Katzen und dem Hund in den Wald gehen, das brauche ich schnell, wenn ich zurück bin. Und montags, wenn es wieder losgeht, fahre ich immer motivierter hin. Weil ich hoffe, dass ich in dieser Woche eine Kleinigkeit ändern kann. Ich war immer realistisch: Ich werde nicht das ganz große Rad drehen. Aber nach fast zwei Jahren verstehe ich langsam, wo sich kleine Lücken auftun.
Ein Beispiel: Bei einem Antrag zu mentaler Gesundheit am Arbeitsplatz ging es um besonders betroffene Gruppen. Wir haben Menschen reingeschrieben, die in Schlachthöfen und Zerlegebetrieben arbeiten. Das scheint geklappt zu haben. Oder ein Event zu Eulen, das erste Mal, dass im Europäischen Parlament jemand über Eulen gesprochen hat. Ich konzentriere mich auf diese Momente, nicht darauf, dass von 2.000 Anträgen 1.900 abgelehnt wurden.

Drei Leute von der Straße zum veganen Dinner
Du darfst drei bekannte Persönlichkeiten zum veganen Dinner einladen. Wen, und was kochst du?
Sebastian: Ich würde mich von dem Gedanken an Promis komplett lösen. Ich gehe auf die Straße und hole drei komplett zufällige Leute, die mit veganer Ernährung nichts zu tun haben und die üblichen Vorurteile mitbringen: ungesund, schmeckt nicht. Wir leben in unserer veganen Bubble und denken, alle setzen sich für Tiere ein, und dann fragt man in einem Café nach Hafermilch und wird mit großen Augen angeguckt. Die Bewegung muss in der Mitte der Gesellschaft ankommen, bei der Bäckereifachverkäuferin und beim Bankmitarbeiter.
Und ich würde keine Sterneküche kochen. Gute Hausmannskost. Pfannkuchen, einen Möhreneintopf, einen Linseneintopf. Sachen, die jeder gern isst und von denen man satt wird. Damit die drei rausgehen und sagen: Hätte ich nicht gedacht, aber ist lecker, kaufe ich vielleicht nächstes Mal. Und wenn der Willi am Grill wieder über die Veganer schimpft, sagen sie: Du, Willi, hör mal auf, das schmeckt.
Welche Frage gibst du dem nächsten Gast mit?
Sebastian: Findest du es wichtig, dich politisch zu engagieren? Und wenn nicht, warum nicht?
Zwei Songs für die Plantbased-Playlist?
Sebastian: „Countdown to Insanity“ von den H-Blockx, weil ich das furchtbar gern im Auto höre, wenn ich dem Ganzen mal wieder entfliehe. Und „Bleibt alles anders“ von Herbert Grönemeyer. Ich übersetze das als Appell zu einer Veränderung.
Sein Appell an die Szene: hört auf, euch zu zersplittern
Was willst du der Community zum Schluss mitgeben?
Sebastian: Es ist toll, dass sich so viele Menschen für Tierschutz und Tierrechte einsetzen. Ich finde nur schade, dass oft so eine Distanz zur Politik da ist, dieser Anspruch, unpolitisch zu sein. Wir können als Bewegung keine Verbesserungen erreichen, wenn wir sagen: Politik lassen wir komplett raus.
Und ich wünsche mir viel mehr Kooperation. Tierschutz ist oft Egosache. Der Vorsitzende der einen Gruppe hat vor drei Jahren mal was gesagt, seitdem arbeitet man nicht mehr zusammen. Gestern standen vor dem Parlament zwei Demonstrationen unabhängig voneinander, eine für End the Cage Age, eine gegen Tiertransporte. Macht das doch zusammen. In Dortmund haben wir die Ehre, Achtung Ironie, Europas größte Jagdmesse zu haben. Wenn du da mit 20, 30 Leuten vor der Halle stehst, während 10.000 Jägerinnen und Jäger vorbeigehen, wirst du manchmal ausgelacht. Und zur gleichen Zeit demonstrieren zehn andere woanders.
„Die Lobbys sind top organisiert und investieren viel Geld. Und wir streiten untereinander, ob das Plakat größer oder kleiner sein soll.“ ●
Sebastian: Wir sind eine kleine Partei mit rund 2.500 Mitgliedern. Wir können an so vielen Stellen nicht kandidieren, weil wir keine Leute haben. Wenn wir in einer Stadt nur zwei Leute haben und mindestens drei brauchen, um eine Wahlversammlung zu machen, können wir nichts bewegen. Also bitte, liebe Tierschützerinnen und Tierschützer: Lasst uns zusammenarbeiten und lasst uns auch politisch sein. Denn das ist alles immer auch politisch.

Wer sich fragt, wie seriöser Auslandstierschutz aussieht, findet hier unseren Leitfaden: Auslandstierschutz: Woran man seriöse Vereine erkennt. Und wie Tierleid auf Social Media zum Geschäft wurde, haben wir vom SMACC Summit auf Bali mitgebracht: Klicks mit Tierleid.
Mehr aus dem Plantbased Podcast ●
So ist dieses Interview entstanden ●
Yannick hat mit Sebastian Everding im Juni 2026 für den Plantbased Podcast gesprochen, remote, gut eineinhalb Stunden lang. Für die Lesefassung haben wir das Gespräch gekürzt und sprachlich geglättet, ohne Aussagen zu verändern. Die komplette Folge findest du oben im Player und auf YouTube. Die Fotos aus dem Plenarsaal stammen vom Multimedia Centre des Europäischen Parlaments (© Europäische Union 2026 – Quelle: EP, Fotografen jeweils in der Bildunterschrift), die übrigen Fotos hat uns Sebastian Everding zur Verfügung gestellt.
Schon den Plantbased-Podcast gehört?
Veganismus, Tierschutz, Klima, Nachhaltigkeit, Artenschutz, alles, was uns gerade umtreibt, gibt es bei Plantbased, unserem Podcast. Wir reden mit Menschen, die etwas zu sagen haben und mit ihrem Leben zeigen, was geht. Auch als Videopodcast auf YouTube.
Schon zu Gast waren u. a. Sarah Connor, Hannes Jaenicke, Paul Watson, Patrik Baboumian, Bibi Heinicke, Atze Schröder, Kerstin Ott, Dr. Zoe Mayer, Maya Leinenbach und Femke Den Haas und viele weitere.
Seit 2019 · This Is Vegan · unabhängig, vegan, manchmal unbequem
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