„Vegane Zwangsernährung“: Was die AfD mit vegan lebenden Menschen vorhat
Am 15. Januar 2026 veröffentlichte die AfD-Bundestagsfraktion eine Pressemitteilung mit der Überschrift „Keine vegane Zwangsernährung für alle”. Darin steht ein Satz, der sich schnell überprüfen lässt: „Rein vegane Ernährung führt medizinisch nachweislich zu Mangelernährung.”
Das steht nicht in einem Talkshow-Protokoll. Es ist die offizielle Position einer Fraktion im Deutschen Bundestag. Und es ist kein Ausrutscher. Seit 2020 hat die AfD drei Anträge in den Bundestag eingebracht, die sich mit veganer Ernährung befassen. In allen dreien geht es darum, dass staatliche Stellen vor ihr warnen sollen.
Wir haben uns die Papierspur angesehen: die Drucksachen, das Wahlprogramm, die Zitate. Und wir haben geprüft, was von den Begründungen übrig bleibt, wenn man die Belege danebenlegt.
Was hat die AfD mit vegan lebenden Menschen vor?
Die Fraktion fordert seit Jahren, dass Bundesbehörden vor veganer Ernährung warnen. Zuletzt im September 2025 mit Drucksache 21/1577: Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit soll Risikogruppen „ausdrücklich” auf Gefahren hinweisen. Im Wahlprogramm 2025 steht die „Aufklärung über gesundheitliche Risiken modischer Ernährungsformen” und die „Bewahrung unserer traditionellen Esskultur in öffentlichen Einrichtungen”.
Die medizinische Begründung hält der Prüfung nicht stand. Und die Partei, die staatliche Bevormundung beim Essen ablehnt, will genau diese Bevormundung, sobald sie in die andere Richtung zeigt.
Die Papierspur: drei Anträge in fünf Jahren

Bundestagsdrucksachen sind öffentlich, nachlesbar und datiert. Genau deshalb eignen sie sich besser als Zitate aus Talkshows, um zu beschreiben, was eine Fraktion will.
- Drucksache 19/22460, 16. September 2020. Die Fraktion fordert unter anderem „Aufklärungskampagnen über vegane Ernährung mit Soja als Fleischersatz”, gerichtet an Schwangere, Säuglinge und Jugendliche. Die Begründung: Phytoöstrogene aus Soja könnten die Entwicklung von Kindern beeinflussen, bei Mädchen etwa die sexuelle Entwicklung verlangsamen.
- Drucksache 20/9798, 19. Dezember 2023. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung soll „ausdrücklich und nachdrücklich” vor den Gefahren veganer Ernährung ohne Supplementierung warnen, digital und gedruckt, samt einer Liste von Mangelsymptomen.
- Drucksache 21/1577, 16. September 2025. Dieselbe Forderung im neuen Bundestag, jetzt adressiert an das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit. Genannt werden mögliche Defizite bei „Proteinen und Fettsäuren, an Eisen, Jod und Vitamin B12″.
Alle drei Vorgänge sind über den Pressedienst „heute im bundestag” dokumentiert (2020, 2023, 2025).
Dazu kommt das Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025. Der Verband Menschen für Tierrechte hat die einschlägigen Passagen dokumentiert. Im Kapitel Ernährung heißt es dort:
„Die AfD unterstützt das Leitbild des mündigen Bürgers. Er soll in seinem Konsumverhalten nicht staatlich bevormundet werden. Deshalb lehnen wir jede Form der gesonderten Lebensmittelbesteuerung ab, wie z.B. eine Fleisch- oder Zuckersteuer. Dazu gehört die Aufklärung über gesundheitliche Risiken modischer Ernährungsformen und die Bewahrung unserer traditionellen Esskultur in öffentlichen Einrichtungen.”
AfD-Wahlprogramm 2025, dokumentiert von Menschen für Tierrechte
Lies den Absatz zweimal. Er beginnt mit dem mündigen Bürger, der nicht bevormundet werden soll, und endet zwei Sätze später bei staatlicher Aufklärung gegen bestimmte Ernährungsformen und einer vom Staat bewahrten Esskultur in öffentlichen Einrichtungen. Die Bevormundung wird nicht abgelehnt. Sie wird umgedreht.
Faktencheck 1: Führt vegane Ernährung „nachweislich zu Mangelernährung”?
Nein, und das lässt sich an den Positionspapieren der Fachgesellschaften zeigen.
Die Academy of Nutrition and Dietetics, die weltweit einflussreichste Fachgesellschaft für Ernährung, formuliert in ihrem aktualisierten Positionspapier von 2025: „In adults, appropriately planned vegetarian and vegan dietary patterns can be nutritionally adequate and can offer long-term health benefits such as improving several health outcomes associated with cardiometabolic diseases.” Wir haben die Änderungen an diesem Papier ausführlich aufgeschlüsselt, auch die kritischen.
Ehrlich dazugehört: Das Papier von 2025 beschränkt seine Aussage auf nicht schwangere Erwachsene, während die Vorgängerversion von 2016 alle Lebensphasen einschloss. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und die Österreichische Gesellschaft für Ernährung haben ihre früher strikte Ablehnung für vulnerable Lebensphasen inzwischen gelockert. Vitamin B12 muss bei veganer Ernährung supplementiert werden, daran gibt es nichts zu deuteln, und bei Jod, Eisen und Omega-3-Fettsäuren lohnt sich ein Blick auf die Versorgung.
Das ist der Punkt, an dem sich Aufklärung und Warnung trennen. „Eine vegane Ernährung braucht B12 aus einer Tablette” ist eine Tatsache. „Vegane Ernährung führt nachweislich zu Mangelernährung” ist etwas anderes: Es unterschlägt, dass die Supplementierung der Normalfall ist und funktioniert. Nach derselben Logik müsste vor Autofahren gewarnt werden, weil es ohne Tanken nicht klappt.
Aufschlussreich ist auch, was in den Anträgen fehlt. Die Fraktion fordert Warnhinweise für Risikogruppen, erwähnt aber nirgends die Risiken der Ernährungsform, die sie schützen will. Rotes und verarbeitetes Fleisch ist von der Internationalen Krebsforschungsagentur der WHO seit 2015 als wahrscheinlich krebserregend beziehungsweise krebserregend eingestuft. Eine Bundesbehörde, die vor Ernährungsrisiken warnen soll, käme an dieser Einstufung schlecht vorbei.
Faktencheck 2: Machen Phytoöstrogene aus Soja Kinder krank?
Der Soja-Vorwurf aus dem Antrag von 2020 gehört zu den langlebigsten Behauptungen der Debatte. Die Forschungslage dazu ist umfangreich.
Die bislang gründlichste Aufarbeitung ist ein technisches Review von Messina und Kolleg:innen, erschienen 2022 in Critical Reviews in Food Science and Nutrition. Ausgewertet wurden 417 Arbeiten, darunter 229 Beobachtungsstudien, 157 klinische Studien und 32 systematische Übersichten mit Metaanalyse. Das Ergebnis: Isoflavone aus Sojalebensmitteln beeinträchtigen weder die Schilddrüsenfunktion noch Brust- oder Gebärmuttergewebe oder den Hormonhaushalt, weder bei Frauen noch bei Männern. Der Titel der Arbeit ist zugleich das Fazit: Weder Sojalebensmittel noch Isoflavone rechtfertigen eine Einstufung als endokrine Disruptoren.
Transparenz an dieser Stelle, weil sie zur Sache gehört: Der Erstautor Mark Messina arbeitet für das Soy Nutrition Institute, das von der Sojawirtschaft getragen wird. Diesen Interessenkonflikt muss man mitlesen. Er entwertet die Datenlage nicht, denn ein Review über 417 Arbeiten ist nachprüfbar, aber er verlangt einen zweiten Anker. Der liegt beim Bundesinstitut für Risikobewertung, das seit Jahren zwischen zwei Dingen unterscheidet: hoch dosierten Isoflavon-Präparaten, bei denen es zur Vorsicht rät, und gewachsenen Sojalebensmitteln wie Tofu, Tempeh oder Sojadrink, bei denen diese Bedenken nicht greifen. Ein Antrag, der beides in einen Topf wirft, argumentiert an der Risikobewertung vorbei.
Faktencheck 3: Gefährden Fleischersatzprodukte die Ernährungssouveränität?
In der Pressemitteilung vom Januar 2026 heißt es, ein Großteil der Zutaten moderner Fleischersatzprodukte müsse importiert werden, und mit der Aufgabe der Tierzucht gefährde man den hohen Selbstversorgungsgrad.
Dieses Argument dreht sich um, sobald man die Zahlen anschaut. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden 2025 rund 3,4 Millionen Tonnen Sojabohnen nach Deutschland importiert, während die heimische Ernte bei 130.800 Tonnen lag. Größter Lieferant waren die USA mit 64,1 Prozent, gefolgt von Brasilien mit 16,5 Prozent und der Ukraine mit 9,0 Prozent (Destatis, Juli 2026).
Der weitaus größte Teil dieser Importe landet im Futtertrog, nicht in Tofu. Bei Ölkuchen und Schroten, also den Eiweißkomponenten im Kraftfutter, lag der Selbstversorgungsgrad im Wirtschaftsjahr 2023/24 bei 31 Prozent. Wer die Abhängigkeit von Importen beklagen möchte, landet bei der Tierhaltung, nicht bei der Erbsenwurst.
Wo sich die Partei selbst widerspricht

Freiheit für mein Schnitzel, Ansage für deinen Teller. Die Fraktion schreibt, es sei nicht Aufgabe der Politik, „dem Bürger vorzuschreiben, was er essen soll”. Im selben Programm steht die staatlich zu bewahrende Esskultur in öffentlichen Einrichtungen. Wer in einer Kantine, einer Kita oder einem Krankenhaus isst, bekommt also durchaus vorgeschrieben, was auf den Tisch kommt, solange es das Richtige ist. Alice Weidels Satz aus dem Jahr 2023, „Niemand geht an mein Schnitzel”, beschreibt diese Asymmetrie ziemlich präzise: Es geht um ein Schnitzel, das niemandem weggenommen wird, während gleichzeitig Warnhinweise für die anderen gefordert werden.
Fühlende Mitgeschöpfe, folgenlos. Im Kapitel Tierschutz bekennt sich die Partei zu „Tierschutz im Sinne unserer Verantwortung für Tiere als fühlende Mitgeschöpfe”. Das ist eine bemerkenswerte Zustandsbeschreibung, weil sie die Empfindungsfähigkeit einräumt. Was daraus folgt, bleibt allerdings im Rahmen dessen, was die Tierhaltung nicht antastet: regionale Schlachthöfe, Transportzeiten von maximal sechs Stunden, Weideschuss. Jedes Instrument, das die Zahl der gehaltenen Tiere tatsächlich senken würde, wird abgelehnt.
Tierschutz, der sich sein Ziel aussucht. Dieselbe Programmpassage verlangt, das Schächten nur nach ausreichender Betäubung zu gestatten. Das ist aus Tierschutzsicht eine begründbare Forderung. Auffällig ist, wo sie steht: als einzige konkrete Verschärfung in einem Kapitel, das ansonsten die bestehende Tierhaltung bestätigt, und gerichtet auf eine Praxis religiöser Minderheiten. Tierschutz wird hier dort scharf, wo er andere trifft.
Tierversuche kommen nicht vor. Menschen für Tierrechte weist darauf hin, dass das Thema tierversuchsfreie Forschung im AfD-Programm keine Erwähnung findet. In Deutschland werden jedes Jahr Millionen Tiere in Versuchen eingesetzt. Eine Partei, die Tiere als fühlende Mitgeschöpfe bezeichnet, hätte dazu etwas sagen können. Wir haben zuletzt mehrfach über konkrete Fälle berichtet, vom Maus-Test für Botox bis zum gestoppten Parabiose-Versuch in Bonn.
Und die Fragen bleiben offen. Auf abgeordnetenwatch.de fragte eine Bürgerin am 15. April 2026 Alice Weidel nach ihrer Haltung zu den Tierschutzgesetzen. Der Status der Frage lautet bis heute „Antwort ausstehend”. Das ist kein Einzelfall: Die Fraktionsvorsitzende hat dort null von 103 Bürgerfragen beantwortet. Für eine Partei, die sich als Stimme des mündigen Bürgers versteht, ist das eine sprechende Quote.
Ein Wort mit Geschichte
In der Pressemitteilung vom Januar 2026 steht der Satz: „Eine Forderung nach einer veganen Landwirtschaft bedroht die Volksgesundheit.”
„Volksgesundheit” war ein Zentralbegriff nationalsozialistischer Gesundheitspolitik, verknüpft mit der Rassenhygiene und institutionell verankert im Hauptamt für Volksgesundheit der NSDAP. In der heutigen Fachsprache gilt der Begriff als historisch belastet; gebräuchlich sind stattdessen Public Health, Bevölkerungsgesundheit oder öffentliche Gesundheitspflege.
Wir behaupten nicht, dass der Abgeordnete diese Bezugslinie beabsichtigt hat. Wir halten fest, dass der Begriff eine Geschichte hat, dass die Fachwelt ihn aus guten Gründen meidet, und dass er hier ausgerechnet dafür eingesetzt wird, eine Ernährungsweise als Bedrohung eines Kollektivs darzustellen.
Warum ausgerechnet Veganer? Was die Forschung zeigt

Dass rechte Parteien sich ausgerechnet an Ernährung abarbeiten, ist gut untersucht. Die Sozialpsychologie hat dazu eine erstaunlich klare Datenlage.
Rechte Ideologie sagt Fleischkonsum vorher. Kristof Dhont und Gordon Hodson zeigten 2014 in Personality and Individual Differences, dass zwei Einstellungsmuster, soziale Dominanzorientierung und autoritäre Grundhaltung, den Konsum tierischer Produkte und die Zustimmung zur Tiernutzung vorhersagen. Vermittelt wird der Zusammenhang über den Glauben an menschliche Überlegenheit und über die wahrgenommene Bedrohung durch Vegetarismus. Der Effekt bleibt bestehen, wenn man den schlichten Genuss am Fleischessen herausrechnet. Faunalytics hat die Studie verständlich zusammengefasst.
Abwertung von Tieren und Abwertung von Menschen hängen zusammen. Dieselbe Arbeitsgruppe legte 2016 das Social Dominance Human-Animal Relations Model vor, erschienen im European Journal of Personality. Kern des Befunds: Der Zusammenhang zwischen speziesistischen Einstellungen und Vorurteilen gegenüber ethnischen Minderheiten läuft maßgeblich über soziale Dominanzorientierung. Wer Hierarchien zwischen Gruppen für richtig hält, hält sie meist auch zwischen Arten für richtig.
Vegan lebende Menschen werden abgewertet wie klassische Minderheiten. Cara MacInnis und Gordon Hodson veröffentlichten 2017 in Group Processes and Intergroup Relations eine Untersuchung mit einem unangenehmen Ergebnis: Fleischessende bewerteten Vegetarier:innen und Veganer:innen gleich negativ oder negativer als mehrere klassische Vorurteilsgruppen. Die Abwertung war bei Menschen mit rechter Ideologie deutlich stärker und ließ sich über wahrgenommene Bedrohung erklären. Vegan lebende Menschen wurden negativer bewertet als vegetarisch lebende, Männer negativer als Frauen. Und am schlechtesten schnitten diejenigen ab, die ihre Ernährung mit Tierrechten begründen. Auch dazu gibt es eine Zusammenfassung bei Faunalytics.
Zusammen ergibt das eine Erklärung, die ohne Unterstellungen auskommt. Wer eine Weltordnung aus natürlichen Rangfolgen für richtig hält, für den ist die vegane Nachbarin ein Angriff auf die Rangfolge selbst. Deshalb reicht das Thema so verlässlich für Wahlkampf. Passend dazu unsere Aufbereitung der Forschung zu Fleisch und Männlichkeit.
Der Mettigel von Heidenheim

Wie aufgeladen das Thema ist, zeigte eine Szene im Juni 2026. Vor dem baden-württembergischen Landesparteitag quartierten sich Aktivist:innen aus dem Umfeld des Zentrums für Politische Schönheit in einem Hotel in Heidenheim ein, in dem auch Delegierte übernachteten. Zum Frühstück platzierten sie auf dem Buffet ein Hakenkreuz, geformt aus 1,2 Kilogramm veganem Hackfleisch, umrahmt vom Schriftzug „Vorsicht vor der NSAFD”.
Der federführende Aktivist nannte die Aktion gegenüber der Deutschen Presse-Agentur eine „künstlerische Intervention”. Der Mettigel sei schließlich eine „deutsche Institution”. Die Polizei ermittelt wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Der Landesvorsitzende Emil Sänze sprach auf dem Parteitag von einer Schmach und riet den Aktivist:innen, es „vielleicht einmal mit Arbeit zu versuchen”. Der Spiegel hat den Ablauf dokumentiert.
Man muss die Aktion nicht gutheißen, und ihre juristische Bewertung liegt bei den Ermittlungsbehörden. Interessant ist die Materialwahl. Die Aktivist:innen wussten genau, dass veganes Hack in diesem Umfeld für sich genommen schon eine Provokation ist. Genau das ist der Punkt, um den es in diesem Text geht.
Dem Mettigel selbst kann man dabei wenig vorwerfen. Der Klassiker vom Geburtstagsbuffet funktioniert längst ohne Schwein, mit eingeweichten Reiswaffeln, Zwiebeln, Tomatenmark und einer Prise Kümmel, obendrauf Zwiebelstreifen und Salzstangen als Stacheln. Wer sich einen bauen will, findet bei uns das Rezept für den veganen Mettigel. Das Original stammt aus dem Ruhrpott und ist damit ungefähr das Gegenteil einer modischen Ernährungsform.
Warum das mehr ist als eine Ernährungsdebatte
Über Nährstoffe kann man streiten. Der Grund, warum wir diesen Text schreiben, liegt daneben.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz stufte die AfD im Mai 2025 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung ein. Die Partei klagte dagegen. Das Verwaltungsgericht Köln gab ihrem Eilantrag am 26. Februar 2026 im Wesentlichen statt, nachdem das Bundesamt zugesagt hatte, die Partei bis zu einer Gerichtsentscheidung weiterhin als Verdachtsfall zu behandeln und öffentlich nicht als gesichert rechtsextremistisch zu bezeichnen (Pressemitteilung des VG Köln). Das Hauptsacheverfahren steht aus. In fünf Bundesländern, nämlich Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Thüringen, dürfen die Landesämter die AfD als gesichert rechtsextremistisch bezeichnen; Correctiv führt die Einstufungen im Überblick.
Diese Einordnung ist der Kontext, in dem die Ernährungsanträge stehen. Unsere Einschätzung dazu: Eine Politik, die Menschen nach Herkunft sortiert, sortiert am Ende auch Lebensweisen. Die Warnhinweise vor veganer Ernährung sind dabei das kleinste Problem. Sie zeigen aber, wie der Mechanismus funktioniert: Eine Minderheit wird zum Symbol für eine Veränderung erklärt, die man rückgängig machen will, und danach als Gesundheitsgefahr für die Allgemeinheit beschrieben.
Wo Unternehmen ins Spiel kommen

Der Streit bleibt nicht im Parlament. Anfang 2026 machte die Kampagnenorganisation Campact mit 28.000 Plakaten in 14 Städten und Fassadenprojektionen auf die Nähe von Unternehmer Theo Müller zur AfD aufmerksam. Müller erklärt, weder persönlich noch als Unternehmen an die AfD gespendet zu haben. Gerichtlich bestätigt ist allerdings, dass Campact die Aussage treffen darf, Müller unterstütze die AfD; das Unternehmen unterlag mit seinem Vorgehen dagegen.
Für die pflanzliche Branche wurde das im Sommer 2026 konkret, als die Unternehmensgruppe Theo Müller den Pflanzendrink- und Tofu-Hersteller Berief übernahm. Was das für alle bedeutet, die pflanzlich einkaufen, haben wir ausführlich aufgeschrieben: Müller kauft Berief.

Der Punkt daran: Wer sich fragt, wo politische Positionen und der eigene Einkauf zusammenkommen, muss nicht bei Parteiprogrammen stehenbleiben. Der Kühlschrank ist auch eine Antwort.
Die Seite, über die niemand in dieser Debatte spricht
Der ganze Streit läuft über Menschen. Über Nährstoffe, Selbstversorgungsgrade, Kantinenpläne, Wahlkampf. Über die Beteiligten, um die es beim Fleischessen tatsächlich geht, spricht keine der Drucksachen.
Allein in Deutschland wurden 2025 rund 48,5 Millionen Schweine, Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde geschlachtet, dazu 697,3 Millionen Hühner, Puten und Enten. Zusammen etwa 746 Millionen Tiere in einem Jahr, Fische nicht mitgezählt (Statistisches Bundesamt, Februar 2026).
Dass diese Tiere Schmerz, Angst und Stress empfinden, ist keine Meinungsfrage. Die New York Declaration on Animal Consciousness von 2024 hält fest, dass es starke wissenschaftliche Belege für bewusstes Erleben bei Säugetieren und Vögeln gibt. Artikel 13 des EU-Vertrags bezeichnet Tiere ausdrücklich als fühlende Wesen. Und Paragraf 1 des deutschen Tierschutzgesetzes verbietet es, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Die AfD selbst nennt Tiere in ihrem Programm „fühlende Mitgeschöpfe”.
An dem Wort vom vernünftigen Grund hängt die ganze Frage. Gewohnheit ist kein vernünftiger Grund. Geschmack ist keiner. Wer in Deutschland Zugang zu einem normalen Supermarkt hat, braucht keine tierischen Produkte, um satt und gesund zu werden. Deshalb hängt unsere Position auch nicht an der Studienlage: Sie wäre dieselbe, wenn sich morgen herausstellen würde, dass eine fleischreiche Ernährung dem Menschen bestens bekommt. Ein Tier ist jemand mit einem Interesse daran, weiterzuleben.
Und genau hier liegt der schärfste Widerspruch dieses Parteiprogramms: Es räumt die Empfindungsfähigkeit ein und zieht daraus keine einzige Konsequenz, die Tieren nützt.
Was du damit anfangen kannst

Die Behauptungen sind überprüfbar. Wenn dir jemand mit „Mangelernährung” oder „Soja macht Kinder unfruchtbar” kommt, brauchst du keine Grundsatzdebatte. Positionspapier der Academy of Nutrition and Dietetics, Review über 417 Arbeiten, Einordnung des Bundesinstituts für Risikobewertung. Wer mit Behauptungen kommt und Belege schuldig bleibt, hat die Diskussion schon verloren.
Die Freiheitsrhetorik lässt sich beim Wort nehmen. Wer den mündigen Bürger im Programm stehen hat und gleichzeitig Warnhinweise gegen eine Ernährungsweise beantragt, muss erklären, welche der beiden Positionen gilt. Diese Frage ist unbequem, weil sie ohne Empörung auskommt.
Und es geht um mehr als den Teller. Vegan lebende Menschen sind in dieser Erzählung ein Stellvertreter. Die Studien zeigen, dass Abwertung selten allein kommt. Wer sich dagegen stellt, verteidigt mehr als den eigenen Teller.
Wenn du gerade erst anfängst, dich mit dem Thema zu beschäftigen: Unsere acht ehrlichen Schritte für den Anfang sind ein guter Einstieg, und für die typischen Diskussionen haben wir die zehn nervigsten Sprüche samt Antworten gesammelt.
Transparenz und Quellen
Primärquellen zur AfD: Bundestagsdrucksachen 19/22460 (16.09.2020), 20/9798 (19.12.2023) und 21/1577 (16.09.2025), dokumentiert über den Pressedienst „heute im bundestag” des Deutschen Bundestages. Pressemitteilung der AfD-Bundestagsfraktion vom 15.01.2026 unter dem Titel „Keine vegane Zwangsernährung für alle”, abgerufen am 29.08.2026 auf afdbundestag.de; die wörtlichen Zitate stammen aus dieser Mitteilung, verantwortlich zeichnet der Abgeordnete Bernd Schuhmann. Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2025, zitiert nach der Dokumentation von Menschen für Tierrechte. Anfrage vom 15.04.2026 und Antwortquote auf abgeordnetenwatch.de. Wir verlinken die Seiten der Partei bewusst nicht.
Belege im Faktencheck: Positionspapier der Academy of Nutrition and Dietetics 2025 (Raj et al.) sowie die Vorgängerfassung 2016 (Melina et al.). Messina et al., Critical Reviews in Food Science and Nutrition 2022, 62(21), 5824–5885; Interessenkonflikt des Erstautors im Text offengelegt. Einordnung des Bundesinstituts für Risikobewertung zu isolierten Isoflavon-Präparaten gegenüber Sojalebensmitteln. Importzahlen: Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom Juli 2026. Schlachtzahlen: Statistisches Bundesamt, Februar 2026. Zur Einordnung des Begriffs „Volksgesundheit” stützen wir uns auf die Darstellung der NS-Gesundheitspolitik durch das NS-Dokumentationszentrum München und auf die Begriffsbestimmungen im Lehrbuch Öffentliche Gesundheit der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen.
Studien zur Psychologie: Dhont & Hodson, Personality and Individual Differences 2014, 64, 12–17. Dhont, Hodson & Leite, European Journal of Personality 2016 (SD-HARM). MacInnis & Hodson, Group Processes and Intergroup Relations 2017, 20(6), 721–744. Die verlinkten Zusammenfassungen stammen von Faunalytics.
Dieser Text gibt Positionen wieder, die öffentlich dokumentiert sind, und ordnet sie ein. Wertungen sind als solche gekennzeichnet. Die Einstufung durch den Verfassungsschutz ist Gegenstand eines laufenden Gerichtsverfahrens; wir geben den Stand vom 29.08.2026 wieder. Die Bilder in diesem Artikel sind Symbolbilder aus unserer Stock-Bibliothek, ausgenommen die beiden Kampagnenfotos von Campact. Redaktionelle Verantwortung: This Is Vegan.
FAQ - Das fragen andere
Faktencheck 1: Führt vegane Ernährung „nachweislich zu Mangelernährung”?
Faktencheck 2: Machen Phytoöstrogene aus Soja Kinder krank?
Faktencheck 3: Gefährden Fleischersatzprodukte die Ernährungssouveränität?
Wo sich die Partei selbst widerspricht?
Warum ausgerechnet Veganer? Was die Forschung zeigt?
Warum das mehr ist als eine Ernährungsdebatte?
Schon den Plantbased-Podcast gehört?
Veganismus, Tierschutz, Klima, Nachhaltigkeit, Artenschutz, alles, was uns gerade umtreibt, gibt es bei Plantbased, unserem Podcast. Wir reden mit Menschen, die etwas zu sagen haben und mit ihrem Leben zeigen, was geht. Auch als Videopodcast auf YouTube.
Schon zu Gast waren u. a. Sarah Connor, Hannes Jaenicke, Paul Watson, Patrik Baboumian, Bibi Heinicke, Atze Schröder, Kerstin Ott, Dr. Zoe Mayer, Maya Leinenbach und Femke Den Haas und viele weitere.
Seit 2019 · This Is Vegan · unabhängig, vegan, manchmal unbequem
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