Warum Kokosnüsse nicht immer vegan sind: Angekettete Affen in der Ernte
Heute ist Internationaler Tag der Kokosnuss. Kaum eine Frucht steht so sehr für pflanzliche Ernährung: Kokosmilch im Curry, Kokosöl in der Pfanne, Kokosjoghurt im Kühlregal, die aufgeschlagene Nuss am Strand.
Und genau hier sitzt ein Problem, das auf keiner Zutatenliste steht. In Teilen Südostasiens pflücken angekettete Makaken die Nüsse. Nicht überall, nicht bei jeder Kokosnuss, aber oft genug, dass es sich lohnt, beim Einkauf hinzuschauen.
Kurz gesagt
- In Südthailand und Teilen Malaysias und Indonesiens werden Schweinsaffen zum Kokosnusspflücken eingesetzt.
- Eine Studie an 158 Tieren kam auf einen Wohlergehens-Wert von 4,8 von 12 Punkten. 157 von 158 hingen an einer Kette oder Leine.
- Betroffen sind vor allem Konserven-Kokosmilch aus Thailand. Die weltweit größten Erzeugerländer sind Indonesien, die Philippinen und Indien.
- Die Zutatenliste hilft nicht weiter. Was hilft: Herkunft prüfen und beim Hersteller nachfragen.
Warum überhaupt Affen?

Kokospalmen werden bis zu 30 Meter hoch. Wer oben ernten will, klettert, benutzt eine Teleskopstange oder eine Hebebühne. Oder schickt ein Tier hinauf.
Schweinsaffen klettern schnell, greifen sicher und drehen die Nüsse mit den Händen vom Stiel. Ein Mensch schafft nach Angaben aus der Forschungsliteratur rund 80 Nüsse am Tag, ein trainierter Affe zwischen 500 und 1.000. Die Rechnung, die dahintersteht, ist rein ökonomisch.
Die Praxis ist alt, in Thailand seit mindestens hundert Jahren dokumentiert. Neu ist, dass wir ziemlich genau wissen, wie es den Tieren dabei geht.
Was Forschende bei 158 Tieren gemessen haben

2021 erschien im Fachjournal Applied Animal Behaviour Science die bislang gründlichste Untersuchung dazu. Ein Team der Oxford Brookes University und der Chulalongkorn University in Bangkok befragte im ersten Halbjahr 2019 89 Kokosbäuerinnen und -bauern in den drei südthailändischen Provinzen Surat Thani, Chumphon und Prachuap Khiri Khan, in denen 62 Prozent der thailändischen Kokosanbaufläche liegen. Zusammen hielten sie 279 Makaken. 158 davon bewerteten die Forschenden direkt nach den „Five Domains” des Tierwohls.
Der mittlere Wert lag bei 4,8 von maximal 12 Punkten. Die Einzelbefunde:
- 157 von 158 Tieren waren angeleint: ein Metallring um den Hals, daran ein Seil oder eine Kette. Die Leinen waren typischerweise einen Meter lang oder kürzer, körperlicher Kontakt zu Artgenossen dadurch ausgeschlossen.
- 139 von 158 zeigten während der Beobachtung Angst oder Stress.
- Kein einziges Tier hatte irgendeine Form von Beschäftigung. Nur 19 hatten überhaupt eine Struktur, in der sie sich verstecken konnten, meist ein Fass.
- Die Tiere arbeiteten nach Angaben der Halter sieben Tage die Woche, rund 6,5 Stunden täglich, kletterten dabei über 50 Bäume und ernteten 500 bis 1.000 Nüsse.
- 95 Prozent der gehaltenen Tiere waren männlich. Sie arbeiten 10 bis 12 Jahre und werden mit 14 bis 15 „in Rente” geschickt.
Zwei Details bleiben besonders hängen. Fast ein Drittel der Tiere wurde als Säugling gekauft, ist also ohne Mutter aufgewachsen. Und gegen die Aggression, die aus dieser Haltung folgt, gaben Halter zwei Mittel an: schlagen oder die Eckzähne entfernen.

Woher die Tiere stammen, ist der zweite wunde Punkt. Von 86 Auskünften nannten 56 andere Bauern, 19 die Wildnis und 11 sogenannte Affenschulen. Beide Arten von Schweinsaffen gelten international als gefährdet, die Südliche sogar als stark gefährdet. Thailands Wildtierschutzgesetz von 2019 verbietet es, sie ohne Genehmigung aus der Natur zu holen, zu handeln und zu halten. Passiert ist es trotzdem, offen und ohne dass jemand ein Geheimnis daraus gemacht hätte.
Das Fazit der Autorinnen und Autoren fällt nüchtern aus: Die artspezifischen Bedürfnisse der Tiere würden „weitgehend nicht erfüllt”, und es existiere keine Gesetzgebung, die das ändern würde.
Wie das öffentlich wurde und was die Branche sagt
Bekannt wurde die Praxis im großen Stil durch PETA Asien. Ab 2019 besuchten Rechercheteams Kokosfarmen und Affenschulen in Thailand und veröffentlichten seitdem mehrere Untersuchungen. Der Druck wirkte: Zehntausende Händler weltweit nahmen Produkte der thailändischen Marke Chaokoh aus dem Sortiment, in Deutschland unter anderem REWE im September 2021.
Die Gegenseite bestreitet das Ausmaß. Thailands damaliger Handelsminister nannte Affenarbeit „sehr selten”, die betroffenen Unternehmen wiesen den Einsatz zurück, und die Regierung kündigte 2020 ein Code-System an, mit dem sich „affenfreie” Ware nachverfolgen lassen soll. Ein Kokosnussbauer erklärte gegenüber Medien allerdings ganz offen, warum es ohne kaum gehe: Die Bäume seien schlicht sehr hoch.
Genau deshalb ist die Studie so nützlich. Hinter ihr stehen Primatologinnen und Primatologen, teils aus Thailand selbst, keine Tierrechtsorganisation. Und sie beschreibt einen Normalzustand, keine Einzelfälle.
Welche Produkte betroffen sind

Hier hilft ein Blick auf die Weltkarte. Die größten Erzeugerländer sind Indonesien, die Philippinen und Indien, zusammen rund drei Viertel der Weltproduktion. Thailand ist deutlich kleiner, spielt aber bei Kokosmilch in der Dose eine große Rolle, weil dort mehrere der Marken sitzen, die es bis in europäische Regale schaffen.
Das heißt im Umkehrschluss: Der Verdacht trifft nicht die Kokosnuss an sich und auch nicht die Mehrheit der weltweit geernteten Nüsse. Er trifft bestimmte Herkünfte und bestimmte Produktgruppen. Am ehesten Konserven-Kokosmilch und Kokoscreme, in geringerem Maß Öl, Flocken und Wasser.
Der Haken: Auf der Dose steht oft nur „Produkt aus Thailand” oder gar nichts. Bio-Siegel helfen dabei nicht weiter, weil sie diese Frage nicht regeln.
Was du beim Einkauf machen kannst
- Herkunftsland lesen. Steht Thailand drauf, lohnt sich eine Nachfrage. Häufig genannte unproblematischere Herkünfte sind Vietnam, Sri Lanka und die Philippinen.
- Beim Hersteller nachfragen. Eine Mail mit einer einzigen Frage („Werden bei Ihren Lieferanten Affen zur Ernte eingesetzt?”) kostet zwei Minuten und landet in einer Statistik, die Einkaufsabteilungen tatsächlich lesen.
- Auf Listen zurückgreifen. PETA führt Übersichten von Marken, die den Einsatz ausgeschlossen haben.
- Nicht am Perfektionismus verzweifeln. Wer Kokosmilch bewusster kauft, hat mehr bewirkt als jemand, der aus Frust gar nichts ändert.
Warum das eine vegane Frage ist, nicht nur eine Zutatenfrage
Vegan zu leben heißt, Tiere nicht zu benutzen. Das ist der ganze Punkt, und er hört nicht bei der Zutatenliste auf.
Ein Makake, der seit seiner Säuglingszeit an einer ein Meter kurzen Kette hängt, sieben Tage die Woche arbeitet und dem die Zähne gezogen wurden, damit er niemanden beißt, wird für ein Lebensmittel benutzt. Dass er dabei kein Bestandteil des Produkts ist, ändert daran nichts. Es macht die Sache nur schwerer erkennbar.
Tierische Zutaten stehen auf der Packung. Tierische Arbeit steht dort nicht. Wer Veganismus als Haltung gegenüber Tieren versteht und nicht als Diät, muss deshalb auch die Frage stellen, wer ein Produkt eigentlich geerntet, getragen oder gezogen hat. Bei Kokosnüssen ist die Antwort manchmal: ein Tier, das nie gefragt wurde.
Dieselbe Logik gilt an anderer Stelle genauso. Es ist der Grund, warum wir bei Tierversuchen über die Zulassungszahlen hinaus auf die Tiere schauen, und warum wir Milch, Eier und Honig nicht danach beurteilen, ob sie „Fleisch” enthalten.
Kokosnuss auf Bali

Ein Teil unserer Redaktion lebt auf Bali, wo die Kokosnuss weniger Superfood als Alltag ist. Sie wird an der Straße aufgeschlagen, ausgetrunken und danach ausgelöffelt, und die Schale landet als Schüssel oder Feuerholz im Kreislauf. Von der Palme geholt wird sie hier normalerweise von Menschen, die klettern.

Auf dem Bild oben ist Maria Clara Groppler dabei. Wir hatten sie im Plantbased Podcast zu Gast, unter anderem über Comedy als Aktivismus und über eine nächtliche Recherche in einem „Bio”-Legehennenbetrieb. Ein paar Monate später haben wir uns auf Bali wiedergetroffen, mit Kokosnüssen statt Mikrofonen. Das Gespräch gibt es hier zum Nachlesen: Maria Clara Groppler über Haltung, Humor und Hühnerställe.
Wo es auf Bali richtig gut vegan zu essen gibt, sammeln wir übrigens fortlaufend auf bali-vegan.com.
Der Tag der Kokosnuss, ehrlich gefeiert
Der 2. September wurde von der Asian and Pacific Coconut Community ausgerufen, einem Zusammenschluss der Erzeugerländer. Ein Wirtschaftstag also, kein Tierschutztag.
Umso besser passt es, ihn zu nutzen, um eine Frage zu stellen, die auf keiner Verpackung steht. Die Kokosnuss bleibt eine großartige pflanzliche Zutat. Sie verdient nur, dass wir wissen, wie sie vom Baum gekommen ist.
Die Podcast-Folge mit Maria Clara Groppler
Wie sie mit zwölf aufgehört hat, Fleisch zu essen, was sie bei einer nächtlichen Recherche in einem „Bio“-Legehennenbetrieb erlebt hat und warum Comedy für sie Aktivismus ist: die ganze Folge aus dem Plantbased Podcast.
Alle Folgen findest du auf this-is-vegan.com/podcast.
Quellen und Einordnung
Die Zahlen zum Wohlergehen der Tiere stammen aus: Schowe, Svensson, Siriwat, José-Domínguez, Fourage, Malaivijitnond und Nijman, „Assessing the welfare of coconut-harvesting macaques in Thailand”, Applied Animal Behaviour Science, 2021. Die Daten wurden im ersten Halbjahr 2019 erhoben und bilden drei südthailändische Provinzen ab, nicht das ganze Land und nicht die ganze Region.
Zu den Recherchen und zur Kampagne beziehen wir uns auf PETA Deutschland sowie auf den Beitrag von Veganz, in dem PETA-Sprecher Tobias Schalyo die Herkunftsempfehlungen einordnet. Die Reaktion der thailändischen Regierung und der Unternehmen ist der Berichterstattung des Tagesspiegel entnommen.
Wichtig: Der Einsatz von Affen betrifft nicht die weltweite Kokosernte insgesamt. Er ist regional konzentriert, vor allem in Südthailand sowie in Teilen Malaysias und Indonesiens. Die Symbolbilder aus Thailand zeigen freilebende Makaken, keine Tiere aus der Kokosernte.
FAQ - Das fragen andere
Warum überhaupt Affen?
Was Forschende bei 158 Tieren gemessen haben?
Wie das öffentlich wurde und was die Branche sagt?
Welche Produkte betroffen sind?
Was du beim Einkauf machen kannst?
Warum das eine vegane Frage ist, nicht nur eine Zutatenfrage?
Schon den Plantbased-Podcast gehört?
Veganismus, Tierschutz, Klima, Nachhaltigkeit, Artenschutz, alles, was uns gerade umtreibt, gibt es bei Plantbased, unserem Podcast. Wir reden mit Menschen, die etwas zu sagen haben und mit ihrem Leben zeigen, was geht. Auch als Videopodcast auf YouTube.
Schon zu Gast waren u. a. Sarah Connor, Hannes Jaenicke, Paul Watson, Patrik Baboumian, Bibi Heinicke, Atze Schröder, Kerstin Ott, Dr. Zoe Mayer, Maya Leinenbach und Femke Den Haas und viele weitere.
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