Esquire fragte am 29. September, ob PDRN „besser als Retinol“ sei, und pries den Wirkstoff als Neuheit für Männerhaut. In koreanischen Seren steckt er seit Jahren, bei dm steht inzwischen ein PDRN-Serum von Anua im Regal, und auf TikTok läuft der Trend unter einem Namen, der wenig Fragen offenlässt: Salmon Sperm Facial.
Genau das ist PDRN in den meisten Fällen. DNA aus dem Sperma von Lachsen und Forellen.
Wir haben uns die Studien angesehen, die Deklaration auf der Packung und die Frage, was für die Fische dabei herauskommt. Am Ende stehen drei Seren, die ohne Tierbestandteile auskommen und tierversuchsfrei zertifiziert sind.
Inhalt10 Kapitel
- 01Was PDRN ist und woher es kommt
- 02So erkennst du PDRN auf der Packung
- 03Was die Studien zeigen, und was nicht
- 04Und „veganes PDRN“?
- 05Was die Fische dafür bezahlen
- 06Fische empfinden Schmerz, und sie tauchen in dieser Debatte nicht auf
- 07Tierversuchsfrei heißt in der EU nicht automatisch tierversuchsfrei
- 08Vegane Alternativen mit besserer Studienlage
- 09Drei vegane, tierversuchsfreie Seren statt PDRN
- 10Unser Fazit
Was PDRN ist und woher es kommt.
PDRN steht für Polydeoxyribonukleotid, eine Mischung aus DNA-Bruchstücken. Gewonnen wird es laut Fachliteratur fast immer aus der sogenannten Milch, also dem männlichen Keimgewebe von zwei Fischarten: der Regenbogenforelle (Oncorhynchus mykiss) und dem Ketalachs (Oncorhynchus keta). Die DNA wird bei hoher Temperatur aufgereinigt, bis sie zu über 95 Prozent rein ist (Squadrito et al. 2017, Frontiers in Pharmacology).
Die Hersteller erzählen gern, PDRN sei ein Nebenprodukt der Lebensmittelindustrie. Eine offengelegte Lieferkette, die das belegt, haben wir nicht gefunden. Fest steht: Die Fische, von denen das Keimgewebe stammt, werden dafür getötet.
In der Medizin ist PDRN ein alter Bekannter. Als Injektion wird es seit Jahren bei schlecht heilenden Wunden eingesetzt. In Europa ist etwa das Präparat Plinest des italienischen Herstellers Mastelli als Medizinprodukt der Klasse III zugelassen. Die Behandlung, die Promis als „Lachssperma-Facial“ bekannt gemacht haben, ist ebenfalls eine Injektion, keine Creme. Kim Kardashian erzählte 2024 in ihrer Hulu-Serie davon. Jennifer Aniston hat sie laut Wall Street Journal ausprobiert und wieder aufgehört, weil sie keinen Effekt bemerkte.
Was jetzt in Seren und Cremes landet, ist etwas anderes: Kosmetik nach der EU-Kosmetikverordnung. Die braucht keine Zulassung und keinen Wirksamkeitsnachweis gegenüber einer Behörde.
So erkennst du PDRN auf der Packung.
Das Kürzel PDRN steht fast nie in der Zutatenliste. Auf der Vorderseite ja, in der INCI-Liste auf der Rückseite heißt der Stoff anders. Achte auf diese Bezeichnungen:
- Sodium DNA, die häufigste Variante
- Hydrolyzed DNA oder Hydrolyzed Sodium DNA
- Sodium Deoxyribonucleate
- Oncorhynchus Keta Sperm DNA, hier steht der Lachs immerhin im Namen
Der Haken: „Sodium DNA“ verrät nicht, woher die DNA stammt. Sie kann vom Fisch kommen, aus Pflanzen oder aus Bakterien. Steht nicht ausdrücklich „vegan“ auf dem Produkt oder ein Siegel wie die Vegan-Blume der Vegan Society, gehst du am besten vom Fisch aus. Im Zweifel hilft eine Mail an den Hersteller. Welche anderen Tierbestandteile sich in Pflegeprodukten verstecken, von Lanolin bis Karmin, haben wir in einem eigenen Artikel aufgeschrieben: Sind alle Shampoos und Pflegeprodukte vegan?


Was die Studien zeigen, und was nicht.
Die gute Datenlage gibt es für PDRN als Spritze. In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie mit 216 Menschen mit diabetischem Fuß waren nach acht Wochen 37,3 Prozent der Wunden verheilt, unter Placebo 18,9 Prozent (Squadrito et al. 2014). Der vermutete Mechanismus: PDRN dockt an den Adenosin-A2A-Rezeptor an und liefert Bausteine, die Zellen für die Reparatur wiederverwerten. Bei Narben nach einer Schilddrüsen-OP verfehlte eine kleinere Studie mit 44 Personen ihren Hauptendpunkt knapp (Advances in Wound Care 2022).
Für die Creme auf intakter Gesichtshaut sieht es dünner aus. Wir haben genau eine randomisierte Studie gefunden, die topisches PDRN gegen Retinol testet (PLOS One 2026):
- 31 Frauen aus China mit empfindlicher Haut, 28 Tage lang
- eine Gesichtshälfte bekam eine Augencreme mit 0,1 Prozent PDRN aus Lachssperma, die andere 0,1 Prozent Retinol
- die Krähenfüße gingen auf der PDRN-Seite um rund 20 Prozent zurück, auf der Retinol-Seite um rund 6 Prozent
Klingt nach einem klaren Sieg. Nur ist die Studie klein und kurz, die Autorinnen und Autoren arbeiten für Biotech-Firmen in Shanghai, und das PDRN stellte ein Hersteller. Männer waren gar nicht dabei. Die Überschrift „besser als Retinol, gerade für Männerhaut“ gibt diese Datenlage nicht her. Offen ist außerdem, wie viel von dem großen DNA-Molekül überhaupt durch gesunde Haut kommt. Das nennen die Forschenden selbst als Schwachstelle.
Für die übrigen Versprechen, von „Regeneration“ bis „Glass Skin“, stützen sich die Marken vor allem auf Zellkulturen und Versuche an verletzter Haut nach Laser oder Microneedling.
Und „veganes PDRN“?.
Die Industrie hat die Lücke bemerkt. Angeboten wird inzwischen DNA aus Ginseng, Reis, Pfingstrosen, Algen oder aus Milchsäurebakterien, verkauft als Phyto-PDRN oder Vegan PDRN. Die Belege dafür sind noch dünner als beim Lachs-Original: Zellkulturen, ein Test mit Ginseng-DNA, bei dem Studienautor und Hersteller dieselbe Firma sind (Lee et al. 2023), ein zweiwöchiger Hautbarriere-Test mit Pfingstrosen-DNA (IJMS 2025) und eine Serie von acht Fallberichten.
Tierfrei ist das immerhin. Ob es auf der Haut mehr tut als eine gute Feuchtigkeitspflege, weiß derzeit niemand.
Was die Fische dafür bezahlen.
Ein großer Teil des Lachses, der weltweit gegessen und verarbeitet wird, stammt aus Netzgehegen im Meer, allen voran in Norwegen. Wie es den Tieren dort geht, dokumentiert das staatliche Norwegische Veterinärinstitut jedes Jahr im Fish Health Report. Für 2025 meldet es eine Sterblichkeit von 14,2 Prozent in der Meeresphase. Das sind rund 43 Millionen Lachse, die im Gehege gestorben sind, bevor sie überhaupt geschlachtet wurden. Häufigste Ursachen: Verletzungen bei der Entlausung, bei der die Tiere etwa mit warmem Wasser oder mechanisch behandelt werden, und Infektionskrankheiten.

Ob das Keimgewebe für ein bestimmtes Serum aus einer norwegischen Farm, einer italienischen Forellenzucht oder aus dem Wildfang stammt, verraten die Marken nicht. Für den Fisch macht es keinen Unterschied. Er ist tot, damit eine Creme „DNA-Power“ auf dem Etikett stehen haben kann.
Fische empfinden Schmerz, und sie tauchen in dieser Debatte nicht auf.
Die ganze PDRN-Diskussion dreht sich um Krähenfüße, Poren und Hautbarriere. Um das Tier, aus dem der Wirkstoff kommt, geht es nirgends. Dabei ist die Frage, ob Fische leiden können, wissenschaftlich keine offene mehr. Die New York Declaration on Animal Consciousness von 2024, unterzeichnet von Hunderten Forschenden, hält fest, dass es für Fische eine realistische Möglichkeit bewussten Erlebens gibt. Das EU-Recht nennt Tiere in Artikel 13 AEUV fühlende Wesen, und das deutsche Tierschutzgesetz erlaubt es in Paragraf 1 nicht, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen oder Leiden zuzufügen.
Eine etwas glattere Augenpartie ist kein vernünftiger Grund. Das gilt übrigens auch dann, wenn größere Studien PDRN irgendwann eine starke Wirkung bescheinigen. Die Frage, ob wir Tiere für unsere Haut töten, hängt an keinem Studienergebnis.
Kosmetik ist dabei nur ein kleiner Ausschnitt. Wie viele Tiere insgesamt in Deutschland für Essen und Kleidung sterben, haben wir hier zusammengerechnet, und auch Gelatine und Kollagen in Beauty-Produkten stammen aus Schlachtabfällen (so erkennst du Gelatine).
Tierversuchsfrei heißt in der EU nicht automatisch tierversuchsfrei.
Seit März 2013 dürfen in der EU keine Kosmetika mehr verkauft werden, deren Inhaltsstoffe für Kosmetikzwecke an Tieren getestet wurden. Das klingt nach einem Schlussstrich. Im November 2023 bestätigte allerdings das Gericht der EU, dass die Chemikalienagentur ECHA für zwei Sonnenschutzfilter Tierversuche verlangen darf, begründet mit dem Schutz von Arbeitskräften in der Produktion (Hintergrund bei Coslaw). Über das Chemikalienrecht REACH können Kosmetik-Inhaltsstoffe also weiterhin an Tieren geprüft werden. Die Europäische Bürgerinitiative „Save Cruelty Free Cosmetics“ hat dagegen über 1,2 Millionen Unterschriften gesammelt.
Deshalb achten wir bei Empfehlungen auf unabhängige Siegel wie Leaping Bunny oder die PETA-Liste, die auch Zulieferer und Inhaltsstoffe einbeziehen. Was Forschung ohne Tiere heute schon kann, steht in unserem Artikel zu Alternativen zu Tierversuchen. Und was hinter den Labortüren in Deutschland passiert, zeigt die ZDF-Doku, die wir hier besprochen haben.
Vegane Alternativen mit besserer Studienlage.
Wer glattere, ruhigere Haut möchte, braucht kein Fischsperma. Zwei vegane Wirkstoffe sind am Gesicht deutlich besser untersucht als PDRN:
Niacinamid. In einer Split-Face-Studie mit 50 Frauen über zwölf Wochen verbesserte eine Creme mit 5 Prozent Niacinamid feine Linien, Pigmentflecken und Rötungen im Vergleich zur wirkstofffreien Grundlage (Bissett et al. 2005). Finanziert hat das Procter & Gamble, das gehört zur Wahrheit dazu.
Bakuchiol. Der Pflanzenstoff aus den Samen von Psoralea corylifolia schnitt in einer randomisierten Doppelblindstudie mit 44 Personen nach zwölf Wochen bei Falten und Pigmentierung ähnlich ab wie Retinol, mit weniger Schuppung und Brennen (Dhaliwal et al. 2019, British Journal of Dermatology).

Drei vegane, tierversuchsfreie Seren statt PDRN.
Die Auswahl ist eine Marktübersicht, getestet haben wir die Seren nicht. Aufgenommen haben wir nur Marken, deren gesamtes Sortiment laut Hersteller vegan ist, die ein unabhängiges Tierversuchsfrei-Siegel tragen und keinem Großkonzern gehören. Die Zutatenlisten haben wir am 29. September 2026 auf den Herstellerseiten auf tierische Bestandteile durchgesehen.
i+m Naturkosmetik Berlin: Hyaluron Serum 3-fach

Die Berliner machen seit 1978 Naturkosmetik, das komplette Sortiment ist bei der Vegan Society registriert und trägt das Leaping-Bunny-Siegel. Das Serum setzt auf Hyaluronsäure in drei Molekülgrößen, laut Hersteller biotechnologisch aus Mikroorganismen gewonnen, dazu Aloe vera, Granatapfelsamen- und Hagebuttenöl. Hyaluron bindet Feuchtigkeit in den oberen Hautschichten. Unspektakulär, dafür gut verstanden. 25 ml, enthält Duftstoffe aus ätherischen Ölen.
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UpCircle Beauty: Peptide Serum mit Cherimoya und Blutorange

Die unabhängige britische Marke arbeitet mit Resten aus der Lebensmittelproduktion, hier Cherimoya-Extrakt und Blutorangenwasser. Wirkstoffseitig stecken ein synthetisches Peptid (Tripeptide-1), Niacinamid und ein stabiles Vitamin-C-Derivat drin, von denen Niacinamid der am besten untersuchte ist. Das Sortiment ist laut UpCircle vegan zertifiziert, tierversuchsfrei nach Leaping Bunny. 30 ml, parfümfrei.
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JUNGLÜCK: Retinol Bakuchiol Serum

Das Start-up aus Deutschland kombiniert 0,5 Prozent Bakuchiol, genau die Konzentration aus der oben genannten Studie, mit 0,2 Prozent Retinol. Die Marke erklärt ihr gesamtes Sortiment als vegan und steht auf der tierversuchsfreien Liste von PETA. In der Zutatenliste stehen Phospholipide, die theoretisch auch aus Ei gewonnen werden können. Junglück deklariert das Serum trotzdem ausdrücklich als vegan. Wer ganz sicher gehen will, fragt kurz nach. Wichtig beim Retinol: abends auftragen, tagsüber Sonnenschutz, und in der Schwangerschaft verzichten. 30 ml.
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Unser Fazit.
PDRN ist ein interessanter Wirkstoff in der Wundmedizin. In der Kosmetik ist er vor allem gutes Marketing mit einer einzigen kleinen Studie im Rücken, und er kostet in den meisten Fällen Fischleben. Wer Hautpflege ohne Tierbestandteile will, liest die INCI-Liste, lässt „Sodium DNA“ ohne Vegan-Kennzeichnung im Regal und greift zu Wirkstoffen, die besser untersucht sind.
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So haben wir recherchiert
Studien haben wir über PubMed im Original geprüft, Studiengröße, Dauer, Finanzierung und Limitationen stehen im Text. Die Zahlen zur Lachszucht stammen aus dem Fish Health Report 2025 des Norwegischen Veterinärinstituts. Vegan-Status und Tierversuchsfreiheit der Produkte haben wir am 29. September 2026 auf den Herstellerseiten und in den Datenbanken der Siegelgeber geprüft. Die Produkte haben wir nicht selbst getestet, dies ist eine Marktübersicht. Preise können sich ändern. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder dermatologische Beratung, bei Hautbeschwerden wende dich an eine Hautärztin oder einen Hautarzt.
Offen: Aus welcher Zucht oder welchem Fang das PDRN einzelner Marken stammt, legen die Hersteller nicht offen.


