Was die Kinder von Hundertjährigen essen, und was daran übertragbar ist

Eine im Mai 2026 veröffentlichte Auswertung der New England Centenarian Study hat die Ernährung von 457 Menschen untersucht, deren Eltern über hundert Jahre alt geworden sind. Durchgeführt wurde sie am Jean Mayer USDA Human Nutrition Research Center on Aging der Tufts University in Boston, erschienen ist sie im Journal of Nutrition, Health and Ageing.

Die Studie hat Nachkommen von Hundertjährigen befragt, nicht die Hundertjährigen selbst. Foto: T Leish (Pexels)
Der Ansatz ist klüger, als er zunächst klingt. Wer Hundertjährige selbst befragt, bekommt Erinnerungen an eine Ernährung aus den 1940ern. Wer ihre Kinder befragt, sieht, was in diesen Familien heute auf dem Tisch steht.
Was die Familien gut machen
Die Auswertung zeigt in mehreren Punkten deutliche Stärken gegenüber dem US-Durchschnitt.
Auffällig hohe Aufnahme von Obst und Gemüse. Ein hoher Anteil pflanzlicher Proteine. Mehr langkettige Omega-3-Fettsäuren. Und in beide Richtungen deutlich weniger von dem, was in westlichen Ernährungsmustern das Problem ist: weniger Natrium und weniger Zucker.
Das ist kein exotisches Muster. Es ist ziemlich genau das, was Ernährungsgesellschaften seit Jahrzehnten empfehlen und was in dieser Gruppe offenbar tatsächlich gelebt wird.
Wo auch diese Familien Lücken haben
Und hier wird die Studie interessant, weil sie nicht schmeichelt.
Die Autorinnen und Autoren beschreiben beständige Defizite bei Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen und Soja. Also ausgerechnet bei den Lebensmittelgruppen, die in den Untersuchungen zu langlebigen Bevölkerungen sonst regelmäßig eine große Rolle spielen.
Daraus lässt sich zweierlei lesen. Auch Familien mit außergewöhnlicher Langlebigkeit essen unvollständig. Und der Effekt, den man hier sieht, entsteht offenbar eher aus dem Fehlen der schlimmsten Muster als aus einer perfekten Ernährung.
Innerhalb der Gruppe gab es zudem Unterschiede. Ältere Teilnehmende aßen mehr rotes und verarbeitetes Fleisch und mehr Zucker. Frauen aßen mehr Gemüse als Männer.
Der Faktor, den niemand kochen kann
Der Befund, den man am wenigsten erwartet, betrifft gar nicht das Essen.
Als stärkster Einflussfaktor auf die Ernährungsqualität erwies sich in dieser Auswertung die Bildung, deutlich vor der familiären Veranlagung. Die Autorinnen und Autoren formulieren es so, dass soziodemografische und Umweltfaktoren die familiäre Prägung häufig überlagern.
Das passt zu etwas, das wir hier regelmäßig belegen: Was Menschen essen, entscheidet sich zu einem großen Teil an Bedingungen, die sie nicht selbst gewählt haben. Wie stark Preise dabei mitreden, haben wir für Deutschland durchgerechnet: Warum das Schnitzel künstlich billig ist und Gemüse teuer wirkt.
Was das für dich bedeutet, und was nicht
Was es nicht bedeutet: Diese Studie zeigt keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen einer bestimmten Ernährung und einem langen Leben. Sie beschreibt, wie eine besondere Gruppe isst. Wer daraus ein Versprechen bastelt, überdehnt die Daten.
Was sich sagen lässt: Die beschriebenen Muster sind deckungsgleich mit dem, was auch die großen Kohortenstudien zeigen. Viel Pflanzliches, wenig Salz, wenig Zucker, wenig verarbeitetes Fleisch. Es ist unspektakulär, und genau das ist der Punkt.
Wer die Lücken der Bostoner Familien schließen will, landet bei Hülsenfrüchten, Nüssen, Vollkorn und Soja. Also bei den Lebensmitteln, die in einer pflanzlichen Ernährung ohnehin die Basis bilden. Was Soja dabei tatsächlich kann und was ihm zu Unrecht nachgesagt wird, steht in unserem Faktencheck zu Soja, und die Übersicht über pflanzliches Eiweiß findest du in den 50 besten Proteinquellen.
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Wo auch diese Familien Lücken haben?
Was das für dich bedeutet, und was nicht?
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