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Tierversuche bei Verletzungen: Nur 3 von 83 Arzneien schafften die Zulassung

Ein Review in PLOS ONE hat 1.257 Tierstudien zu akuten Verletzungen ausgewertet. Nur 3,6 % der Arzneien wurden als neuer Wirkstofftyp zugelassen.

Eine weiße Ratte mit roten Augen sitzt in zwei Händen und blickt in die Kamera
Symbolbild. Weiße Ratten gehören zu den häufigsten Versuchstieren. Foto: Choco Virat / Pexels

Ratten mit Hirnverletzungen, Mäuse mit gequetschtem Rückenmark, Kaninchen mit Verbrennungen: An solchen Tiermodellen werden seit Jahrzehnten Therapien für akute Verletzungen getestet. Ein neuer systematischer Review in der Fachzeitschrift PLOS ONE hat nachgezählt, was davon beim Menschen ankommt. Von 83 Arzneien wurden nur 3 als neuer Wirkstofftyp für genau die getestete Verletzung zugelassen.

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Kurz gesagt

  • Die Datenbasis: 1.257 Tierstudien an Ratten, Mäusen, Meerschweinchen, Hamstern und Kaninchen, veröffentlicht 1990 bis 2010
  • Studien am Menschen: Auf 20 % der Tierstudien folgten klinische Studien
  • Zulassung: 3 von 83 Arzneien (3,6 %) wurden als neuer Wirkstofftyp für die getestete Verletzung zugelassen
  • Nach der Zulassung: Bei 6 von 7 Therapien, die als Erfolg galten, traten später größere Sicherheitsprobleme auf
  • Einordnung: Die Ergebnisse gelten für akute Verletzungen und kleine Tiere, nicht für die gesamte Forschung
Inhalt8 Kapitel
  1. 01Was die Forschenden untersucht haben
  2. 02Von 20 Prozent auf 3,6 Prozent
  3. 03Was aus den Erfolgen wurde
  4. 04Wie belastbar die Studie ist
  5. 05Wer jetzt in der Pflicht ist
  6. 06Tierethische Einordnung
  7. 07Was du tun kannst
  8. 08Häufige Fragen

Was die Forschenden untersucht haben.

Das Team um Timothy Entwistle und James Fildes aus Manchester hat in der Datenbank MEDLINE nach Tierversuchen zu akuten Verletzungen gesucht. Dazu zählen Schädel-Hirn-Traumata, Rückenmarksverletzungen, Verbrennungen, akute Lungen- und Nierenschäden sowie Strahlenschäden. Getestet wurden jeweils Behandlungen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht in der Klinik üblich waren. Am Ende blieben 1.257 Studien aus den Jahren 1990 bis 2010 übrig.

Der lange Abstand war Absicht. Bis aus einem Tierversuch eine Zulassung wird, vergehen oft viele Jahre. Die Forschenden haben deshalb für jede Therapie nachverfolgt, ob sie in Studien am Menschen getestet wurde, ob eine Behörde sie zugelassen hat und wie es ihr nach der Markteinführung erging. Für 100 Therapien gab es genug Daten, 83 davon waren Arzneimittel.

Von 20 Prozent auf 3,6 Prozent.

Auf den ersten Blick sieht die Bilanz ordentlich aus. Auf 251 der 1.257 Tierstudien folgten klinische Studien, also auf 20 %. Diese Zahl taucht in der Debatte um Tierversuche häufig als Erfolgsquote auf. Die Autor*innen halten sie für irreführend, denn dass ein Mittel am Menschen getestet wird, heißt noch nicht, dass es dort auch wirkt.

Deshalb haben sie strenger gezählt. Gefragt war, welche Arznei als neuer Wirkstofftyp für genau die Verletzung zugelassen wurde, an der sie im Tier getestet worden war. Das traf auf 3 von 83 Arzneien zu, also auf 3,6 %. 15 Arzneien sind in Studien am Menschen eindeutig gescheitert. Weil Studien mit negativen Ergebnissen seltener veröffentlicht werden, halten die Autor*innen 3,6 % eher für eine Obergrenze.

Infografik: Auf 20 Prozent der Tierstudien folgten Studien am Menschen, 3,6 Prozent der Arzneien wurden neu zugelassen, nur 1 von 7 Erfolgen blieb ohne größere Sicherheitsbedenken
Die wichtigsten Zahlen aus dem Review und was aus den sieben Erfolgen wurde. Grafik: This Is Vegan
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Was aus den Erfolgen wurde.

Insgesamt sieben Therapien wurden für die im Tier getestete Verletzung zugelassen. Neben den drei neuen Wirkstoffen zählen die Forschenden vier weitere mit Einschränkungen dazu, etwa weil sie vor den heutigen Zulassungsregeln auf den Markt kamen oder zu einer schon bekannten Wirkstoffklasse gehören. Bei sechs dieser sieben Therapien zeigten sich später größere Sicherheitsprobleme, die in den Tierversuchen nicht aufgefallen waren:

  • Wachstumshormon (rhGH) gilt für schwerkranke Patient*innen inzwischen praktisch als kontraindiziert.
  • rhBMP-2, ein Wachstumsfaktor für Knochen, wird nach einer Warnung der US-Arzneimittelbehörde FDA und mehreren Klagen deutlich seltener eingesetzt.
  • Palifermin darf nur noch unter verschärfter Überwachung eingesetzt werden, weil der Verdacht auf Zweittumoren besteht.
  • Mannitol wurde in vielen Leitlinien durch hochkonzentrierte Kochsalzlösung ersetzt.
  • Pantoprazol war Gegenstand von fünf Sicherheitsmitteilungen der FDA.
  • Epicel, gezüchtete Haut für Brandopfer, ist nur über eine Ausnahmeregelung erhältlich. Laut FDA ist die Wirksamkeit nicht belegt.

Nur Beractant, besser bekannt unter dem Handelsnamen Survanta, ist ohne größere Einschränkungen weiter im Einsatz. Es ersetzt eine Substanz in der Lunge und wird aus Rinderlungen gewonnen. Einen neuen Wirkstofftyp hat das Tiermodell hier aber nicht vorhergesagt, denn ähnliche Präparate gab es schon vorher.

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Wie belastbar die Studie ist.

Die Arbeit ist methodisch sorgfältig gemacht. Das Vorgehen wurde vorab auf der Plattform Open Science Framework registriert, je zwei Personen haben die Studien unabhängig voneinander geprüft, und die Rohdaten sind öffentlich. Trotzdem gibt es Grenzen, die die Autor*innen selbst nennen:

  • Nur ein Teilgebiet: Untersucht wurden akute Verletzungen und kleine Tiere. Für Krebs, Infektionen, chronische Krankheiten oder Versuche an Affen sagt der Review nichts aus.
  • Nur eine Datenbank: Gesucht wurde in MEDLINE. Studien, die dort nicht erfasst sind, fehlen.
  • Ermessensspielraum: Was als Erfolg zählt, ist eine Definitionsfrage. Die Forschenden geben deshalb mehrere Quoten an, je nach Definition liegen sie zwischen 1,2 und 20 %.

Zur Einordnung gehört auch, wer die Studie gemacht hat. Vier der fünf Autor*innen sind bei Pebble Biotechnology Laboratories angestellt, die fünfte arbeitet für das zugehörige Pebble Institute, das die Arbeit finanziert hat. Das Unternehmen bietet Tests an Organen an, die außerhalb des Körpers am Leben gehalten werden, also eine Alternative zum klassischen Tierversuch. Die Autor*innen legen das offen. Ein geschäftliches Interesse am Ergebnis lässt sich aber nicht ausschließen.

Die Ergebnisse passen zu früheren Arbeiten. Ein großer Review aus dem Jahr 2024 kam über alle Fachgebiete hinweg auf eine Zulassungsquote von rund 5 %. Wir haben die Studienlage zur Übertragbarkeit von Tierversuchen ausführlich zusammengefasst.

Wer jetzt in der Pflicht ist.

Die Forschenden ziehen einen klaren Schluss. Wer in diesem Bereich weitere Tierversuche an kleinen Nagetieren plant, muss nach ihrer Ansicht begründen, warum sie diesmal mehr bringen sollen als bisher. Das Leid der Tiere solle gegen die niedrige Erfolgsquote abgewogen werden, schreiben sie. Als Alternativen nennen sie menschliches Gewebe, Organoide und Computermodelle, dazu sorgfältiger geplante Studien und frühe, vorsichtige Tests am Menschen.

Ob Tierversuche in diesem Bereich ganz enden sollten, beantworten die Daten nach Aussage der Autor*innen nicht. Sie verschieben aber die Beweislast. Welche Alternativen zu Tierversuchen es heute schon gibt, haben wir in einem eigenen Artikel zusammengetragen.

Wie Fachleute aus der Praxis das sehen, haben uns Dr. Corina Gericke, Tierärztin, und Claus Kronaus vom Verein Ärzte gegen Tierversuche im Plantbased Podcast erzählt. Die wichtigsten Antworten stehen in unserem Interview zu Tierversuchen, das ganze Gespräch gibt es hier als Video:

Tierethische Einordnung.

Hinter den 1.257 Studien stehen Tiere, denen absichtlich schwere Verletzungen zugefügt wurden: künstlich erzeugte Hirnverletzungen, gequetschtes Rückenmark, Verbrennungen. Ratten und Mäuse empfinden Schmerz und Angst, das ist wissenschaftlich gut belegt. Gerechtfertigt wird ihr Leid meist mit dem Nutzen für Menschen. Dieser Review zeigt, dass dieser Nutzen in einem ganzen Forschungsfeld viel kleiner war als angenommen.

Aus tierethischer Sicht wäre ein Versuch auch dann nicht in Ordnung, wenn er öfter funktionieren würde. Die Studie zeigt aber, dass Tierversuche oft nicht einmal das liefern, womit sie gerechtfertigt werden. Wie viele Tiere in Deutschland jedes Jahr in Versuchen verwendet werden, zeigt der aktuelle Bericht des Bundesinstituts für Risikobewertung.

Was du tun kannst.

  • Informiert bleiben. Die Studie ist frei zugänglich und lässt sich gut zitieren, wenn das Thema in Gesprächen aufkommt.
  • Tierversuchsfrei einkaufen. Bei Kosmetik und Haushaltsprodukten kannst du zu veganer, tierversuchsfreier Kosmetik greifen.
  • Tierfreie Forschung unterstützen. Organisationen wie Ärzte gegen Tierversuche fördern Forschung ohne Tiere und setzen sich politisch für sie ein.

Häufige Fragen.

Wie viele Tierversuche führen zu einer Zulassung?

In diesem Review zu akuten Verletzungen wurden 3 von 83 Arzneien als neuer Wirkstofftyp für die getestete Verletzung zugelassen, das sind 3,6 %. Ein Review über alle Fachgebiete aus dem Jahr 2024 kam auf rund 5 %.

Welche Tiere wurden in den Studien verwendet?

Ratten, Mäuse, Meerschweinchen, Hamster und Kaninchen. Ausgewertet wurden Studien, die zwischen 1990 und 2010 veröffentlicht wurden.

Gilt das Ergebnis für alle Tierversuche?

Nein. Die Autor*innen haben nur Studien zu akuten Verletzungen wie Hirn-, Rückenmarks- und Brandverletzungen untersucht. Für andere Bereiche wie Krebs oder Infektionen machen sie ausdrücklich keine Aussage.

Wer hat die Studie finanziert?

Das Pebble Institute in Manchester. Die meisten Autor*innen arbeiten für Pebble Biotechnology Laboratories, ein Unternehmen, das Tests an Organen außerhalb des Körpers anbietet.

Quellen ●

Entwistle TR, Cowey WR, Stokoe E, Stone JP, Fildes JE: From preclinical promise to regulatory reality: translation of small rodent acute injury therapies to human approval and safety outcomes. PLOS ONE 21(9): e0358773, 2026. Registrierung und Daten: Open Science Framework. Firmenangaben: Companies House (Großbritannien). Foto: Choco Virat / Pexels. Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Wenn du darüber etwas kaufst, erhalten wir eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts. Als Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

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