Mit 90 fast drei Minuten an der Stange: Ann Esselstyn holt den Dead-Hang-Weltrekord
Die Übung ist so simpel, dass sie kaum nach Sport aussieht: an eine Stange hängen und das eigene Körpergewicht halten. Wer es zum ersten Mal probiert, ist meist nach 30 Sekunden fertig.
Ann Crile Esselstyn hielt 2 Minuten und 52 Sekunden durch. Sie war dabei 90 Jahre und 231 Tage alt und ernährt sich seit Jahrzehnten rein pflanzlich.

Das Wichtigste in Kürze
- Wer: Ann Crile Esselstyn aus Pepper Pike, Ohio, 90 Jahre alt
- Was: Guinness-Weltrekord als älteste Frau, die einen Dead Hang hält
- Wie lange: 2:52 Minuten, am 6. März 2026
- Vorheriger Rekord: 2:01 Minuten, aufgestellt 2024 von der damals 81-jährigen Annie Judis
- Trainingszeit: gut einen Monat, angeleitet von ihrem Sohn
Was ein Dead Hang ist

Beim Dead Hang hängt man mit gestreckten Armen an einer Stange, ohne sich hochzuziehen. Klingt nach Pause, ist aber Arbeit für Griffkraft, Unterarme, Schultergürtel und Rumpf. Die Grenze setzt fast immer die Hand: Irgendwann rutschen die Finger, egal wie fit der Rest ist.
Genau deshalb ist die Übung in der Alternsforschung interessant. Die Griffkraft gilt als einer der zuverlässigsten einfachen Marker für den allgemeinen Zustand eines Menschen. Die PURE-Studie im Lancet mit knapp 140.000 Teilnehmenden fand 2015 einen Zusammenhang zwischen niedriger Griffkraft und einem höheren Sterberisiko, unabhängig vom Blutdruck. Wichtig dabei: Das ist ein Zusammenhang, kein Beweis für Ursache und Wirkung. Griffkraft ist eher ein Anzeiger für den Gesamtzustand als der Hebel selbst.
Wie der Rekord zustande kam
Die Geschichte beginnt mit einem Heimtrainer, der herumstand.
Ihre Schwiegertochter Polly Labarre forderte Esselstyn heraus, 40 Tage lang etwas Neues durchzuziehen. Weil sie ein schlechtes Gewissen wegen des ungenutzten Peloton-Rads hatte, entschied sie sich fürs Radfahren vor dem Frühstück. Nach den 40 Tagen war die Gewohnheit da und blieb. Ihr Kommentar dazu gegenüber Guinness World Records: „Und ich LIEBE mein Frühstück.”
An die Stange hängte sie sich anfangs nur gelegentlich, um die Haltung zu verbessern. Bis ihr Sohn Rip von seiner Fitness-Aktion „Hanging with Rip” erzählte.
„Ich habe nur gesagt: Ach, das mache ich manchmal. Er bat mich, zur Klimmzugstange zu gehen und so lange zu hängen, wie ich kann. Wir waren per FaceTime verbunden. Ich habe das Handy so hingestellt, dass er zuschauen konnte, und hing eine Minute und 15 Sekunden. Rip war fassungslos.”
Am Tag darauf las Rip in der Zeitung von Annie Judis und ihrem Rekord. Ab dem 2. Februar wurde er zum Trainer seiner Mutter und rief sie jeden Tag an. Zu Beginn teilte sie die zwei Minuten in kleinere Stücke auf.
„Ob du es glaubst oder nicht, im Lauf des Monats konnte ich spüren, wie meine Hände stärker wurden. Aus den Blasen, die anfangs so wehtaten, wurde Hornhaut. Mein Rücken fühlte sich etwas besser an.”
Dann rief Rip an und berichtete von seinen eigenen 2:16 Minuten. Am nächsten Morgen hing seine Mutter 2:20. „Damit habe ich nicht nur Rip geschlagen, der sonst alles gewinnt, sondern inoffiziell auch den Weltrekord. Ich war angefixt.”
Am 6. März kam die offizielle Messung. In ihrem Haus in Pepper Pike standen Zeitnehmer, Fotografen, Zeugen, ein Anwalt, ein Feuerwehrmann, Nachbarn und zwei Personal Trainer. Alle vier Kinder waren da. Der erste Versuch endete nach 2:41 Minuten, doch eine aufmerksame Zeugin bemerkte, dass Esselstyn vor Aufregung mit den Beinen gestrampelt hatte. Um eine Disqualifikation zu vermeiden, wiederholten sie den Versuch nach einer halben Stunde Pause.
„Die Zeit schien stillzustehen. Alle waren still bis zur Zwei-Minuten-Marke. Bei zwei Minuten und 30 Sekunden explodierte der Raum. Meine Hände fingen gerade an zu rutschen. Ich habe den Kopf in den Nacken gelegt, an die Decke geschaut und zugedrückt.”
2:52 Minuten. Danach taten Rücken und Arme weh. Ihr Fazit fällt trotzdem sportlich aus: „Vielleicht hätte ich noch ein bisschen länger durchgehalten, wenn ich gewusst hätte, wie nah ich dran war. Ein andermal!”

Die Familie dahinter
Der Name Esselstyn ist in der pflanzlichen Ernährungsszene bekannt. Ehemann Caldwell Esselstyn, 92, ist Arzt und einer der prominentesten Verfechter einer rein pflanzlichen, ölfreien Ernährung in der Herzmedizin. Sohn Rip Esselstyn ist ehemaliger Triathlet und Feuerwehrmann und hat daraus eine eigene Marke gemacht. Tochter Jane Esselstyn ist Krankenpflegerin und betreibt zusammen mit ihrer Mutter einen pflanzlichen Kochkanal auf YouTube.

Ann Esselstyn selbst war 27 Jahre lang Englischlehrerin, hat vier Kinder großgezogen, zehn verschiedene Sportarten gespielt und trainiert und die Rezepte für die Patientinnen und Patienten ihres Mannes entwickelt, lange bevor es dafür Internetseiten gab.
Eine Einordnung gehört dazu: Die Familie isst seit Jahrzehnten ohne Tierprodukte, begründet das aber vor allem medizinisch, nicht mit Tierrechten. „Plant-based” ist in den USA ein Gesundheitsbegriff, „vegan” eine ethische Haltung. Auf dem Teller läuft es meist aufs Gleiche hinaus, in der Motivation nicht.
Was der Rekord über Ernährung aussagt, und was nicht

Hier wird es interessant, und hier machen es sich viele Meldungen zu leicht.
Ein einzelner Mensch beweist über eine Ernährungsform gar nichts. Eine 90-Jährige, die einen Weltrekord hält, ist eine Stichprobengröße von eins. Genetik, Lebenslauf, Wohlstand, medizinische Versorgung und schlicht Glück spielen mit hinein. Wer aus dieser Geschichte ableitet, dass pflanzliche Ernährung zu Rekorden führt, argumentiert genauso schwach wie jemand, der auf den rauchenden 95-Jährigen verweist.
Was der Fall trotzdem leistet: Er räumt mit einem hartnäckigen Klischee auf. Die Vorstellung, pflanzliche Ernährung mache im Alter schwach und muskelarm, hält sich zäh. Eine Frau, die nach Jahrzehnten ohne Tierprodukte mit 90 fast drei Minuten an einer Stange hängt, ist dafür ein unbequemes Gegenbeispiel. Sie beweist nicht, dass die Ernährung geholfen hat. Sie zeigt aber, dass sie offensichtlich nicht im Weg stand.
Und dann ist da noch dies: Esselstyn selbst nennt gar nicht das Essen als Grund. Sie spricht über tägliches Training, über eine Gewohnheit, die sie 40 Tage lang durchgezogen hat, und über eine Familie, die sie angefeuert hat. Das ist die eigentlich brauchbare Botschaft, und sie funktioniert unabhängig davon, was auf dem Teller liegt.
Wer sich für die Ernährungsseite interessiert: Wie viel Eiweiß im Alter sinnvoll ist und woraus es pflanzlich kommen kann, steht in unserem Ratgeber zum veganen Eiweißbedarf. Und wer Muskeln aufbauen will, findet die Grundlagen in unserem Text zu veganer Ernährung und Muskelaufbau.

Ihr Rat an alle, die älter werden
Auf die Frage, was sie anderen mitgeben will, antwortete Esselstyn knapp:
„Einfach weiter bewegen. Nimm die Treppe, heb Gewichte, dehne dich, geh spazieren, mach Yoga, tanz, und beweg dich einfach immer!”
Und den Rekord hat sie nicht zum Anlass genommen aufzuhören. Sie hängt weiterhin täglich mindestens zwei Minuten an der Stange. Als sie einmal nachts um vier aufwachte und merkte, dass sie es an dem Tag noch nicht gemacht hatte, ging sie nach unten und holte es nach.
Quellen und Einordnung
Alle Angaben zum Rekord und die Zitate stammen aus dem Bericht von Guinness World Records vom 31. März 2026 und dem Rekordeintrag. Die Zitate haben wir aus dem Englischen übersetzt. Aufmerksam geworden sind wir über Vegan FTA; dort ist als Zeitpunkt Februar 2026 angegeben, laut Guinness fiel die Entscheidung im Februar, der Rekordversuch selbst fand am 6. März statt.
Zur Griffkraft: Leong et al., „Prognostic value of grip strength: findings from the Prospective Urban Rural Epidemiology (PURE) study”, The Lancet, 2015, DOI 10.1016/S0140-6736(14)62000-6. Die Studie zeigt einen statistischen Zusammenhang, keine Ursache-Wirkung-Beziehung.
Die Fotos vom Rekordversuch stammen von Guinness World Records, die Aufnahmen aus der Küche sind Screenshots aus dem YouTube-Kanal „Plant-Based with Jane Esselstyn and Ann Esselstyn”. Alle Bilder sind entsprechend gekennzeichnet.
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Wie der Rekord zustande kam?
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