Vogelgrippe auf US-Nerzfarm: Warum der Fall die EU unter Druck setzt
In Salt Lake County, Utah, haben US-Behörden vergangene Woche erstmals hochpathogene Vogelgrippe auf einer Nerzfarm bestätigt. Was nach einer lokalen Meldung klingt, ist der jüngste Eintrag in einer Liste, die seit 2020 immer länger wird. Und sie erreicht die EU-Kommission zu einem Zeitpunkt, an dem diese über 1,5 Millionen Unterschriften auf dem Tisch liegen hat.
Das Wichtigste in Kürze
Erstmals wurde in den USA hochpathogene aviäre Influenza (HPAI) auf einer Nerzfarm nachgewiesen. In Europa gab es 2022 und 2023 bereits Ausbrüche auf 72 Pelzfarmen in Spanien und Finnland, zuvor Corona-Ausbrüche auf fast 500 Nerzfarmen in 13 Ländern.
Die Tierschutzorganisation Humane World for Animals sieht darin einen Weckruf an die EU-Kommission, die derzeit über ihre Antwort auf die Bürgerinitiative „Fur Free Europe” berät. Diese haben über 1,5 Millionen EU-Bürger*innen unterschrieben.

Warum ausgerechnet Nerze
Der Grund, warum Virologinnen und Virologen beim Stichwort Nerzfarm hellhörig werden, liegt in der Biologie dieser Tiere. Die oberen Atemwege von Nerzen ähneln physiologisch denen des Menschen. Sie sind für menschliche und für tierische Influenzaviren empfänglich, und genau das macht sie zu dem, was Fachleute ein „Mischgefäß” nennen: einen Ort, an dem zwei Virustypen aufeinandertreffen und etwas Neues entstehen kann.
Dazu kommt die Haltung selbst. Tausende Tiere auf engem Raum, Käfig an Käfig, sind nach Einschätzung von Humane World for Animals ideale Bedingungen für die Ausbreitung. Übertragen werden Viren dabei über lebende Tiere ebenso wie über Kot, Tierkörper und abfließendes Abwasser, also weit über den Farmzaun hinaus, hin zu Menschen und Wildtieren in der Umgebung.

Die Vorgeschichte: 500 Corona-Farmen, 72 Vogelgrippe-Farmen
Der Fall aus Utah steht nicht allein. Auf fast 500 Nerzfarmen in 13 Ländern Europas und Nordamerikas infizierten sich Tiere mit COVID-19, Millionen wurden aus Gründen des Infektionsschutzes getötet. Das Virus sprang dabei nachweislich zwischen Menschen und Nerzen hin und her, was Dänemark 2020 zur Keulung seines gesamten Bestands veranlasste.
Bei der Vogelgrippe wiederholte sich das Muster: 72 europäische Pelzfarmen waren 2022 und 2023 betroffen, vor allem in Spanien und Finnland. Rund 500.000 Nerze, Polarfüchse, Rotfüchse und Marderhunde wurden getötet.
„Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Vogelgrippe auch auf einer US-amerikanischen Nerzfarm nachgewiesen wird, wie wir es schon hier in Europa beobachtet haben. Pelztierfarmen, insbesondere Nerzfarmen, stellen ein ernstes Gesundheitsrisiko für Menschen und Wildtiere in der Umgebung dar.”
Sylvie Kremerskothen Gleason, Landesdirektorin von Humane World for Animals Deutschland
Was in Brüssel gerade auf dem Tisch liegt

2023 unterzeichneten mehr als 1,5 Millionen EU-Bürgerinnen und -Bürger die Europäische Bürgerinitiative „Fur Free Europe” und forderten ein EU-weites Verbot der Pelztierhaltung und des Pelzhandels. Ihre politische Antwort darauf hat die Kommission bis heute nicht veröffentlicht. Sie hat lediglich die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) mit einem Gutachten beauftragt, das nach Darstellung von Humane World for Animals das systemische Tierleid auf Pelzfarmen bestätigt.
Wichtig für die Einordnung: Selbst wenn die Kommission einen Gesetzesvorschlag vorlegt, ist das erst der Anfang. Sowohl das Europäische Parlament als auch der Rat können ihn ändern, und beide müssen ihn annehmen.
Der Rest Europas ist derweil längst weiter. In 24 europäischen Ländern, darunter 18 EU-Mitgliedstaaten, ist die Pelztierzucht bereits verboten, zuletzt kamen Polen, Estland, Lettland, Litauen und Rumänien dazu. In Deutschland gibt es seit 2019 keine Pelzfarmen mehr, weil die Tierschutzstandards hier so hoch sind, dass sich der Betrieb nicht mehr lohnte. Ein offizielles Verbot fehlt aber bis heute, ähnlich wie in Bulgarien und Schweden. Anders gesagt: Wer wollte, dürfte hierzulande wieder anfangen.
Ein Geschäft, das sich nicht rechnet
Bemerkenswert ist, wie schwach das ökonomische Argument inzwischen ist. Eine von Humane World for Animals zitierte Analyse eines Umweltökonomen kommt zu dem Schluss, dass die Pelztierhaltung EU-Bürgerinnen und -Bürger jährlich bis zu 446 Millionen Euro kostet, wenn man Subventionen, Seuchenbekämpfung und Folgekosten einrechnet. Die Branche ist seit Jahren unrentabel.

Dazu kommt die Klimabilanz, und die ist bemerkenswert schlecht. Ein Kilogramm Nerzpelz verursacht laut der von der Organisation zitierten Untersuchung 309,91 Kilogramm CO2-Äquivalent. Das ist 31-mal so viel wie bei Baumwolle, 26-mal so viel wie bei Acryl und 25-mal so viel wie bei Polyester. Der Vergleich, der am meisten hängen bleibt: Die Zucht fleischfressender Tiere wie Nerze verursacht rund siebenmal mehr Emissionen als die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch. Was logisch ist, wenn man es zu Ende denkt: Nerze fressen Tiere, die selbst erst produziert werden müssen.
Die Mode hat längst entschieden

Während Brüssel zögert, ist die Branche, um die es geht, schon weitergezogen. Weltweit haben sich über 1.600 Marken und Einzelhändler zu einer pelzfreien Unternehmenspolitik verpflichtet. Aus Deutschland gehören unter anderem Karl Lagerfeld, Hugo Boss, adidas, Puma, Mustang, VAUDE, s.Oliver, Jack Wolfskin und Zalando dazu, international Max Mara, Saint Laurent, Gucci, Alexander McQueen, Balenciaga, Valentino, Prada, Armani, Versace, Michael Kors, Jimmy Choo, DKNY, Burberry und Chanel.
Wenn Chanel, Gucci und Prada dasselbe Material aus dem Sortiment nehmen, ist das kein Nischentrend mehr. Es ist ein Marktsignal.
Was das für dich heißt
Pelz begegnet einem im Alltag selten als Mantel, häufiger als Detail: Kapuzenbesatz, Pompon an der Mütze, Applikation an Handschuhen. Genau dort lohnt der zweite Blick, denn echter Pelz ist oft billiger als guter Kunstpelz. Ein Tipp aus der Praxis: Bei echtem Pelz sieht man an der Basis eine Lederhaut, Kunstpelz sitzt auf einem gewebten Grund. Und beim Kaufhinweis „Echtfell” gilt in der EU eine Kennzeichnungspflicht, die aber immer wieder unterlaufen wird.
Wie sich Tierleid und Gesundheitsrisiken in anderen Bereichen überschneiden, zeigt unser Interview mit Wiebke Plasse zur Ausbeutung von Wildtieren, und wie Tiere aus schlechter Haltung ein neues Leben bekommen, unser Bericht über die Tiger aus Nordsachsen.
Transparenz und Quellen
Grundlage dieses Artikels ist eine Pressemitteilung von Humane World for Animals Deutschland vom 28. August 2026 samt der dort zusammengestellten Fakten zur Pelztierhaltung. Der Nachweis der hochpathogenen aviären Influenza auf einer Nerzfarm in Salt Lake County wurde nach Angaben der Organisation von US-Behörden bestätigt. Zahlen zu Ausbrüchen, Beständen, Kosten, Klimabilanz und Markenzusagen stammen von Humane World for Animals beziehungsweise aus den dort zitierten Untersuchungen, darunter eine Analyse zum CO2-Fußabdruck von Pelzmode und eine Wirtschaftlichkeitsanalyse eines Umweltökonomen. Das Zitat von Sylvie Kremerskothen Gleason stammt aus der Pressemitteilung. Stand: 28. August 2026.
Bilder: Humane World for Animals (Pelzfarmen), Stock (wildlebende Nerze), This Is Vegan (Infografiken). Die Fotos aus Pelzfarmen dokumentieren die Haltung allgemein und zeigen nicht die betroffene Farm in Utah. Für diesen Artikel ist kein Geld geflossen.
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