Alnatura beim Discounter: Bio-Marke startet bei Netto

Es gibt Sätze, die in der Bio-Branche jahrelang als gesetzt galten. Einer davon lautete: Alnatura geht nicht in den Discount. Dieser Satz ist seit diesem Monat hinfällig.
Ab August 2026 liegen Alnatura-Produkte bei Netto Marken-Discount im Regal. Rund 80 Artikel in etwa 260 Filialen in Berlin. Alnatura selbst spricht von einem zeitlich begrenzten Test in der Region.
Die Fakten
Der Start beschränkt sich auf das Trockensortiment. Genannt werden Grundnahrungsmittel, Kochzutaten, Frühstücksartikel, Süßwaren, Snacks und Öle. Also im Wesentlichen das, was lange haltbar ist und keine eigene Kühlkette braucht.
Christina Stylianou, Leiterin der Unternehmenskommunikation bei Netto, ordnet den Schritt so ein: Mit Alnatura bringe man eine der bekanntesten Bio-Marken Deutschlands dorthin, wo Millionen Menschen jede Woche einkaufen. Aus dem Alnatura-Presseteam heißt es von Marie Gonther, Ziel der Kooperation sei es, die Produkte für mehr Menschen verfügbar zu machen, gerade dort, wo es bislang keinen Alnatura Super Natur Markt gibt.
Eine ausführliche eigene Pressemitteilung hat bislang keines der beiden Unternehmen veröffentlicht. Die Information läuft über die Fachpresse, was für einen regional begrenzten Testlauf nicht ungewöhnlich ist. Welche 80 Artikel genau im Regal landen, ist damit noch nicht öffentlich.
Genau dieses Trockensortiment geht jetzt in den Discount. Quelle: Alnatura, Fotograf: Thommy Mardo
Warum das ein echter Kurswechsel ist
Um zu verstehen, warum diese Meldung in der Branche für Gesprächsstoff sorgt, muss man wissen, wie lange Alnatura genau das abgelehnt hat.
Die 1984 von Götz E. Rehn gegründete Firma hat ihre Marke über Jahrzehnte über eine bestimmte Erzählung aufgebaut: Bio als Haltung, nicht als Preisargument. Der Discount stand dafür so ziemlich am anderen Ende der Skala. Vertrieben wurde über die eigenen Super Natur Märkte, über den Naturkostfachhandel und seit 2015 über Edeka.
Dass diese Haltung jetzt aufgeweicht wird, ist keine Kleinigkeit. Es ist die Entscheidung, die Marke einem Umfeld auszusetzen, das nach anderen Regeln funktioniert: knappe Fläche, hohe Umschlagsgeschwindigkeit, permanenter Preisvergleich.
Götz E. Rehn hat Alnatura 1984 gegründet. Die Öffnung zum Discount ist eine der größeren Richtungsentscheidungen der Firmengeschichte. Quelle: Alnatura, Fotograf: Jonas Werner Hohensee
Warum ausgerechnet Netto
Auf den ersten Blick wirkt die Wahl des Partners zufällig. Ist sie nicht.
Netto Marken-Discount, die Kette mit dem gelb-roten Logo, gehört zum Edeka-Verbund und betreibt bundesweit über 4.000 Filialen. Alnatura arbeitet mit Edeka bereits seit 2015 zusammen. Der Schritt zu Netto ist damit weniger ein Sprung zu einem fremden Partner als die Ausweitung einer bestehenden Beziehung auf einen weiteren Vertriebskanal desselben Konzerns.
Auch der Testmarkt ist mit Bedacht gewählt. Berlin ist die Stadt mit der höchsten Dichte an Alnatura Super Natur Märkten. Wer hier testet, kann relativ genau messen, ob der Discount zusätzliche Kundschaft bringt oder ob er den eigenen Märkten Umsatz abzieht. Das ist die Frage, um die es bei diesem Pilotprojekt wirklich geht.
Für Netto passt es ebenfalls ins Bild. Die Kette führt nach eigenen Angaben rund 1.000 Bio-Artikel, überwiegend über die Eigenmarke Bio-Bio und die Edeka-Biomarke Naturkind. Alnatura ist dabei die erste große Herstellermarke. Eine bekannte Marke im Regal wirkt dabei als Signal, das keine Eigenmarke senden kann. Nach den Consumer Insights von Statista lag Alnatura zuletzt mit 44 Prozent auf Platz drei der beliebtesten Bio-Marken in Deutschland, hinter den Handelsmarken Rewe Bio und Edeka Bio.
Alnatura Super Natur Markt in Berlin. Ausgerechnet in der Stadt mit den meisten eigenen Märkten beginnt der Discount-Test. Quelle: Alnatura, Fotograf: Lars Gruber
Wer wollte das eigentlich? Nicht Alnatura
Der interessanteste Satz zu dieser Kooperation steht in der Frankfurter Allgemeinen und stammt von einer Alnatura-Sprecherin: Man komme mit der Einlistung auch einem Wunsch von Edeka nach.
Damit liest sich die Meldung anders. Es ist weniger die Bio-Marke, die sich dem Discount öffnet, als der Handelspartner, der darauf gedrängt hat. Und Alnatura hat gerade wenig Verhandlungsmasse.
Der Grund heißt Tegut. Die Kette wird verkauft, über 300 Filialen stehen zur Disposition, und in vielen davon liegen Alnatura-Artikel im Regal. Gut 200 Standorte will Edeka übernehmen, doch das Bundeskartellamt hat dagegen erhebliche wettbewerbsrechtliche Bedenken angemeldet. Für Alnatura bedeutet das im schlechtesten Fall den Verlust eines großen Teils der Fläche, über die die Marke bisher verkauft wurde.
Dazu kommt der Preisdruck. Vor drei Jahren hat Alnatura mit Prima Alnatura eine eigene Einstiegspreis-Linie eingeführt, und im Frühjahr wurden deren Preise laut Branchenberichten auf das Niveau der Drogeriekette dm gesenkt, also des früheren Partners. Eine Marke, die Bio als Haltung statt als Preisargument aufgebaut hat, kämpft inzwischen offen über den Preis.
Auch nach oben sortiert sich gerade einiges: Bei Rewe ist Alnatura bisher nur mit der glutenfreien Marke Alnavit vertreten, rund 70 Artikel ganzjährig, und im Frühjahr wurde berichtet, dass das Großhandelsgeschäft dort ausgebaut werden soll. Rewe ist der Hauptwettbewerber von Edeka. Wer beide beliefert, sitzt selten am längeren Hebel.
Es ist nicht das erste Mal, aber diesmal freiwillig
Ein Detail, das in der aktuellen Berichterstattung untergeht: Alnatura-Produkte lagen schon einmal bei Netto. Im März 2019 tauchten sie in einigen Filialen in Nordbayern auf, und zwar ohne Zutun der Marke.
Der Fachdienst BioHandel zitierte damals eine Alnatura-Sprecherin mit den Worten, man sei selbst überrascht, das sei eine eigenmächtige Aktion von Netto gewesen, und man kläre das gerade mit Edeka.
Sieben Jahre später steht dasselbe Sortiment im selben Discounter, diesmal mit Pressemitteilung. Geändert hat sich nicht das Regal. Geändert hat sich die Verhandlungsposition.
Was das für pflanzliche Einkäufe bedeutet
Jetzt der Teil, der uns als veganes Magazin am meisten interessiert, und hier lohnt ein genauer Blick statt Jubel.
Das Trockensortiment ist die Produktgruppe, in der pflanzliche Lebensmittel ohnehin die Mehrheit stellen. Nudeln, Reis, Linsen, Kichererbsen, Haferflocken, Nussmus, Öle, dunkle Schokolade, Trockenfrüchte. Das ist die Basis einer pflanzlichen Küche, lange bevor irgendein Ersatzprodukt ins Spiel kommt, und in Bio-Qualität häufig deutlich teurer als konventionelle Ware.
Wenn diese Grundlagen zusätzlich dort verfügbar sind, wo Menschen ihren Wocheneinkauf ohnehin erledigen, verschiebt das etwas. Nicht die Preise selbst, dazu gleich mehr, aber die Verfügbarkeit. Und Verfügbarkeit ist bei pflanzlicher Ernährung häufig die größere Hürde als der Wille. Wir haben genau das schon einmal ausführlich durchgerechnet: Wie vegan günstig leben tatsächlich funktioniert, hängt weit mehr an Grundzutaten als an teuren Fleischalternativen.
Wer sich einen Überblick verschaffen will, was in einen soliden Grundvorrat gehört, kann unsere vegane Einkaufsliste nutzen. Die läuft im Browser, kostet nichts und deckt genau die Kategorien ab, um die es hier geht.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob Menschen Bio wollen, sondern wo sie einkaufen. Quelle: Alnatura, Fotograf: Thommy Mardo
Der ehrliche Teil
Was wir dabei nicht unterschlagen wollen.
Alnatura ist keine vegane Marke. Das Sortiment umfasst Milchprodukte, Eier und Fleischwaren, und das Unternehmen betreibt mit seiner Weidemilch-Initiative sogar ein eigenes Tierhaltungsprogramm. Bio und vegan sind zwei verschiedene Kategorien, die sich überschneiden, aber nicht decken. Welche der 80 Artikel bei Netto pflanzlich sind, wird sich erst am Regal zeigen.
Bio im Discount bleibt außerdem zweischneidig. Der Kanal lebt von Preisdruck, und Preisdruck landet in Lieferketten selten beim Handel. Alnatura arbeitet nach eigenen Angaben mit Anbauverbänden wie Bioland, Demeter und Naturland zusammen, deren Standards über der EU-Bio-Verordnung liegen. Ob sich das im Discount-Umfeld dauerhaft halten lässt, ist die interessantere Frage als die nach der Filialzahl. Sie wird sich erst in ein, zwei Jahren beantworten lassen.
Und ein Regalplatz garantiert gar nichts. Wie schnell es im Lebensmittelhandel in die andere Richtung gehen kann, hat zuletzt die Insolvenz von Veganz gezeigt. Sichtbarkeit im Handel und ein tragfähiges Geschäftsmodell sind zwei verschiedene Dinge.
Verteilzentrum in Lorsch. Über die Logistik entscheidet sich, ob so eine Kooperation im Alltag funktioniert. Quelle: Alnatura, Fotograf: Alexander Heimann
Die größere Bewegung dahinter
Der Schritt passt in ein Muster, das sich seit einigen Jahren beobachten lässt. Pflanzliche und biologische Produkte wandern aus der Nische in die Fläche, und zwar nicht, weil der Handel sich moralisch weiterentwickelt hätte, sondern weil die Nachfrage es rechtfertigt. Wie sich der pflanzliche Markt in Deutschland entwickelt hat, zeigt dieselbe Richtung.
Für Einkaufende hat das einen unspektakulären, aber wichtigen Effekt: Die Entscheidung für pflanzliche Grundnahrungsmittel wird weniger zu einer Frage von Aufwand und Sonderweg. Wer in Berlin bei Netto einkauft, muss künftig nicht mehr in einen zweiten Laden fahren, um an ein Bio-Nussmus zu kommen.
Was neu ins Regal kommt, sammeln wir übrigens regelmäßig. Unsere Übersicht zu neuen veganen Produkten zeigt, wie man Neuheiten findet, ohne jede Woche alle Ketten abzuklappern.
Was jetzt offen ist
Abzuwarten bleibt vor allem, und wir verfolgen es:
Ob die Artikelliste veröffentlicht wird und wie viele davon pflanzlich sind. Ob sich der Test über Berlin hinaus auf weitere Regionen ausweitet. Und ob sich am Preis überhaupt etwas ändert oder ob Alnatura im Discount schlicht dasselbe kostet wie bei Edeka.
Wer tiefer einsteigen will, wie Ernährungsentscheidungen zwischen Preis, Verfügbarkeit und Haltung zusammenhängen: In unserem Podcast sprechen wir mit Fachleuten, die das evidenzbasiert einordnen.
Häufige Fragen
Ab wann gibt es Alnatura bei Netto?
Ab August 2026, zunächst in rund 260 Netto-Filialen in Berlin.
Wie viele Alnatura-Produkte führt Netto?
Bis zu 80 Artikel aus dem Trockensortiment: Grundnahrungsmittel, Kochzutaten, Frühstücksartikel, Süßwaren, Snacks und Öle.
Ist der Start bei Netto dauerhaft?
Nach Angaben von Alnatura handelt es sich um einen zeitlich begrenzten Test in der Region Berlin. Ob daraus eine dauerhafte Listung wird, ist offen.
Warum macht Alnatura das jetzt?
Eine Alnatura-Sprecherin nennt gegenüber der Frankfurter Allgemeinen einen Wunsch von Edeka als einen der Gründe. Hinzu kommt der bevorstehende Verkauf der Tegut-Filialen, in denen viele Alnatura-Artikel gelistet sind.
Gibt es Alnatura bundesweit bei Netto?
Nein. Der Start ist auf Berlin begrenzt. Eine Ausweitung auf weitere Regionen ist bislang nicht angekündigt.
Ist Netto Marken-Discount dasselbe wie Netto?
Nein, in Deutschland gibt es zwei Ketten mit ähnlichem Namen. Gemeint ist hier Netto Marken-Discount mit dem gelb-roten Logo, eine Tochter des Edeka-Verbunds. Die dänische Kette Netto mit dem schwarz-gelben Hundelogo ist ein anderes Unternehmen.
Sind Alnatura-Produkte vegan?
Nur teilweise. Alnatura ist eine Bio-Marke, keine vegane Marke, und führt auch Milchprodukte, Eier und Fleischwaren. Das jetzt bei Netto gelistete Trockensortiment ist allerdings die Kategorie mit dem höchsten pflanzlichen Anteil.
Wo gab es Alnatura bisher?
In den eigenen Alnatura Super Natur Märkten, im Naturkostfachhandel und seit 2015 bei Edeka. Netto ist der erste Discounter.
FAQ - Das fragen andere
Warum das ein echter Kurswechsel ist?
Warum ausgerechnet Netto?
Wer wollte das eigentlich? Nicht Alnatura?
Was das für pflanzliche Einkäufe bedeutet?
Was jetzt offen ist?
Ab wann gibt es Alnatura bei Netto?
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