82,77 Meter mit Tofu: Warum ein Vize-Weltmeister sein Essen umgestellt hat
Merlin Hummel hat bei der Leichtathletik-WM 2025 in Tokio Silber im Hammerwurf geholt, mit 82,77 Metern persönlicher Bestleistung. Im Mai desselben Jahres war er mit 80,11 Metern der erste Deutsche seit 18 Jahren über der 80-Meter-Marke. Seit 2026 startet der 24-Jährige für Eintracht Frankfurt, gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Matti, beide mit Verträgen bis zu den Olympischen Spielen 2028.
Merlin Hummel bei den Bergen Games im Mai 2026. Foto: Løken, CC BY-SA 4.0, für diesen Artikel verkleinert.
Interessant für uns ist, was er isst. Und noch interessanter, warum.
Was er tatsächlich isst
Hier lohnt es sich, genau hinzuhören, statt eine Schlagzeile zu bauen. Hummel beschreibt es selbst so: „Ich bin seit zwei, zweieinhalb Jahren vegetarisch unterwegs hauptsächlich und jetzt seit Anfang dieses Jahres, soweit es möglich ist, also auf jeden Fall zu Hause 100 Prozent vegan.”
Das heißt: zu Hause vollständig pflanzlich, unterwegs nach Möglichkeit. Er nennt sich nicht Veganer, und wir machen ihn hier auch nicht zu einem. Auf dem Teller stehen laut seinen Angaben vor allem Soja und Tofu als Proteinquellen.
Uns ist diese Genauigkeit wichtig, weil die Bewegung sich regelmäßig Menschen ans Revers heftet, die das gar nicht gesagt haben. Das fällt am Ende auf uns zurück.
Der Grund war kein ethischer
Und auch das ist bemerkenswert offen erzählt: Ausgelöst hat die Umstellung eine Diagnose. Hummel hatte eine Bandscheibenvorwölbung und erhöhte Entzündungswerte, und er hat daraufhin an seiner Ernährung angesetzt.
Damit gehört er zu einer Gruppe, über die wir hier selten schreiben, obwohl sie groß ist: Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen umstellen und erst später, wenn überhaupt, bei den Tieren landen. Ein anderer Zugang zum selben Teller.
Was die Studienlage hergibt, und was nicht
Jetzt der Teil, bei dem wir vorsichtig sein müssen, und zwar aus zwei Gründen.
Ein einzelner Athlet ist kein Beleg. Merlin Hummel hat Silber geworfen, während er pflanzlich isst. Ob er es deswegen geworfen hat, weiß niemand, er selbst eingeschlossen. Leistungssport hat zu viele Variablen für solche Schlüsse, und ein Erfolgsbeispiel taugt genauso wenig als Beweis wie ein Gegenbeispiel.
Und über Ernährung und Entzündungswerte dürfen wir nichts behaupten, was nicht belegt ist. Es gibt Untersuchungen, die bei pflanzlicher Ernährung Unterschiede bei Entzündungsmarkern beobachtet haben, teils in kleinen und kurzen Studien. Erst vor wenigen Tagen ist eine randomisierte Arbeit erschienen, die nach vier Wochen eine Verschiebung im Immunbild fand, deren Aussagekraft aber selbst begrenzt ist. Wir haben sie hier auseinandergenommen, inklusive der Stelle, an der die Ergebnisse auseinandergehen: Vier Wochen vegan, messbar andere Genaktivität.
Was daraus folgt: Hummels Entscheidung ist nachvollziehbar. Ein Behandlungsversprechen lässt sich daraus nicht ableiten, und wer Beschwerden hat, klärt das ärztlich.
Wo die Datenlage dagegen solide ist
Beim Protein, und das ist im Kraftsport die Frage, die immer zuerst kommt.
Dass sich Muskelmasse pflanzlich aufbauen und halten lässt, ist gut untersucht. Entscheidend sind die Gesamtmenge, die Verteilung über den Tag und die Kombination der Proteinquellen. Für Kraftsportler liegen die üblichen Empfehlungen bei etwa 1,6 bis 2,0 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht, und das ist pflanzlich erreichbar, wenn man es plant.
Wie das konkret aussieht, haben wir bei zwei Menschen nachgefragt, die es seit Jahren machen: Strongman Patrik Baboumian über seinen Speiseplan und Marc Dittmann über Muskelaufbau ohne Tierprodukte. Die Übersicht der besten Quellen steht in den 50 besten pflanzlichen Proteinlieferanten, und wer für sich selbst rechnen will, nutzt unseren Rechner für Protein pro Mahlzeit.
Übrigens setzt Hummel mit Soja auf die Quelle, die im Vergleich am besten abschneidet, weil sie alle essenziellen Aminosäuren in brauchbarem Verhältnis liefert. Was Soja kann und was ihm zu Unrecht nachgesagt wird, steht in unserem Faktencheck.
Warum uns der Fall trotzdem gefällt
Nicht wegen der Medaille. Sondern weil er eine bestimmte Behauptung leiser macht.
Hammerwurf ist eine der letzten Disziplinen, in denen das Klischee vom Fleisch als Voraussetzung noch selbstverständlich mitläuft. Ein Vize-Weltmeister, der zu Hause vollständig pflanzlich isst und im selben Jahr die 80 Meter knackt, macht dieses Argument am Stammtisch schwerer zu halten. Das ist kein wissenschaftlicher Beweis, aber es verschiebt, was für normal gehalten wird.
Und darum geht es bei Sichtbarkeit meistens.
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Was er tatsächlich isst?
Was die Studienlage hergibt, und was nicht?
Wo die Datenlage dagegen solide ist?
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