Zwei Millionen Straßenkatzen: Deutschlands verstecktes Problem

Am 8. August ist Weltkatzentag, und in Deutschland gibt es dafür einen guten Grund. Die Katze ist hierzulande das beliebteste Haustier: 53,5 Prozent aller Menschen mit Haustier haben mindestens eine, damit liegt sie vor dem Hund mit 48,3 Prozent.
Dieselbe Tierart lebt in Deutschland aber auch rund zwei Millionen Mal auf der Straße. Und kaum jemand bekommt es mit.
Das Kapitel im aktuellen Tierschutz-Barometer trägt einen Titel, der das genau trifft: „Straßenkatzen in Deutschland: so geliebt wie ignoriert.”
Die Zahlen zum Weltkatzentag
Grundlage ist das erstmals erschienene Tierschutz-Barometer 2026 von Humane World for Animals, eine repräsentative Befragung von 1.527 Personen, durchgeführt mit dem Markt- und Sozialforschungsinstitut Ipsos Anfang 2026.
Die Lage der Straßenkatzen in Zahlen. Diese Grafik ist zum Weitergeben gemacht, speichern und weiterschicken ausdrücklich erwünscht. Bei Verwendung bitte diesen Artikel verlinken.
Warum wir sie nicht sehen
Wer bei Straßenkatzen an Urlaubsbilder denkt, an Katzen zwischen Tavernentischen in Griechenland, liegt bei der deutschen Situation falsch. Und genau darin liegt das Problem.
Deutsche Straßenkatzen leben abgeschieden und versteckt: in Schrebergärten, in Industriegebieten, auf Bauernhöfen. Die meisten sind extrem menschenscheu und dadurch, wie das Barometer es formuliert, schlicht „unsichtbar”. Sie betteln nicht an Tischen, sie verschwinden, sobald sich jemand nähert.
Ihr Zustand ist trotzdem oft schlecht. Der Report nennt konkret: krank, verletzt, hungrig, unter- und mangelernährt, häufig nicht geimpft. Nachts und im Winter frieren sie.
Deswegen hat sich für die Sache ein eigener Begriff eingebürgert: Deutschlands verstecktes Tierschutzproblem.
Symbolbild. Deutschlands Straßenkatzen leben versteckt und sind meist extrem menschenscheu.
Woher die Tiere kommen
Hier wird es für alle interessant, die selbst eine Katze haben, denn die Ursache liegt näher, als vielen lieb ist.
Straßenkatzen sind keine Wildtiere. Sie stammen von domestizierten Hauskatzen ab. Bekommt eine Katze Freigang, ohne vorher kastriert worden zu sein, kann sie sich draußen unkontrolliert vermehren. Dazu kommen ausgesetzte und entlaufene Tiere.
Das heißt: Die zwei Millionen sind kein Naturphänomen, sondern das Ergebnis vieler einzelner Entscheidungen. Oder wie es im Barometer steht: Das Leid der Straßenkatzen ist vermeidbar.
Symbolbild. Die meisten Straßenkatzen stammen von unkastrierten Freigänger-Hauskatzen ab.
Die Mehrheit will handeln, die Politik nicht
Und jetzt der Teil, der ratlos macht.
71,3 Prozent der Befragten unterstützen eine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen. Das ist keine knappe Mehrheit, das ist ein deutliches Votum quer durch die Bevölkerung.
Regal-Funde direkt aufs Handy
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Jetzt kostenlos anmeldenPassiert ist trotzdem nichts. Eine bundesweit einheitliche Regelung gibt es bis heute nicht. Stattdessen entscheiden einzelne Kommunen, ob sie eine Katzenschutzverordnung erlassen oder nicht. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich: In der einen Gemeinde gilt eine Kastrationspflicht, in der Nachbargemeinde nicht. Katzen halten sich bekanntlich nicht an Gemeindegrenzen.
Sylvie Kremerskothen Gleason, Landesdirektorin von Humane World for Animals Deutschland, formuliert es so:
Das Leid der Straßenkatzen gehört zu den größten und gleichzeitig am wenigsten bekannten Tierschutzproblemen in Deutschland. Die Ergebnisse unseres Tierschutz-Barometers zeigen, dass die Menschen eine bundesweite Lösung unterstützen. Nun ist die Politik gefragt, dieses Mandat ernst zu nehmen und die Rahmenbedingungen zu schaffen, die nachhaltigen Katzenschutz langfristig ermöglichen.
Bemerkenswert ist noch ein zweiter Befund aus der Umfrage: Obwohl Millionen Tiere betroffen sind, zählen Straßenkatzen zu den Themen, über die sich vergleichsweise wenige Menschen Sorgen machen. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil das Problem schlicht nicht sichtbar ist. Man kann sich schwer um etwas sorgen, von dem man nichts weiß.
Was tatsächlich hilft
Der wirksame Hebel ist unspektakulär und heißt Kastration.
Das international bewährte Prinzip lautet: Tiere einfangen, kastrieren, medizinisch versorgen und an ihrem angestammten Ort wieder freilassen. Die Population schrumpft dann über die Jahre, ohne dass ein einziges Tier getötet werden muss. Das Rechnen dahinter ist simpel: Ein unkastriertes Katzenpaar kann über mehrere Jahre hunderte Nachkommen haben.
Humane World for Animals engagiert sich seit 2024 in Deutschland dafür und unterstützt gemeinsam mit lokalen Partnern Kastrationsprojekte in fünf Bundesländern, unter anderem mit Geld und mit Lebendfallen. Allein 2025 wurden über die Partnerorganisationen mehr als 3.600 Katzen kastriert, versorgt und medizinisch behandelt.
Gemessen an zwei Millionen Tieren ist das wenig. Gemessen an dem, was ohne solche Projekte passiert, ist es viel. Beides stimmt.
Symbolbild. Kastrieren, versorgen, zurücksetzen: Das Prinzip gilt international als wirksamste Methode.
Wir recherchieren solche Themen, weil sie sonst niemand aufgreift. Wenn dir das etwas wert ist, kannst du This Is Vegan hier unterstützen.
Was du konkret tun kannst
Die eigene Katze kastrieren lassen, vor dem ersten Freigang. Das ist der wirksamste Beitrag überhaupt, und er kostet einmalig, was sonst über Jahre andere ausbaden. Katzen können bereits mit vier bis fünf Monaten geschlechtsreif werden, deutlich früher, als viele denken.
Nicht füttern ohne Plan. Wer eine scheue Katze regelmäßig füttert, hält sie am Leben, verhindert aber keine weiteren Würfe. Sinnvoll ist es, parallel den örtlichen Tierschutzverein zu informieren, damit das Tier in eine Kastrationsaktion aufgenommen wird.
Verdachtsfälle melden. Wer eine offensichtlich verwilderte Katzenkolonie entdeckt, meldet das dem Tierschutzverein vor Ort oder dem Veterinäramt. Genau daraus entstehen die Kastrationsaktionen.
Politischen Druck machen. Humane World for Animals hat Anfang Juli die Petition „Mandat für Tiere” gestartet, mit der die Bundesregierung aufgefordert wird, die Ergebnisse des Barometers in konkrete Maßnahmen zu übersetzen.
Und wer ein Tier aufnehmen will, adoptiert. Im Tierheim sitzen genau die Katzen, die aus solchen Situationen kommen. Worauf es dabei ankommt, steht in unserem Guide zur Adoption aus dem Tierheim.
Der Zusammenhang, den wir nicht unterschlagen
Ein Punkt gehört auf einem veganen Magazin dazu, auch wenn er unbequem ist.
Katzen sind obligate Karnivoren. Sie können, anders als Hunde, nicht ohne Weiteres pflanzlich ernährt werden, weil sie auf Nährstoffe wie Taurin, Vitamin A und Arachidonsäure in tierverfügbarer Form angewiesen sind. Wer eine Katze aufnimmt, trifft damit eine Entscheidung, die andere Tiere betrifft. Wie die Studienlage dazu wirklich aussieht und was seriös möglich ist, haben wir uns getrennt angesehen: Können Katzen vegan leben?
Das ändert nichts an der Verantwortung für die zwei Millionen Tiere, die bereits draußen sind. Es macht die Frage nur ehrlicher.
Fachleute zu Tierethik und Tierhaltung hörst du regelmäßig in unserem Podcast.
Häufige Fragen zu Straßenkatzen
Wie viele Straßenkatzen leben in Deutschland?
Schätzungen gehen von rund zwei Millionen Tieren aus. Eine exakte Zählung gibt es nicht, weil die Tiere versteckt und sehr menschenscheu leben.
Sind Straßenkatzen Wildtiere?
Nein. Sie stammen von domestizierten Hauskatzen ab, meist von unkastrierten Freigängern, dazu kommen ausgesetzte und entlaufene Tiere.
Gibt es in Deutschland eine Kastrationspflicht?
Keine bundesweite. Einzelne Kommunen haben Katzenschutzverordnungen erlassen, andere nicht. 71,3 Prozent der Befragten sprechen sich für eine einheitliche Regelung aus.
Was ist das beliebteste Haustier in Deutschland?
Die Katze. 53,5 Prozent der Haustierhaltenden haben mindestens eine, vor dem Hund mit 48,3 Prozent.
Warum reicht Füttern nicht aus?
Weil es die unkontrollierte Vermehrung nicht stoppt. Wirksam ist nur die Kombination aus Einfangen, Kastrieren, Versorgen und Zurücksetzen an den angestammten Ort.
Was mache ich, wenn ich eine verwilderte Katze finde?
Den örtlichen Tierschutzverein oder das Veterinäramt informieren, statt das Tier selbst einzufangen. Über diese Stellen laufen die organisierten Kastrationsaktionen.
Quellen: Humane World for Animals Tierschutz-Barometer 2026, eine repräsentative Befragung von 1.527 Personen in Deutschland, durchgeführt mit dem Institut Ipsos Anfang 2026, insbesondere Kapitel 2 „Straßenkatzen in Deutschland: so geliebt wie ignoriert”. Angaben zu Kastrationsprojekten und Zitat nach Mitteilung von Humane World for Animals Deutschland. Die abgebildeten Fotos sind Symbolbilder.
FAQ - Das fragen andere
Warum wir sie nicht sehen?
Was tatsächlich hilft?
Was du konkret tun kannst?
Wie viele Straßenkatzen leben in Deutschland?
Sind Straßenkatzen Wildtiere?
Gibt es in Deutschland eine Kastrationspflicht?
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