Von der Mongolei bis Vanuatu: Die Bindung zum Hund funktioniert überall gleich
Ein Hund in der mongolischen Steppe, ein Hund im Regenwald von Vanuatu, ein Hund im deutschen Mittelgebirge. Drei Tiere, drei Welten, drei völlig verschiedene Arten zu leben. Die Frage, die ein Forschungsteam aus Jena beschäftigt hat: Verbindet die drei überhaupt irgendetwas außer der Art?
Die Antwort ist ein deutliches Ja, und sie ist erstaunlich konkret.
Was die Forschenden gemacht haben
Die Kognitionspsychologin Dr. Juliane Bräuer von der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat zusammen mit einem internationalen Team 164 Mensch-Hund-Teams untersucht, verteilt auf fünf Länder und fünf Kontinente: Deutschland, Madagaskar, Mongolei, Peru und Vanuatu. Beteiligt waren neben Jena das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und das Max-Planck-Institut für Geoanthropologie, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Erschienen ist die Arbeit am 23. Juni 2026 in Scientific Reports, frei zugänglich.
Der Hintergrund ist ein Problem, das die Hundeforschung seit Jahren mit sich herumträgt: Fast alles, was wir über Hunde zu wissen glauben, stammt aus westlichen Industrieländern. Aus Wohnzimmern, Hundeschulen und Universitätslaboren. Dabei leben rund 75 Prozent aller Hunde weltweit überhaupt nicht so, wie wir das kennen. Ohne Sofa, ohne Leine, ohne Trockenfutter im Sack.
Also ist das Team dahin gefahren, wo die anderen 75 Prozent leben.
Der Blick nach oben ist das Kernsignal der Mensch-Hund-Beziehung. Symbolbild.
Getestet wurden bewusst Jagdhunde, in ländlichen Gemeinschaften, mit ihren jeweiligen Menschen. Der Grund dafür ist methodisch klug: »Wir haben uns in unserer Feldforschung speziell auf Jagdhunde konzentriert, weil Mensch und Tier hier besonders eng kooperieren müssen«, erklärt Bräuer. »Vermutlich war genau diese Kooperation sogar ein zentraler Faktor für die Domestikation des Hundes, als erstes domestiziertes Tier überhaupt.«
Jedes Team durchlief sechs standardisierte Verhaltenstests: Gehorsam, Folgen einer Zeigegeste, aktives Zeigen durch den Hund, Perspektivübernahme, soziale Rückversicherung und ein unlösbares Problem. Dazu kam ein Fragebogen zur Beziehungsqualität.
Das Ergebnis: mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede
Die Erwartung des Teams war, deutliche kulturelle Unterschiede zu finden. Gefunden hat es das Gegenteil.
»Wir hatten erwartet, deutliche kulturelle Unterschiede zu finden, konnten aber feststellen, dass die Hund-Mensch-Beziehung weltweit erstaunlich universell ist«, fasst Bräuer zusammen.
Konkret heißt das: Hunde orientierten sich überall an ihren Menschen. Sie schauten in unklaren Situationen zu ihnen hoch, statt selbst zu entscheiden. Sie kommunizierten aktiv mit ihnen. Und ihre Halterinnen und Halter beschrieben sie in allen fünf Ländern als verlässliche Partner und als Bereicherung ihres Lebens. Von reinen Arbeitstieren sprach niemand.
Darin steckt der Kern der Studie. Diese Nähe taucht auch dort auf, wo der Hund zur Nahrungsbeschaffung gehört und wo für Sentimentalität wenig Raum bleibt. Als westlicher Wohlstandsluxus lässt sie sich damit schwer abtun.
Sechs standardisierte Tests prüften unter anderem, ob Hunde menschlichen Gesten folgen. Symbolbild.
Wo die Unterschiede lagen
Interessant wird es im Detail, und zwar beim sogenannten Showing-Test. Dabei wusste nur der Hund, unter welchem von vier Bechern das Futter versteckt war. Er durfte es zeigen, der Mensch musste ihn lesen.
Hier trennte sich das Feld deutlich. Die Halterinnen und Halter auf Vanuatu lagen in 81,7 Prozent der Fälle richtig und schlugen damit alle anderen Länder. Deutschland kam auf 56,3 Prozent, die Mongolei auf 48,4, Peru auf 43,1. Zum Vergleich: Der Zufallswert liegt bei 25 Prozent.
Die Erklärung liegt in der Praxis. Auf Vanuatu spüren Hunde Wildschweine im dichten Unterholz auf. Wer die Signale seines Hundes dort nicht liest, kommt ohne Beute nach Hause. Das Lesen ist dort Handwerk.
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Jetzt kostenlos anmeldenUmgekehrt zeigten die deutschen Hunde mehr von dem, was wir hier unter Gehorsam verstehen. Sie kamen schneller, wenn sie gerufen wurden, blieben bei einer unlösbaren Aufgabe hartnäckiger dran und spielten häufiger gemeinsam mit ihren Menschen. Das ist wenig überraschend: Deutsche Jagdhunde sind hochspezialisiert und müssen Prüfungen bestehen.
Die Forschenden warnen aber davor, das als Rangliste zu lesen. Gehorsam ist kontextabhängig. In Vanuatu reicht ein einziger Ruf, um die ganze Gruppe Jagdhunde zusammenzuholen. Das taucht in keinem Testprotokoll auf, ist im Alltag aber deutlich beeindruckender als ein sauberes Sitz.
Ein Land fällt aus dem Rahmen, und das gehört zur Ehrlichkeit dazu: In Peru bewerteten die Halter ihre Beziehung zum Hund schlechter als überall sonst, und sie gaben häufiger an, es zumindest manchmal zu bereuen, einen Hund zu haben. In den Shipibo-Konibo-Gemeinschaften am Amazonas jagen Menschen auch ohne Hund. Wo die Zusammenarbeit weniger existenziell ist, wird die Bindung offenbar lockerer.
Eine Einordnung, die man dazu sagen muss
Die Pressemeldungen zur Studie formulieren an einer Stelle etwas glatter, als die Daten hergeben. Es heißt dort, die Hunde hätten in allen Regionen menschliche Zeigegesten verstanden.
Im Fachartikel steht es genauer. Zwischen den Ländern gab es beim Zeigetest keinen signifikanten Unterschied, die Hunde verhielten sich also überall ähnlich. Aber signifikant über dem Zufallsniveau lagen nur Deutschland (75,6 Prozent), die Mongolei (70,2) und Madagaskar (67,4). Vanuatu (58,6) und Peru (67,9) verfehlten dieses Kriterium. Bei Peru liegt das mit hoher Wahrscheinlichkeit an der Stichprobe: Nur acht Hunde absolvierten den Test gültig, weil viele es nicht gewohnt waren, aus Bechern zu fressen oder festgehalten zu werden.
Das entwertet die Studie nicht, im Gegenteil. Es zeigt, wie schwierig Feldforschung außerhalb des Labors ist, und es ist genau der Grund, warum solche Studien wichtiger sind als die nächste Untersuchung an dreißig Golden Retrievern aus einer deutschen Hundeschule.
Was uns daran über die Studie hinaus beschäftigt
Jetzt der Teil, den wir als veganes Magazin nicht weglassen können, auch wenn er unbequem ist.
Alle 164 Hunde in dieser Studie sind Jagdhunde. Ihre Aufgabe ist es, andere Tiere zu finden, damit Menschen sie töten können. Auf Vanuatu sind das Wildschweine. Und genau diese Zusammenarbeit, sagen die Forschenden, war vermutlich der Ursprung der ganzen Beziehung: »Jagd erfordert Kooperation, Aufmerksamkeit und Vertrauen«, so Bräuer. Schon vor rund 30.000 Jahren könnten beide Arten davon profitiert haben.
Die Studie belegt damit zweierlei auf einmal. Hunde sind überall auf der Welt Individuen, die aufmerksam sind, sich rückversichern, kommunizieren und Vertrauen aufbauen. Und dieselben Fähigkeiten nutzen wir seit Jahrtausenden, um andere Tiere zu erlegen.
In Vanuatu jagen die Hunde Wildschweine. Symbolbild.
Und da wird es interessant. Das Wildschwein, das ein Hund auf Vanuatu aufspürt, ist in seinen kognitiven Fähigkeiten dem Hund mindestens ebenbürtig. Schweine lösen Probleme, erkennen sich im Spiegel, haben Namen für sich, spielen und bauen soziale Beziehungen auf. Der Unterschied zwischen dem Tier, das mit uns arbeitet, und dem Tier, das wir jagen, liegt nicht in dessen Innenleben. Er liegt in unserer Rolle für das jeweilige Tier.
Das ist kein Vorwurf an die Forschenden und auch keiner an Menschen, die ihren Hund lieben. Es ist eine Beobachtung, die diese Studie unfreiwillig sehr gut belegt: Wir sind ausgezeichnet darin, tiefe Beziehungen zu Tieren aufzubauen. Wir sind nur sehr selektiv darin, welche Tiere dafür infrage kommen. Wer diesen Widerspruch schon einmal gespürt hat, findet bei uns eine ehrliche Auseinandersetzung damit: Ich liebe Tiere, esse aber Fleisch.
Was du praktisch daraus mitnehmen kannst
Die schönste Erkenntnis für den Alltag steckt im Showing-Test. Dein Hund zeigt dir ständig Dinge. Die Frage ist nicht, ob er kommuniziert, sondern ob du hinschaust.
Die Jägerinnen und Jäger auf Vanuatu sind nicht empathischer als wir. Sie sind bloß gezwungen, genau hinzusehen, weil das Abendessen davon abhängt. Wir haben diesen Zwang nicht, und deshalb verlernen wir es. Wer seinem Hund zehn Minuten am Tag ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt, statt nur Kommandos zu geben, holt einen Teil davon zurück.
Und die zweite Erkenntnis: Bindung entsteht durch gemeinsame Aufgaben, nicht durch Ausrüstung. In allen fünf Ländern war das, was Mensch und Hund verband, die Zusammenarbeit. Nasenarbeit im Wohnzimmer, Suchspiele im Garten oder ein gemeinsam gelöstes Problem wirken hier deutlich stärker als das nächste Zubehörteil. Wenn du dafür Ideen suchst: Der Kong ist ein Klassiker für genau diese Art von Kopfarbeit, und im Sommer funktioniert selbstgemachtes Hundeeis als Beschäftigung besser als jedes Spielzeug.
Wenn du mehr über Hunde lesen willst
Bei uns gibt es einen ehrlichen Guide zur Adoption aus dem Tierheim, eine Übersicht, was Hunde essen dürfen und was giftig ist, und den wissenschaftlich sortierten Stand zur veganen Hundeernährung. Wer wissen will, wie eng die Bindung auch hierzulande ist: 29 Prozent der Deutschen lassen ihren Hund im Bett schlafen.
Und wenn du gerne zuhörst statt zu lesen: Im Plantbased Podcast sprechen wir regelmäßig mit Menschen, die beruflich mit Tieren zu tun haben, unter anderem mit dem Tierarzt Karim Montasser.
Häufige Fragen
Wer hat die Studie durchgeführt?
Ein Team um Dr. Juliane Bräuer von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und dem Max-Planck-Institut für Geoanthropologie. Gefördert wurde sie von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Wie viele Hunde wurden getestet?
164 Mensch-Hund-Teams: 34 in Deutschland, 35 in der Mongolei, 33 in Madagaskar, 32 in Peru und 30 auf Vanuatu.
Warum wurden ausgerechnet Jagdhunde untersucht?
Weil Mensch und Hund bei der Jagd besonders eng zusammenarbeiten müssen. Die Forschenden vermuten, dass genau diese Kooperation ein zentraler Faktor der Domestikation war.
Was ist das wichtigste Ergebnis?
Trotz völlig unterschiedlicher Kulturen, Umwelten und Haltungsformen funktioniert die Beziehung zwischen Mensch und Hund weltweit sehr ähnlich. Die Unterschiede zwischen den Ländern waren kleiner als die Gemeinsamkeiten.
In welchem Land verstehen Menschen ihre Hunde am besten?
Im Showing-Test lagen die Halter auf Vanuatu mit 81,7 Prozent richtigen Entscheidungen vorn, deutlich vor Deutschland (56,3 Prozent). Die Forschenden führen das auf die Jagd auf Wildschweine im dichten Unterholz zurück, bei der das Lesen der Hundesignale über den Erfolg entscheidet.
Kann ich die Studie selbst lesen?
Ja. Sie ist Open Access in Scientific Reports erschienen, die Rohdaten liegen zusätzlich öffentlich auf Zenodo.
Quellen: Juliane Bräuer et al., „Striking global similarities in dog-human interactions”, Scientific Reports 16:18527 (23. Juni 2026), DOI 10.1038/s41598-026-57657-1, Open Access. Zitate aus der Pressemitteilung der Friedrich-Schiller-Universität Jena vom 23. Juni 2026. Alle Prozentwerte und Stichprobengrößen stammen aus dem Volltext der Publikation, nicht aus der Pressemeldung. Die abgebildeten Fotos sind Symbolbilder von Adobe Stock.
FAQ - Das fragen andere
Was die Forschenden gemacht haben?
Wo die Unterschiede lagen?
Was uns daran über die Studie hinaus beschäftigt?
Was du praktisch daraus mitnehmen kannst?
Wer hat die Studie durchgeführt?
Wie viele Hunde wurden getestet?
Schon den Plantbased-Podcast gehört?
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