Der Tierarzt, der auspackt: Karim Montasser über Schweine, Homöopathie und ehrlichen Tierschutz
Es gibt Gäste, mit denen läuft das Gespräch einfach. Karim ist so einer. Er ist einer der wenigen Menschen, den ich zum dritten Mal vor das Mikro hole, und das aus einem simplen Grund: kaum jemand erklärt Tierschutz so klar, so faktenbasiert und gleichzeitig so unterhaltsam wie er. Karim ist promovierter Tierarzt, war jahrelang in der Klinik, moderierte fürs Fernsehen und klärt heute auf YouTube und Instagram hunderttausende Menschen über das auf, was hinter den Stallmauern wirklich passiert.
Beim letzten Mal war er noch auf dem Weg. Heute sitzt mir ein Tierarzt gegenüber, der seit ziemlich genau einem Jahr vegan lebt, und der ehrlich sagt: “Boah, das hat ganz schön lang gedauert bei mir.” Wir reden darüber, was diesen einen Schalter umgelegt hat. Aber wir bleiben nicht bei der Theorie. Karim nimmt uns mit auf eine Rinderzuchtschau, auf der Kühe geföhnt und mit Babyöl eingerieben werden. Er erzählt von Schweinen, die Streit schlichten. Er erklärt, warum Homöopathie beim Tier richtig gefährlich werden kann, warum du dein Tier unbedingt versichern solltest, und woran du in einem einzigen Wort erkennst, ob deine Tierärztin wirklich gut ist.
Dazu Politik, eine Dokumentation aus Rumänien, mentale Gesundheit in der Tiermedizin und am Ende drei der coolsten Dinge, die Karim je gemacht hat. Schnapp dir was zu trinken. Das hier wird gut.

Wer ist Dr. Karim Montasser?
Karim ist promovierter Tierarzt mit Approbation aus Gießen, war Praktiker in der Kleintierklinik und ist heute hauptberuflich Content Creator. Auf YouTube kennt ihn die Community als “Der Tierarzt”, auf Instagram als @deryoutubetierarzt. Seine Marke: Tierschutz erklären, immer evidenzbasiert, nie einseitig.
Er moderierte die ARD-Sendung Haustierprofis, wurde mit dem Fast Forward Science Award ausgezeichnet und landete mit seinem ersten Buch Das Tierwohl-Paradox auf der Spiegel-Bestsellerliste. Sein zweites Buch Artenblind bringt er bewusst im Eigenverlag heraus. Karim lebt in der Nähe von Bonn, ist seit rund einem Jahr vegan und war hier zum dritten Mal zu Gast.
Bekannt aus: YouTube (“Der Tierarzt”), Instagram, ARD Haustierprofis, zwei Spiegel-Bestseller-Bücher.
Das erwartet dich in diesem Interview
- Vom Tierarzt zum Veganer: der Moment, der alles kippte
- Warum sich in der Tierärzte-Szene gerade etwas bewegt
- Penelope und Kleopatra: Schweine und Kühe als echte Persönlichkeiten
- Was auf einer Rinderzuchtschau wirklich mit den Kühen passiert
- Hund aus dem Tierschutz: der eine Skill, der über alles entscheidet
- Tierarztkosten, Versicherung und warum Tiere ein Luxusgut sind
- Homöopathie beim Tier: das unterschätzte Risiko
- Tierschutz und Politik: was gerade auf dem Spiel steht
Vom Tierarzt zum Veganer: der Moment, der alles kippte
Wir sprechen jetzt im dritten Jahr zum dritten Mal miteinander, und bei dir hat sich seitdem einiges verändert. In unserer ersten Folge war Käse auf der Pizza für dich noch ein echtes Thema. Wie blickst du heute auf diese Zeit?
Dr. Karim Montasser: Alles hat sich verändert. Ich bin jetzt vegan, Punkt. Und das seit ziemlich genau einem Jahr. Dieses eine Jahr hat gereicht, dass ich zurückblicke und denke: Boah, das hat ganz schön lang gedauert bei dir, was war da los? Ich kenne die Prozesse dahinter ja selbst. In der Tiermedizin ist es unser Job, die Sicherheit tierischer Lebensmittel zu gewährleisten. Das Hunde- und Katzen-Behandeln ist aus staatlicher Sicht fast ein Luxus-Nebenprodukt. Es gibt das Staatsexamen, weil der Beruf tierische Lebensmittel sicherstellt. Man wird im ganzen Studium darauf geimpft: tierische Lebensmittel, super wichtig. Ob das überhaupt sinnvoll oder zeitgemäß ist, ob wir Tiere ausbeuten sollten, wird nie hinterfragt. Das ist einfach die Baseline.
Dr. Karim Montasser: Ich habe im Studium gelernt, wie man eine Blutwurst herstellt. Das war prüfungsrelevantes Wissen. Ich wurde in der mündlichen Prüfung gefragt, wann und wie viel Eis man bei einer Blutwurst zugibt, weil das Blut nicht gerinnen darf, aber auch nicht verwässern soll. Diese Dinge gehen einfach nicht mehr aus meinem Kopf. Aus so einem Setting wieder herauszukommen ist schwer, wenn man mittendrin steckt. Heute denke ich: Nicht-vegane Tierärztinnen und Tierärzte sind eigentlich ziemlich strange. Du widmest dein Leben der Gesundheit von Tieren und beutest andere Tiere gleichzeitig aus. Das ist eine harte Gedankenakrobatik. Aber ich habe das Gefühl, in der Bubble bewegt sich gerade richtig was.

Was diesen einen Schalter umgelegt hat
Ich habe damals nicht besonders pushy reagiert und einfach gesagt, ich finde deinen Weg cool. Im Nachhinein frage ich mich, ob das der richtige Weg war. Was hätte dich rückblickend am stärksten bewegt?
Dr. Karim Montasser: Der krasseste Ausschlag kam von einem meiner besten Freunde, der auch Tierarzt ist, vegan seit Ewigkeiten. Wir waren wandern in Schweden, ich habe irgendein tierisches Produkt gegessen und das dann gerechtfertigt. Er hat einfach gesagt: “Das ist aber ziemlich inkonsequent.” Mehr nicht. Kein Kontaktabbruch, kein Druck, einfach dieser eine ehrliche Satz. Und das hat bei mir die ganzen Dominosteine zum Kippen gebracht. Für mich persönlich ist das der Sweet Spot: Leute einfach darauf hinweisen, dass ihr Denken oder Handeln inkonsequent ist. Ich war aber auch schon bei deutlich direkteren Podcasts. Manche sagen ganz klar, sie haben keine nicht-veganen Freunde mehr. Das ist nicht meins. Wir haben aber keine Daten, was effektiver ist. Für die eine Person funktioniert das eine, für die andere das andere.
Ich habe kürzlich mit Seb Alex von der Middle East Vegan Society aufgenommen. Er setzt sich auch nicht mehr mit Nicht-Veganern an einen Tisch, das sei für ihn eine Frage des Respekts. Wie würdest du heute mit Menschen in deinem Umfeld umgehen?
Dr. Karim Montasser: Ich unterscheide stark, wer mir gegenübersitzt. Bei Leuten in der Tiermedizin gibt es keinen Benefit of the Doubt. Wenn die es nicht wissen, haben sie im Studium etwas falsch gemacht. Da bin ich deutlich direkter und sage: Du weißt, was da draußen abgeht, es gibt keinen Grund außer Inkonsequenz, Faulheit oder Eigeninteresse. Bei meinen Jungs aus der Schulzeit, die diesen Background nicht haben, bin ich anders. Da lasse ich das eher anklingen und überzeuge dadurch, dass wir unser Weihnachtsessen jetzt seit zwei Jahren in Folge in einem veganen Restaurant machen. Das funktioniert. Da bewegt sich was, ganz ohne Ultimatum.
Bewegung in der Tierärzte-Szene
Du klingst optimistisch. Was hörst du denn aus der Bubble?
Dr. Karim Montasser: Eine Kollegin, Dogtor Debbie, macht großartigen tierärztlichen Content und ist Augenspezialistin für Hunde und Katzen. Sie hat ein sehr selbstkritisches Reel gepostet. Ihr Punkt: Wenn Leute Qualzuchten halten, haben sie oft eine kognitive Dissonanz, weil sie es eigentlich besser wissen. Genau dieselbe Dissonanz hat sie selbst, weil sie viel Sport macht und glaubte, ihren Proteinbedarf nur mit tierischen Produkten decken zu können, also Bio-Eier kauft. Sie weiß, dass das Quatsch ist, und hat offen um Tipps gebeten. Die kamen sofort, und das Thema war erledigt. Dazu saß ich bei einem Pharma-Event neben einem Klinikchef in seinen Sechzigern. Korrekter Typ. Er meinte, er sei durch seine Kinder vegan geworden und finde es selbst merkwürdig, wenn Tierärzte nicht vegan sind. Da dachte ich nur: Geil, genau das. Es tut sich was.
Warum Karim sein Buch im Eigenverlag macht
Du bist Fulltime Content Creator, machst YouTube, Instagram, Bücher, früher auch Fernsehen. Warum erscheint dein zweites Buch jetzt im Eigenverlag?
Dr. Karim Montasser: Mir ist im Grunde egal, wo ich meine Themen unterbringe, ob Fernsehen, Radio, Zeitung, Buch, Podcast oder YouTube. Manche Medien sind mir aber lieber, weil ich dort mehr Kontrolle habe und meine Inhalte nicht verwässert werden. Ich durfte zwei relativ große Sendungen moderieren, einmal bei RTL, einmal in der ARD. Bestes Beispiel: In der ARD-Sendung hatte ich alle Themen vorher recherchiert und mit der Redaktion abgestimmt. Beim Dreh kamen sie spontan an: Hier sei noch ein Bauer mit Kälbchen, das wäre doch süß. Ich sagte, klar, süß, aber dann müssen wir auch sagen, was mit dem Kälbchen passiert. Die Antwort war: Könntest du das vielleicht weglassen? Und ich: Eigentlich eher nicht. Darauf bin ich stolz, auch wenn die Szene am Ende rausgeschnitten wurde. Diese Schere habe ich bei YouTube und im eigenen Buch nicht.
Dr. Karim Montasser: Beim ersten Buch durfte ich mir das Lektorat nicht aussuchen. Die Lektorin hat gute Arbeit gemacht, hatte aber eine völlig andere Vorstellung. Im Grunde wollte sie ein anderes Buch. Ich schreibe, wie ich rede, das ist mein Stil, und der sollte verändert werden. Jetzt habe ich meinen Lektor selbst gewählt, das ist Stefan vom Account Tierethik und Veganismus. Er respektiert meinen Stil und trennt inhaltlich messerscharf zwischen “hier argumentierst du klar” und “hier nicht”. Dazu kann ich mein Cover selbst designen, weil das letzte für meinen Geschmack einfach hässlich war. Die Illustration zeichne ich selbst, beim Satz hat mir Alex von Richtig Laut Vegan geholfen.

Worum geht es in dem Buch?
Dr. Karim Montasser: Es geht um eine Kuh und ein Schwein, und ich begleite die beiden von der Geburt bis zum Tod. Teil 1 ist die Massentierhaltung, ein relativ kurzer Part, weil die Tiere dort einfach nicht lange leben. In Teil 2 spule ich die Zeit zurück, und die beiden leben auf dem Lebenshof. Die Kuh heißt Kleopatra, das Schwein Penelope. Meine Hauptquelle für Penelope sind die Schweine, die ich bei Dagmar auf ihrem Hofprojekt beobachten durfte. Ohne dass sie mir immer wieder die Türen geöffnet hätte, hätte ich diese Insights nie bekommen. Ich habe zweieinhalb Jahre Studien dazu gelesen, aber das ist theoretisches Wissen. Du musst am Schwein gewesen sein, um zu sehen, wie sie ticken und wie unterschiedlich sie sind. Isoliert erreichst du einfach nicht das, was du in der Gruppe erreichst.
Penelope und Kleopatra: Schweine sind Individuen
Ich war gestern bei einem Spendenlauf für einen Lebenshof hier auf Bali, der gezielt Farmed Animals aufnimmt. Warum sind Lebenshöfe so wichtig, und warum Zoos eher nicht?
Dr. Karim Montasser: Uns fehlt ein Perspektivwechsel. Wir haben in den letzten gut 200 Jahren viel Energie darauf verwendet, die Tiere, die wir ausnutzen, von uns fernzuhalten. Wir haben das ausgelagert, hinter große Mauern, damit wir nichts mitbekommen. Diesen Prozess sichtbar zu machen ist das eine. Viel wichtiger finde ich, die Perspektive der Tiere einzunehmen. Das sind keine namenlosen Schweine, das sind Individuen mit Charakter, genau wie wir. Deshalb haben die Tiere im Buch Namen.
Dr. Karim Montasser: Ein Beispiel, das ich bei Dagmar zum ersten Mal gesehen und danach in der Studienlage wiedergefunden habe: Es gibt Schweine, die richtig gut darin sind, Konflikte zu deeskalieren. Das ist eine echte Spezialisierung. Manche Schweine sind besonders empathisch, gehen dazwischen, wenn zwei sich streiten, und schlichten. Warum kommt es überhaupt zu Konflikten? Auf Lebenshöfen leben fast nur Tiere aus der Massentierhaltung. Und Schweine werden dort mit PMSG synchronisiert, einem Hormon, damit alle gleichzeitig in die Rausche kommen, gleichzeitig besamt werden und gleichzeitig Ferkel bekommen. Alles muss gleichzeitig passieren, weil es günstig und effizient ist.
Dr. Karim Montasser: Diese Rausche ist wie auf Speed. Die Schweine verfallen in einen kompletten Wahn und unterliegen massiven Stimmungsschwankungen, teilweise noch Jahre später. Du hast also ein Schwein, das es auf den Lebenshof geschafft hat und endlich chillen darf, das aber immer noch unter diesem sehr realen hormonellen Einfluss steht. Diese Tiere sind zwischendurch einfach aggro und eskalieren aus dem Nichts. Dann braucht die Gruppe ihre Streitschlichterin. Es bildet sich eine Traube von Schweinen drumherum, alle warten, dass die Spezialistin kommt. Die kommt angelaufen, stellt sich dazwischen, löst den Streit, und alle gehen wieder ihrer Wege. Solche Momente sichtbar zu machen ist mir ein Herzensanliegen, weil wir dadurch begreifen: Das sind Individuen, die man nicht ausnutzen darf.
Milchindustrie: Was auf der Rinderzuchtschau wirklich passiert
Du hast vor ein paar Monaten ein Video zur Milchindustrie veröffentlicht und dafür eine Rinderzuchtschau besucht. Was hast du dort gesehen?
Dr. Karim Montasser: Mein Kameramann Alex hat mit mir schon viel weirden Kram gesehen, aber das war für ihn das Abgefahrenste überhaupt. Hochleistungs-Milchkühe werden dort wie bei einer Misswahl durch eine Manege geführt, prämiert und bekommen eine Schärpe. Total prestigeträchtig. Betont werden genau die Merkmale, die auf hohe Milchleistung hinweisen. Der Preisrichter hat einen mehrseitigen Bewertungsbogen: Die Rückenlinie muss besonders gerade sein, die Venen am Euter besonders sichtbar, die Zitzen exakt gerade, damit der Melkroboter gut ansetzen kann.
Dr. Karim Montasser: Diese Tiere werden ausschließlich darauf gezüchtet, diese Kriterien zu erfüllen. Und dann kommt noch ein Kuhfriseur, föhnt die Rückenhaare auf, fixiert sie mit Haarspray und rasiert sie in gerader Linie ab. Am Euter rasiert er die Haare weg, damit die Venen hervortreten, und reibt alles mit Babyöl ein, damit es glänzt wie bei einem Bodybuilder. Du musst diesen Kühen nur ins Gesicht schauen, um zu sehen, dass sie Stress und Panik haben. Die Kuh hat nichts davon, das ist reines Prestige für den Landwirt. Und wer Milch, Käse, Quark und Co. konsumiert, unterstützt genau dieses System.

Hund aus dem Tierschutz: der eine Skill, der entscheidet
Seit unserem letzten Gespräch habe ich hier auf Bali mehrere Welpen gefunden. Zwei gehören fest zur Familie, die kleine Lucy haben wir vor einem Monat mit gerade einmal 24 Stunden gefunden. Ich lerne trotz Tierschutz-Background jeden Tag dazu. Worauf sollte man achten, wenn man zum ersten Mal einen Hund aus dem Tierschutz holt?
Dr. Karim Montasser: Wenn ich eine einzige Sache nennen müsste, dann Hunde lesen lernen. Das ist der essenziellste Punkt. Die medizinischen Dinge deckt hoffentlich eine gute Tierärztin ab, das ganze Basis-Training gibt es in Welpenschulen. Der große Knackpunkt ist, Verhalten zu lesen, nicht nur bei den eigenen Hunden, sondern auch bei Begegnungen draußen. Du musst zuverlässig erkennen: Wird hier freundlich Kontakt gesucht, unfreundlich, oder will der Hund lieber Abstand? Diese individuellen Unterschiede lernst du nur durch Erfahrung, am besten, bevor du dir einen Hund anschaffst. Verbring vorher Zeit mit Hunden, geh ins Tierheim, schau gute Videos, lies Bücher. Dann musst du es nicht über schlechte Erfahrungen lernen.

Was Tierschutz cool macht: die Rumänien-Doku
Du warst auf der Filmpremiere von Nathan Goldblatt, der eine große Doku über die Zustände in Rumänien gemacht hat. Wie hat sie dir gefallen?
Dr. Karim Montasser: Die Premiere war Hammer, und die Doku ist richtig krass gemacht. Aus Content-Creator-Sicht ist sie so hochwertig produziert, das Pacing über so viele Folgen und so eine lange Laufzeit aufrechtzuerhalten, ist eine verdammte Herausforderung, gerade mit Nachdrehs.
Ich war überrascht, wie sehr es Richtung True Crime geht, fast Netflix-Style. Für mich hat das funktioniert. Das Stärkste daran: Sie haben Aktivismus cool gemacht. Wenn du Leute auf der Straße nach Aktivismus fragst, denken viele an vermummte Personen, die in Ställe einbrechen, und das wird gesellschaftlich negativ gesehen. In der Doku passiert im Grunde dasselbe mit einer Hundetötungsstation, aber plötzlich wird es als cool erzählt: Das sind Detektive, die einen Missstand aufdecken. Dieser Mindshift ist ein echter Präzedenzfall, und ich bin gespannt, was daraus folgt.

Tierversuche: das Gespräch mit Tomatolix
Du hast auf ein Video von Tomatolix reagiert, der einen Tag in einem Tierversuchslabor gedreht hat, aus meiner Sicht zu unkritisch. Du hast ihn direkt angeschrieben, ihr habt euch getroffen. Wie lief das?
Dr. Karim Montasser: Mich hat das Video persönlich berührt, weil ich dort einen Tierarzt gesehen habe, der exakt die Argumente zu Tierversuchen gebracht hat, die ich im Studium gelernt habe. Das war praktisch Prüfungswissen. Und ich kenne das von mir selbst: Ganz am Anfang meines Kanals habe ich genau dieselben Argumente gebracht. Dick Aldent hat damals in einem React gesagt, der Karim “white knighted” Tierversuche, und ich dachte, nein, ich stelle das differenziert dar. Aber er hatte einfach recht. Ich habe dumme Argumente gebracht, die nicht gelten. Der Vorteil ist: Heute kenne ich genau diese Argumente und die Rhetorik dahinter und weiß, wie man sie entkräftet.
Dr. Karim Montasser: Wir kannten uns vom Creator College, deshalb war das überhaupt möglich. Felix ist mit echter Neugier und Offenheit reingegangen, er wollte verstehen, wie die andere Seite argumentiert. Deshalb ist das kein klassisches Interview geworden, sondern ein echtes Gespräch: Wie hast du das wahrgenommen, das sagt die Studienlage, dieses Argument ist eigentlich ein Ausweichen. Für einen so großen Kanal ist es schon krass, einen Winzkanal wie mich zu beachten, herzukommen und das dann sogar unter dem eigenen Video zu verlinken. Das rechne ich ihm hoch an.
Tierarztkosten und warum du dein Tier versichern solltest
Viele Menschen struggeln gerade finanziell, Tierheime sind voll, manche geben ihr Tier sogar ab. Was rätst du Leuten, die mit den Kosten kämpfen?
Dr. Karim Montasser: Das Problem ist komplex. Tiermedizin ist teuer, Punkt. Aber sie ist nicht zu teuer, mit diesem Klischee will ich aufräumen. Unsere Hündin hatte an einem Sonntag eine Magendrehung. Bei einer Magendrehung hast du grob eine Stunde Zeit zu operieren, sonst drohen bleibende Schäden oder der Tod. Mit Notfallgebühr und Wochenendzuschlag warst du schnell bei ein paar Tausend Euro. Die Tiermedizin war in Deutschland lange viel zu billig. Die Rechnung dafür haben am Ende die angestellten Tierärztinnen und Tierärzte bezahlt, gerade die jungen. Ich habe in der Uniklinik mal 900 Euro verdient. Die Preise wurden über die Gebührenordnung angehoben, liegen EU-weit immer noch weit unten, aber Praxen rechnen sich endlich wieder.
Dr. Karim Montasser: Und jetzt muss ich es klar sagen: Tiere sind ein “Luxusgut”. Es gibt dieses Gedankengut, jeder sollte sich einen Hund leisten können. Nein. Ein Hund ist ein Lebewesen, dafür übernimmst du Verantwortung, und dazu gehört finanzielle Verantwortung. Deshalb mein wichtigster Tipp: Versichert eure Tiere. In der Tiermedizin ist es noch ein Cash-Geschäft, in der Humanmedizin swipst du deine Karte und das Thema ist erledigt. Wenn ihr euch die Versicherung nicht leisten könnt, könnt ihr euch auch das Tier nicht leisten. Es gibt nichts Schlimmeres, als nachts in der Klinik zu stehen und entscheiden zu müssen, ob dein Familienmitglied weiterleben darf, weil es ums Geld geht. Mit Versicherung sagt ihr einfach: Klar, machen wir die OP.
Mentale Gesundheit in der Tiermedizin
Du engagierst dich auch für die psychische Gesundheit in der Tiermedizin. Erzähl mal.
Dr. Karim Montasser: Ich habe vor einigen Jahren mit meiner Kollegin Jana eine gemeinnützige Organisation gegründet. Wir bieten kostenlose Psychotherapie in Gruppen für Menschen in der Tiermedizin, also Tierärztinnen, Studierende, Tiermedizinische Fachangestellte, alle in diesem Bereich. Geleitet von ausgebildeten Psychotherapeutinnen, finanziert über Spenden großer Firmen. Wir sammeln von den Reichen und geben an die Tiermedizin ab, alles ehrenamtlich. Das Team ist mittlerweile richtig gewachsen.
Dr. Karim Montasser: Ein Teil davon ist Prävention, bevor es Menschen schlecht geht. Dank Lizzie von der First Day Vet Academy gibt es jetzt Kurse für Studierende, in denen eine Psychotherapeutin in mehreren Sessions zeigt, wie man für sich selbst sorgt und merkt, wenn etwas aus der Bahn gerät. Die meisten von uns haben einen Helferkomplex und tun sich schwer, für sich selbst einzustehen. Der erste Kurs war sofort ausgebucht, also kam direkt der zweite. Genau diese Initiativen sind Gold wert, weil Menschen ihr eigenes Geld in die Hand nehmen, damit es der nächsten Generation besser geht.
Woran du eine gute Tierärztin erkennst
Wie finde ich heraus, ob meine Tierärztin wirklich gut ist und ich ihr vertrauen kann?
Dr. Karim Montasser: Es gibt eine einzige Ein-Wort-Frage, die alles verrät: Warum? Da wird etwas gegeben, also: Warum wird das gegeben? Reagiert die Tierärztin genervt und sagt, dafür habe sie keine Zeit, dann renn. Heißt es “das haben wir immer schon so gemacht”, renn ebenfalls. Eine gute Tierärztin erklärt: Bei diesem Symptom gibt es diese und jene Möglichkeiten, wir versuchen jetzt herauszufinden, was es ist, deshalb machen wir das. Sie zeigt Optionen auf und nimmt dich mit auf die Reise. Kommunikation wird in der Tiermedizin an den Unis leider immer noch schlecht gelehrt, aber es bessert sich. Wenn ihr jemanden gefunden habt, der auf Augenhöhe mit euch spricht und erklärt, warum behandelt wird: bleibt da, egal was passiert.
Homöopathie beim Tier: Warum das gefährlich ist
In einem deiner Videos war richtig Wut dabei, beim Thema Homöopathie. Warum?
Dr. Karim Montasser: Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus. Darüber müssen wir nicht diskutieren, das belegen große Übersichtsarbeiten, die alle Studien zusammenfassen, ganz klar. Wenn ich mir als erwachsener Mensch nach einem gestoßenen Zeh Zuckerkügelchen einwerfe, ist das meine Entscheidung. Bei Tieren ist es ein anderes Thema, wegen des Placebo-by-Proxy-Effekts. Ich habe einen Hund mit Knieschmerzen, der humpelt. Ich gebe Globuli, das funktioniert nicht. Aber ich denke, der Hund humpelt weniger, und das ist messbar und in Studien belegt: Fast die Hälfte der Halterinnen und Halter denkt nach der Gabe, es gehe dem Tier besser.
Dr. Karim Montasser: Das gilt sogar für Tierärztinnen. Sie geben ein Placebo und glauben, dem Hund gehe es besser, obwohl es ihm nicht besser geht. Der Hund hat nach wie vor Schmerzen, wir sehen sie nur nicht mehr. Das ist so unfair den Tieren gegenüber, weil sie nicht sagen können: Entschuldigung, mein Knie tut immer noch weh, gebt mir bitte ein echtes Schmerzmittel. Sie werden damit allein gelassen. Was tun, wenn die eigene Tierärztin Homöopathie verschreibt? Viele tolle Tierärztinnen machen das, weil sie sonst Ärger bekommen. Fragt einfach nach: Ist das Homöopathie, warum geben Sie mir das? Lenkt sie ein und erklärt es, kann man reden. Beharrt sie darauf, dass es wirkt, dann geht woanders hin, weil das keine echte Medizin ist und wir den Tieren echte Medizin schulden.
Tierschutz und Politik: Was gerade auf dem Spiel steht
Reden wir über Politik. Wir haben einen Landwirtschaftsminister und eine Bundestierschutzbeauftragte. Wie ist dein Eindruck, und was hat sich verändert?
Dr. Karim Montasser: Das ist ein Riesenthema, und es klingt nach Verschwörung, ist es aber nicht: Auf Bundes- und Länderebene wird Tierschutz gerade systematisch zurückgebaut. Seit den 90ern wurden immer mehr unabhängige Tierschutzbeauftragte eingeführt, weisungsfrei, keiner Partei zugehörig, mit dem Job, der Politik zu sagen, wo es Probleme gibt. Im letzten Jahr wurden es immer weniger. In Berlin wurde der Landestierschutzbeauftragten vorgeworfen, sie habe Werbung für die Grünen gemacht, weil sie bei einer Demo war. Zack, abgesägt, der Posten nicht nachbesetzt. So läuft es in mehreren Bundesländern.
Dr. Karim Montasser: Auf Bundesebene hatten wir mit Ariane Kari eine Bundestierschutzbeauftragte, die in Tierschutzfragen herausragend informiert ist, die rechtlichen Aspekte versteht und politisch Einfluss nehmen kann, unabhängig und parteilos. Sie hat sehr viel angestoßen. Das Problem: Sie wurde abgesägt. Die neue Beauftragte, Frau Breher, ist ein Sonderfall, weil sie eben nicht parteiunabhängig ist, sondern erfahrene CDU-Politikerin. Damit vermischt sich Politik- und Tierschutzbetrieb, und der eigentliche Gedanke des Amtes wird ad absurdum geführt, weil sie nicht mehr weisungsfrei ist.
Dr. Karim Montasser: Dazu haben wir einen Minister für Landwirtschaft und Heimat, der Metzgermeister ist und denkbar ungeeignet ist, im Tierschutz etwas Positives zu bewegen. Jetzt wird die Novelle des Tierschutzgesetzes wieder diskutiert, und genau das macht es spannend. Es gibt Anhörungen, viele Akteure nehmen Einfluss, Martin Rütter war vor Ort, Vier Pfoten auch. Die Bundestierschutzbeauftragte hält sich noch bedeckt, aber jetzt ist der Tipping-Point: Jetzt muss sie beweisen, dass sie etwas für die Tiere tut.
In ein, zwei Sätzen: Wohin geht es deiner Einschätzung nach?
Dr. Karim Montasser: Ich befürchte, dass die Dinge für die Tiere unter der aktuellen Regierung eher schlechter werden, im besten Fall gleich schlecht bleiben. Wenn man die reine Faktenlage anschaut, sieht es düster aus. Ich versuche trotzdem optimistisch zu sein, weil man nur so etwas erreichen kann. Es geht jetzt wirklich um die Wurst, im wörtlichen Sinn.
Was können die Leser:innen tun?
Dr. Karim Montasser: Mit dem Geldbeutel abstimmen, vor allem aber informiert bleiben. Bei der Anhörung im Bundestag saß ein von der AfD geladener Agrarwissenschaftler und behauptete ernsthaft, Schweinen gehe es schlecht, wenn sie mehr Platz als in Haltungsklasse 1 haben. Das ist grober Unfug. Wenn du informiert bist, verfängt so ein Argument nicht. Mein Appell: Folgt den guten Social-Media-Kanälen, die über echten Tierschutz aufklären und auch rechtlich Ahnung haben. So seid ihr gewappnet und trefft bei der nächsten Wahl gute Entscheidungen.
Schnelle Runde: drei coole Momente und zwei Songs

Der letzte Gast, Nathan Goldblatt, stellt dir eine Frage, ohne zu wissen, wer du bist. Er fragt: Was sind die drei coolsten Dinge, die du bisher in deinem Leben getan hast?
Dr. Karim Montasser: Oh, einfach Frage, Nathan. Haha. Das erste ist super cheesy: Kinder großziehen. Das ist wortwörtlich life-changing und gibt dir eine ganz andere Perspektive, weil die nächste Generation am Start ist. Wir müssen jetzt etwas verändern, damit es für sie besser wird, nicht nur im Umgang mit Tieren, sondern auch bei Themen wie Alltagssexismus. Wie erziehen wir Kinder, damit sie resilient und gleichzeitig einfühlsam sind? Das ist das Bewusstseinserweiterndste, was ich erlebt habe.
Das zweite klingt wie ein weirder Flex: Bungee-Jumping in Neuseeland. Ich war als Jugendlicher im Auslandsjahr dort, mit 15. Ich bin Autist, war ein sehr ängstliches Kind, gerade bei körperlichen Sachen. Dann hat mich eines Sonntags ein wilder Floh gestochen, ich habe einen Kumpel gefragt, ob er Bock hat, und bin in Auckland von der Harbour Bridge gesprungen. Das war ein echter Befreiungsschlag, das erste Mal, dass ich so aus mir herausgekommen bin. Übrigens, Bungee-Jumping ist überhaupt nicht schlimm.
Das dritte ist mein Abschluss im Tiermedizin-Studium. Mir wird oft vorgeworfen, ich sei ein Nestbeschmutzer, weil ich eine kritische Stimme bin. Aber das Studium ist richtig hart, und am Ende die Approbation in der Hand zu halten und durch zu sein, war einer der coolsten Momente.
Zum Schluss darfst du zwei Songs auf die Plant-Based-Playlist packen. Welche und warum?
Dr. Karim Montasser: Ich gehe das Risiko ein, mich unbeliebt zu machen, und nehme ein Kinderlied: “Die Vogelhochzeit” von Rolf Zuckowski. Ich höre das total gerne mit den Kids, Rolf Zuckowski ist einfach ein goated Kinderliedermacher, und das sind echte Banger. Und als komplettes Gegenteil: SSIO, “Alles oder nix”. Ich bin Bonner, da muss ich SSIO repräsentieren, ein super kreativer Typ.
Gibt es zum Abschluss noch einen Wunsch an die Community?
Dr. Karim Montasser: Ganz im Eigeninteresse: Bestellt mein Buch “Artenblind” vor. Es erscheint im Eigenverlag, es wird eine Vorbestellphase geben, und ich drucke genau die Menge, die bestellt wurde. Verschenkt es an Familienmitglieder, die einen Perspektivwechsel gut gebrauchen können. Es ist für alle, die mehr über Tiere wie Rinder und Schweine erfahren und einen sanften Einstieg in das Thema Veganismus suchen.
Leute, ihr habt es gehört: vorbestellen. Karim, vielen Dank, dass du zum dritten Mal am Start warst. Bis hoffentlich bald wieder.
Dr. Karim Montasser: Vielen Dank, ich fühle mich sehr geehrt. Bis dann.
Quellen und Faktencheck
Im Gespräch nennt Karim mehrere Studien und Forschungsbefunde. Hier die seriösen Belege, mit Verweis auf die jeweilige Stelle im Interview.
- Abschnitt “Penelope und Kleopatra”: Schweine zeigen Empathie und Sozialverhalten. Dass Schweine die Emotionen ihrer Artgenossen wahrnehmen und darauf reagieren (Gefühlsansteckung als einfache Form von Empathie), ist wissenschaftlich beschrieben. Reimert et al., “Indicators of positive and negative emotions and emotional contagion in pigs”, Physiology & Behavior (2013): sciencedirect.com
- Abschnitt “Homöopathie beim Tier”: Homöopathie wirkt nicht über Placebo hinaus. Der umfassende Review of Reviews des australischen NHMRC fand keine verlässliche Evidenz, dass Homöopathie bei gesundheitlichen Beschwerden über den Placebo-Effekt hinaus wirkt. NHMRC Information Paper (2015): nhmrc.gov.au. Allgemein verständliche Einordnung: The Conversation
- Abschnitt “Homöopathie beim Tier”: Placebo-by-Proxy bei Tieren. In der Studie von Conzemius & Evans hielten rund 40 Prozent der Halterinnen und Halter sowie etwa 45 Prozent der Tierärztinnen und Tierärzte den Zustand von Hunden mit Arthrose-bedingter Lahmheit für gebessert, obwohl die objektive Ganganalyse keine Verbesserung zeigte. Conzemius & Evans, “Caregiver placebo effect for dogs with lameness from osteoarthritis”, JAVMA (2012): PubMed
- Weitere Studien zu Homöopathie bei Tieren – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25324413/ https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0022030217302497 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28077754/ https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1090023307001402 https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4570221/
Hinweis: Psychische Gesundheit ist ein sensibles Thema. Wenn es dir selbst nicht gut geht, sprich mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Vertrauensperson. In akuten Krisen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 erreichbar.
Schon den Plantbased-Podcast gehört?
Veganismus, Tierschutz, Klima, Nachhaltigkeit, Artenschutz, alles, was uns gerade umtreibt, gibt es bei Plantbased, unserem Podcast. Wir reden mit Menschen, die etwas zu sagen haben und mit ihrem Leben zeigen, was geht. Auch als Videopodcast auf YouTube.
Schon zu Gast waren u. a. Sarah Connor, Hannes Jaenicke, Paul Watson, Patrik Baboumian, Bibi Heinicke, Atze Schröder, Kerstin Ott, Dr. Zoe Mayer, Maya Leinenbach und Femke Den Haas und viele weitere.
Seit 2019 · This Is Vegan · unabhängig, vegan, manchmal unbequem
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