Mo Gilligan steht vor grünem Hintergrund mit Stapeln von Fried-Chicken-Boxen in den Händen, auf seiner Schulter sitzt ein Huhn
Mo Gilligan in „Big Chicken: A Fast Food Conspiracy“. Bild: Netflix
Switch Language

„Big Chicken: A Fast Food Conspiracy“ läuft seit dem 5. August 2026 weltweit auf Netflix, auch in Deutschland, mit deutscher Tonspur. Der britische Comedian Mo Gilligan isst darin 28 Tage lang dreimal täglich frittiertes Hähnchen, 84 Mahlzeiten in vier Wochen, und reist nebenher durch Großbritannien und die USA, um herauszufinden, wie dieses eine Gericht zum meistgegessenen Fleisch der Welt werden konnte. Regie führt Liana Stewart, produziert hat Mindhouse, die Firma hinter „Louis Theroux: Inside the Manosphere“. Laufzeit: 1 Stunde 39 Minuten, freigegeben ab 16.

Mo Gilligan steht vor grünem Hintergrund mit Stapeln von Fried-Chicken-Boxen in den Händen, auf seiner Schulter sitzt ein Huhn

Mo Gilligan in „Big Chicken: A Fast Food Conspiracy“. Bild: Netflix

Die Vergleiche mit „Super Size Me“ kamen schon vor dem Start, und sie sind nicht falsch. Ein Mensch macht seinen Körper zum Versuchslabor, damit ein Publikum zuschaut, das sonst weggeschaut hätte. Das Format ist zwanzig Jahre alt und funktioniert immer noch. Deshalb steht hier ein Text darüber.

Was in den 28 Tagen passiert

Gilligan geht mit sehr guter Laune rein. Im Interview mit Netflix Tudum beschreibt er den ersten Impuls als „dream job“, Frühstück, Mittag und Abendessen frittiert, wo ist das Problem. Das Problem meldet sich schnell.

„Very quickly on, it started to get very miserable“, sagt er. Das Gewicht sei sofort gestiegen, und was ihn wirklich überrascht habe, sei die Wirkung auf die Psyche gewesen. Seine Formulierung dafür: „Does food do this?“

Mo Gilligan sitzt an einem Tisch und hält ein angebissenes Stück frittiertes Hähnchen in die Kamera

84 Mahlzeiten in vier Wochen. Nach wenigen Tagen kippt die Stimmung. Bild: Netflix

Der Nachlauf ist die Zahl, die hängen bleibt. Nach dem Dreh habe er zwei bis drei Monate gebraucht, um überhaupt wieder Motivation fürs Training aufzubringen. Bis er das nächste Mal freiwillig ein Stück frittiertes Hähnchen aß, vergingen etwa sechs Monate, und auch das passierte eher versehentlich auf einem Event.

Vier Wochen Essen, ein halbes Jahr Nachwirkung. Für einen Film, der als Spaßprojekt beginnt, ist das eine ziemlich deutliche Ansage.

Wo die Doku unangenehm wird

Zwischen den Mahlzeiten wird recherchiert, und dieser Teil hat mehr Biss als erwartet. Gilligan fährt nachts mit Aktivistinnen und Aktivisten zu einem Maststall. Er sitzt in Chicago mit Menschen zusammen, die in sogenannten Food Deserts leben, Stadtvierteln ohne erreichbaren Supermarkt, in denen zwanzig Stück Hähnchen billiger sind als ein Einkauf mit frischem Gemüse.

Und er versucht, die Industrie ans Telefon zu bekommen. KFC Global legt auf. Ein offizielles Statement für den Film gibt es nicht. Gilligans Kommentar dazu ist der beste Satz des ganzen Presse-Materials: „Sometimes silence is loud.“ Der einzige Vertreter der Branche, der überhaupt mit ihm spricht, ist ein Lobbyist des British Poultry Council.

Mo Gilligan steht mit einer Frau an einem runden Tisch in einem Restaurant, auf den Tellern liegen Hähnchenteile

Zwischen Selbstversuch und Recherchereise durch Großbritannien und die USA. Bild: Netflix

Diese Stille hat übrigens einen interessanten Beigeschmack. KFC gehört zu den über 600 Unternehmen, die die Europäische Masthuhn-Initiative unterzeichnet haben. Das ist die Selbstverpflichtung, bis 2026 auf langsamer wachsende Rassen umzustellen, die Besatzdichte auf 30 Kilogramm pro Quadratmeter zu begrenzen und qualgezüchtete Linien auszuschließen. Bis 2026, also bis jetzt. Ein Konzern, der öffentlich Tierschutzziele unterschreibt und bei einer Nachfrage zum Thema den Hörer auflegt, hat ein Kommunikationsproblem, das kein Werbespot löst.

Der Teil, den nur Gilligan erzählen konnte

Bevor er zusagte, warnten ihn Freunde. Ob er das wirklich machen wolle, als schwarzer Mann, Hähnchen essend, vor der Kamera. Der Film nimmt diese Frage ernst, statt sie wegzulächeln.

Regal-Funde direkt aufs Handy

Neue vegane Produkte, Deals und Regal-Alarm aus dem Supermarkt, kostenlos per WhatsApp.

Jetzt kostenlos anmelden

Gilligan trifft den Soul-Food-Historiker Adrian Miller und lernt, wie tief das Gericht in der Geschichte der Sklaverei verwurzelt ist, wie die Rezepte später von Fast-Food-Ketten übernommen und vermarktet wurden und wie aus einem Sonntagsessen ein rassistisches Klischee wurde. Millers Perspektive dreht die Sache um: Man könne sich das Rezept auch zurückholen.

Mo Gilligan im Gespräch mit einem Mann in einer Kirche, beide halten Teller mit Essen in den Händen

Die Geschichte des Gerichts führt zurück in die Sklaverei. Bild: Netflix

Das ist der stärkste Strang des Films, und er gehört Gilligan ganz allein. Kein Ernährungsdokumentarist mit Laborkittel hätte diesen Zugang gehabt.

Und dann bremst der Film

Am Ende steht die Frage, die jeder Zuschauer stellt: Was jetzt?

Gilligans Antwort ist ausdrücklich keine Ernährungsumstellung. Er sagt im Interview klar, dass er weiter Fleisch isst und niemanden zum Veganismus bekehren will. Seine Begründung lautet, Gemüse sei teurer als Hähnchen, deshalb sei die realistische Empfehlung, das Hähnchen eben selbst zu braten statt es zu bestellen, dann stecke weniger drin.

An diesem Punkt sind wir raus.

Von einem Mainstream-Comedian erwartet niemand ein veganes Manifest, das wäre albern. Was hängen bleibt, ist die Dramaturgie: Der Film sammelt anderthalb Stunden lang Material, das auf die Tiere zeigt, und endet bei einer Zubereitungsempfehlung. Der nächtliche Maststall kommt vor. Die Zuchtlinien kommen vor. Und am Schluss steht die Fritteuse in der eigenen Küche.

Der strukturelle Punkt, den Gilligan macht, stimmt trotzdem. Frisches Gemüse ist in vielen Vierteln tatsächlich teurer und schwerer erreichbar als ein Eimer Hähnchen. Diese Preisverhältnisse entstehen dort, wo Agrarpolitik entscheidet, wer subventioniert wird. Wir haben das für Deutschland durchgerechnet: warum das Schnitzel künstlich billig ist und Gemüse teuer wirkt. Wer diesen Mechanismus verstanden hat, sieht auch, dass die Lösung nicht in der eigenen Pfanne liegt.

Die deutschen Zahlen, die im Film fehlen

„Big Chicken“ erzählt britisch und amerikanisch. Für den Blick von hier fehlt einiges, deshalb hier die Grundlage.

In Deutschland wurden 2025 laut Statistischem Bundesamt 640,3 Millionen Jungmasthühner geschlachtet, dazu 20,7 Millionen Suppenhühner, 27,6 Millionen Puten und 8,3 Millionen Enten. Insgesamt 697,3 Millionen Vögel, gegenüber 44,9 Millionen Schweinen und 2,8 Millionen Rindern. Fast neun von zehn getöteten Landtieren in diesem Land sind Hühner.

Infografik mit den Schlachtzahlen in Deutschland 2025 nach Tierart, Jungmasthühner mit 640,3 Millionen an der Spitze

Grafik weiterschicken
TelegramMessengerE-Mail

Die deutschen Zahlen, die im Film nicht vorkommen. Zum Teilen gedacht.

Und der Trend zeigt nach oben: Die Erzeugung von Jungmasthühnerfleisch stieg 2025 um 3,6 Prozent, während Pute und Rind zurückgingen. Wer vom Steak aufs Hähnchenfilet wechselt, senkt seinen Fleischkonsum in Kilogramm und erhöht die Zahl der getöteten Tiere deutlich, weil ein Masthuhn nach wenigen Wochen rund zwei Kilo wiegt und ein Rind eben nicht. Diese Rechnung machen wir ausführlich in Wie viele Tiere werden geschlachtet auf, mit allen Quellen.

Was in Deutschland immerhin vorwärtsging, ist ein anderes Kapitel derselben Industrie: Seit 2022 darf hier kein Küken mehr wegen seines Geschlechts getötet werden. Was das gebracht hat und was der Gesetzgeber danach still wieder kassierte, steht in unserer Bilanz nach vier Jahren Kükentöten-Verbot. Wer die Rechnung ganz umgehen will, kommt beim Backen inzwischen problemlos ohne aus: welcher Ei-Ersatz wofür funktioniert, steht in unserer großen Tabelle, und für Rührei und Frühstück gibt es diese Alternativen aus dem Supermarkt.

Auch lesenswert
Robbie Lockie von foodfacts.org hat den Film ebenfalls eingeordnet, mit Schwerpunkt auf der britischen Industrie und dem Kontrast zwischen Werbeversprechen und Stallrealität. Wer nach unserem Text noch mehr Zahlen zum UK-Markt will, ist dort richtig.

Der Trailer

Lohnt sich das Anschauen?

Ja, und zwar für eine bestimmte Person: den Menschen am Küchentisch, der bei „Dominion“ nach zwei Minuten den Raum verlässt.

„Big Chicken“ ist bewusst niedrigschwellig gebaut. Es gibt keine Schlachthofbilder, die einen nachts wachhalten. Es gibt einen sympathischen Typen, dem sichtbar schlecht wird, und eine Industrie, die auf Nachfragen nicht antwortet. Auf unserem Blood-Score, mit dem wir in unserer Doku-Übersicht die Härte des Bildmaterials bewerten, landet der Film bei 2 von 5. Beim Evidenz-Check bleibt er bei „gemischt“, weil er unterhalten will und die deutschsprachige Kritik ihm zu Recht attestiert, an manchen Stellen an der Oberfläche zu bleiben.

Als Türöffner ist er trotzdem gut. Man kann ihn Menschen zeigen, die auf Moral sofort dichtmachen. Und wenn danach die Frage kommt, warum eigentlich alles so billig ist, hat man ein Gespräch, das vorher nicht möglich war.

Nur die Antwort darauf liefert der Film eben nicht. Die müssen wir selbst geben.

Und wenn das Verlangen bleibt?

Ganz praktisch, weil genau danach gefragt wird: Der Reiz von frittiertem Hähnchen liegt an der Kruste, am Salz, am Fett und am Umami. Nichts davon braucht ein Tier. Unsere vegane Hähnchenhaut in zehn Minuten trifft die Textur überraschend genau, und das Jackfruit-Frikassee deckt die andere Hälfte der Sehnsucht ab, die weiche.

Falls du dich fragst, warum das Verlangen überhaupt so hartnäckig ist: Daran hat der Geschmack den geringsten Anteil. Eine Studie dazu haben wir hier auseinandergenommen: Warum Nostalgie uns am Fleisch festhält.

Und wer sehen will, welche Filme wirklich etwas verändern, findet in unserer sortierten Übersicht die besten Vegan-Dokus dreißig Titel vom sanften Einstieg bis zum härtesten Material, jeder mit Blood-Score und Streaming-Link.

Wie wir gearbeitet haben: Diese Einordnung stützt sich auf den offiziellen Trailer und die Presseunterlagen von Netflix, das Tudum-Interview mit Mo Gilligan vom 7. August 2026, die Angaben der Produktion sowie deutschsprachige Filmkritiken. Alle Zitate von Gilligan stammen aus diesem Interview. Die deutschen Schlachtzahlen kommen vom Statistischen Bundesamt. Eine ausführliche Besprechung nach vollständiger Sichtung reichen wir nach, falls sich unsere Einschätzung dadurch ändert.
Haeufige Fragen

FAQ - Das fragen andere

Was in den 28 Tagen passiert?
Gilligan geht mit sehr guter Laune rein. Im Interview mit Netflix Tudum beschreibt er den ersten Impuls als „dream job“, Frühstück, Mittag und Abendessen frittiert, wo ist das Problem. Das Problem meldet sich schnell. „Very quickly on, it started to get very miserable“, sagt er. Das Gewicht sei sofort gestiegen, und was ihn wirklich überrascht habe, sei die Wirkung auf die Psyche gewesen.
Wo die Doku unangenehm wird?
Zwischen den Mahlzeiten wird recherchiert, und dieser Teil hat mehr Biss als erwartet. Gilligan fährt nachts mit Aktivistinnen und Aktivisten zu einem Maststall. Er sitzt in Chicago mit Menschen zusammen, die in sogenannten Food Deserts leben, Stadtvierteln ohne erreichbaren Supermarkt, in denen zwanzig Stück Hähnchen billiger sind als ein Einkauf mit frischem Gemüse.
Lohnt sich das Anschauen?
Ja, und zwar für eine bestimmte Person: den Menschen am Küchentisch, der bei „Dominion“ nach zwei Minuten den Raum verlässt. „Big Chicken“ ist bewusst niedrigschwellig gebaut. Es gibt keine Schlachthofbilder, die einen nachts wachhalten. Es gibt einen sympathischen Typen, dem sichtbar schlecht wird, und eine Industrie, die auf Nachfragen nicht antwortet.
Und wenn das Verlangen bleibt?
Ganz praktisch, weil genau danach gefragt wird: Der Reiz von frittiertem Hähnchen liegt an der Kruste, am Salz, am Fett und am Umami. Nichts davon braucht ein Tier. Unsere vegane Hähnchenhaut in zehn Minuten trifft die Textur überraschend genau, und das Jackfruit-Frikassee deckt die andere Hälfte der Sehnsucht ab, die weiche.
Über 75.000 Menschen folgen This Is Vegan auf YouTube, Instagram und dem Sparradar Vegan Alarm.

Schon den Plantbased-Podcast gehört?

Veganismus, Tierschutz, Klima, Nachhaltigkeit, Artenschutz, alles, was uns gerade umtreibt, gibt es bei Plantbased, unserem Podcast. Wir reden mit Menschen, die etwas zu sagen haben und mit ihrem Leben zeigen, was geht. Auch als Videopodcast auf YouTube.

Schon zu Gast waren u. a. Sarah Connor, Hannes Jaenicke, Paul Watson, Patrik Baboumian, Bibi Heinicke, Atze Schröder, Kerstin Ott, Dr. Zoe Mayer, Maya Leinenbach und Femke Den Haas und viele weitere.

Seit 2019 · This Is Vegan · unabhängig, vegan, manchmal unbequem


Mitmachen, nicht nur mitlesen

Wir finanzieren uns über Affiliate-Empfehlungen und die Community. Schau auf unseren Community Deals vorbei für exklusive Rabattcodes bei sorgfältig ausgesuchten plant-based Partnern. Du zahlst nichts extra, wir können weiterschreiben. Fairer Deal.

Oder folg uns einfach hier:

In eigener Sache

Dieser Tierschutz-Journalismus ist gratis und werbearm, weil Leser:innen ihn tragen. Schon 3 € helfen – für die Tiere, für die Sache.

Jetzt spenden

Unsere Partner, die die Mission mittragen: Vriends 🌱

Please install and activate Powerkit plugin from Appearance → Install Plugins. And activate Opt-in Forms module.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Newsletter Mehr Stories