Brittany Ferries stoppt Lebendtiertransporte: der Druck hat gewirkt
Manchmal funktioniert es tatsächlich. Am 3. August 2026 hat die französische Reederei Brittany Ferries bestätigt, den Transport lebender Nutztiere von Irland nach Frankreich zu beenden. Spätestens ab September 2026 fährt kein Rind, kein Schwein und vor allem kein nicht abgesetztes Kalb mehr auf ihren Schiffen mit.
Vorausgegangen ist eine der hartnäckigsten Tierschutzkampagnen der letzten Jahre. Und ihr Ausgang sagt etwas darüber, wo der Hebel gerade wirklich liegt.
Was genau zugesagt wurde
Die Zusage betrifft alle lebenden Nutztiere, ausdrücklich einschließlich nicht abgesetzter Kälber, auf der Route von Irland nach Frankreich. Der Ausstieg soll spätestens im September 2026 vollzogen sein.
Das ist keine Absichtserklärung mit Hintertür, sondern ein Datum. Bemerkenswert daran ist, dass Brittany Ferries dieses Geschäft überhaupt erst kurz zuvor wieder aufgenommen hatte: Im März 2025 stieg die Reederei nach einer 30-jährigen Pause wieder in den Lebendtiertransport ein. Diese Entscheidung löste international Empörung aus. Keine anderthalb Jahre später ist sie zurückgenommen.
Um diese Tiere geht es: nicht abgesetzte Kälber, die die Überfahrt über 18 Stunden ohne Futter überstehen mussten.
Der Punkt, an dem es kippte: 18 Stunden ohne Futter
Im Zentrum der Kritik standen die Kälber, und zwar aus einem konkreten Grund.
Nicht abgesetzte Kälber sind Tiere, die noch Milch brauchen. Sie können festes Futter nicht verwerten und sind auf regelmäßige Milchgaben angewiesen. Nach Angaben von Compassion in World Farming hatten diese Kälber bei Ankunft der Schiffe in Frankreich über 18 Stunden nichts zu trinken bekommen.
Das ist nicht nur grausam, es ist nach Darstellung der Organisation ein Verstoß gegen geltendes EU-Tierschutzrecht. Genau daran hakte die Kampagne ein: Es ging nicht um ein moralisches Bauchgefühl, sondern um eine Praxis, die die Reederei rechtlich angreifbar machte.
Ein Detail, das für ein veganes Magazin dazugehört: Diese Kälber existieren nicht zufällig. Sie fallen in der Milchproduktion an. Damit eine Kuh Milch gibt, muss sie kalben, und ein großer Teil dieser Kälber, besonders die männlichen, ist für den Milchbetrieb wirtschaftlich wertlos. Irland exportiert sie deshalb in großer Zahl auf den Kontinent. Wer wissen will, welche pflanzlichen Alternativen im Alltag tatsächlich funktionieren, findet das in unserem Ratgeber zu pflanzlicher Milch und im Pflanzendrink-Vergleich.
Frachtverkehr gehört zum Kerngeschäft der Reederei. Lebende Tiere gehören ab September nicht mehr dazu. Foto: © Brittany Ferries
Wie der Druck aufgebaut wurde
Die Kampagne ist ein Lehrstück, deshalb hier die Werkzeuge im Einzelnen.
Getragen wurde sie von einem breiten Bündnis: Compassion in World Farming, Ethical Farming Ireland, WELFARM, VIER PFOTEN, L214, Eyes on Animals, Eurogroup for Animals, Southampton Animal Action und Dorset Animal Action. Also Organisationen aus Irland, Frankreich, Großbritannien und auf EU-Ebene, die sich auf ein einziges Ziel geeinigt haben.
Was zusammenkam:
- Über 100.000 E-Mails an das Unternehmen
- Zwei Petitionen mit zusammen über 100.000 Unterschriften
- Regelmäßige Demonstrationen in Irland, Frankreich und Großbritannien
- Ein koordinierter Social-Media-Sturm, der sich direkt an die Kundschaft der Reederei richtete
- In dessen Folge war die Trustpilot-Seite von Brittany Ferries zeitweise offline
Dieser Druck führte zu vier Gesprächsrunden zwischen Unternehmen und Organisationen. Am Ende stand die Zusage.
Der Trustpilot-Punkt ist der interessanteste. Er zeigt, wo eine Passagierreederei tatsächlich verwundbar ist: nicht beim Frachtgeschäft, sondern bei den Urlaubsgästen, die eine Bewertung lesen, bevor sie eine Überfahrt buchen.
„Tiere sind keine Fracht”
Charlotte Reid, stellvertretende Direktorin für globale Kampagnen bei Compassion in World Farming, ordnet den Erfolg so ein:
Das ist ein wegweisender Sieg für die Tiere. Nach Monaten der Kampagnenarbeit durch Nichtregierungsorganisationen, unterstützt von Hunderttausenden Menschen in ganz Europa, hat Brittany Ferries endlich zugehört. Tiere sind keine Fracht, und sie sollten nicht gezwungen werden, auf diesen zermürbenden, belastenden Reisen zu leiden.
Sie fügt einen Satz an, der die Sache offen hält: Man werde nicht aufhören, bis diese Praxis vollständig Geschichte sei.
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Jetzt kostenlos anmeldenSymbolbild. Der Seeweg ist nur ein Abschnitt einer Reise, die meist im Lkw beginnt und endet.
Wer jetzt übrig bleibt
Damit ist die Route Irland nach Frankreich nicht dicht. Sie hat nur noch einen Anbieter.
Irish Ferries ist nach dem Rückzug von Brittany Ferries die einzige Reederei, die nicht abgesetzte Kälber und andere lebende Tiere auf dieser Strecke weiterbefördert. Die Organisationen haben angekündigt, den Druck dorthin zu verlagern. Für Irish Ferries ist die Lage jetzt unbequemer als vorher: Wer als Einziger übrig bleibt, ist auch als Einziger sichtbar.
Die Guillaume de Normandie, eines der neueren LNG-Hybrid-Schiffe der Flotte. Foto: © Brittany Ferries, Fotograf: Patrick Hughes
Der Widerspruch, der die Kampagne angreifbar machte
Ein Punkt, der in der Berichterstattung untergeht, aber erklärt, warum ausgerechnet diese Reederei so empfindlich reagiert hat.
Brittany Ferries positioniert sich seit Jahren offensiv über Nachhaltigkeit. Die neueren Schiffe fahren als LNG-Hybride, der Schriftzug steht groß am Rumpf, die Flottenmodernisierung ist fester Bestandteil der Außendarstellung. Ein Unternehmen, das seine Umweltbilanz zum Markenkern macht, kann sich schlecht damit abfinden, öffentlich als Transporteur hungernder Kälber zu gelten. Genau in diese Lücke zwischen Selbstbild und Praxis hat die Kampagne gezielt.
LNG-Betankung im Hafen. Die Reederei wirbt offensiv mit ihrer Flottenmodernisierung. Foto: © Brittany Ferries, Fotograf: Brian Barcher
Was das für Deutschland und die EU heißt
Und hier wird die Sache für uns interessant, denn der Vergleich fällt unangenehm aus.
Großbritannien hat Lebendtierexporte 2024 verboten. Auf EU-Ebene liegt seit Dezember 2023 ein Entwurf der Kommission zur Überarbeitung der Tiertransportverordnung auf dem Tisch. Angekündigt war ein politischer Kompromiss erst für den Sommer 2025, dann für den Herbst, dann für das Jahresende. Anfang 2026 gab es ihn immer noch nicht, unter anderem weil ein Schattenbericht der Fraktionen fehlte. Der Prozess steht.
Das ergibt eine unbequeme Rechnung: Eine Bürgerkampagne hat innerhalb von rund anderthalb Jahren eine Reederei zum Ausstieg bewegt. Die EU-Gesetzgebung hat in derselben Zeit für dieselbe Frage keinen Kompromiss zustande gebracht.
Daraus folgt keine Verachtung für Gesetzgebung, im Gegenteil: Ein Verbot gilt für alle, eine Firmenzusage nur für eine Firma. Aber es zeigt, dass wirtschaftlicher Druck derzeit der schnellere Hebel ist. Wie stark die Interessen dahinter sind, haben wir am Beispiel der Subventionen aufgeschrieben: Warum das Schnitzel künstlich billig ist.
Dass auch das deutsche Tierschutzrecht an diesen Stellen stumpf bleibt, hat sich zuletzt vor Gericht gezeigt, als drei Rinderhalter in Niederbayern verurteilt wurden, aber ohne Tierhaltungsverbot davonkamen.
Wir berichten über solche Erfolge, weil sie zeigen, dass sich etwas bewegen lässt. Wenn dir das etwas wert ist, kannst du This Is Vegan hier unterstützen.
Was du daraus mitnehmen kannst
Der eigentliche Wert dieser Meldung liegt nicht im Einzelfall, sondern in der Methode.
E-Mails an Unternehmen wirken. Nicht einzeln, aber in der Masse und über Wochen. 100.000 Zuschriften sind für eine Kundenserviceabteilung nicht mehr zu ignorieren.
Bewertungsplattformen sind der wunde Punkt. Bei jedem Unternehmen mit Endkundengeschäft entscheidet die öffentliche Bewertung über Buchungen. Das war hier messbar der Moment, an dem es unangenehm wurde.
Bündnisse schlagen Alleingänge. Neun Organisationen aus vier Ländern mit einer einzigen, klar formulierten Forderung. Kein Streit über Nebenschauplätze.
Und der leiseste Hebel bleibt der Einkauf. Nicht abgesetzte Kälber sind ein Nebenprodukt der Milchwirtschaft. Wer die Nachfrage senkt, senkt auch die Zahl der Tiere, die überhaupt erst verschifft werden. Dass sich das im Supermarkt inzwischen rechnet, zeigen die aktuellen Marktzahlen: Deutschland führt Europas Markt für pflanzliche Lebensmittel an.
Wie Fachleute die Lage in der Tierhaltung einordnen, hörst du regelmäßig in unserem Podcast.
Häufige Fragen
Was hat Brittany Ferries genau zugesagt?
Den Transport aller lebenden Nutztiere, ausdrücklich einschließlich nicht abgesetzter Kälber, von Irland nach Frankreich zu beenden. Spätestens ab September 2026.
Warum sind nicht abgesetzte Kälber ein besonderes Problem?
Weil sie noch Milch brauchen und festes Futter nicht verwerten können. Auf den Überfahrten blieben sie nach Angaben von Compassion in World Farming über 18 Stunden ohne Nahrung, was nach Darstellung der Organisation gegen EU-Tierschutzrecht verstößt.
Wie lange lief die Kampagne?
Brittany Ferries hatte den Lebendtiertransport im März 2025 nach 30 Jahren Pause wieder aufgenommen. Der Ausstieg wurde am 3. August 2026 bestätigt, also nach rund anderthalb Jahren.
Wer transportiert jetzt noch lebende Tiere von Irland nach Frankreich?
Irish Ferries ist nach dem Rückzug von Brittany Ferries die einzige verbleibende Reederei auf dieser Route.
Sind Lebendtierexporte in der EU verboten?
Nein. Großbritannien hat sie 2024 verboten, in der EU sind sie weiterhin erlaubt. Ein Entwurf zur Reform der Tiertransportverordnung liegt seit Dezember 2023 vor, ein politischer Kompromiss steht bis heute aus.
Was kann ich selbst tun?
Petitionen der beteiligten Organisationen unterzeichnen, Unternehmen direkt anschreiben, und die Nachfrage senken. Nicht abgesetzte Kälber sind ein Nebenprodukt der Milchproduktion.
Quelle: Compassion in World Farming, „Victory: Brittany Ferries to stop live animal transport”, veröffentlicht am 3. August 2026. Angaben zum Stand der EU-Tiertransportverordnung nach Berichten von PROVIEH. Die Schiffsfotos wurden uns als Pressematerial zur Verfügung gestellt, © Brittany Ferries. Die Aufnahmen von Rind und Kalb sind Symbolbilder und stammen nicht von den beschriebenen Transporten.
FAQ - Das fragen andere
Was genau zugesagt wurde?
Wie der Druck aufgebaut wurde?
Wer jetzt übrig bleibt?
Was das für Deutschland und die EU heißt?
Was du daraus mitnehmen kannst?
Was hat Brittany Ferries genau zugesagt?
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